Berichte 2014 (August bis Dezember)



49.
2014-Dez-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (359)
Weihnachten

Von Wilfried Kürschner

Das für heute nicht ohne Bedacht ausgesuchte Wort wurde wie viele andere von Alfred Kuhlmann aus Ellenstedt, dem Vorsitzenden des Plattdütschen Kring und Autor mancher plattdeutschen Geschichte in dieser Zeitung und anderswo, vorgeschlagen. Er hat dazu notiert: „wunderschönes deutsches Wort“.

Diese Bemerkung ist im wörtlichen Sinn zu nehmen. Anders als in vielen anderen Sprachen geht unsere Bezeichnung für das ›am 25. Dezember begangene Fest der christlichen Kirche, mit dem die Geburt Christi gefeiert wird‹ (so die Definition im Duden-Universalwörterbuch) nicht auf ursprünglich im Lateinischen geprägte Namen zurück – wie zum Beispiel Navidad(es) im Spanischen, Natale im Italienischen, Noël im Französischen aus lateinisch nativitatis/natalis (dies) ›(Tag) der Geburt‹. Das englische Christmas, das zunehmend Einzug im Deutschen hält, ist eine Kombination aus dem griechischen Christos (wörtlich ›der Gesalbte‹ für hebräisch Messias ) und dem lateinischen missa (›Messe‹); der erste Buchstabe in der Schreibung Xmas meint den griechischen Anfangsbuchstaben Chi in Christos – das X entspricht also nur äußerlich dem lateinischen X („iks“, engl. „eks“), sodass die Aussprache „eksmes“ diesen Sachverhalt verkennt.

Zurück zum deutschen Weihnachten. Das Wort besteht aus zwei Teilen. Das Vorderglied bildet der Stamm des Verbs (= des „Tätigkeits-/Zeitwortes“) weihen mit der Bedeutung ›durch eine religiöse Handlung heiligen, segnen‹. Das Hinterglied ist eine alte Form des Substantivs (= des „Nomens/Namens-, Dingwortes“) Nacht, und zwar im Dativ Plural (= dem „3. oder Wemfall der Mehrzahl“). Dies ist darauf zurückzuführen, dass das Wort bei seinen Anfängen im 12. Jahrhundert häufig in der Verbindung ze den wihen nachten („an den geweihten/heiligen Nächten“) auftrat. Daneben war, wie wir dem Grimm’schen Wörterbuch entnehmen, auch der Singular (= die „Einzahl“) diu wihe nacht gebräuchlich, was manche Forscher als Lehnübersetzung des Ausdrucks nox sancta („heilige Nacht“) aus den Gebeten der lateinischen Christmette sehen. Die Singularform Weihnacht wird aber erst seit dem 18. Jahrhundert geläufig. An der Pluralform erkennen andere einen Bezug auf vorchristliche, heidnische Begriffsbildungen, die mit den zwölf Nächten nach der Wintersonnenwende (am 21./22. Dezember) mit ihren Festessen, Geschenken, Orakelbräuchen, Traumdeutungen und dergleichen mehr zu tun haben. Christlich gedeutet, können aber auch die Tage vom 25. Dezember bis zum 6. Januar gemeint sein, dem Erscheinungsfest (Epiphanias), dem Tag, an dem die Geburt Jesu ursprünglich gefeiert wurde, bis das Fest in der römischen Staatskirche im 4./5. Jahrhundert auf den 25. Dezember verlegt wurde. Dies war die Zeit des römischen Festes des unbesiegten Sonnengottes (nach der Wintersonnenwende erhebt sich die Sonne wieder höher über den Horizont, und die Tage werden wieder länger). Das christliche Geburtsfest überlagerte in der Folge dieses Sonnenfest.

Auch in grammatischer Hinsicht ist Weihnachten ein besonderes Wort, was sich aus seiner oben geschilderten Entstehung erklären lässt. Nach den Angaben in den Wörterbüchern ist sein Genus (= sein „grammatisches Geschlecht“) das Neutrum (= das „sächliche Geschlecht“): „Das war ein schönes Weihnachten.“ Dass es ein Singular ist, zeigt sich an einem Satz wie „Weihnachten steht vor der Tür“ (und nicht „Weihnachten stehen …“). In bestimmten Fügungen wird es aber im Plural gebraucht: „grüne, weiße Weihnachten“. So auch in den Wunschformeln, mit denen meine Beiträge zum Jahr der Wörter enden sollen: „Schöne, frohe, fröhliche, gesegnete Weihnachten!“



48.
2014-Dez-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (354)
Vergnügen

Von Wilfried Kürschner

Auf der Liste der Wörter, die im so langsam zu Ende gehenden Jahr der Wörter zur Behandlung ausgesucht wurden, ist unser heutiges Wort mit einem großen Anfangsbuchstaben geschrieben. Also hat die Einsenderin, Magdalena Gelhaus von der Universität Vechta, wohl an das Substantiv (= „Nomen/Namen-, Dingwort“) Vergnügen gedacht. Das Wort kommt aber auch in einer anderen Wortart vor, nämlich als Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“); äußerliches Kennzeichen ist die Anfangskleinschreibung. Das Substantiv bedeutet so viel wie ›Freude, Spaß, amüsanter Zeitvertreib‹, aber auch, wenn auch veraltend, ›unterhaltsame, gesellige Veranstaltung mit Tanz‹ (jetzt wohl weitgehend durch Party ersetzt, vom Tanztee ganz zu schweigen). Das Verb kann transitiv (jemanden vergnügen) oder reflexiv (sich vergnügen) gebraucht werden und bedeutet im ersten Sinn so viel wie ›belustigen, amüsieren‹ (ihre Betroffenheit schien ihn zu vergnügen). Häufiger aber ist die reflexive Verwendung im Sinne von ›sich heiter unterhalten, sich die Zeit kurzweilig vertreiben‹ wie in sich auf dem Fest, beim Tanzen vergnügen oder, wie das Beispiel im Universalduden lautet: „Sie vergnügte sich mit ihrem Liebhaber auf den Bahamas.“

Was die Wortgeschichte angeht, zeigt die mittelhochdeutsche Form vergenüegen noch deutlich den Zusammenhang mit dem Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) genug, das ursprünglich zu einem Verb mit der Bedeutung ›reichen, langen, erlangen‹ gehörte. vergenüegen bedeutete also zuerst so viel wie ›zufriedenstellen, befriedigen‹, dann ›jemandem eine Freude machen‹. Der Bedeutungswandel, so erfahren wir aus Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“, von ›befriedigen‹ zu ›in einen angenehmen Zustand völliger Zufriedenheit versetzen, ergötzen, heiter machen‹ vollzog sich Mitte des 17. Jahrhunderts. Der substantivierte Infinitiv (= die als Substantiv verwendete „Grundform“ des Verbs) Vergnügen ist mit der Bedeutung ›innere Befriedigung, zufriedene Heiterkeit‹ seit dem Ende des 17. Jahrhunderts belegt. Zur Wortfamilie gehören außerdem das Adjektiv vergnüglich (›erheiternd, Vergnügen bereitend, heiter, vergnügt‹) sowie das Substantiv Vergnügen mit der Bedeutung ›Freude, Spaß, erheiterndes Erlebnis‹, seit dem 19. Jahrhundert auch ›unterhaltsame Veranstaltung‹ wie in Vergnügungsfahrt, Vergnügungsreise.

Dies ist mein vorletzter Beitrag (der letzte folgt am 24./25. Dezember) zu der von Herrn Bär entwickelten und mit dem Löwenanteil an Artikeln bestrittenen Kolumne „Jahr der Wörter“. Es war mir ein Vergnügen, daran mitzuwirken, und Ihnen, liebe Leser, die eine oder andere Wort-Geschichte möglichst vergnüglich zu präsentieren (vergnügungssteuerpflichtig war das Unternehmen übrigens nicht, denn wir haben honorarfrei zu unserem Privatvergnügen gearbeitet).



47.
2014-Dez-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (344)
flachsen

Von Wilfried Kürschner

Nichts Genaues weiß man nicht – das ist Jannis Niehaus aus Lohne zu antworten, dem wir den Vorschlag verdanken, das Wort flachsen zu behandeln. Die eine Deutung für dieses Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“) ist die, dass es abgeleitet ist vom Substantiv (= „Nomen/Namen-, Dingwort“) Flachs. Beim Flachs handelt es sich um eine ›einjährige, blau oder weiß blühende Pflanze mit bastreichen Stängeln und ölhaltigen Samen‹. Die Bastfasern im Stängel werden selber auch Flachs genannt und zur Herstellung von Leinengewebe verwendet. Dabei kommt eine Hechel zum Einsatz, ein ›kammartiges Gerät, an dessen spitzen Metallstiften Flachs- und Hanffasern gereinigt, geglättet und voneinander getrennt werden‹ (so wortgleich im Großen und im Universalduden). Heutzutage ist das Gerät bestenfalls im Museum zu besichtigen – es ist längst durch Faseraufschlussmaschinen ersetzt. Wenn Flachs durch die Hechel gezogen wurde, nannte man dies das Durchhecheln, ein Wort, das noch immer in der Umgangssprache im abwertenden Sinn gebraucht wird und so viel bedeutet wie ›sich über jemanden oder etwas in spöttischer Weise verbreiten‹ (die Nachbarn durchhecheln, die Affäre wurde in allen Zeitungen durchgehechelt). Das war, wie die genannten Wörterbücher vorsichtig mutmaßen, die Grundlage für unser Wort flachsen, bei dem es sich „vielleicht um eine scherzhafte Verwendung des ostmitteldeutschen Wortes für (durch)hecheln“, eben flachsen, handeln könnte.

Diese Anknüpfung hält Pfeifer in seinem „Etymologischen Wörterbuch“ für „weniger überzeugend“ – möglicherweise, weil die Bedeutung von flachsen, › einander necken, anpflaumen, herumblödeln‹, der von (durch)hecheln nicht so ganz entspricht. Pfeifer bevorzugt eine Deutung des Wortes, das erst im 20. Jahrhundert belegt ist, als „Übernahme von rotwelsch flachsen ›schmeicheln, betrügen, narren, aufziehen‹ in die Umgangssprache“. Das Rotwelsche wird im „DWDS-Wörterbuch“ (im Internet) als „frühere Geheimsprache asozialer, meist vagabundierender Personen und Gruppen“ beschrieben, „die auch zur Verschleierung krimineller Inhalte diente und heute nur noch in einzelnen Ausdrücken Verwendung findet“. Stattdessen sagt man auch kurz „Gaunersprache“ (im Sinn der Politischen Korrektheit und des Gendermainstreaming wäre wohl auch „Gaunerinnensprache“ hinzuzufügen).

Wie dem auch immer sei – das heutige Wort gibt Anlass, auf eine orthografische Besonderheit hinzuweisen. Die Lautverbindung „ks“, wie sie im Wort flachsen vorkommt, kann in der Schreibung auf vielfältige Weise wiedergegeben werden: mit nur einem Buchstaben, dem x (wie in Hexe); mit zwei Buchstaben, und zwar ks (wie in Keks) oder gs (wie in flugs); oder gar mit drei Buchstaben, und zwar cks (wie in Klecks) oder chs (wie in Flachs oder Dachs ). Welche der fünf Möglichkeiten jeweils zur Anwendung kommt, ist der Aussprache nicht abzuhören – ein weiterer Beleg für die Unzulänglichkeit des Lehrerspruchs „Schreib, wie du sprichst“. Und auch die Umkehrung „Sprich, wie du schreibst“ gilt hier nicht: der Dachs mit „ks“, aber des Dachs mit „chs“ (dem Achlaut) und des Blechs mit dem Ichlaut + „s“.



46.
2014-Dez-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Ein Könich aller Könikreich

Von Wilfried Kürschner

Kürzlich erreichte mich die Anfrage eines Chorleiters, wie denn mit der Aussprache von Wörtern, die auf -ig enden, umzugehen sei. Solle man im Adventslied „Macht hoch die Tür“ in der Zeile „ein König aller Königreich“ beide „g“ gleich aussprechen und wenn ja, wie? So wie man es in Süddeutschland oft höre: „ein Könik aller Könikreich“ oder eher wie in Norddeutschland „ein Könich aller Könichreich“? Oder besser gemischt: „ein Könich aller Könikreich“?

Meine Antwort: Am besten so, wie es in den Wörterbüchern festgelegt ist, und zwar in den Aussprachewörterbüchern. Von denen gibt es mehrere. Zum einen, wie üblich, eins von Duden, das „Aussprachewörterbuch“ in 5. Auflage 2005, zum anderen das „Deutsche Aussprachewörterbuch“ von Ursula Krech und anderen (2009) und zum dritten die Mutter aller deutschen Aussprachewörterbücher, die „Deutsche Bühnenaussprache“ von Theodor Siebs, erstmals erschienen 1898, letztmals 2000 unter dem Titel „Deutsche Aussprache: Reine und gemäßigte Hochlautung mit Aussprachewörterbuch – Hochsprache, Bühnensprache, Alltagssprache“.

Schon aus diesem Titel ist zu ersehen, dass die Aussprache des Deutschen viel stärker nach der Sprechsituation, nach dem angestrebten sprachlichen Niveau, nach der Stilebene, besonders auch nach den Dialektfärbungen variiert als die im Vergleich dazu starre Rechtschreibung.

Was nun die eingangs zitierte Frage der Aussprache des Buchstabens g angeht, und zwar seine Aussprache am Silbenausgang eines Wortes oder Wortteils, wird in den genannten Werken ausgeführt, dass das g als „k“ zu sprechen ist (sodass also die Wörter buk und Bug gleich klingen) – mit Ausnahme des Ausgangs -ig (mit kurzem „i“), wo das g wie „ch“ (der Ichlaut) zu sprechen ist. Das heißt, dass die Wörter Sittich und sittig (›sittsam, tugendhaft‹) dieselbe Aussprache haben. Für unser Wort König ergibt sich also die Aussprache „Könich“. Wenn dem g aber ein Vokal (= ein „Selbstlaut“) folgt wie in Könige, Königin und das g dadurch nicht länger im Silbenauslaut steht, tritt nach „k“ und „ch“ eine dritte Aussprache in Kraft, nämlich „g“. Die g-Regel wird aber für den Fall modifiziert, dass an ein Wort, das auf -ig endet, das Suffix (= die „Nachsilbe“) -lich angehängt wird, wie bei König zu königlich. Dann wechselt die Aussprache des g zu „k“: „köniklich“. Dies geschehe „aus Gründen des Wohlklangs“, um eine Häufung von Reibelauten („könichlich“) zu vermeiden, und gilt auch für das Wort Königreich.

Die Wohllautbegründung vermag nicht recht zu überzeugen, denn es gibt eine stattliche Anzahl von Wörtern, in denen zwei „ch“ in kurzem Abstand aufeinanderfolgen: reichlich, tüchtig, mächtig usw.

Was das „Könikreich“ angeht, so hatte es diese Aussprache 1898 beim Erscheinen des ersten Siebs noch nicht. Die damals vorgesehene Aussprache „Könichreich“ wurde erst einige Jahre später durch „Könikreich“ ersetzt.

Man sieht, die Aussprache des Deutschen erscheint in manchen Punkten von subjektiven Beurteilungen geprägt. Die Vielfalt der Sprechweisen mag dem einen eine Freude sein, dem anderen ein Horror. Beim Chorgesang, von dem unsere Überlegungen ausgingen, wird man allerdings nicht nur bei Tönen, Tempo und Intonation auf Gleichheit und Übereinstimmung achten und damit die Zuhörer erfreuen, sondern auch bei der Aussprache der Liedtexte. Daher also weiter im Text von „Macht hoch die Tür“: „sein Könichskron ist Heilichkeit“, „die Zweiklein der Gottselichkeit“.



45.
2014-Nov-30
OV am Sonntag [Vechta]

OVS-Kolumne: Jahr der Wörter (334)
Advent

Von Wilfried Kürschner

„Advent, Advent, / ein Lichtlein brennt. / Erst eins, dann zwei, / dann drei, dann vier, / dann steht das Christkind vor der Tür.“ Dieses Liedchen, das die Kinder zuhause gelernt haben oder aus dem Kindergarten oder der Grundschule mitbringen, gibt die gewöhnliche Vorstellung, die sich mit dem Wort Advent verbindet, wieder. Die Zahlen stehen für die vier Adventssonntage, konkret für die Kerzen, die am Adventskranz angezündet werden, bis es endlich so weit ist und „das Christkind vor der Tür“ steht. Das geschieht alle paar Jahre am selben Tag, nämlich dann, wenn der vierte Advent auf den 24. Dezember fällt (das nächste Mal 2017 und dann wieder 2023). Dieser Tag ist kirchlich gesehen zwar noch kein Weihnachtstag (und kein gesetzlicher Feiertag), wird aber zunehmend als Heiligabend den Weihnachtsfesttagen zugeschlagen.

Der Name für die drei bis knapp vier Wochen vor Weihnachten, der zugleich für die einzelnen Sonntage gilt („erster Advent, zweiter Advent …“), geht auf das lateinische Wort adventus zurück, das als Lehnwort ins Deutsche übernommen wurde. Es hat bereits im Mittelhochdeutschen seinen vollen Ausgang abgeschwächt (advente) oder ganz verloren (advent) und damit seine heutige Form erreicht. Die Ausgangsbedeutung des Wortes ist ›Ankunft‹, gemeint ist im christlichen Sinn die ›Ankunft des Herrn‹, also die Geburt Jesu. Theologisch wird sie auch als „erste Ankunft Christi“ gesehen, der die „zweite Ankunft“ folgen wird. Diese zweite Ankunft ist in der Bitte „dein Reich komme“ im Vaterunser gemeint. Den Zusammenhang macht die lateinische Fassung des Gebets deutlich: „adveniat regnum tuum“: adventus (›Ankunft‹) und adveniat (›er/sie/es komme/möge kommen‹) sind unterschiedliche Fassungen derselben Wurzel. „Adveniat“ heißt übrigens auch das Lateinamerika-Hilfswerk der Katholiken in Deutschland (in gewisser Weise das Pendant zur Aktion „Brot für die Welt“ auf evangelischer Seite). Eine weitere Verbindung ergibt sich zur Bezeichnung Adventisten für Angehörige einer der Glaubensgemeinschaften, die an die baldige Wiederkehr Christi glauben.

Dass mit manchen Wörtern viel mehr als kühle lexikologische und etymologische Erwägungen, sondern ganze Gefühlswelten verbunden sein können, wird aus dem Brief deutlich, mit dem die damalige Klasse 4b der Overbergschule Vechta ihren Vorschlag des Wortes Advent begleitete: „Es erinnert uns an die Winterzeit mit Schnee und Spaß und an das kommende Weihnachtsfest, an dem wir die Geburt Jesu feiern und viele Geschenke bekommen. Die Adventszeit ist die Zeit der Heimlichkeiten, in der wir unser Zimmer abschließen und Geschenke basteln, in der wir zusammen mit der Familie Plätzchen backen und verstecken, damit die Weihnachtsmaus sie nicht findet, und in der es nach Weihnachtsgewürzen und Tannenzweigen duftet.“

Mittlerweile gehen die Overberg-Schüler auf weiterführende Schulen und fügen dem Eingangsgedicht vielleicht cool und lässig noch eine weitere Strophe hinzu: „Und wenn die fünfte Kerze brennt, / dann hast du Weihnachten verpennt!“



44.
2014-Nov-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (324)
bußfertig

Von Wilfried Kürschner

Das heutige Wort gehört zu denen, die in den Wörterbüchern als zum Bereich des Religiösen gehörig gekennzeichnet sind. Im Universalduden wird bußfertig definiert als ›reumütig und bereit zur Buße (1 a)‹. Man soll also unter dem Stichwort Buße nachschlagen und dort die unter der Ziffer 1 und dem Buchstaben a) dargelegte Bedeutung des Wortes zur Kenntnis nehmen: ›das Bemühen um die Wiederherstellung eines durch menschliches Versagen gestörten Verhältnisses zwischen Gott und Mensch‹. Damit hängt Buße (1.b) zusammen: „kath. Kirche“, ›Bußübung‹ (wie in „jemandem eine Buße auferlegen“); im Wahrig wird eine Auswahl solcher Bußen genannt: „Opfer, Fasten, Beten, Wallfahren“. Auf Letzteres geht der zweite Bestandteil des Wortes bußfertig zurück: ›auf der Buß-Fahrt begriffen‹. Von Buße in diesem zweiten Sinn erklärt sich wohl der Übergang des Wortes in die Rechtssprache, wo es bedeutet: ›Ausgleich, die jemand für eine geringfügige Rechtsverletzung zu zahlen hat‹. Uns kommt als Verkehrsteilnehmern, gelegentlich auch „Verkehrssündern“, natürlich sofort das Bußgeld in den Sinn, über dessen Höhe der Bußgeldbescheid unterrichtet, der sich auf den Bußgeldkatalog stützt. Wer gleich zahlt, braucht sich keinem Bußgeldverfahren zu unterziehen.

Manch einer wird vielleicht den Namen des heutigen Feiertages, den er im Kalender erblicken mag, den Buß- und Bettag, kurz auch Bußtag genannt, mit Buße im Sinn von ›Strafe‹ in Verbindung bringen und sich fragen, wofür denn da eine Strafe verhängt werden soll und worin sie bestehen soll. Und als Katholik wird er diese Frage gern den Evangelischen überlassen, denn es ist deren Feiertag. (In der katholischen Kirche ist jeder Freitag, auf den kein kirchlich vorgeschriebenes Fest fällt, sowie der Aschermittwoch ein Buß-/Bettag.) Unter den Evangelischen wiederum dürfte man wenige finden, die mit dem Namen, geschweige denn dem Inhalt dieses Tages etwas anzufangen wissen oder gar einen Gottesdienst besuchen. Der heutige Mittwoch ist zwar ein kirchlicher Feiertag, aber zugleich in ganz Deutschland ein ganz normaler Arbeitstag – außer in Sachsen, das sich weigerte, der ab 1995 beschlossenen Abschaffung des Feiertages zugunsten der Finanzierung der Pflegeversicherung zuzustimmen (ein katholischer Feiertag wurde seinerzeit übrigens nicht „geopfert“). Zum einheitlichen gesetzlichen Feiertag am Mittwoch vor dem Totensonntag war er, wie in der Wikipedia zu lesen ist, 1934 von den Nationalsozialisten gemacht worden (wurde aber während des Krieges auf einen Sonntag verlegt). In der Bundesrepublik wurde er, zunächst mit Ausnahme Bayerns, als gesetzlicher Feiertag wieder eingeführt und blieb dies, nach der Wiedervereinigung 1990 auch in den beigetretenen Ländern, bis 1994 – in der DDR selbst war er 1966 bei der Einführung der Fünftagewoche abgeschafft worden.

Nach meiner Erinnerung gehörte der Buß- und Bettag, auch als er noch gesetzlicher Feiertag war, nicht zu den großen Festtagen wie Weihnachten oder Ostern. Die Kenntnis der Bedeutung von Buße als ›Umkehr‹ im Sinne des zitierten ›Bemühens um die Wiederherstellung eines durch menschliches Versagen gestörten Verhältnisses zwischen Gott und Mensch‹ war weitgehend verlorengegangen. Auch wurde gern die scherzhafte Deutung des zweiten Namensbestandteils, Bettag, als ›Tag, an dem man im Bett bleiben kann‹ anstatt von ›Tag, an dem man beten soll‹ vorgetragen. Dies geht seit der Rechtschreibreform von 1996 nicht mehr: Jetzt ist zu unterscheiden zwischen Bettag und Betttag.



43.
2014-Nov-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta],
Münsterländische Tageszeitung [Cloppenburg]

Trauer und Hoffnung über Grenzen hinweg
Wilfried Kürschner aus Vechta besucht die letzte Ruhestätte seines Vaters im westsibirischen Anscherka und erfährt Anteilnahme vor Ort

Willi Kürschner wurde 1947 im Alter von 39 Jahren mit weiteren deutschen Gefangenen in das russische Straflager deportiert. Ein Jahr später starb er an den Folgen eines Unfalles.

Von Wilfried Kürschner

Anfang 1947, mitten in einem der kältesten Winter nach dem Krieg, setzte sich am 8. Februar in Mühlberg an der Elbe (bei Torgau) ein Eisenbahnzug Richtung Osten in Bewegung. In den fensterlosen Viehwaggons waren knapp tausend überwiegend jugendliche Gefangene aus dem sowjetischen Speziallager Nr. 1 eingesperrt. Sie erhielten von ihren russischen Bewachern Hartbrot und salzigen Fisch, gelegentlich eine warme Suppe zu essen, und es gab fünf Liter Wasser pro Tag und Waggon. Für die Notdurft stand ein Kübel zur Verfügung. In Brest-Litowsk, wo die Spurweite der russischen Eisenbahn beginnt, kamen sie in einen größeren Viehwagen. Je länger die Fahrt dauerte – am Ende waren es über sechs Wochen – und je weiter sie nach Osten bis nach Sibirien führte, umso kälter wurde es. In den Waggons fehlte es an Heizmaterial, sodass die Pritschen verfeuert wurden und die Gefangenen am Ende der Fahrt auf dem blanken Wagenboden lagen.

Am 13. März war das Ziel erreicht: Anscherka in Westsibirien, fast 4000 Kilometer östlich von Moskau, fast 6000 Kilometer östlich von Berlin. Bei der Ankunft herrschten 40 Grad Kälte. Die Deportierten wurden in dem der dort errichteten Lager 7503/11 des Gulag-Systems untergebracht und auf die Zwangsarbeit im Steinkohlebergbau vorbereitet. Einer der Gefangenen war mein Vater, Willi Kürschner. Er arbeitete als Zimmermann unter Tage im Hauptstreckenbau. Als „Bestarbeiter“ verdiente er fast jeden Monat über tausend Rubel. Von diesem Geld kaufte er sich zusätzliche Lebensmittel, um sich bei Kräften zu erhalten, und etwas Rauchwaren. Eine weitere Vergünstigung bestand darin, dass er zu Weihnachten 1947 eine Postkarte nachhause schicken durfte und meiner Mutter ein Lebenszeichen geben konnte. Gegen Jahresende erlitt er im Bergwerk eine Unfallverletzung am Fuß, die trotz ärztlicher Versorgung zu Wundfieber und schließlich einer Herzthrombose führte. Er starb ein Jahr nach der Ankunft am 3. Februar 1948, im vierzigsten Lebensjahr, und wurde in Anscherka begraben.

Im Spätsommer 2014 haben meine Frau und ich, in kundiger Begleitung von Frau Dr. Olga Gowin (Universität Vechta), einer gebürtigen Russin, die Gelegenheit eines Tagungsbesuches in Russland genutzt und Anscherka besucht. Wenn man erst einmal in Moskau ist, fliegt man in vier Stunden nach Nowosibirsk, danach fährt man ein winziges Stück mit der Transsibirischen Eisenbahn durch die Taiga (260 Kilometer in viereinhalb Stunden) und gelangt nach Anschero-Sudschensk, wie der Ort offiziell heißt. Am Bahnhof wurden wir von einer Mitarbeiterin des städtischen Heimatmuseums begrüßt und mit einem Dienstwagen des Bürgermeisters zum Hotel ins Stadtzentrum gebracht. Am nächsten Tag stand ein Bus für uns bereit, in dem wir, geführt von der Kuratorin des Heimatmuseums, nach einer Rundfahrt durch die knapp 80.000 Einwohner zählende, noch immer vom Bergbau, aber auch von chemischer und pharmazeutischer Industrie sowie vom Maschinenbau geprägte Stadt an die Orte der Gefangenen gebracht wurden: zum Schacht 9/15, der inzwischen stillgelegt ist, mit einer riesigen Abraumhalde davor, von dort über den Weg, im Winter verschneit, im Frühjahr und Herbst verschlammt, den die Deportierten morgens und abends zurücklegten, hin zum Lager. An der Stelle der nach seiner Auflösung abgerissenen Baracken stehen heute Steinhäuser, die als Internat genutzt werden. In der Nähe des Eingangstores liegen kleine Bauernhäuser mit Gärten und kleinen Feldern – die Bauern und die Häftlinge trieben damals, wenn die Bewacher es zuließen, miteinander Tauschhandel.

In der Nähe des Lagers befindet sich der Friedhof, auf dem 291 gestorbene Deportierte bestattet sind – ohne Namenstafeln. Am Eingang ist auf einem Emailleschild zu lesen, dass der Friedhof von der russischen Vereinigung „Kriegsgedenkstätten“ angelegt worden ist, gefördert und gepflegt mit Geldmitteln des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Es handelt sich um ein grasbewachsenes, von Birken gesäumtes Areal von etwa der Größe eines halben Sportplatzes. In der Mitte ist ein schlichtes hohes Kreuz errichtet, links und rechts davon stehen zwei Dreiergruppen von Kreuzen, jedes so hoch wie ein Grabstein. Am Fuß des hohen Kreuzes liegt eine Steintafel mit der Inschrift „Hier ruhen Kriegsgefangene, Opfer des Zweiten Weltkrieges“. Darunter ein Kreuz und dieselbe Inschrift in russischer Sprache. Wir legten hier einen Blumenstrauß nieder und verstreuten einen kleinen Beutel Heimaterde vom Vechtaer Friedhof, auf dem meine Mutter begraben liegt. Eine Handvoll russischer Erde nahmen wir mit zurück zu ihrem Grab. Unsere russischen Begleiter standen etwas entfernt und ließen uns Zeit, unseren Gedanken nachzuhängen. Es schien uns an diesem Ort eine gemeinsame Trauer zu verbinden, denn auch jede russische Familie hat Kriegsopfer zu beklagen.

Es scheint nicht oft vorzukommen, dass sich Menschen aufmachen und die Orte aufsuchen, mit denen sie anschließend eine Vorstellung von den Lebensumständen ihrer verstorbenen Angehörigen verbinden können, und sei sie noch so vage. Für das ferne Anscherka jedenfalls scheint ein Besuch von Angehörigen aus Deutschland ein seltenes Ereignis zu sein. Wir erfuhren große Aufmerksamkeit bis hin zu einem Fernsehinterview, in dem es um die Hintergründe unseres Besuches ging und die Frage, wie sich für die Familie das Leben ohne den Mann und den Vater gestaltete.

Ob man im umgekehrten Fall, wenn Angehörige von ausländischen Kriegsopfern zu uns kommen, um Gräber oder Friedhöfe aufzusuchen und etwas über die Umstände des Lebens ihrer Verstorbenen zu erfahren, Vergleichbares bietet, wie wir es in Sibirien erleben durften? Begleiten wir sie dann etwa zu den Begräbnisstellen, von denen es ja auch in unserer Region einige gibt? Bekanntlich wird bei den Gedenkfeiern am Volkstrauertag nicht nur der deutschen, sondern auch der ausländischen Toten und Opfer gedacht. Könnte man sich nicht auch einmal an den Soldaten- und Gefangenengräbern der Ausländer versammeln und Trauer und Hoffnung auf ein Zusammenleben ohne Krieg bekunden?

Quellen: Siegfried Müller: „Der Wahrheit verpflichtet. Von Schwarzenberg in die Gulags Sibiriens“ (Norderstedt: BoD, 2011); Arthur Tilgner: Brief mit Todesnachricht an meine Mutter vom 12. Juni 1949.

Bilder:

 

Nelken gegen das Vergessen: Vor einem schlichten hohen Kreuz liegt eine Steintafel mit der Inschrift „Hier ruhen Kriegsgefangene, Opfer des Zweiten Weltkrieges“ in Deutsch und Russisch. Dort legten Christa und Wilfried Kürschner einen Blumenstrauß nieder. Fotos: Kürschner

 

Gemeinsamkeiten: Der Friedhof wurde von der russischen Vereinigung „Kriegsgedenkstätten“ angelegt und wird mit Geldmitteln des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge gepflegt.



42.
2014-Nov-14
Deutsche Briefmarken-Zeitung 24/2014

So spricht es nicht

„Volk aufs Maul schauen“, DBZ 19/2014, Seite 24f: Wer dem Rat des Autors folgt und sich die „Bibel in gerechter Sprache“ besorgt, sollte darauf gefasst sein, darin laufend auf Stellen wie diese zu stoßen: „Und Gott segnete den siebten Tag und machte ihn heilig. Denn an ihm ruht sie von all ihrem Werk, das Gott geschaffen hat, um zu wirken.“ So spricht das Volk wahrlich nicht.
Dr. Wilfried Kürschner, Vechta

Bezugstext:

2014-Sep-05
Deutsche Briefmarken-Zeitung 19/2014

Horst Prelle:
1534 erschien Martin Luthers vollständig übersetzte Bibel
Volk aufs Maul schauen
Auftakt der Arbeiten in der Wartburg

[…] Ungeübte Leser tun sich heute mit der Luther-Bibel schwer, sie sollten sich lieber die Zürcher Bibel, Volxbibel oder die Bibel in gerechter Sprache besorgen. […]



41.
2014-Nov-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (314)
dekadent

Von Wilfried Kürschner

Vielleicht erinnert sich der eine oder andere noch an den Spruch aus der Werbekampagne für den Kleinstwagen Fiat Panda („die tolle Kiste“), der gut in diese Tage der Erinnerung an die friedliche Revolution (im DDR-Jargon auch „Wende“ genannt) vor fünfundzwanzig Jahren passt: „Bürger des damals noch real existierenden DDR-Sozialismus begutachten einen Panda: ,Also mal ehrlich, Erich ... äh Egon ..., den real existierenden Spätkapitalismus hätten wir uns deutlich dekadenter vorgestellt.‘“

Womit hier gespielt wird, ist die von marxistischer Seite gern vorgenommene Zuschreibung des Attributs „dekadent“, die dem Kapitalismus, speziell in seiner damals so gesehenen oder erhofften Phase des „Spät“-Kapitalismus“, galt. Solch ein dekadentes, morbides, degeneriertes, abgelebtes, heruntergekommenes, im Verfall begriffenes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem stehe kurz vor seinem Verschwinden und werde ersetzt durch Sozialismus und Kommunismus. Erst einmal kam es bekanntlich genau andersherum.

Das Adjektiv dekadent, für das wir gerade eine ganze Reihe gleichbedeutender oder annähernd gleichbedeutender Wörter (Synonyme) aus einem Synonymwörterbuch angeführt haben, stammt aus dem Französischen und wurde nach Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“ um 1900 ins Deutsche übernommen. Das französische décadent gehört zum Substantiv (= „Nomen/Namen-, Dingwort“) décadence, das im 15. Jahrhundert gebildet wurde. Dies geschah im Rückgriff auf das Mittellateinische, also nicht auf das klassische Latein. Im klassischen Latein, wie es in den Jahrhunderten um Christi Geburt gesprochen und geschrieben wurde, gab es das entsprechende Wort noch gar nicht (jedenfalls wurde es schriftlich nicht überliefert), wohl aber gab es das entsprechende Bildungsmuster, bestehend aus dem Präfix (= der „Vorsilbe“) de- , die u. a. so viel wie ›hinab‹ bedeutete und vor Verben (= „Tätigkeitswörter“) gestellt wurde, hier vor das Verb cadere (Betonung auf der ersten Silbe) mit der Bedeutung ›fallen‹, sodass sich decadere ›hinabfallen‹ ergab. Zur Formenvielfalt der Verben gehört das Partizip Präsens (= das „Mittelwort der Gegenwart“) de-cad-ens/de-cad-ent- – im Deutschen ganz parallel: hinab-fall-end. Zu diesem Partizip kann das Substantiv decadentia gebildet, im Französischen wiederzugeben als décadence. Das war zunächst ganz wörtlich zu verstehen, etwa als ›Einsturz‹ (eines Gebäudes), bekam dann aber, wie dem „Petit Robert“ zu entnehmen ist, bald den abstrakten Sinn von ›wirtschaftlicher Niedergang‹. Im 19. und 20. Jahrhundert stand das Wort „bes. für Richtungen in der bildenden Kunst und Literatur, die gesellschaftlichen Verfall bzw. das verfeinerte, morbide Spätstadium einer Gesellschaft zum Ausdruck bringen (daher bis in die Gegenwart oft in frz. Aussprache und Schreibweise)“ (Pfeifer). In der deutschen Literatur zählt man um 1900 dazu Autoren wie Rilke, Schnitzler, von Hofmannsthal, auch Thomas Mann.

In der Sprache des Nationalsozialismus bürgerte sich parallel und synonym zu dekadent der Begriff entartet „zur Bezeichnung und Abwertung von der nationalsozialistischen Ideologie und Ästhetik widersprechenden gesellschaftlichen und weltanschaulichen Vorstellungen sowie künstlerischen Werken“ ein (wie es in der Wikipedia heißt). Und weiter: „Als Ursache für eine ,Dekadenz/Entartung‘ meinte man häufig, eine vorgebliche rassische Fremdheit und damit Minderwertigkeit der Vertreter bzw. Schöpfer dieser Vorstellungen und Kunstwerke konstatieren zu müssen.“ Dieses Denken manifestierte sich in den Bücherverbrennungen des Jahres 1933, 1938 in der „Reichskristallnacht“ vom 9. auf den 10. November, demselben Tag also, an dem wir uns gestern an den Mauerfall (1989) erinnert haben. Es kulminierte schließlich in der Schoah, der Verfolgung und Ermordung der Juden, Verbrechen, denen auch andere Bevölkerungsgruppen zum Opfer fielen.

Der Vorschlag zur Behandlung des Wortes dekadent stammt von Oliver Middelbeck, der auch schon den Kommers (Nr. 191 am 10. Juli) eingebracht hatte.



40.
2014-Nov-08
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Hallo! Die Waldfee?

Von Wilfried Kürschner

Selten hat man in Vechta so viel Anteil genommen am Schicksal einer Gaststätte wie bei dem am Stadtrand gelegenen Lokal in Welpe. Das Interesse richtete sich nicht nur auf das Gasthaus selbst, das nach einigen Jahren des Leerstands und Betreiberwechsels im Oktober mit einem neuen Konzept wieder eröffnet wurde – seit der ersten Ankündigung des Neubeginns wurde auch über den vom neuen Pächter gewählten neuen Namen viel diskutiert: Aus dem zuletzt so genannten „Café Gut Welpe“ wurde „Holla die Waldfee“. Der Namenswechsel sei notwendig geworden, so der neue Besitzer in dieser Zeitung, weil der alte „in den letzten Jahren kaputt gemacht worden“ sei und einen „großen Imageschaden erlitten“ habe: „Damit kriegt man keine neuen Kunden mehr.“ Dass der künftige Name seines Betriebes für Diskussionen gesorgt habe, sei ihm bewusst und ganz recht: „Man wird nur auf den Namen angesprochen, nicht mehr auf die Vergangenheit.“ Es habe auch positive Reaktionen gegeben.

Der Aufmerksamkeitswert des neuen Namens – sein Hallo!-Effekt – ist sicher darauf zurückzuführen, dass er in mehrfacher Hinsicht von dem nicht nur in Vechta Üblichen abweicht: Gaststätten tragen hier den Namen ihres Besitzers – „Jansen“, „Sextro“, „Sgundek“, um nur die wohl bekanntesten zu nennen –, oder der Name bezieht sich auf die Lage (wie beim „Oyther Grill“ oder dem „Café Am Kaponier“) oder die Gebäudeart (wie beim „Mühlencafé“) und dergleichen mehr.

Jetzt also „Holla die Waldfee“. Schon die Zusammenstellung einer Interjektion (= eines Empfindungswortes), holla, mit einem Substantiv (= einem „Namen-/Dingwort“), Waldfee, plus Artikel (= „Geschlechtswort“), die, ist ungewöhnlich. Bei holla, so ist den Wörterbüchern zu entnehmen, handelt es sich um einen Ausruf der (freudigen) Überraschung oder Verwunderung, Es ist eine Variante zum gebräuchlicheren hallo und geht wohl auf den Zuruf an den Fährmann am anderen Ufer zurück: Hol über!

Dem Sprachempfinden mag sich eine andere Deutung aufdrängen: Holla ist gar nicht die Interjektion, sondern ein Name, vielleicht eine Nebenform zu Holle , der Frau, die jeder aus dem Märchen kennt. Dann würde mit Waldfee gesagt, um welche Art von Wesen es sich bei dieser Holla handelt. Grammatisch gesehen würde es sich bei die Waldfee um eine Apposition, einen „Nachtrag/Zusatz“, handeln. Kenner der Zeichensetzungsregeln würden jetzt womöglich einwenden, dass hinter Holla dann ein Komma zu setzen wäre. Dies stimmt generell, aber bei Namen und Ähnlichem macht man gern eine Ausnahme, so etwa beim Titel der Oper Mathis der Maler. Ein Komma ist übrigens auch nach der ersten Deutung mit Holla als Interjektion zu setzen, es wird aber auch hier gern weggelassen, etwa in der E-Mail-Anrede Hallo Herr Professor …

Was erfahren wir über die Waldfee in den Wörterbüchern? Wenn überhaupt, wird es dort nicht als eigenständiges Wort verzeichnet, sondern nur in der umgangssprachlichen Wendung husch, husch, die Waldfee. Und diese wird beschrieben als Aufforderung, sich zu entfernen. Wer sich also bei „Holla die Waldfee“ an diese Wendung erinnert, kann auf eine vom Lokal sicher nicht gewünschte Gedankenfährte gesetzt werden.

Dass Waldfee in den Wörterbüchern nicht genannt wird, ergibt sich daraus, dass seine Bedeutung leicht erschlossen werden kann: Es geht um eine Fee, und diese Fee hat etwas mit dem Wald zu tun, sie lebt dort oder stammt dorther. Letzteres mag einer der Gründe für die Namenwahl gewesen sein: Das Lokal liegt ja in einem reizvollen Waldgebiet, und mit einer Fee verbinden sich angenehme Vorstellungen. So wäre es nicht verwunderlich, wenn sich nach einiger Zeit „die Waldfee“ als Kurzname für das Lokal einbürgern würde (sofern es nicht beim alten Kurznamen „Welpe“ bleibt). Denn die Langform ist doch allzu sperrig: „Wir treffen uns in/bei ,Holla die Waldfee‘“ – oder müsste es nicht gar grammatisch korrekt „… in/bei ,Holla der Waldfee‘“ heißen?

Eine dem Lokalbetreiber weniger willkommene Assoziation dürfte sich dem Volksliedkenner bei der bekanntesten Verwendung von holla einstellen: „Horch, was kommt von draußen rein / Hollahi, hollaho / Wird wohl mein fein’s Liebchen sein / Hollahi jaho / Geht vorbei und schaut nicht ’rein / Hollahi, hollaho / …“



39.
2014-Okt-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (293)
jedweder

Von Wilfried Kürschner

Der Vorschlag für das heutige Wörterjahrwort stammt von Ursula Henjes. Sie schreibt dazu: „Ich liebe Wörter, habe meine Examensarbeit bei Prof. Kürschner über Neologismen geschrieben. Besonders aber mag ich Archaismen. Von den vielen habe ich für Sie ausgewählt: jedweder, jedwede, jedwedes, bekannter Gebrauch noch in der Wendung jedweder Couleur.“

Neologismen sind sprachliche Neuprägungen, Archaismen in gewisser Weise das Gegenteil, nämlich „Wörter, Wortformen, syntaktische Erscheinungen und Schreibungen, die für einen bestimmten Zeitraum als veraltend gelten und schließlich als veraltet betrachtet werden“, wie die Definition im „Metzler Lexikon Sprache“ lautet. Die Wörterbücher sind sich nicht ganz einig, ob jedweder hierher zu zählen ist. Im Universalduden fehlt ein entsprechender Vermerk, im „Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache“ (DWDS) und in Wahrigs „Deutschem Wörterbuch“ ist er dagegen vorhanden: „veraltend“ bzw. „veraltet“. In Kluges „Etymologischem Wörterbuch“ heißt es gar: „obsolet (stark veraltet)“. Meinem eigenen Sprachempfinden entspricht am besten die Beschreibung im Duden-Band „Richtiges und gutes Deutsch“: „Das Pronomen jedweder steht nachdrücklich für jeder, kommt aber nur noch in gehobener Sprache vor.“ Und in dieser Stilschicht ist es ziemlich lebendig, wie etwa die zahlreichen Belege aus der Wochenzeitung „Die Zeit“ zeigen, die im DWDS aufgelistet sind: Schon zwanzig Nennungen im laufenden Jahr und viele aus den Jahren davor, darunter 2012 auch die von Frau Henjes genannte Wendung: „Politiker jedweder Couleur beklagen die Boni-Exzesse und die undurchsichtigen Finanzinstrumente“.

Was die Herkunft des Wortes angeht, ergibt sich auf den ersten Blick ein Zusammenhang mit dem Indefinitpronomen (= dem „unbestimmten Fürwort“) jeder. Doch wie verhält es sich mit weder? Dieses Wort, das wir heute nur noch als Verneinungswort in der Kombination weder … noch kennen, steckt ursprünglich auch in jeder, das im Althochdeutschen noch iowedar/eohwedar lautete und eine Zusammensetzung aus io/eo mit der Bedeutung ›immer‹ und (h)wedar mit der Bedeutung ›wer von beiden, irgendeiner von beiden‹ darstellte (also so viel wie ›alle beide, jeder von beiden‹ bedeutete). Von wedar ist nur noch -der übriggeblieben, genauer gesagt eigentlich nur noch das d, denn das -er (bzw. -e, -es, -em usw.) dient als Endung. Die Bedeutung hat sich von der Zweizahl auf die Allzahl (›ausnahmslos alle zu einer Gesamtheit gehörenden einzelnen Personen oder Dinge‹) erweitert.

Erhalten geblieben ist der Anfang von weder in unserem jedweder, das im Mittelhochdeutschen ietweder oder iegeweder lautete (und ›jeder von beiden‹ und ›jeder von vielen‹ bedeutete). Auch hier ist der Wortausgang als Endung umfunktioniert worden: jedwed-er, jedwed-e, jedwed-es usw. Es hat eine „flexionszerrüttung“ stattgefunden, die ursprüngliches ietweder-er/jedweder-er, jedweder-e, jedweder-es usw. ergriff, „wiewol die ältern formen bis ins 17. jh. dagegen ankämpfen“ – so zu lesen beim entsprechenden Stichwort im Grimm’schen Wörterbuch (1877) aus der Feder von Moriz Heyne, einem der Nachfolger der Brüder Grimm.



38.
2014-Okt-11
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Trosts der U-Bahn

Von Wilfried Kürschner

Wenn einer eine Reise getan hat, kann er manchmal nicht nur etwas erzählen (etwa, dass er Opfer eines Taschendiebes geworden ist und seine Frau zwei Stunden später ebenfalls), sondern er hat, wenn er im Ausland war, wo man sich bemühte, ihm auch in seiner Muttersprache zu begegnen, manch kuriose Verdeutschung in Erinnerung behalten. So war, wie kürzlich im „Spiegel“ abgebildet, auf einem Schild in der Bretagne zu lesen: „Bewatcher strand, Hunde angeleimt“.

Wir waren in Lissabon und haben, dem Rat im Reiseführer folgend, die „Lisboa Card“ gekauft, „Ihr Password für die Stadt“, wie sie auf dem Umschlag der Broschüre genannt wird, in der ihr Gebrauch erklärt wird und die die Gutscheine für die Vergünstigungen enthält, die unser Password bereithält. Dazu gehört auch die kostenlose Benutzung der U-Bahn, „Metropolitano de Lisboa“ genannt. In der Broschüre wird dieses Transportmittel wie folgt angepriesen: „Metropolitano de Lisboa ist eine der schnellen und effizienten Weisen, in Lissabon zu reisen, das eine wichtige Erklärung (Behauptung) im Transport-System der Stadt mit Hochstandards der Sicherheit, Geschwindigkeit, Gleichmässigkeit und Komforts (Trosts) annimmt.“ Dass dies in grammatischer und stilistischer Hinsicht kein hochstehender Satz ist, sondern der mühselige Versuch einer Überführung des portugiesischen Originals ins Deutsche, spürt man auf den ersten Blick – auf den zweiten Blick treten einem auch die Spuren des Übertragungsvorgangs vor Augen, und zwar durch die Doppelung von Wortwiedergaben in zwei Fällen: „Erklärung (Behauptung)“ und „Komforts (Trosts)“. Hier hat der Übersetzer offenbar jeweils zwei Möglichkeiten angeboten, die zugrundeliegenden portugiesischen Wörter zu übersetzen. Anstatt nun eines der Angebote zu wählen und das andere zu streichen, sind in der Endfassung beide stehengeblieben.

Was „Erklärung (Behauptung)“ angeht, passen beide nicht recht, bei „Komforts (Trosts)“ ist die Sache dagegen ziemlich leicht zu erklären. Gemeint ist natürlich der Komfort, den die U-Bahn bietet (wie es zum Plural, der „Mehrzahl“, gekommen ist, ist mir schleierhaft). Bietet die U-Bahn auch Trost? Eher wohl nicht. Des Rätsels Lösung ergibt sich durch Nachschlagen im portugiesisch-deutschen Wörterbuch, wie es der Übersetzer wohl auch getan haben wird. In „Langenscheidts Taschenwörterbuch“ findet sich der Eintrag conforto, für den vier Übersetzungsmöglichkeiten angeboten werden: „Stärkung, Trost, Bequemlichkeit, Komfort“ – aus deutscher Sicht also ein mehrdeutiges Wort. Komfort, dem Ausgangswort der Form nach entsprechend, und Bequemlichkeit haben für uns nichts mit Trost oder Stärkung zu tun. Um die Verhältnisse zu verstehen, hilft ein Blick in die Wortgeschichte. Das portugiesische Wort conforto stammt aus dem Lateinischen und enthält das Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) fortis mit der Bedeutung ›stark, kräftig, fest‹. Mit ein bisschen Fantasie erkennt man, dass die Grundbedeutung in conforto mit seinen verschiedenen Schattierungen erhalten geblieben ist. Beim deutschen Komfort ist dagegen nur die Lesart ›(auf Festigkeit, Solidität beruhende) Bequemlichkeit, Annehmlichkeit‹ übriggeblieben, von ›seelischer Stärkung, Trost‹ keine Spur mehr. Das Zusatzangebot „(Trosts)“ ist also überflüssig.

Noch ein bisschen Lissaboner U-Bahn-Kunde gefällig? „Das gegenwärtige Netzwerk, das aus 4 unabhängigen Linien mit 43,20 Km. Geleisen und 55 Stationen besteht (5 von denen sind Schnittstelle-Stationen zwischen den Linien hat) ist mit seinen Transportarbeitern um 185 Mill. Passagiere pro Jahr besorgt.“ Hier ist, wie ein Vergleich mit der spanischen und italienischen Übersetzung in der Broschüre zeigt, eine Zeile des Originals übersprungen worden. Die „Transportarbeiter“ sind „12 andere Transportsysteme“, mit denen die U-Bahn Schnittstellen zum Umsteigen hat.



37.
2014-Okt-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (283)
Märtyrer

Von Wilfried Kürschner

In dieser Zeitung war am vorvergangenen Samstag (27. September) in einem Artikel zum 80. Geburtstag von Brigitte Bardot zu lesen: „Die Bardolâtrie, der Wirbel um sie, hätte sie nach eigenen Angaben fast umgebracht. ,Niemand kann sich vorstellen, wie grauenerregend das war. Ein Martyrium‘, erinnerte sich Bardot.“ Wäre Brigitte Bardot deshalb als Märtyrer zu bezeichnen? Reicht der Wirbel, der Rummel, der Hype (wie manche wohl heute sagen würden) um ihre Person, unter dem sie litt, aus, sie zu jemandem zu machen, ›der sich für seine Überzeugungen opfert oder Verfolgungen auf sich nimmt‹, wie die eine der beiden Definitionen unter dem Stichwort Märtyrer im Duden-Universalwörterbuch lautet? Doch wohl eher nicht. Und schon gar nicht wäre sie ein Märtyrer im primären Sinn, nämlich ›jemand, der um des christlichen Glaubens willen Verfolgungen, schweres körperliches Leid, den Tod auf sich nimmt‹. Und doch kann sie zu Recht sagen, sie habe ein Martyrium durchlitten, denn dieses Wort bedeutet allgemein so viel wie ›Qual, Leiden, Pein‹. Die speziellere Bedeutung ist die ideell-religiöse: ›schweres Leiden (bis zum Tod) um des Glaubens oder der Überzeugung willen‹. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass mit einem Martyrium auch die ›Grabkirche eines christlichen Märtyrers‹ gemeint sein kann.

Märtyrer und Martyrium stammen, wie schon am griechischsten aller Buchstaben, dem „y“, zu erkennen, aus dem Griechischen; Märtyrer ist, wie an einem der deutschesten aller Buchstaben, dem Umlautbuchstaben „ä“, zu sehen ist, eine Eindeutschung; Martyrium hat, wie am Wortausgang „i-um“, der im Plural (= in der „Mehrzahl“) zu „i-en“ wird, deutlich spürbar wird, stärker seinen Fremdwortcharakter bewahrt.

Zur Geschichte und einer neuen Verwendung, die dieser Tage wieder einmal von erschreckender Aktualität ist, erfahren wir im „Deutschen Wörterbuch“ von Wahrig (einem von Umfang und Anspruch her ernstzunehmenden Konkurrenten des Universaldudens) Folgendes: „Das griechische Wort martyr bedeutete ,Zeuge‘. Damit konnte auch ein Zeuge vor Gericht gemeint sein, das heißt, das Wort besaß ursprünglich keine religiöse Bedeutung. Im Neuen Testament bezeichnete das Wort den, der Zeugnis gab von Tod und Auferstehung Jesu, besonders die Apostel und Verkünder des Evangeliums. Im Zuge der Christenverfolgungen in der römischen Kaiserzeit wurde der Begriff von etwa 150 n. Chr. an als Ehrentitel für diejenigen verwendet, die wegen ihres Glaubens an Christus getötet wurden. Sie wurden an ihren Grabstätten kultisch verehrt. Aus dem Zeugen war damit ein Blutzeuge geworden. In dieser Bedeutung gelangte der Begriff als marteraere, merteraere, aus althochdeutsch martirari, ins Mittelhochdeutsche. Die neuhochdeutsche Form Märtyrer (oberdeutsch gibt es auch die Variante Martyrer ) stellte vom 16./17. Jahrhundert an eine gelehrte Wiederangleichung an das Griechische dar. […] Die ersten Märtyrer starben, ohne andere mit in den Tod zu reißen – im Unterschied zu den heutigen islamistischen Selbstmordattentätern. Sie sind nach ihrem Selbstverständnis ebenfalls Märtyrer und berufen sich dabei auf die dritte Sure des Korans: ,Wer für seinen Glauben gestorben ist, ist nicht tot, sondern lebt.‘ Wie diese Sure auszulegen ist, ist allerdings unter Muslimen umstritten. Das arabische Wort für Märtyrer lautet Shahid und bedeutete ursprünglich gleichfalls allgemein ,Zeuge‘.“



36.
2014-Sep-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Namen können verunsichern
Leser erklärt Hintergründe zur Umbenennung der Fachhochschule

Lesermeinung zum Bericht „PHWT: Neuer Name, aber gleicher Inhalt“ am 23. September in: Oldenburgischen Volkszeitung

Vechta besitzt zwei Hochschulen: eine Universität und eine Fachhochschule. Dass Letztere den Wunsch hatte, sich auch namensmäßig nicht länger von den übrigen (staatlichen) Fachhochschulen zu unterscheiden, und sich wie diese nicht länger „Fachhochschule“, sondern schlicht „Hochschule“ nennen will, ist nachvollziehbar – so wurde aus der „Privaten Fachhochschule für Wirtschaft und Technik“ (FHWT) die „Private Hochschule für Wirtschaft und Technik“ (PHWT).

Die Umbenennung der Fachhochschulen geht auf die Novellierung des Niedersächsischen Hochschulgesetzes (NHG) von 2010 zurück, die, dem Trend in den übrigen Bundesländern folgend, den Namensbestandteil „Fach-“ beseitigte – bei den neu benannten „Hochschulen“ handelt es sich aber weiterhin dem Gesetz und der Sache nach um Fachhochschulen mit ihren spezifischen Merkmalen: Sie „dienen den angewandten Wissenschaften durch Lehre, Studium, Weiterbildung sowie praxisnahe Forschung und Entwicklung“ (NHG § 2 Abs. 4).

Wie wichtig der Name einer Einrichtung ist, zeigt die zitierte Bemerkung der Vizepräsidentin Reich, dass „vor allem die Bezeichnung Fachhochschule bei Schülern und Studienanfängern zu Verunsicherungen geführt habe“. Um den Namen ging es seinerzeit auch bei der Universität Vechta, die, wie erinnerlich, bis zur erwähnten Gesetzesnovellierung 2010 als „Hochschule Vechta“ zu firmieren hatte und den ihr als Universität zustehenden Namen „Universität Vechta“ offiziell nicht tragen durfte (einige behalfen sich mit der Notlösung „Universität in Vechta“). Dass der alte Name nicht nur damals wie im Falle der FHWT zu Verunsicherungen führte, sondern bis heute zu Missverständnissen Anlass bietet, geht etwa aus der Bemerkung der zuständigen Wissenschaftsministerin (OV vom 12. August 2014) hervor, wonach Vechta „eine kleine Universität“ habe, „die diesen Status erst seit Oktober 2010 hat“ (noch nicht einmal das Datum stimmt: das Gesetz und damit die Umbenennung trat im Juni 2010 in Kraft).

Professor (em.) Dr. Wilfried Kürschner, Vechta

Bezugstext:

2014-09-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

PHWT: Neuer Name, aber gleicher Inhalt
Der Titel Fachhochschule hat ausgedient

Die private Hochschule für Wirtschaft und Technik in Vechta, Diepholz und Oldenburg will mit dem neuen Namen Verunsicherungen bei Studienanfängern und Schülern vermeiden.

Von Marie-Chantal Tajdel

Vechta. Sie heißt jetzt nicht mehr FHWT, sondern PHWT: Nach 16 Jahren ist aus der privaten Fachhochschule für Wirtschaft und Technik (FHWT) die private Hochschule für Wirtschaft und Technik (PHWT) geworden. „In Niedersachsen gibt es offiziell keine Fachhochschulen mehr, sondern nur noch Hochschulen“, sagt Professor Dr. Ludger Bölke, Präsident und Geschäftsführer der PHWT. Die hauptamtliche Vizepräsidentin Anne-Katrin Reich ergänzt, dass vor allem die Bezeichnung Fachhochschule bei Schülern und Studienanfängern zu Verunsicherungen geführt habe. „Viele können mit dem Begriff nichts mehr anfangen.“ Um aber weiterhin als akademische Bildungseinrichtung wahrgenommen zu werden, habe man sich zu dem Schritt der Umbenennung entschlossen, sagt sie. „Für unsere Partnerunternehmen ist es ohnehin nicht wichtig, wie wir heißen, sondern dass die Qualität und der Anspruch der dualen Studiengänge stimmt“, sagt Präsident Bölke. Die PHWT wird künftig neben den Bachelor-Studiengängen in Vechta erstmals einen dualen Master-Studiengang anbieten: „Management in mittelständischen Unternehmen“. Dafür hat die Hochschule bereitseine neue Professur ausgeschrieben.

[Fortsetzung] Es ändert sich etwas an der Rombergstraße: Die Private Hochschule für Wirtschaft und Technik (PHWT) hat das Fachhochschule abgelegt. „Am Freitag haben wir die Genehmigung vom Ministerium bekommen“, erzählt Professor Dr. Ludger Bölke, Präsident und Geschäftsführer der PHWT. Es wurden folglich ein neues Logo entwickelt, der Internetauftritt erneuert, Visitenkartenaufgefrischt und neue Kugelschreiber bestellt. Die Agentur Bitter & Co aus Calveslage ist für den neue Werbeauftritt zuständig. Aber nicht nur der Name der PHWT hat sich geändert. Im kommenden Jahr wird die Hochschule das duale Studienangebot erweitern. […]



35.
2014-Sep-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (263)
Firlefanz

Von Wilfried Kürschner

Manchmal schreiben sich die Artikel für das „Jahr der Wörter“ wie von selbst, manchmal braucht es einen langen Anlauf, bis etwas einigermaßen Gerundetes zuerst mit dem Bleistift aufs Konzeptpapier gebracht ist und danach in die elektronische Weiterverarbeitung gegeben werden kann. So auch beim heutigen Beitrag. Dass er in mein Kontingent von dreißig Artikeln gehört, weiß ich seit Jahresanfang, als mir Jochen Bär, der Wörterjahrerfinder, anbot, einige Wörter zu übernehmen. Um jede Art von Rosinenpickerei zu vermeiden, verfuhr ich mechanisch und erbat die Wörter, die in seiner Liste jeweils für den 10. und den 20. eines Monats notiert waren. Hinzu kamen einige Vechta-spezifische Wörter und ein paar Namen christlicher Feiertage.

Daher also heute, am 20. September, Firlefanz (gleich von drei Personen vorgeschlagen: von Maria Deters, Felix Penkhues und Martin Winter). Das umgangssprachlich gebrauchte Wort, das laut dem Universalwörterbuch des Duden einen abwertenden Beigeschmack hat, bezeichnet, auf konkrete Dinge bezogen, ›überflüssiges oder wertloses Zeug; Tand, Flitter‹. Im abstrakteren Sinn meint es ›Unsinn, törichtes Zeug, Gerede, Gebaren‹ („Das ist doch alles Firlefanz“). Selten wird es mit Bezug auf einen Menschen gebraucht: ›jemand, der nur Torheiten im Sinn hat, mit dem nicht viel anzufangen ist‹.

Das Wort kommt bereits im Spätmittelhochdeutschen, also im 13./14. Jahrhundert, in der Form firlifanz vor, wo es die Bezeichnung für einen lustigen Springtanz ist. Die Herkunft dieses Wortes sei allerdings unbekannt – sagt der Duden. Wahrig weiß mehr: Mittelhochdeutsch werde die Form virlefanz geschrieben, sie beziehe sich auf virlei (›ein Tanz‹), ein Wort, das auf altfranzösisch virelai (›Ringellied‹) zurückgehe. Der Ausgang -fanz sei beeinflusst von mittelhochdeutsch tanz (›Tanz‹). Dies bestätigt Pfeifer in seinem „Etymologischen Wörterbuch des Deutschen“ (1989) im Wesentlichen, stellt aber in Frage, ob der zweite Wortbestandteil als Angleichung an tanz anzusehen ist. „Vielleicht ist eher an Einfluss von mhd. vanz, alevanz ›hergelaufener Schalk‹ zu denken, dessen weitere Bedeutung ›Schalkheit, Possen‹ (vgl. nhd. Alfanzerei ›Albernheit‹) auch auf Firlefanz übergegangen sein kann.“ (Pfeifer’s Wörterbuch ist, ergänzt und aktualisiert, übrigens auch im Internet frei zugänglich, und zwar als Teil des „Digitalen Wörterbuchs der deutschen Sprache“: www.dwds.de.)

Im jüngsten großen Wörterbuch mit ausgeprägten wortgeschichtlichen Bezügen, der Neubearbeitung des Grimm’schen „Deutschen Wörterbuchs“, wird die Geschichte unseres Wortes noch deutlicher ins Hypothetisch-Ungewisse gerückt: „etymologie unsicher; vermutlich …; einfluß wird angenommen von … oder von …“. Bei diesem Werk handelt es sich um eine neubearbeitete Fassung der Wörterstrecke, die von Jacob Grimm (Wörter mit den Anfangsbuchstaben A–C, E–frucht) und Wilhelm Grimm (D) stammt; der Buchstabe F ist bis ans Ende (Fux) weitergeführt. Es erscheint seit 1965 und ist bis auf wenige noch ausstehende Lieferungen abgeschlossen (und leider nicht im Internet vorhanden). Die Neubearbeitung folgt im Ganzen den für die Erstausgabe, die zwischen 1852 und 1960/1971 (!) erschien (und im Internet frei zugänglich ist: http://woerterbuchnetz.de/DWB/), gültigen Prinzipien, unter anderem sichtbar an der durchgängigen Kleinschreibung auch der Substantive (außer den Eigennamen). Allerdings wird jetzt „ß“ geschrieben, wo die Erstausgabe noch „sz“ hatte, z. B. „fusz – fuß“, „flusz – fluß“ (und nicht etwa „Fluss“, wie wir heute schreiben).



34.
2014-Sep-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Der _kopter

Von Wilfried Kürschner

Mit Beginn des Feuerwerks zum Abschluss des Stoppelmarktes vor knapp vier Wochen stieg ein bunt schimmerndes Flugobjekt in den Himmel und beäugte die sich entfaltende Farbenpracht von allen Seiten. „Eine Drohne!“, raunte es hinter mir, „ein Kopter!“, war nebenan zu vernehmen. Von Drohnen war Ende 2013 einiges zu lesen gewesen, danach wurde es stiller um sie – es waren doch wohl nicht etwa Eintagsfliegen?

Die Drohnen, die uns Bestelltes und Unbestelltes ins Haus liefern sollten, trugen Namen: Octocopter hießen die von der Firma Amazon, DHL Paketcopter die von der Deutschen Post. Bei der Post handelte es sich um einen Quadrokopter, der ein Paket mit Medikamenten von einer Apotheke in Bonn zur Konzernzentrale auf der anderen Rheinseite brachte. Aus den drei angeführten Wörtern lässt sich ihr Bau erkennen: Das hinten stehende Grundglied _kopter (bzw. _copter in englischer Schreibweise) bezeichnet das gemeinte Gerät, eben eine Mini-Drohne (Drohne wird hier in übertragener Bedeutung gebraucht und meint ein ›unbemanntes Fluggerät‹, wörtlich ist die [!] Drohne das ›Männchen der Honigbiene, das sich überwiegend von den Arbeiterinnen füttern lässt‹). Die Vorderteile unserer drei Beispiele bestimmen die Art dieser Drohnen näher: octo_ und quadro_ geben die Zahl der Rotoren an (›acht‹ bzw. ›vier‹), Paket_ das Transportgut.

Irgendwoher kennen wir den _kopter doch schon. Richtig, vom Helikopter, dem vornehmeren Wort für Hubschrauber. Aber was ist ein heli_? Den gibt es eigentlich gar nicht. Es handelt sich um ein verstümmeltes Wort aus dem Griechischen, das übrig bleibt, wenn man Helikopter falsch zerlegt. Richtig wäre nämlich die Aufteilung Heliko_pter. Dabei geht _pter auf das griechische Wort pterón zurück und bedeutet ›Flügel‹. Und das Wort, das dem heliko_ zugrundeliegt, kennen wir seit der Entdeckung der Erbsubstanz, auch Doppelhelix genannt. Damit wird die ›doppelsträngige, wendelförmige Anordnung der Bausteine von Makromolekülen‹ benannt. Das griechische Wort hélix bedeutet so viel wie ›Windung, Spirale‹. Nun passiert es, dass Wörter (nicht nur griechische), wenn sie Verbindungen mit anderen Wörtern eingehen, nicht in ihrer Nennform, unter der sie im Wörterbuch aufzufinden sind, erscheinen, sondern in einer speziellen Kombinationsform. Bei helix ist dies heliko_ (hier wird das k, das in x steckt, sichtbar). Ein weiteres Beispiel: ›Frau‹ heißt auf Griechisch in der Nennform (im Nominativ Singular = „1. Fall Einzahl“) gyne, in der Kombinationsform gynaiko_, womit sich Gynäko_loge, wörtlich ›der Frauenkundler‹, erklärt.

Den meisten Sprechern dürften solche Zusammenhänge bei Fremdwörtern nicht bewusst sein. Sie zerlegen daher ein Wort wie Helikopter nicht nach seinen Bedeutungsbestandteilen, sondern nach seinen Silben: „He-li-kop-ter“. So bieten sich zwei ansehnliche Ausdrücke an, heli_ und _kopter. Eigenständige Wörter entstehen  dabei aber nicht, _kopter braucht einen Vorsatz wie heli_ oder eben octo_, quadro_ oder Paket. Vielleicht ist es aber auch hier nur eine Frage der Zeit, bis, unter dem Einfluss des Englischen, wo copter bereits als Abkürzung für helicopter gebräuchlich ist, der Kopter selbstständig wird (auf dem Stoppelmarkt war er es jedenfalls schon). Jedenfalls werden wir auf die vom Griechischen her eigentlich korrekten Bezeichnungen für die erwähnten Fluggeräte, Octopter, Quadropter und gar Paketpter, wohl lange warten müssen.



33.
2014-Sep-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (253)
Obacht

Von Wilfried Kürschner

Unser heutiges Wort, Obacht, ist aus mehreren Gründen von Interesse. Zum einen ist es hinsichtlich seines Vorkommens im Satz ziemlich eingeschränkt: Es dient als Ausruf: Obacht (›Achtung, Vorsicht‹), da kommt ein Auto oder als Teil einer festen Verbindung: (auf jemanden oder etwas) Obacht geben/haben mit der Bedeutung ›achten, aufpassen‹. Auch hinsichtlich seines Verwendungsraums ist es beschränkt, und zwar vor allem auf Süddeutschland, wie die Wörterbücher vermerken. Von seiner Herkunft her gesehen handelt es sich um die Kombination der Präposition (= des „Verhältniswortes“) ob, verwandt mit auf, mit dem Substantiv (= dem „Nomen, Namen-/Hauptwort“) Acht im Sinne von ›Aufmerksamkeit‹.

Diese Verbindung spiegelt sich in der heutigen Aussprache nicht mehr. Die erste Silbe ist „o“, die zweite „bacht“ („o_bacht“). Das ist offenkundig damit zu begründen, dass den Sprechern die Zusammengesetztheit des Ausdrucks nicht mehr bewusst ist. Dies ist bei einer ganzen Reihe von Wörtern der Fall, etwa bei worüber (wo[r] + über), das „wo_rüber“ gesprochen wird, bei Interesse (lateinisch inter + esse ›von Wichtigkeit sein‹), gesprochen „int(e)_resse“, bei Abitur (ab + ire [neulateinisch iturire] ›ab-, weggehen‹), gesprochen „a_bitur“. Für Hebamme gibt es zwei Aussprachen, je nachdem ob das Wort als Zusammensetzung empfunden wird: „hep_amme“ oder nicht: „he_bamme“ (etymologisch geht der erste Bestandteil tatsächlich auf das Wort heben zurück, der zweite aber nicht auf Amme, sondern auf ana ›Ahnin, Großmutter‹: ›Großmutter, die das Neugeborene vom Boden aufhebt‹).

Die geschilderten Verhältnisse haben Konsequenzen für die Rechtschreibung, und zwar für den Bereich Silbentrennung, jetzt „Worttrennung am Zeilenende“ genannt. Bis zur Rechtschreibreform 1996 waren die Wörter nicht nach ihrer Lautung, ihren Sprechsilben, sondern nach ihrer etymologischen Zusammengesetztheit zu trennen: Ob-acht, wor-über, Inter-esse, Ab-itur, Heb-amme. Mit der Reform wurde dann „auch die Trennung nach Sprechsilben korrekt“, wenn „ein Wort nicht mehr als Zusammensetzung erkannt oder empfunden wird“, wie es in Kennziffer 167 des Rechtschreibdudens heißt: O-bacht, wo-rüber, Inte-resse, A-bitur, merkwürdigerweise jedoch nicht He-bamme. Wie man bei O-bacht und A-bitur sieht, konnte 1996 auch ein einzelner Vokalbuchstabe am Wortanfang abgetrennt werden. Bei der zweiten Revision der Reform im Jahre 2006 wurde dies wieder rückgängig gemacht, sodass normgerecht jetzt nur Ob-acht und Ab-itur bzw. Abi-tur zu schreiben ist. Dies gilt auch für beobachten: jetzt wie schon vor 1996 nur be-ob-ach-ten, von 1996 bis 2006 auch beo-bachten.



32.
2014-Aug-26
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Ein Blick in das Grundgesetz
Professor Kürschner verteidigt Pressefreiheit
Meinung zum Leserbrief „Schlecht recherchiert“ von Elisabeth Wansorra (OV vom 20. August) [Bezugstext 2] und der Reaktion darauf von Matthias Elberfeld (OV vom 25. August) [Bezugstext 3]

Herr Elberfeld weist meines Erachtens die Kritik von Frau Wansorra am Artikel „Dor mäöt mehr Kinner in Dütschland geborn wern“ von Rudi Timphus am 13. August [Bezugstext 1] im Ganzen gut begründet zurück. Auch ich habe dort keine „nationalistischen Töne“ hören können. Es steht der Leserbriefschreiberin aber selbstverständlich frei, die Meinung zu vertreten und öffentlich zu äußern, die Thesen von Herrn Timphus offenbarten ein „übersteigertes Nationalgefühl“ (so die Definition von „Nationalismus“ im Universalwörterbuch des Duden). Wenn sie aber schreibt: „Solche nationalistischen Töne haben in der OV nichts zu suchen!“, so ist dies der Aufruf zur Pressezensur. Es lohnt, in diesem Zusammenhang Artikel 5 des Grundgesetzes zu lesen: „(1) Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt. (2) Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“

Wenn man der OV einen Vorwurf machen möchte, dann höchstens den, dass die im Ausgangstext vorkommenden Zahlen „3250 Millionen (deutsche Wehrmachtsangehörige)“ und „665 Millionen (Flüchtlinge in Westdeutschland)“ nicht stillschweigend in „3,25“ bzw. „6,65 Millionen“ korrigiert wurden.

Dr. Wilfried Kürschner 
Vechta

Bezugstext 1:

2014-08-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Dor mäöt mehr Kinner in Dütschland geborn wern, sonst starwt wi ut
Immer mehr Frauen schäölt in dei Industrie und in’t Handwark instellt wern / Käönt dei dor baoben nich räken?

Van Rudi Timphus

Ollenborger Münsterland. Meist sämzig Johr is dat nu all her, at dei II Weltkrieg up’n Enn’n wör un Dütschland total zerstört wör. Doch dornao häbbt wi use Dütschland nao un nao wedder upbaut un 1989West un Ost wedder vereint. Nich ein häff dormit räkt. Un nu staoht wi all wedder ganz baoben in Europa. Dait us dat uppe Duur gaut? Dei Neid vanne Naoberstaoten un daoräöwer henut is sicher heller grot. Dütschland is nu woll dat riekste Land in Europa. Doräöwer käönt wi stolt wäsen. Van nicks kummp nicks. Aower laot us up’n Teppich bliewen. In’n Groten un Ganzen käönt wi taufräe wän. Aower kiekt jau üm, wor äöwerall dei Krieg taugange is. Dei Lüe verlaot’t ehr Land un wät nich worhen. Wecke will disse Lüe upnähmen? Wecke Not dor achter sitt, kann man doran seihn, wo väl Lüe un besünners uck Kinner van Afrikao äöwer’t Mittelmeer nao Italien kaomen sind. Wo väl häbbt in ehre Verzweiflung ehr Läwen up’t Spill set’t, un wo väl häbbt ehr Läwen dorbi laoten mösst? Millionen van Menschen sind nu uck all wedder up dei Flucht. Un forts mott man an dei Flucht van 1945 denken. 3250 Millionen dütsche Wehrmachtsangehörige sind in den lessden Krieg üm’t Läwen kaomen. Millionen Flüchtlinge, van 665 is dei Räde, söchten sick im Westen von Deutschland eine naie Heimat. Schwor för dei Einheimischen un schwor för dei Flüchtlinge. Un nu mäöt wi up Duur sicher uck wedder Flüchtlinge upnähmen, dei ehre Heimat verlaoten mössen. Dor kaomt wi nich ümhen. Häss du di dat all maol dörn Kopp gaohn laoten, dat in kotte Tied dei Dütschen in ehr eigen Land eine Minderheit sind? Dei Regierung röpp dei Industrien un Handwarkers up, mehr Frauen intaustellen. Ick fraog mi, wor löpp dat hen? Dat bedütt: Immer weniger Kinner, immer weniger Dütsche? Dei Bevölkerung in use Land is in dei lessden Johre stägen. Aower dei Taohl van dei Dütschen is stark rünnergaohn. Kriegt wi dat hen, dei Flüchtlinge ut Afrikao, ut Syrien, ut’n Irak usw. in Dütschland nich bloß uptaunähmen, sondern uck tau integrieren? Naon lessden Krieg wör dat all schwor dei dütschen Flüchtlinge ünnertaubringen. Aower ick fraog mi: Wor schäölt up Duur use Kinner herkaomen? Allein mit dei Kinnertagesstätten is dat nich gedaon. Aower dat Wichtigste is un bliff immer noch: Dor mäöt mehr Kinner geborn wern. Sonst starwt wi in kotte Tied ut. Käönt dei dor baoben nich räken?

Bezugstext 2:

2014-Aug-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

„Schlecht recherchiert“
Kritik an nationalistischen Tönen in der OV
Lesermeinung zum Artikel „Dor mäöt mehr Kinner in Dütschland geborn wern“ aus der OV-Serie „Bündnis för use Platt“ vom 13. August

Irgendwo zwischen entgeistert und entsetzt habe ich den plattdeutschen Artikel von Rudi Timphus gelesen: Da wird in der OV unter einem Bericht über die Ludgerus-Schule, die sich den Titel „Schule ohne Rassismus“ erarbeitet hat, lamentiert, dass „wir“ –wer auch immer das sein mag – aussterben, dass „wir“ in kurzer Zeit eine Minderheit im eigenen Land seien und so weiter ... Ich habe meinen Augen nicht getraut. Solche nationalistischen Töne haben in der OV nichts zu suchen! Abgesehen davon ist der Text schlecht recherchiert – im Zweiten Weltkrieg sind etwa 60 Millionen Menschen gestorben, davon waren 3250000 deutsche Soldaten, keine 3250 Millionen (nach W. van Mourik: „Bilanz des Krieges“,Rotterdam,1978).

Elisabeth Wansorra
Dinklage

Bezugstext 3:

2014-Aug-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

„Anerkennung unseres Grundgesetzes ist eine Voraussetzung“
G
emeinschaft mit gleichen ethischen Wertvorstellungen ist lebensnotwendig, findet Matthias Elberfeld
Lesermeinung zum Leserbrief „Schlecht recherchiert“ (OV vom 20. August):

Was heißt hier „solche nationalistischen Töne“? Frau Wansorra ist offensichtlich nicht in der Lage, zwischen einem bornierten, chauvinistischen Hitlerfaschismus auf der einen Seite und dem Recht auf ein Leben in seinem angestammten national-kulturellen Heimatumfeld zu unterscheiden. Was haben lächerliche Schmierereien an der Ludgerusschule, wie „88“ – die offensichtlich einen geistig beschränkten Zusammenhang zum Nazi-Faschismus herstellen sollen –mit der aus meiner Sicht berechtigten Sorge vor Überfremdung in diesem Land zu tun?

Herr Timphus beklagt zu Recht, dass die einheimische Bevölkerung abnimmt und somit zwangsläufig durch vielfältige Kulturen mathematisch mengenmäßig ausgeglichen wird. Frau Wansorra, zu dem, was Sie unter dem Wort „wir“ im Zusammenhang mit dem Begriff Nationengedanke nicht verstehen können, möchte ich Ihnen hier einige Anregungen geben: Die Bundesrepublik Deutschland ist aus dem Nationalstaatsgedanken heraus als Weiterführung des zweiten Deutschen Reiches sowie der so genannten Weimarer Republik gegründet worden. In Artikel 1, Absatz 2 unseres Grundgesetzes ist nur vom Deutschen Volk die Rede. Wer ist nun dieses Deutsche Volk? Mittlerweile nicht mehr nur die von Deutschen geborenen, sondern diejenigen, welche sich mit folgendem als kongruent empfinden: Es besteht ein Minimalkonsens in der ansatzweisen Beherrschung der deutschen Sprache. Weiterhin gilt die Verinnerlichung der christlich geprägten abendländischen Werteordnung und Kultur. Aber auch die Anerkennung unseres Grundgesetzes ist eine Voraussetzung. Also, ein Südoldenburger Ureinwohner ist eindeutig auch ein Deutscher. Somit hat er auch die Möglichkeit, sich selbst mit dem Wort „Wir“ als Deutscher zu integrieren. Der Nationengedanke gilt somit nicht nur für Fußballspiele, sondern steht vielmehr in einem über Jahrhunderte gewachsenen sozialkulturellen Kontext. Diese Gemeinschaft ähnlich denkender und handelnder Menschen mit gleichen ethischen Wertvorstellungen ist für jeden Menschen lebensnotwendig. Denn Menschen sind zwar individuelle Persönlichkeiten, die aber ohne ein intaktes soziales Umfeld, mit einer sich verständigenden Bevölkerung, nicht dauerhaft existieren können. Eine gesellschaftliche Verfremdung ist diesem nicht dienlich. Als Beispiel sei der Niedergang der nordamerikanischen Urbevölkerung erwähnt.

Matthias Elberfeld
Vechta



31.
2014-Aug-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (232)
bräsig

Von Wilfried Kürschner

Eine kleine Umfrage bei sprachinteressierten Mitmenschen hat Unsicherheiten hinsichtlich Bedeutung und Verwendung des heutigen Wortes, bräsig, ergeben, das Marlene Schwegmann vorgeschlagen hat. Einigen erschien die Definition im Duden-Universalwörterbuch einleuchtend: ›nicht imstande oder willens, sich auf jemanden oder etwas einzustellen; dickfellig‹. Andere fanden die des Wahrig’schen „Deutschen Wörterbuchs“ zutreffender: ›behäbig, dösig, dümmlich‹, konnten aber wenig mit dem Beispielsatz „Sie hat sich bei der Klausur bräsig angestellt“ anfangen.

Einig sind sich die beiden Wörterbücher darin, dass das Wort aus dem Niederdeutschen in die Hoch- oder Standardsprache gelangt ist und eigentlich so viel wie ›kräftig, wohlgenährt‹ bedeutet. Dies wird von den Plattdeutschwörterbüchern bestätigt: ›wohlgenährt, mit roten Wangen versehen‹ heißt es in Wolfgang Lindows „Plattdeutsch-hochdeutschem Wörterbuch“ (1998), mit Verweis auf brösig: ›keck, stolz, übermütig‹. Der „Neue Sass“ (2007) kennt dagegen nur die letztgenannte Variante.

Im maßgebenden „Niedersächsischen Wörterbuch“ (das noch nicht abgeschlossen ist, sondern erst bis zum Stichwort Reise reicht) werden drei Unterbedeutungen aufgeführt: 1. ›prahlerisch, protzig, herausfordernd‹, 2. ›von Gesundheit strotzend‹, 3. ›wirr im Kopf‹. Wie es zu der Bedeutungsverschiebung im Hochdeutschen gekommen ist, wird nirgendwo erklärt – vielleicht steht im Hintergrund das Bild vom wohlgenährten, rotwangigen Bauern, der aber (vom sich überlegen dünkenden Städter) als geistig und charakterlich etwas minderbemittelt angesehen wird. Der Leser frage sich vor diesem Hintergrund einmal, wie er den Satz aus der „Frankfurter Allgemeinen“ vom 23. Juli des Jahres versteht: „Wenn man Hunger hat und es schnell gehen muss, dann halten bräsige Leute bei McDonald’s den Betrieb mit ihren Extrawürsten auf: Softdrinks, Softeis, Nippes für Kinder – lauter Sachen, die man anderswo viel besser kaufen kann.“

Dieser Artikel wäre unvollständig, wenn wir nicht noch auf die Figur zu sprechen kämen, die unser Wort im Namen trägt: Zacharias Bräsig, besser bekannt als „Onkel Bräsig“, die Hauptfigur in Fritz Reuters Roman „Ut mine Stromtid“ (1862–1864) und in einigen anderen Werken Reuters. Für den nur Hochdeutsch Sprechenden (mit den eingangs genannten Bedeutungen im Kopf) ist der Name geeignet, falsche Vorstellungen von seinem Träger hervorzurufen.

So ist wohl zu erklären, dass in einem Wiederabdruck der fiktiven „Briefe des Herrn Inspektors Bräsig an Fritz Reuter“ in einer „ungekürzten Feldpostausgabe“ von 1943 zum Titel eine erläuternde Fußnote angebracht wird: „Der Name bezeichnet einen frisch, rot aussehenden Menschen.“

„Entspekter“ (Inspektor, Gutsverwalter) Zacharias Bräsig verkörpert im mecklenburgischen Landstand, in dem der genannte Roman angesiedelt ist, „das moderne aufklärerische Denken, propagiert den Fortschritt, hat ein junges Herz und ein Herz für die Jugend“, wie es in „Kindlers Literaturlexikon“ (1970) heißt. Hervorgehoben werden seine „pfiffige Weltklugheit, sein treuer, uneigennütziger Rat, seine resolute Hilfsbereitschaft“, kurz „seine Grundanständigkeit“. Zur Glaubwürdigkeit der Figur tragen „der schlaue Witz, der schalkhafte Humor“, aber auch die „Lächerlichkeit seiner äußeren Erscheinung“ bei.

An „seiner eigenartig gedrechselten Art des Sprechens, seiner Vorliebe für hochdeutsche Wendungen und dem Gebrauch halbverstandener Fremdwörter“ kann sich wenigstens annäherungsweise auch der Leser der hochdeutschen Übertragung des Romans („Das Leben auf dem Lande“, 1975) erfreuen. Zur Beliebtheit von Fritz Reuters populärster Figur haben in den 1970er und 80er Jahren sicher auch die Fernsehserien „Onkel Bräsig“ und „Onkel Bräsig erzählt“ mit Fritz Hollenbeck in der Titelrolle beigetragen.



30.
2014-Aug-16
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Tüdelkram

Von Wilfried Kürschner

Endlich ist es so weit: S€PA, der Einheitliche Europäische Zahlungsverkehrsraum, ist seit Monatsanfang wenigstens für den Geschäftsverkehr verpflichtende Realität (privat dürfen wir noch bis Februar 2016 wie bisher weitermachen).

Damit geht wohl auch die spannende Zeit zu Ende, in der beinahe täglich Briefe eintrudelten, in denen uns am Ende versichert wurde, dass wir nichts weiter zu tun brauchten. Wir sollten bloß zur Kenntnis nehmen, dass der Bankverkehr mit dem Absender nunmehr nach dem neuen Verfahren ablaufe. Diese Umstellung brachte uns schöne lange neue Kontonummern mit 22 Stellen ein (wobei wir uns nicht beklagen sollten, die Malteser haben 32-stellige). Die Umstellung hat uns aber auch etwas genommen, und zwar im sprachlichen Bereich, nämlich die Umlautbuchstaben ä, ö und ü sowie den deutschesten aller Buchstaben, das ß. Man merkt das, wenn man am Computer in der Zeile Verwendungszweck so etwas wie „Büromöbel“ eingeben möchte. Bei meiner Direktbank wird sofort der Hinweis eingeblendet, dass „keine Umlaute (ä, ö, ü, ß)“ zu verwenden und die „Umlaute“ durch „ae, oe, ue, ss“ zu ersetzen sind (auf den weiten Umlautbegriff dieser Bank sei hier nur hingewiesen). Sie hält sich aber selber nicht an diese Ersetzungsregel, wenn sie mir etwas auf die Hausbank überweist. Dann wird das ü in meinem Namen nämlich nicht in ue umgewandelt, sondern es erscheint einfach der Grundbuchstabe u ohne das Pünktchengetüdel darüber. Ein Glück, dass ich nicht „Düssel“ heiße. So ganz neu ist das nicht. Mit Umlauten oder ß im Namen Geschlagene kennen das von Ausweis- und anderen Karten. So erscheint etwa im Personalausweis und im Reisepass in der oberen Namenszeile der gewohnte Buchstabe, im unteren Teil, der immer durch die Lesegeräte geratscht wird, dagegen die aufgelöste Form. Daran sind wir gewöhnt, Schwierigkeiten habe zumindest ich dagegen mit der Umgestaltung der sensiblen Buchstaben, wie sie etwa in E-Mails und auf Websites vorkommt. Beispiele dafür finden sich im Kopf dieses Artikels. Der Mailabsender hat Tüdelkram mit ü geschrieben, an kommt „Tüdelkram“. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass die Zeichenfolge „ü“, die offenbar für das ü steht, so zu lesen ist, dass das Kaufmanns-Und oder Et-Zeichen („&“) den Anfang und das Semikolon das Ende einer nicht buchstäblich zu nehmenden Zeichenkette anzeigen. Dazwischen steht, welcher Buchstabe gemeint ist, nämlich das u mit Umlautpünktchen („uml“). Noch kryptischer kommt mir eine andere Sorte von Umwandlung in meinem Namen vor („ü“): ein großes A mit einer Tilde darüber, gefolgt vom Zeichen für ein Viertel.

Grund dafür ist offenbar, dass die erwähnten Buchstaben über den Satz an Grundzeichen hinausgehen, wie sie (natürlich!) im Englischen verwendet werden und im ASCII-Code (sprich „aski“) mit seinen 95 druckbaren Zeichen definiert sind. Er umfasst das lateinische Alphabet in Groß- und Kleinbuchstaben, die zehn arabischen Ziffern sowie einige Satzzeichen. Für Sonderzeichen war da kein Platz. Zwar wurden für Satz und Druck etwa von Zeitungen wie dieser die nationalen Sonderbuchstaben hinzugefügt, aber fremde bleiben meist weg und werden durch die Grundbuchstaben ohne Tüdelkram (vornehmer „diakritische Zeichen“ genannt) ersetzt.

Dazu gehören beispielsweise die Cedille am c („ç“), die Tilde über dem a („ã“) und anderen Vokalbuchstaben, der Bogen über dem g („¥“), der Strich durch das L („¥“) oder der Akzent auf dem o („ó“) und sogar dem z („¥“). So ist dann von „Barca“ zu lesen (statt Barça), von der „Selecao“ (statt Seleção) und von „Lodz“ (statt ¥ód¥ [gesprochen „wutsch“ mit englischem „w“]).

Schöne Grüße bis zum nächsten Mal!



29.
2014-Aug-14
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (226)
Stoppelmarkt

Von Wilfried Kürschner

Lesern dieser Zeitung braucht wohl niemand zu erklären, was es mit dem Stoppelmarkt auf sich hat. Jeder weiß, dass er Mitte August stattfindet, immer unter Einschluss des katholischen Feiertages Mariä Himmelfahrt (am 15.) oder, wenn dieser Tag auf einen Mittwoch fällt, vom Donnerstag darauf bis zum nächsten Dienstag. Man hört und liest auch (www.stoppelmarkt.de), dass es sich mit 800.000 Besuchern (wer die nur alle gezählt hat?) um einen der größten Märkte in Nordwestdeutschland handelt.

Nun könnte ein Außenstehender fragen, wie es angehen kann, dass an sechs Tagen so viele Leute einen Markt aufsuchen, wenn er dem Verständnis des Wortes Markt folgt, wie es etwa im Universalwörterbuch des Duden niedergelegt ist: ›Verkaufsveranstaltung, zu der in regelmäßigen Abständen an einem bestimmten Platz Händler und Händlerinnen [!] zusammenkommen, um Waren des täglichen Bedarfs an (fliegenden) Ständen zu verkaufen‹. Das trifft zwar auf den Vechtaer Stoppelmarkt auch zu, aber man sucht ihn in erster Linie doch nicht deshalb auf, um „Waren des täglichen Bedarfs“ zu kaufen und schon gar nicht „an fliegenden Ständen“. Zwar kann man dort auch Einkäufe tätigen, der Hauptzweck des Stoppelmarktbesuchs ist aber das Vergnügen, das kein bloßer Markt, wohl aber ein Jahrmarkt bietet. Ein Jahrmarkt ist, wie es in Wahrigs „Deutschem Wörterbuch“ heißt, ein ›(zu bestimmten Zeiten) jährlich stattfindender Markt mit Karussells, Schaustellungen usw.‹ (in Vechta mit Betonung des „und so weiter“). Richtig müsste unser Zentralereignis also „Stoppeljahrmarkt“ heißen. An eine Umbenennung ist aber überhaupt nicht zu denken. Denn er trägt seinen Namen seit seiner Verlagerung vor die Tore der Stadt im Jahre 1577 (um der Pest zu entgehen – die Anfänge liegen über 700 Jahre zurück).

Das Vorderglied, Stoppel, besagt, dass der Markt an oder auf den gemähten Feldern abgehalten wird, auf denen vor dem Umpflügen noch die Stoppeln stehen, die ›nach dem Mähen stehengebliebenen Halmreste‹. Ursprünglich handelte es sich, wie es Franz Hellbernd in seiner verdienstvollen Marktgeschichte darstellt, um einen Markt im erstgenannten Sinn, den wir uns aber nicht wie einen heutigen Wochenmarkt – einen ›regelmäßig an einem oder mehreren Wochentagen stattfindenden Markt (besonders für Gemüse, Obst, Geflügel, Blumen)‹ – vorstellen sollten; es handelte sich vielmehr und für lange Zeit um einen Markt mit einem viel umfassenderen Warenangebot und -umschlag.

Die beiden Bestandteile des Wortes stammen übrigens aus dem Lateinischen. Stoppel geht zurück auf stupula/stipula, ›(Stroh-)Halm‹. In die Hochsprache wurde es in seiner niederdeutschen Form übernommen, sonst müsste es „Stopfel“ heißen (wie man am Beispiel Appel – Apfel sehen kann). Markt kommt aus dem lateinischen mercatus (›Handel, Markt‹), das zugrundeliegende Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“) ist mercari (›Handel treiben‹) und gehört zu merx („merks“), ›Ware‹. Beide Bestandteile kommen uns nicht mehr wie Fremdwörter vor, sie sind völlig eingedeutscht.

Man spricht von Lehnwörtern, die wie viele andere mehr zeigen, dass die Römer, was Landwirtschaft, Handel und vieles andere angeht, unseren Vorfahren so überlegen waren, dass diese Vorhandenes mit Wörtern aus dem Lateinischen benannten und bei neuen Sachen nicht nur diese, sondern dazu auch gleich die Benennungen übernahmen (wie wir es jetzt auch tun, aber aus dem Englischen, dem neuen Latein: aus dem Schlussverkauf wird der Sale, das Internet haben wir so übernommen, nur die Freaks sprechen vom Netz).



2014-Aug-10
OV am Sonntag [Vechta]

OVS-Kolumne: Jahr der Wörter (222)
Jähzorn

Von Wilfried Kürschner

Eigentlich weiß jeder, der das Deutsche einigermaßen beherrscht, was unter dem heutigen Stichwort, Jähzorn, zu verstehen ist, oder er kann es sich zusammenreimen, wenn er weiß, was jäh bedeutet und was Zorn. Wozu dann in den Wörterbüchern nachschlagen und nach Belehrung über etwas suchen, was einem bereits bekannt ist? Das tun nur Leute wie Jochen Bär, der Initiator dieser Serie, und seine Unterstützer (und finden, wie gelegentlich zu hören ist, dafür Interesse bei einer gewissen Sorte von Lesern dieser Zeitung und darüber hinaus). Zum Wörterbuch greifen aber auch und vornehmlich Menschen, denen die Bedeutung eines Wortes nicht vor Augen steht oder die sich unsicher sind, ob sie es recht verstehen und gebrauchen. Dies betrifft vor allem Leute, die das Deutsche als Fremdsprache lernen, und andere, die in die Sprache hineinwachsen – da könnte sich der Griff zum Wörterbuch lohnen. Und natürlich für alle bei Fremd- und Neuwörtern (aber mal ehrlich: Wann haben Sie zuletzt zum Wörterbuch gegriffen?). Bei Jähzorn handelt es sich aber weder um ein Fremd- noch ein Neuwort (eher das Gegenteil), und wenn der heutige Kolumnist nachschlägt, so nur, um seine Pflicht zu erfüllen – so dachte er jedenfalls am Anfang.

Im DWDS-Wörterbuch (im Internet), das auf das 1961 bis 1977 in der DDR erschienene „Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache“ zurückgeht, wird das Wort mit ›plötzlich ausbrechender, wilder Zorn‹ definiert. Das Grundwort Zorn taucht in der Definition wieder auf – eigentlich ein Verstoß wider das Gebot, Unbekanntes nicht mit Unbekanntem zu erklären, denn nun müsste sich der, der nicht weiß, was unter Zorn zu verstehen ist, unter diesem Stichwort schlaumachen. Besser wird er in dieser Hinsicht in Wahrigs „Deutschem Wörterbuch“ bedient: Jähzorn = ›plötzlich auftretende Wut‹. Wenn er aber nun nicht weiß, was Wut ist? Dann schlägt er unter diesem Stichwort nach und erfährt: Wut = ›heftiger Zorn‹. Wir sind unversehens in die Problematik jedes Wörterbuchs geraten, in dem die Wörter einer Sprache durch andere Wörter derselben Sprache erklärt werden. Man spricht vom „Circulus vitiosus“, dem Teufelskreis: Wut ist Zorn, und Zorn ist Wut. Bloß gut, dass man seine Muttersprache nicht aus dem Wörterbuch erlernen muss, sondern sie zum größten Teil im handelnden Umgang mit Mensch und Welt erwirbt.

Auch das hier des Öfteren herangezogene Duden-Universalwörterbuch enthält in der Definition das zu definierende Wort, ›plötzlich ausbrechender Zorn‹, fährt dann aber fort: ›… der auf einer Neigung zur Heftigkeit beruht und durch einen bestimmten Vorfall ausgelöst wird‹. Durch diesen Zusatz wird die Bedeutung des Wortes sehr viel genauer erfasst, aber wohl noch nicht ganz. Mit Jähzorn kann ein plötzlicher Ausbruch, ein Wutanfall, gemeint sein, es kann aber auch die Neigung, die in der Persönlichkeit eines Menschen angelegte Disposition zu solchen blindwütigen Ausbrüchen gemeint sein. Der Wahrig versucht beides zu erfassen: ›heftige Erregbarkeit, plötzlich auftretende Wut‹. Elegant ist die Definition in Pauls „Deutschem Wörterbuch“ (10. Auflage, 2002): ›unbeherrschter Wutausbruch bzw. Neigung dazu‹. Was jeweils gemeint ist, ergibt sich aus dem Zusammenhang: „in wildem Jähzorn zuschlagen“ (Wutausbruch), „von seinem Jähzorn übermannt werden“ (Neigung).

Vielleicht war der Einsender des heutigen Wortes gar nicht so sehr an den obigen Bedeutungsquisquilien interessiert, sondern mehr an der Herkunft des Wortes bzw. seiner Bestandteile (ein häufiger Beweggrund für den Griff zum passenden Wörterbuch). Zu lesen ist, dass die weitere Herkunft von Zorn unbekannt ist. Das Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) jäh lautete im Mittelhochdeutschen gaehe, im Althochdeutschen gahi. Das heutige „j“ im Anlaut wird auf mundartliche Aussprache des „g“ zurückgeführt. Man denke an jwd – berlinerisch für „janz weit draußen“.