Berichte 2014 (Januar bis Juli)



28.
2014-Jul-20
OV am Sonntag [Vechta]

OVS-Kolumne: Jahr der Wörter (201)
Kaponier

Von Wilfried Kürschner

Ein Alptraum (Albtraum?) für den Serienschreiber: Das (von Norbert Lennartz, Anglistikprofessor in Vechta) eingereichte Wort steht nicht im Wörterbuch – in keinem Duden, keinem Wahrig, nicht im Grimm, im Kluge oder Pfeifer und auch nicht im „Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache“ (www.dwds.de).

So geht es einem bei Kaponier. Ist es überhaupt richtig geschrieben? Wie wird es ausgesprochen, das -ier am Ende wie bei Offizier oder wie bei Portier? Heißt es der, die oder das Kaponier? Und was bedeutet das Wort, wo kommt es her (wenn es überhaupt existiert)? Klammheimlich kommt der Notfallrettungsschirm zum Einsatz: Google. Das erste Angebot ist gleich „Kaponier Vechta“, die Links führen zum Hotel, Restaurant und Café dieses Namens. Heißt so vielleicht der Besitzer? Nein, beim genauen Hinsehen zeigt sich, dass der Name offiziell „Hotel ,Am Kaponier‘“ lautet. Und da fällt dem Vechtaer ein, dass ja das kleine altertümliche Gebäude neben dem Hotelkomplex Kaponier heißt, ja, richtig, das Haus, in dem der „Kunstverein Kaponier“ seine Ausstellungen präsentiert.

Aber auch das hilft letztlich nicht weiter bei der Suche nach der Antwort auf die eingangs gestellten Fragen. Zurück zu Google. Etwas weiter unten wird auf dem Monitor ein Link auf ein ähnlich geschriebenes Wort in der Wikipedia angeboten: Kaponniere. Und dort ist dann zu erfahren, dass dieses Wort im „Fortifikationswesen (Festungsbau)“ eine Rolle spielt. Es könne auch Caponnière geschrieben werden und sei eine „französische Ableitung vom italienischen capone = ›großer Kopf‹“. Wie immer ist bei der Wikipedia Vorsicht geboten, und eine Gegenprüfung ergibt, dass capone so viel wie ›Kapaun = kastrierter Masthahn‹ bedeutet (so auch bei Al Capone?). Laut dem französischen Wörterbuch „Petit Robert“ (der gar nicht so petit ist) geht la caponnière auf italienisch capponiera, spanisch caponera zurück, die beide ›Kapaunenkäfig‹ bedeuten. Wie dem auch sei, als Kaponniere bezeichnet man laut Wikipedia „einen fest gedeckten oder massiv gemauerten Gang oder Raum, aus dem die Verteidiger mit Gewehren oder gar Geschützen Angreifer auf der Sohle des Befestigungsgrabens beschießen konnten. Eine Kaponniere ragt oben oder auf der Festungsmauer aus dem Festungswall hervor …“. Von diesem Artikel wird übrigens verwiesen auf die „Liste der Fachbegriffe im Festungsbau“ in der Wikipedia, die unter vielen anderen auch die Kaponniere enthält. Auf „Duden online“ findet sich Kaponniere ebenfalls, aber nun als der (und nicht die) Kaponniere, mit der Ausspracheangabe „Kaponniere“ (also wie bei „Barriere“) und der Bedeutungsangabe ›bombensicherer Gang in einer Festung‹.

Auf die Spur „Festungswesen“ gesetzt, denkt der Vechtaer an die Zitadelle und greift zur detaillierten Darstellung der „Geschichte der Festung und Zitadelle Vechta“ von Gerd Dethlefs in Band 1 der „Beiträge zur Geschichte der Stadt Vechta“ (1992, redigiert von Wilhelm Hanisch, Franz Hellbernd, Joachim Kuropka). Dort ist von einem Kaponier zu lesen (in dieser Schreibung, S. 314), und man erfährt, dass „der Bau des neuen Kaponiers auf dem Fundament des ehemaligen Turmes“ erfolgte, und zwar im Jahre 1705. Das (!) Kaponier, ein „vor der Festung stehendes Außenwerk“, diente nun aber als Gefängnis mit zehn Zellen und zwei Wachtstuben. Es blieb, ebenso wie das Zeughaus (heute Museum), bei der „Entfestigung“ (1764–1779) erhalten. Die (in Vechta) übliche Aussprache des Wortes Kaponier ist übrigens mit -ier wie in Offizier, das Genus schwankt zwischen der und das Kaponier.

Sprachlich sind Reste der Vechtaer Zitadelle noch in Straßennamen erhalten: Contrescarpe, die „Gegen-Eskarpe“, also die ›äußere Mauer oder Böschung des Festungsgrabens‹ (die Eskarpe ist die ›innere Grabenböschung bei Befestigungen‹); An der Paulus- bzw. Christoph-Bernhard-Bastei, eine Bastei (Vergrößerungsform: Bastion) ist ein ›hervorspringender Teil an Festungsbauten, Bollwerk‹.



27.
2014-Jul-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
„Unsere Mannschaft“

Von Wilfried Kürschner

Unter der ominösen Überschrift „Die Welt spricht ,Mannschaft‘“ prophezeit Timo Frasch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ von Anfang der Woche (15. Juli), dass das Deutsche drauf und dran ist, den Sprachen der Welt ein neues Wort zu bescheren, eben das Wort „Mannschaft“. Damit wäre dann nicht irgendeine Mannschaft irgendeiner Sportart oder gar die Besatzung eines Schiffes, die Gesamtheit der Soldaten einer militärischen Einheit oder ein beliebiges Arbeitsteam gemeint, sondern natürlich die deutsche Fußballnationalmannschaft (der Männer), die gerade den Weltmeistertitel geholt hat. Dieser Begriffsgebrauch, so Frasch, habe sich in Frankreich bereits seit längerem einbürgert (mit französischem Artikel [= „Geschlechtswort“] natürlich: „la Mannschaft“), sei aber auch in den Ländern Lateinamerikas sowie in Russland (hier ohne Artikel, da das Russische eines solchen entbehrt), in den arabischen Ländern und im Englischen („the Mannschaft“) zu beobachten.

Wir haben in Deutschland in den vergangenen vier Wochen auch oft einfach von „der“ oder „unserer Mannschaft“ gesprochen, wenn durch den Redezusammenhang klar war, dass „Jogis Jungs“ gemeint waren. Alternativ sprach man von der „Nationalmannschaft“, vom „Nationalteam“, kurz von „Deutschland“ („Schland“ war wider Erwarten gar nicht so oft zu hören), von „den Deutschen“ oder einfach von „uns“ – „wir“. Es fällt auf, dass es in unserer Sprache keinen speziellen, allgemein bekannten und gebrauchten Namen für die Fußballnationalmannschaft gibt, noch nicht einmal einen Spitznamen. Der Begriff „DFB-Auswahl“ klingt gar zu hölzern bürokratisch, im Gegensatz zur „Seleção“, wie die Brasilianer ihr Nationalteam nennen. Dabei bedeutet „Seleção“ nichts anderes als „Auswahl“ (wir haben es als Fremdwort „Selektion“). Der Spitzname „Canarinho“ („wie ein Kanarienvogel“) ist derzeit nach dem 7:1 wohl eher nicht so beliebt. Die Portugiesen (4:0) verwenden ebenfalls den Begriff „Seleção“ (schließlich spricht man in beiden Ländern Portugiesisch), präzisieren ihn aber durch den Zusatz „S. das Quinas“, womit die fünf Schilde im Wappen und in der Flagge gemeint sind. In Argentinien (1:0) ist – um die Reihe der Länder, gegen die „Klose, Kroos, Kedhira, Kramer & Co.“ gespielt haben, fortzusetzen – die spanische Fassung „la Selección“ in Gebrauch (wie auch in Spanien selbst – aber gegen die Spanier haben „wir“ ja nicht gespielt). Daneben gibt es die „Albiceleste“, die Mannschaft der „Weißhimmelblauen“, nach den Landes- und Trikotfarben. Den im Land selbst nicht gebräuchlichen Spitznamen „Gauchos“ („Viehhirten“) hat am Dienstag bei der WM-Feier in Berlin eine Spielergruppe in einer Art Watschelgesang aufgegriffen und damit bei Politisch Korrekten für Aufregung gesorgt.

Die Riege der romanischsprachigen Länder wird komplettiert durch Frankreich (1:0), wo aber nicht von der „sélection“, sondern von den „Bleus“, „den Blauen“, gesprochen wird, bisweilen auch von den „Tricolores“, den „Dreifarbigen“, nach der Flagge. (Die Farbe [Himmels-]Blau findet sich auch im Spitznamen der Mannschaft Italiens: „Azzurri“.) Die Spieler Algeriens (2:1) heißen „die Grünen“ oder „die Wüstenkrieger“ – am gebräuchlichsten ist „les Fennecs“ („die Wüstenfüchse“). Die ghanaischen Spieler (2:2) werden „Black Stars“ genannt. Für den siebten Gegner unserer „Elf“, die USA (1:0), gibt es laut der Quelle, auf die sich die Ausführungen hier stützen (eine Hintergrundgeschichte der Deutschen Presseagentur), keinen Spitznamen; ihre Anhänger nennen sich „Sam’s Army“.

Im Sportteil der Ausgabe der F.A.Z., die Auslöser dieser kleinen sprachlichen Nachbetrachtung zur Fußball-WM war, fand sich übrigens eine halbseitige Anzeige einer schweizerischen Bank. Dort war zu lesen: „Ihr ward großartig!“ So jedenfalls in der Papierausgabe, die in aller Frühe mit der „OV“ zugestellt wird. In der am Vormittag aufgerufenen Internetausgabe hieß es dann korrekt: „Ihr wart großartig“ – und in beiden Erscheinungsformen: „Danke für die spannende Zeit!“



26.
2014-Jul-10

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (191)
Kommers

Von Wilfried Kürschner

Manchmal können wir uns genau daran erinnern, wann wir ein Wort neu kennengelernt haben. Das heutige Wörterjahrwort, Kommers, begegnete mir vor einem halben Jahrhundert. Ich war damals Oberprimaner (in heutiger Redeweise „Schüler der 13. bzw. 12., jedenfalls der letzten, Jahrgangsstufe des Gymnasiums“), und wir angehenden Abiturienten (nein, nicht „Abiturientinnen und Abiturienten“ oder gar „Abiturient*inn/en“, denn damals gab es weder gemischte Gymnasien in Dortmund noch „genderte“ man) – wir fingen an, uns auf das Studentenleben (eventuell nach dem Wehr- oder Ersatzdienst, denn beides gab es damals noch) vorzubereiten, zu dem eben auch, wie man erfuhr, Trinkabende gehörten („Abipartys“ gab es damals übrigens noch nicht und auch keine „Unipartys“). Diese Trinkabende hießen vornehmer Kommerse, und die Aufgabe des Klassensprechers war es, in einer Pinte einen großen Tisch für die gut zwanzig Mitabiturienten (denn mehr davon gab es 1965 nicht am Dortmunder Helmholtz-Gymnasium) zu reservieren, wo dann eben der Kommers seinen Lauf nahm – wohl als eines der Rituale des Erwachsenwerdens (volljährig wurde man übrigens erst mit 21).

Ich bin nicht sicher, ob wir damals jedes Mal die Definition des Wörterbuchs voll und ganz erfüllten, wonach es sich bei einem Kommers um einen ›aus besonderem Anlass abgehaltenen abendlichen Umtrunk in feierlichem Rahmen‹ handelt („ursprünglich“ – heißt es im Universalduden – „Bezeichnung für jede Art von geräuschvoller Veranstaltung“, in die Umtrünke bekanntlich gelegentlich münden). Richtige Kommerse gab es dann später bei den studentischen Verbindungen, jedenfalls für diejenigen unter uns, die sich für eine solche Korporation „keilen“ ließen (es waren, wenn überhaupt einer, nur wenige); sie wurden dann „Bundesbrüder“ und zunächst als „Füchse“ vom „Fuchsmajor“ in den „Komment“ (die Bräuche, Sitten und Regeln des Verbindungslebens) eingewiesen – heute sind sie „Alte Herren“. Man duzte sich damals übrigens auch unter Studenten nicht voraussetzungslos, sondern erst wenn man „Brüderschaft getrunken“ hatte.

Das Wort Kommers gehört, wie bemerkt, zur Studentensprache, speziell zum Verbindungswesen, es dehnt sich aber wie seinerzeit bei uns Schülern auch auf andere Gemeinschaften aus. So war kürzlich in der Einladung zum Hagener Schützenfest zu lesen: „Freitag, 6. 6. 2014: Kommersabend der Schützenbruderschaft mit Verleihung der Bundesorden“.

Kommers wurde in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus dem französischen commerce „wohl im Sinne von ›Gemeinschaft‹ in Anlehnung an lateinisch commercium“ in die Studentensprache entlehnt, wie Pfeifer in seinem etymologischen Wörterbuch im Internet darlegt; commercium bedeutete im Lateinischen ›Waren-, Handels-, Kaufverkehr‹ und eben auch ›Gemeinschaft‹. Vor diesem zweiten Entlehnungsvorgang, der dem Wort die Schreibung mit dem Schluss-„s“ bescherte, war das französische commerce bereits im 16. Jahrhundert die Quelle für den inzwischen vierfach eingedeutschten Kommerz („k“ statt „c“, Groß- statt Kleinschreibung, „z“ statt „c“, Wegfall des „e“), das so viel wie ›Wirtschaft, Handel- und Geschäftsverkehr‹, aber auch ›Gewinn, Profit(streben)‹ bedeutet. Es soll laut dem großen Universalduden „meist abwertend“ gebraucht werden – der Wahrig sieht das nicht so.



25.
2014-Jul-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Heinz Hampf ist tot
Vechtaer setzte sich jahrelang für die Uni ein

Vechta (jm). Heinz Hampf ist am 6. Juli im Alter von 80 Jahren gestorben. Er war 30 Jahre in Vechta akademischer Lehrer und Begleiter von Generationen von Deutschlehrern. Das teilten seine Wegbegleiter, die Professoren Dr. Wilfried Kürschner, Edgar Papp und Gudrun Schulz, mit. Am 2. Dezember 1933 in Fraustadt (Niederschlesien) geboren, studierte Hampf in Münster und Vechta. Nach dem Lehrerexamen wurde er Schulrektor und Ausbildungsleiter an einem pädagogischen Seminar. 1971 wechselte er als Studienleiter an die Pädagogische Hochschule Vechta. Dort vertrat er im Fach Deutsch die Fachdidaktik mit Schwerpunkt in der Literaturwissenschaft. Zudem war er mitverantwortlich für die Verwaltung des Faches Germanistik. 1978/79 wurde Hampf zum Akademischen Rat und Oberrat ernannt. Dem Fach und der Uni blieb er im Ruhestand ab 1999 noch durch Lehraufträge und die Abnahme von Prüfungen verbunden. Alle, die ihn kannten, werden ihn als einen mit der Uni eng verbundenen Mitarbeiter in Erinnerung behalten. An ihren akademischen Lehrer werden seine ehemaligen Studenten dankbar zurückdenken.

[Bild: Viele Jahre an der Uni aktiv: Heinz Hampf – Archivfoto Kathe]



24
2014-Jun-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (170)
Fronleichnam

Von Wilfried Kürschner

Das Fest, das in der katholischen Kirche am zweiten Donnerstag nach Pfingsten gefeiert (in Niedersachsen und anderen Bundesländern, in denen es nicht auch ein gesetzlicher Feiertag ist, aber erst am darauffolgenden Sonntag mit Prozessionen begangen) wird, trägt einen auf den ersten Blick seltsamen Namen, der sogar zu einer ziemlich respektlosen Umdeutung (halb englisch, halb deutsch) geführt hat, die hier nicht wiederholt, wohl aber erläutert werden soll.

Der erste Bestandteil, Fron, kommt, wie uns der Universalduden belehrt, im heutigen Deutsch nur noch als geschichtsbezogenes Spezialwort vor (mit der Bedeutung ›in körperlicher Arbeit bestehende Dienstleistung der Bauern für ihre Lehnsherren‹) oder aber auf gehobener Stilebene mit der Bedeutung ›als unerträglicher Zwang empfundene Arbeit‹. Und der zweite Bestandteil, Leichnam, bedeutet so viel wie ›lebloser Körper, sterbliche Hülle eines verstorbenen Menschen‹. Wie nun diese beiden Teile der Zusammensetzung Fronleichnam in Beziehung zu setzen sind, ist denen, die sich mit der Geschichte der deutschen Sprache nicht so gut auskennen (und das dürfte der weitaus überwiegende Teil der Sprachteilhaber sein) und die auch religiös eher indifferent sind, schleierhaft. Also kommt es zu der scherzhaften bis respektlosen Umdeutung: Fron wird als das ähnlich klingende Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) frohen/froh’n gedeutet (englisch „happy“), Leichnam wird wörtlich verstanden (›Leiche, toter Körper‹), und der Leiche wird die im Vorderglied vermutete Eigenschaft, froh zu sein, zugesprochen.

Dabei ist das Fronleichnamsfest ein Hochfest der katholischen Kirche, mit dem, wie es in der Wikipedia heißt, „die leibliche Gegenwart Jesu Christi im Sakrament der Eucharistie [= Abendmahl] gefeiert wird“. Als dieses Fest im Hochmittelalter im Bistum Lüttich erstmals gefeiert (1246) und wenig später (1264) zum Fest der Gesamtkirche erhoben wurde, erhielt es bei uns den mittelhochdeutschen Namen der vrône lîcham, wörtlich ›dem Herrn (Gott, Christus) gehörender Leib/Körper‹. vrôn (jetzt mit „f“ geschrieben) war ein Adjektiv zum Substantiv (= „Hauptwort, Nomen“) frô, das ursprünglich ›Herr‹ bedeutete und im religiös-christlichen Gebrauch zur Anrede Gottes verwendet wurde. Und lîch(n)am/Leichnam bezeichnete, wie in Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“ zu lesen ist, „als ein Ausdruck der Dichtersprache … im Sinne von ›Leibeshülle‹ ursprünglich den lebenden (noch bis ins 17. Jahrhundert) wie den toten Körper“. Die sich im Gegenwartsdeutsch einstellende Assoziation mit Leblosem, Totem findet sich in der lateinischen Urform des Festnamens nicht: Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi („Fest des heiligsten Leibes und Blutes Christi“), kurz Corpus Christi. Sie findet ihre Fortsetzung in einigen romanischen Sprachen und im Englischen: (día del) Corpus (Christi) (spanisch), Corpus Domini (italienisch), Corpus Christi (portugiesisch, englisch).

Noch einmal zurück zu Fron (das Jacob Grimm im „Deutschen Wörterbuch“ übrigens noch mit „h“ schrieb): Aus demselben Stamm ist das Wort frouwe abgeleitet (seit dem 9. Jahrhundert); Frau bedeutet also ursprünglich so viel wie ›Herrin‹.



23
2014-Jun-08
OV am Sonntag [Vechta]

OVS-Kolumne: Jahr der Wörter (159)
Pfingsten

Von Wilfried Kürschner

Dem Ursprung des Namens für das heutige Fest ist das plattdeutsche Wort, Pingsten, näher als das hochdeutsche Pfingsten. Es geht nämlich ziemlich direkt auf das griechische Wort pentekosté zurück, ein Zahlwort, genauer ein Ordnungs- oder Ordinalzahlwort mit der Bedeutung ›fünfzigst‹. Im ersten Teil steckt das Grund- oder Kardinalzahlwort pénte ›fünf‹, das wir von Fremdwörtern her kennen, zum Beispiel Pentagon ›Fünfeck‹ (auch als Bezeichnung des amerikanischen Verteidigungsministeriums, das als Fünfeck gebaut ist), Pentagramm ›fünfeckiger Stern, der in einem Zug mit fünf gleich langen Linien gezeichnet werden kann und im Volksglauben als Zeichen gegen Zauberei oder Ähnliches gilt‹ (Universalduden). Auch der Pentameter gehört hierher, wenn auch der Name irreführend ist (wörtlich: Fünfmaßler ). Es handelt sich nämlich um einen Vers, der aus sechs Versfüßen besteht, der durch Zäsur in zwei Hälften geteilt ist: „… ím Pentámeter dráuf / ´fällt er melódisch heráb“.

Zurück zu pentekosté. Dem pente ›fünf‹ folgt -ko- (vergleichbar unserem -zig) und diesem wiederum -st- (unser -st); das -e schließlich ist im Griechischen wie im Deutschen ein Flexionssuffix (= eine „Beugungsnachsilbe“): fünf-zig-st-e(r), zu ergänzen heméra ›Tag‹: der fünfzigste (Tag) nach Ostern, genauer nach dem Ostersonntag, dem Tag der Auferstehung Christi von den Toten, wie die Christen glauben. Sieben Wochen später feiern sie die Ausgießung des Heiligen Geistes. Die Zählung geht übrigens nur auf, wenn der Ausgangstag mitgezählt wird, sonst sind es von Ostern bis Pfingsten nur 49 Tage. In derselben Weise verabreden wir uns aber auch im Deutschen für heute in acht Tagen und meinen damit ›heute in einer Woche‹, oder wir sagen, dass die „OV am Sonntag“ alle acht Tage erscheint.

Das griechische Zahlwort pentekosté findet sich (ebenfalls unter Ausfall des Bezugswortes „Tag“) ziemlich formtreu wieder in den romanischen Sprachen: italien. Pentecoste, span. Pentecostés, französ. Pentecôte. Im Englischen gibt es neben Pentecost den merkwürdigen Namen Whitsun. Er geht zurück auf ein missverstandenes Whit Sunday („Weißer Sonntag“ – mit whit als älterer Form von white –, so genannt wegen der weißen Kleider, die die Täuflinge zu Pfingsten trugen, wie das „Shorter Oxford English Dictionary“ erklärt). Whit Sunday wurde zerlegt in Whitsun und day, wobei day ›Tag‹ ausfiel. Für Deutsche sind Missverständnisse vorprogrammiert: Unser Weißer Sonntag ist ja der auf Ostern direkt folgende erste Sonntag, nicht der siebente; er heißt auf Englisch Low Sunday.

Wie verhält sich niederdeutsch Pingsten zu hochdeutsch Pfingsten? Die Form mit einfachem p- im Anlaut ist älter als die mit pf-. Letztere geht auf die Lautverschiebung vor anderthalbtausend Jahren zurück, die die hochdeutschen Dialekte von den niederdeutschen und allen übrigen germanischen Dialekten absonderte. So wurde auch aus der Piepe die Pfeife, aus dem Tuun wurde der Zaun, und aus der Karken wurde die Kirche.

Nun aber genug von Sprachlichem, obwohl Pfingsten als Fest der Ausgießung des Heiligen Geistes auch das sprachlichste aller christlichen Feste ist: Die Jünger und Apostel waren so vielsprachig zu vernehmen, dass man vermutete, sie seien voll des süßen Weines. „Pfingsten, das liebliche Fest“, wie es bei Goethe heißt, möge gefeiert werden.



22.
2014-Mai-30
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (149)
Himmelfahrtsnase

Von Wilfried Kürschner

Passend zum gestrigen Feiertag ist ein Wort vorgeschlagen worden, das den Namen dieses Feiertags in sich trägt. Unter einer Himmelfahrtsnase versteht man umgangssprachlich scherzhaft (wie der Universalduden vermerkt) eine nach oben, also himmelwärts gebogene Nase. Im einschlägigen „Wörterbuch der deutschen Umgangssprache“ von Heinz Küpper ist zu lesen, dass das Wort im 19. Jahrhundert aufgekommen ist. Seine beiden Bestandteile sind dagegen viel älter. Nase ist in dieser oder ähnlicher Form in zahlreichen indoeuropäischen Sprachen vorhanden (engl. nose, französ. nez, latein. nasum/nasus, altindisch nas-), was auf Urverwandtschaft schließen lässt.

Anders beim ersten Bestandteil, Himmelfahrt, dessen beide Komponenten allein dem germanischen Zweig der indoeuropäischen Sprachfamilie angehören. Himmel (und auch die Vorform von engl. heaven ) gehört, wie Pfeifer vermutet (und Kluge bezweifelt), zur selben Wortfamilie wie Hemd, sodass von einer gemeinsamen Wurzel *kem- ›bedecken, verhüllen‹ ausgegangen werden kann (das Sternchen zeigt wieder an, dass die Form rekonstruiert, nicht belegt ist).

Fahrt ist eine Substantivierung (= „Umwandlung in ein Nomen oder Haupt-/Namenwort“) des Verbs (= „Tätigkeits-/Zeitwort“) fahren. Dabei handelt es sich um ein gemeingermanisches Wort (im Althochdeutschen faran, im Mittelhochdeutschen varn), „ursprünglich die allgemeinste Bezeichnung für jede Art der Fortbewegung (›gehen, reiten, fahren, schwimmen, fliegen‹ in sich einschließend)“. Es wurde, wie Pfeifer weiter vermerkt, „erst allmählich auf die Fortbewegung mit Wagen, Schiffen, Fahrzeugen aller Art eingeschränkt“. Als das Wort Himmelfahrt um 1000 nach Christi Geburt entstand, lag noch die erste, allgemeine Bedeutung zugrunde, während die vielleicht noch bekannte kalauernde Frage nach dem ersten Motorrad mit der Antwort „Triumph“ auf die jetzige, eingeschränkte Bedeutung anspielt: „Was war das erste Motorrad? – Triumph, denn Jesus fuhr mit Triumph in den Himmel.“

Das bringt uns auf den vollen Namen des Feiertags: Christi Himmelfahrt. Denn daneben gibt es für Gläubige weitere: Mariä Himmelfahrt (nach der die katholische Kirchengemeinde in Vechta benannt ist) oder Mohammeds Himmelfahrt. In einigen Nachbarsprachen wird übrigens lexikalisch zwischen Christi Himmelfahrt und Mariä Himmelfahrt unterschieden (und der Zielort bleibt unbenannt), etwa engl. Ascension (von lat. ascensio ›Aufstieg‹) und Assumption (von lat. assumptio ›Annahme, Aufnahme‹).

Manchen ist Ursprung und Bedeutung des christlichen Himmelfahrtstages nicht mehr bekannt oder bewusst, sicherlich vielen von denen, die den freien Tag als Vatertag begehen, der das Gegenstück zum Muttertag darstellen soll. Sein Kernelement ist, wie der Wikipedia-Artikel treffend bemerkt, „die Einweihung der Jüngeren in die Sitten und Unsitten von Männlichkeit“. Bei dieser Gelegenheit holt sich manch einer, ob mit oder ohne Himmelfahrtsnase, eine Schnapsnase.



21.
2014-Mai-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Gender II

Von Wilfried Kürschner

In der Ausgabe vom 7. Mai hat Jörg Schlüter in dieser Zeitung seine Gedanken zum Thema „Gender“ vorgestellt. Sie seien hier durch Überlegungen aus der Sicht eines Sprachwissenschaftlers fortgeführt. Bei dem Wort Gender handelt es sich um ein Fremdwort aus dem Englischen, das seine Aussprache – „dschender“ mit stimmhaftem „sch“ wie beim zweiten „g“ in Garage – und eine seiner beiden Bedeutungen im Englischen bewahrt hat (laut Definition im Duden-Universalwörterbuch): ›Geschlechtsidentität des Menschen als soziale Kategorie (z. B. im Hinblick auf seine Selbstwahrnehmung, sein Selbstwertgefühl oder sein Rollenverhalten)‹ – daneben steht gender mit der Bedeutung ›grammatisches Geschlecht, Genus‹: „ der Löffel, die Gabel, das Messer“. Gender ist ein Gegenbegriff zu Sexus (engl. sex), mit dem das biologische Geschlecht, also „männlich – weiblich“, gemeint ist.

Die Sexus-Gender-Differenzierung hat auch bei uns die Politik in ihren unterschiedlichen Ausprägungen erreicht, und das „Gender-Mainstreaming“ (sprich: „Dschender-Mäinstrieming“) ist zur Richtlinie erklärt worden. Damit ist gemeint, dass „bei allen gesellschaftlichen Vorhaben die unterschiedlichen Lebenssituationen und Interessen von Frauen und Männern von vornherein und regelmäßig zu berücksichtigen“ sind, „da es keine geschlechtsneutrale Wirklichkeit gibt“, wie es auf der Website des Familienministeriums heißt. Hierher gehören Schlagworte wie „Frauenquote“, „Frauen-/Gleichstellungsbeauftragter“, „geschlechtergerechte Sprache“, aber auch „Unisex-Toiletten“ (für Inter- und Transsexuelle und vielleicht auch Dragqueens, ›Fummelköniginnen‹, wie Thomas Neuwirth alias Conchita Wurst). Entsprechendes findet sich auch im „Gleichstellungsplan der Universität Vechta (1. Fortschreibung)“ vom Januar 2014. Dort werden als Ziele genannt, „die Chancengleichheit von Menschen aller geschlechtlichen Identitäten im Hochschulbereich zu fördern, die strukturelle Benachteiligung von Frauen abzubauen und alle vorhandenen Fähigkeiten und Begabungen aller Geschlechter zu nutzen“.

Zu den „Maßnahmen zur Erreichung der Ziele“ zählen auch „gleichstellungsorientierte Sprachregelungen“, für die „Formulierungsanregungen“ gegeben werden. Dazu gehören die bekannten Doppelnennungen wie „Studentinnen und Studenten“, „Student/Studentin“, aber nicht die wenigstens im Duden verzeichneten Schreibungen wie „Lehrer/-innen, Lehrer(innen)“. Ohne Zweifel regelwidrige Schreibungen werden dagegen ausdrücklich empfohlen: mit großem „I“ im Wortinnern („ProfessorInnen“), mit dem neu aufgekommenen Unterstrich („Professor_innen“), der die „Berücksichtigung aller sozialen Geschlechter und Geschlechtsidentitäten“ symbolisieren soll. Regelwidrig sind diese Schreibungen insofern, als sie sich nicht an das amtliche Regelwerk halten, das seit 2006 „die Rechtschreibung innerhalb derjenigen Institutionen (Schule, Verwaltung), für die der Staat Regelungskompetenz hinsichtlich der Rechtschreibung hat“, regelt. Insoweit verfährt die Universität Vechta übrigens konsequent regelwidrig: Sie begrüßt die Ankommenden auf einem Spruchband am Haupteingang mit „Herzlich Willkommen“.

Doch Scherz beiseite. Meines Erachtens geht es nicht an, dass im Namen eines noch so hehren Zieles wie der Gleichberechtigung Vorschriften gemacht werden, die dem alltäglichen, ,normalen‘ Sprachgebrauch der Besitzer der Sprache, des Volkes, widersprechen und zudem noch demokratisch vereinbarte und legitimierte Regeln verletzen. Schließlich bildet diese Universität Lehrer aus, die in ihrem Beruf auf diese Regeln zu achten haben.

Nicht hinzunehmen ist auch, was hinsichtlich Lehre, Studium und Forschung vorgeschrieben wird, nämlich „die Beachtung des Grundsatzes der sprachlichen Gleichbehandlung“ im oben skizzierten Sinne „zu gewährleisten“. Dies scheint mir ein Eingriff in die im Grundgesetz garantierte Freiheit von Forschung und Lehre (und Studium) zu sein, die gerade auch die Sprache, in der sich diese Freiheit ausdrückt, umfasst. Eine Sprachpolizei (und sei es auch nur eine gedankliche), die die von der Universität Vechta verlangte Gewährleistung überwacht und Verstöße gegebenenfalls sanktioniert, passt nicht zur Verfassung eines freiheitlichen Staates.



20.
2014-Mai-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (140)
krakelig

Von Wilfried Kürschner

„Wenn jemand krakelig schreibt, sieht das so aus, als ob sich eine Krake über das Papier bewegt hätte“ – so könnte eine Erklärung für unser heutiges Wörterjahrwort lauten, das mein Kollege Martin Winter, seit Semesteranfang emeritierter Professor für die Didaktik der Mathematik, vorgeschlagen hat. Wahrscheinlich hat er seine Anregung auf dem Computer verfasst, sodass nicht feststellbar ist, ob er auf seine eigene Handschrift anspielen wollte. Die ist bei einem Mathematiker aber vermutlich sowieso nicht ›zittrig, ungleichmäßig, schlecht leserlich‹ (so die Definition in Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“). Seitdem der Computer samt angeschlossenem Drucker zum allgemeinen Schreibgerät geworden ist, krakelt kaum noch jemand, bis auf ein paar arme Schüler (und Studenten in Klausuren), die genötigt werden, mit der Hand zu schreiben.

Hat aber die Krake (oder der Krake, wie der gemeinte ›Kopffüßer von unterschiedlicher Größe, dessen acht Fangarme mit Saugnäpfen besetzt sind‹ laut dem Universalduden in biologisch korrekter Sprache genannt wird) etwas mit krakeln, krakelig oder kraklig zu tun? Nein, sagen die Wörterbücher und erklären die eingangs zitierte Herkunftsableitung damit zu einer „Volksetymologie“, also zu einer „volkstümlichen, etymologisch falschen Zurückführung auf ein nicht verwandtes lautlich gleiches oder ähnliches Wort“. Stattdessen erfahren wir, dass krak(e)lig, ein umgangssprachlich abwertend gebrauchtes Wort, zum Substantiv (= „Nomen, Haupt-, Namenwort“) Krakel gehört. Schon mal gehört oder gelesen? Wahrscheinlich nicht, denn das Wort Krakel ist eher im Ostmitteldeutschen (also von Thüringen bis zur Lausitz, früher bis Schlesien) beheimatet, wo es so viel bedeutet wie ›dürrer Ast, dürrer Zweig‹: „danach der diesem ähnliche Schriftzug?“, fragt Pfeifer sich und uns und verweist auf die Krakelfüße ›seltsame Schrift‹ bei Gotthold Ephraim Lessing (1729–1781), dem Oberlausitzer, und das Krakelwerk ›seltsam gestaltetes Werk‹ bei Johann Wolfgang Goethe (1749–1832), gebürtig aus Frankfurt am Main, tätig in Weimar (Thürigen).

Vom Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“) krakeln abgeleitet ist das Substantiv Krakelei, unter der man die Aktion, ›das Krakeln‹, und auch das Ergebnis, ›das Gekrakelte‹, versteht. Niederdeutsch ist das die Krakelie.



19.
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 2014-Mai-16

Erinnerst Du Dich!

Zum Artikel „Verdammt lang her“ (F.A.Z. vom 13. Mai): Man kann dem Kleiderversand Zalando vielleicht einiges vorwerfen, aber nicht, dass ein Anschreiben von ihm an den „lieben Edo“ („Erinnerst du dich …“) „mit der Groß- und Kleinschreibung auf Kriegsfuß“ steht. Die Kleinschreibung der Anredepronomina, die edo. meint in „Erinnerst Du Dich“ korrigieren zu müssen, ist nämlich seit der Neuregelung der deutschen Rechtschreibung völlig korrekt: Anfangs waren „du“ und „ihr“ samt Zubehör („dich, dein, euer …“) ausschließlich kleinzuschreiben, danach ließ man ihre Großschreibung in Briefen wieder zu. Das Anredepronomen „Sie“ (samt „Ihnen, Ihr …“, aber nicht „sich“) wurde und wird dagegen durchgängig großgeschrieben.

Professor em. Dr. Wilfried Kürschner, Vechta

Bezugstext:

Verdammt lang her
Vorsicht: Zalando vergisst und entlässt seine Kunden nie

[…] Daran musste ich denken, als heute morgen eine Mail von dem Kleiderversand Zalando kam: „Lieber Edo, erinnerst du dich noch an deinen ersten Einkauf? Als Dankeschön für deine Treue schenken wir dir 5 Euro für deinen nächsten Einkauf.“ Es stimmt, ich habe mal was bestellt bei Zalando, ein dunkelblaues Jackett, nichts Besonderes, ich hatte das mal in einem Geschäft gesehen, und als ich mich endlich zum Kauf entschieden hatte, war es natürlich schon weg, ich hatte mir aber die Marke gemerkt und gab sie bei Google ein, schon erschien die Zalando-Seite, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte, der Rest war dann reine Formsache – und ist Geschichte, eine Liebesgeschichte. Denn sie als solche zu betrachten, scheint man bei Zalando fest entschlossen. Wie wäre der merkwürdig intime Ton des mit der Groß- und Kleinschreibung leider auf Kriegsfuß stehenden Anschreibens sonst zu verstehen: Erinnerst Du Dich? Aber natürlich erinnere ich mich, ich habe das Jackett ja jeden zweiten Tag bei der Arbeit an! […] edo.
F.A.Z., Dienstag, den 13.05.2014 Feuilleton 9



17.
2014-Mai-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (130)
Fagott

Von Wilfried Kürschner

Wie der Zufall so spielt: Mein letzter Beitrag zur Wörterjahrserie beschäftigte sich am Karsamstag mit dem Wort Gott, und heute bin ich mit Fagott dran. Nun steckt in Letzterem sicher nicht Ersteres – was wäre denn auch die Bedeutung des Vorderteils Fa-? Nein, Fagott hat mit Gott sprachlich nichts zu tun. Das ›Holzblasinstrument in Basslage mit u-förmig geknickter Röhre, Grifflöchern und Klappen, dessen Ton in der Tiefe voll und dunkel und in der Höhe leicht gepresst und näselnd ist‹ (so die schöne, aber leider – worauf eine aufmerksame Leserin dieses Artikels aufmerksam macht – nicht ganz zutreffende Bedeutungsumschreibung im Universalduden: Das Fagott besteht nicht aus einer einzigen Röhre, sondern aus zwei Röhren, die durch ein u-förmiges Metallrohr verbunden sind; auch mit der Beschreibung des Klanges ist die Leserin nicht einverstanden: „leicht gepresst und näselnd“ sei möglicherweise der Klang des Barock-Fagotts oder des „Urfaggots“, des Dulzians) – dieses Holzblasinstrument hat seinen Namen aus dem Italienischen, wo es fagotto heißt; die Herkunft dieses Wortes ist unbekannt – sagt der Duden. Kluges „Etymologisches Wörterbuch“ erwägt: „vielleicht aus frühromanisch *fagicotto ›aus Buche bestehend‹“, wobei das Sternchen besagt, dass dieses Wort nicht belegt, sondern rekonstruiert (nicht: erfunden) ist. Eine nochmals andere Beschreibung findet sich in Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“. Zunächst zum Gegenstand selber: „Die Geschichte des Instruments ist ungenügend erforscht“, dann zum dazugehörigen Wort: „die Herkunft seiner Bezeichnung [ist] unsicher; erwogen wird Zusammenhang mit ital. fagotto ›Reisigbündel‹ und Anschluss an griech. phákelos ›Bündel‹, da das wegen seiner Länge mehrfach gebundene Rohr gleichsam gebündelt erscheint.“

Wie dem auch immer sei: Vielleicht hat mancher Leser nun Lust bekommen, sich den in der Tiefe vollen und dunklen und in der Höhe leicht gepressten und näselnden Klang des Fagotts akustisch zu vergegenwärtigen und dabei auch das Instrument selbst in Augenschein zu nehmen.

Auf Youtube wird er fündig und kann sich dort Mozarts Fagottkonzert in B-Dur (Köchelverzeichnis 191) von 1774 anhören und dabei auch das Fagott in Aktion sehen. Eine der dort vorhandenen Fassungen wird auf Englisch benannt: bassoon concerto. Das englische Wort bassoon (auf der zweiten Silbe betont) ist aus dem französischen basson entlehnt, das seinerseits auf italienisch bassone zurückgeht. Bassone gehört zum Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) basso mit der Bedeutung ›tief‹ aus lateinisch bassus ›kurz, tief‹ (wie auch in Bass ›tiefe Männerstimme‹).

Diese Informationen stammen aus dem „Oxford Advanced Learner’s Dictionary“. Bei der Abfassung meiner Artikel arbeite ich gern mit der App-Fassung dieses Wörterbuchs, die gegenüber der gedruckten Ausgabe den Vorzug hat, dass die Aussprache der enthaltenen Wörter nicht nur in Lautschrift angegeben ist, sondern auch hörbar wiedergegeben werden kann, und zwar in britischem und in amerikanischem Englisch.



16.
2014-Apr-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Niemals niemanden nirgendwohin

Von Wilfried Kürschner

Am 2. Juli letzten Jahres spießte diese Zeitung in der Rubrik „Zitate“ eine Bemerkung des russischen Präsidenten wie folgt auf: Russland liefert niemals niemanden nirgendwohin aus und plant dies auch nicht. Das bezog sich auf den Informanten Edward Snowden (und ist bis heute wahr geblieben). Natürlich hat Putin das nicht so gesagt, sondern er hat Russisch gesprochen und an der entscheidenden Stelle gesagt, dass Russland nikowo nikogda w nikuda expatriieren, „niemanden jemals irgendwohin“ ausliefern werde.

Was auf Deutsch, wenn man es wortwörtlich übersetzt, merkwürdig, wenn nicht gar widersinnig klingt, ist im Russischen tief in der Grammatik verankert: die mehrfache Negation, die aus einem bejahenden Satz einen verneinenden macht. In der deutschen Gegenwartssprache setzen wir dagegen nur ein einziges Negationswort: Russland liefert nie(mals) jemanden irgendwohin aus oder Russland liefert niemanden jemals irgendwohin aus oder Nirgendwohin liefert Russland jemals einen aus. Ein zweites Negationswort würde zu einer Bejahung führen. Russland liefert niemals niemanden aus hieße ja so viel wie, dass es niemals geschehen würde, dass niemand ausgeliefert wird, das heißt: Immer wird jemand ausgeliefert. Vom Deutschen her bereitet ein Satz wie der gerade angeführte ziemliche Verständnisschwierigkeiten, was daran liegt, dass wir eine doppelte Denkbewegung vornehmen und eine erste Verneinung („Russland liefert niemanden aus“) durch eine zweite („Niemals geschieht es, dass Russland niemanden ausliefert“) aufheben müssen. In der Logik spricht man hier vom Gesetz der doppelten Negation: „Die Negation der Negation führt zur Position.“

Anders im Russischen und den slawischen Sprachen generell, wo die mehrfache Negation den Sinn des Satzes nicht umdreht, sondern ihn in der Verneinung belässt. Das mehrfache Setzen des Negationswortes soll offenbar garantieren, dass der im Satz angesprochene Sachverhalt auch wirklich als verneint verstanden wird.

Das war in früheren Stufen des Deutschen nicht anders. Ein schönes Beispiel dafür ist eine Stelle aus dem Gedicht „Under der linden“ (um 1200) von Walther von der Vogelweide, wo eine junge Frau andeutungsweise erzählt, was sie mit ihrem „friedel“ (Freund) auf der „ouwe“ (der Aue am Waldesrand) erlebt hat: Wes er mit mir pflæge („was er mit mir gemacht hat“), niemer niemen bevinde daz, wan er und ich, wörtlich: „niemals niemand soll das erfahren außer ihm und mir“ – also „… das soll nie jemand / niemand je erfahren …“. Schon wegen dieser grammatischen Besonderheit habe ich meine Studenten genötigt, das Gedicht auswendig zu lernen. Und im Kirchenlied im Lutherdeutsch heißt es gut 300 Jahre später: Es ist ja doch kein andrer nicht, der für uns könnte streiten, denn du unser Gott alleine.

Auch in den hochdeutschen Dialekten und im Niederdeutschen findet sich noch heute die Erscheinung der Verneinung durch mehrfache Negation (Beispiele aus der Wikipedia). Des macht kaa Mensch ned hört man etwa in oberdeutschen Dialekten („Das macht kein Mensch“), auch dreifach: Hat kaaner kaa Messer net do? („Hat keiner ein Messer dabei?“). Ein Beispiel aus dem Niederdeutschen: Dat will ick för kien Geld nich („Das will ich um kein Geld der Welt“). Auch der jüngeren Generation dürfte noch Mick Jaggers Klage auf Englisch bekannt sein: I can’t get no satisfaction („Ich kann keine Befriedigung kriegen“). Doch gelten solche Ausdrucksweisen in der Regel als nicht standardgemäß. Aber ein Dichter wie Christian Morgenstern darf sie benutzen und einen poetischen Zugewinn daraus ziehen, etwa in dem Gedicht von Erich, Hans und Franz, den „drei Spatzen“: Sie rücken zusammen dicht an dicht / So warm wie der Hans hat’s keiner nicht.

Würde man hingegen im abschließenden Beispiel mehrfache Verneinung annehmen, würde man die Absicht des Autors grob missverstehen: Es ist nicht nichts geschehen, schreibt der Theologe Hans Küng in Bezug auf Ostern. Der vorangehende Satz „Bei der Auferstehung handelt es sich nicht um ein fiktives oder eingebildetes, sondern um ein im tiefsten Sinne wirkliches Geschehen“ bereitet das rechte Verständnis vor, und der dem Es ist nicht nichts geschehen folgende Satz sichert es ab: „Aber was geschehen ist, sprengt und übersteigt die Grenzen der Historie.“



15.
2014-Apr-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (109)
Gott

Von Wilfried Kürschner

Über das Wort Gott lässt sich aus etymologischer Sicht, also was seine Herkunft angeht, nicht viel Sicheres sagen. „H. u.“ (›Herkunft unbekannt‹), so lautet lapidar die erste Auskunft im Duden-Universalwörterbuch. Sicher ist, dass das Wort in dieser Form nur in den germanischen Sprachen existiert (in den romanischen Sprachen geht sein Gegenstück auf lateinisch deus zurück, griechisch heißt es theos [wie in Theologie], und in den slawischen Sprachen liegt die Wurzel bog- zugrunde): hoch- und niederdeutsch Gott, englisch, niederländisch, schwedisch god, dänisch, norwegisch gud. Zur Herkunftsfrage fügt das Universalwörterbuch dann doch noch zwei Vermutungen an: „viell. eigtl.“ (›vielleicht eigentlich‹) „das (durch Zauberwort) angerufene Wesen oder das (Wesen), dem (mit Trankopfer) geopfert wird“.

Grammatisch gesehen liegen im Deutschen zwei unterschiedliche Verwendungen des Wortes vor, die mit seinen Bedeutungen zu tun haben: Es kann einerseits in beiden Numeri, im Singular („Einzahl“) und im Plural („Mehrzahl“), stehen und mit einem Artikel („Bestimmungswort“) verbunden werden: der Gott des Krieges, heidnische Götter usw. Die Bedeutung wird für diesen Fall als „(im Polytheismus) kultisch verehrtes übermenschliches Wesen als personal gedachte Naturkraft, sittliche Macht“ angegeben.

Andererseits steht das Wort Gott, wenn es so viel bedeutet wie „(im Monotheismus, besonders im Christentum) höchstes übernatürliches Wesen, das als Schöpfer Ursache allen Geschehens in der Natur ist, das Schicksal der Menschen lenkt, Richter über ihr sittliches Verhalten und ihr Heilsbringer ist“, nur im Singular, und es lässt keinen Artikel zu (also nicht der Gott, ein Gott ), es sei denn, dass es eine nähere Bestimmung zu sich nimmt: der liebe Gott; der Gott der Christen, der Juden, der Muslime. In beiden Bedeutungen kommt das Wort in vielen festen Wendungen vor: zum einen wie ein junger Gott (spielen, tanzen), das wissen die Götter, zum anderen im Gruß (Grüß Gott), im Ausruf des Erschreckens (Gott steh mir bei), in einer Drohung (gnade dir Gott), in einem scherzhaften Ausdruck (wie Gott sie erschaffen hat), um nur einige zu nennen.

Unbesorgt um Etymologie, Grammatik und Semantik (aber nicht um die Orthografie) begründen die Kinder der Klasse 2a der Overbergschule Vechta ihren Vorschlag, Gott im „Jahr der Wörter“ zu behandeln: „Ich finde, dass das Wort nur aus schönen Buchstaben besteht, das o mag ich besonders“, „Ich glaube, dass der liebe Gott mich immer beschützt, darum finde ich auch das Wort schön“, „Es ist leicht, Gott richtig zu schreiben, darum mag ich das Wort“, „Ich kenne das Wort von meiner Oma, weil sie mir manchmal etwas von Gott erzählt“, „Wir benutzen es fast jeden Tag, z. B. wenn wir morgens gemeinsam beten“.



14.
2014-Apr-14
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (104)
Karwoche

Von Wilfried Kürschner

Die Bezeichnung für die laufende Woche, die Karwoche, ist, linguistisch gesehen, ein halbdurchsichtiges Kompositum. Der zweite Teil der Zusammensetzung benennt das, worum es sich handelt, um eine Woche eben, der erste Teil ist aus sich heraus nicht mehr verständlich. Kar_ geht zurück auf die früheste Periode der deutschen Sprachgeschichte, das Althochdeutsche.Ab dem 9. Jahrhundert bis ins Mittelhochdeutsche hinein gab es das Wort kara (auch chara geschrieben) mit der Bedeutung ›Trauer, Wehklage‹. Einen Nachklang des im Deutschen untergegangenen Wortes haben wir im englischen Wort care, das ›Sorge, Kummer‹, aber auch ›Vorsicht‹ (take care!) und ›Fürsorge‹ bedeutet. Gemeint ist mit Kar_ im christlichen Sinn die Trauer, die Klage über die Kreuzigung Jesu am Karfreitag.

Neben dem Karfreitag steht der Karsamstag (auch stiller Samstag genannt). Der Donnerstag der Karwoche trägt einen eigenen Namen, Gründonnerstag. Das Bestimmungswort ist hier, da sind sich die Wörterbücher einig, ziemlich sicher wörtlich zu verstehen. Dieser Tag, so der Etymologieduden, „ist wohl nach dem weitverbreiteten Brauch benannt, an diesem Tag etwas Grünes, besonders Grünkohl, zu essen“.

In den romanischen Sprachen heißt unsere Karwoche die „heilige Woche“: spanisch Semana Santa, italienisch settimana santa, französisch semaine sainte. Diese Benennung hat auch das Englische übernommen: Holy Week. Dort heißt der Karfreitag übrigens Good Friday und der Gründonnerstag Maundy Thursday. Das Wort maundy stammt, wie so vieles im Englischen, aus dem Französischen und geht auf das lateinische mandatum ›Befehl, Weisung‹ zurück. Es steht für die Fußwaschung, die Jesus an seinen Jüngern vornahm (Johannes 13, 1–11), und auch für das letzte gemeinsame Abendessen, bei dem sie stattfand.

In den gerade erwähnten romanischen Sprachen gibt es für die einzelnen Wochentage keine speziellen Namen. Gründonnerstag heißt „heiliger Donnerstag“, Karfreitag „heiliger Freitag“. Lediglich im Spanischen ist für Karsamstag Sábado de Gloria in Gebrauch. Und im Englischen heißt dieser Tag außer Holy Saturday auch Easter Saturday, eine Bezeichnung, die, obwohl nicht ganz korrekt, auch im Deutschen als Ostersamstag anzutreffen ist und für Verwirrung sorgen kann, da damit eigentlich der letzte Tag der Osterwoche, also der Samstag vor dem Weißen Sonntag, gemeint ist. Für den ersten Tag der Karwoche, den Palmsonntag (nach der biblischen Geschichte vom in Jerusalem einreitenden Jesus, der mit Palmzweigen empfangen wurde – Johannes 12, 13), sind in allen hier betrachteten Sprachen entsprechende Bezeichnungen üblich: Domingo de Ramos, Domenica delle Palme, les Rameaux, Palm Sunday.

Kürzlich fand sich in einer Broschüre der Vechtaer katholischen Pfarrgemeinde die zusammenfassende Benennung Kartage für die sieben Tage der Karwoche. Dies ist eine Erweiterung des Begriffs, der sonst auf Gründonnerstag, Karfreitag und Karsamstag als die Tage des Gedenkens an das Leiden und Sterben Jesu Christi beschränkt ist.



13.
2014-Apr-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (100)
Pampe

Von Wilfried Kürschner

Unser heutiges Wort, vorgeschlagen von Reinhard Sundermann aus Bakum und das hundertste in Folge, klingt mit etwas Phantasie schon ein bisschen nach der Sache, die es bezeichnet, und wird daher in den Wörterbüchern als „wohl ursprünglich lautmalend“ gekennzeichnet. Pampe meint zum einen eine ›dicke, breiige Masse aus Sand oder Ähnlichem und Wasser‹ und kommt damit dem Matsch in seinen ursprünglichen Erscheinungsformen als ›feuchter, breiiger Schmutz; nasse, schmierige Erde; halb getauter, schlammiger Schnee‹ recht nahe. Daher sprechen Kinder wohl auch gern von Matschepampe, aber noch lieber matschen sie darin herum.

Neben Pampe steht Papp, und hierzu gehört dann auch die Pappe. Die Zusammenhänge liegen nicht gleich ganz klar auf der Hand. Ausgangspunkt ist wohl Papp in den Bedeutungen ›dicker (Mehl-)Brei‹ und ›klebrige Masse, Kleister‹. Zu diesem nassen, klebrigen Material stellt sich die harte, steife, trockene Pappe, was einsichtig wird, wenn man sich klarmacht, dass sie aus klebrigem Papierbrei durch Zusammenpappen entsteht. (Dass der salopp so benannte Führerschein längst nicht mehr aus Pappe und schon gar nicht von Pappe ist und dass er in der älteren Form zutreffend Lappen genannt wurde, während der Plast oder die Plaste für die neueste Erscheinungsform im Scheckkartenformat wohl noch nicht als liebevolle Bezeichnung in Verwendung ist, sei nur am Rande erwähnt.)

Die andere Bedeutung von Papp, ›Brei‹, macht sich bemerkbar in der Redewendung nicht mehr papp sagen können (wenn einer sehr satt ist). Denn: „Wenn man den Mund voll hat, können nur noch Nasale [= Nasenlaute, wie „mhmm“] ordentlich artikuliert werden – bei Verschlusslauten (hauptsächlich Labialen [= Lippenlauten, wie „p“]) würde das Essen aus dem Mund fallen“ – dies die lebensnahe Unterrichtung aus Kluges „Etymologischem Wörterbuch“.

Papp ist auch als Nachname gebräuchlich, und zwar soll es, wie unter www.deunamen.com zu lesen ist, in Deutschland der 5751-häufigste sein. Ein (nicht nur) mir bekannter Träger dieses Namens führt ihn aber nicht auf das hier behandelte Wort für Breiiges zurück, sondern auf ungarisch pap (gesprochen „popp“) mit der Bedeutung ›Pfarrer, Priester‹. Die deutsche Entsprechung dieses auch im slawischen Sprachraum verbreiteten Wortes, Pope, bezeichnet einen ›niederen orthodoxen Weltgeistlichen‹, abwertend kann damit (wie auch mit Pfaffe) ein Geistlicher allgemein gemeint sein.

Pampe wäre unvollständig ohne seine Ableitung pampig. Bei uns im Norden kann dieses Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) im Sinne von ›breiig‹ gebraucht werden (die Suppe ist pampig), aber auch wie im übrigen Sprachgebiet im Sinne von ›in grober Weise frech, patzig‹: ein pampiger Kellner, eine pampige Antwort; sie wurde richtig pampig (so die Beispiele im Universalduden).



12.
2014-Mrz-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Tebartz-van-Elst-Gate

Von Wilfried Kürschner

Wie es seit langem das Wort des Jahres gibt und seit einiger Zeit auch das Unwort des Jahres, so gibt es seit vier Jahren auch den Anglizismus des Jahres. Für das Jahr 2013 wurde, wie in dieser Zeitung zu lesen war, dazu „die Nachsilbe ,-gate‘“ gekürt. Belege dafür seien Wörter wie Handy-Gate (der Abhörskandal um das Kanzlerinnenhandy) oder Mops-Gate (das Verschwinden einer Mopsskulptur von einem Denkmal für Loriot in Stuttgart). Inzwischen ist das Edathy-Gate dazugekommen. In allen Fällen steht _Gate für ›Skandal, Affäre‹. Es geht zurück auf die Watergate-Affäre von 1972, die mit dem Rücktritt von Präsident Nixon endete. Damals waren seine Leute im Wahlkampf um das Präsidentenamt ins Büro des Gegners eingebrochen. Dieses Büro befand sich in einem Gebäudekomplex in Washington mit dem Namen Watergate, gelegen am Ufer des Potomac. Journalisten deckten das Komplott auf, und die Geschichte der Verschleierung kursierte unter dem Namen Watergate cover-up, deutsch Watergate-Skandal. In Kurzform sprach und schrieb man auch vom Watergate und meinte damit nicht mehr das Gebäude, sondern das skandalöse Geschehen, das dort begonnen hatte.

Der nächste Verkürzungsschritt bestand in der Aufteilung des Wortes, wobei der zweite Bestandteil, _gate, sich vom ersten löste, die Bedeutung ›Skandal, Affäre‹ erhielt und allerlei Erstglieder zu sich nehmen konnte, die näher angeben, um welche Art von Affäre es sich handle, wo sie sich zutrage, wen oder was sie betreffe und dergleichen mehr. Für das Deutsche wird gewöhnlich als erste derartige Bildung das Wort Waterkant-Gate aus dem „Spiegel“ angeführt, womit die Affäre um die Politiker Barschel und Engholm in Schleswig-Holstein einen griffigen Namen erhielt (der zugleich den Charme hatte, auf seine englische Herkunft anzuspielen).

Damit war _gate zu einem Mittel der deutschen Wortbildung geworden, und zwar, wie es in der zitierten Pressemeldung hieß, als „Nachsilbe“, nicht als eigenständiges, für sich allein stehendes Wort. Unter den „Nachsilben“ sind nun mehrere Sorten zu unterscheiden. In der Wortbildungslehre spricht man von Ableitungssuffixen zum einen, (nachgestellten) Konfixen zum anderen. Suffixe sind Elemente wie -er, -lich, -heit, -chen, mit denen aus vorhandenen Wörtern andere Wörter „abgeleitet“ werden können, z. B. Lehr-er aus lehr(en), grün-lich, Schön-heit, Kind-chen. Sie haben von ihrer Lautung her wenig Masse und eine ziemlich abstrakte, allgemeine Bedeutung. Im Gegensatz dazu haben Konfixe lautlich mehr aufzubieten und auch eine deutlich umrissene Bedeutung. Neben _gate wären zu nennen etwa aus dem Griechischen _phob (›fürchtend, ablehnend‹) wie in homo_phob, xeno_phob oder _gramm (›Geschriebenes‹) wie in Auto_gramm, Mono_gramm (nicht zu verwechseln mit Gramm als Gewichtsangabe). Aber es gibt auch deutsche nachgestellte Konfixe, etwa _zeug (Feuer_zeug, Flug_zeug usw.). Und parallel zu den „Nachsilben“ gibt es „Vorsilben“, und zwar Ableitungspräfixe wie er- (er-wandern, er-blicken), zer- (zer-brechen, zer-reißen), un- (un-schön, un-gern) usw. und wieder auch vorangestellte Konfixe (etwa Thermo_ wie in Thermo_meter, Thermo_stat). Deutsche Beispiele sind Schwieger_ (Schwieger_tochter, Schwieger_eltern) oder Erz_ (Erz_gauner, Erz_demokrat, Erz_feind). Davon zu unterscheiden ist das Erz_ in Erz_engel oder Erz_diözese, da Erz_ hier nicht wie in den erstgenannten Beispielen die Bedeutungskomponente ›emotional verstärkend‹ einbringt, sondern wie auch in Erz_bischof auf das griechische archi- mit der Bedeutung ›Haupt-, Ober-‹ zurückgeht.

Wo hier gerade von Bischöfen die Rede ist: Das Wort im Titel dieser Glosse, obwohl regelgerecht gebildet, scheint ziemlich einmalig zu sein. Wenn man nach Tebartz-van-Elst-Gate googelt, erhält man keinen Treffer (Stand: 20. März 2014), wohl aber beim anderen gegenwärtigen Skandal, der nach seinem Träger, Sebastian Edathy, benannt ist und für den an die 7.000 Treffer genannt werden (sogar aus dem niedersächsischen Landtag). Wahrscheinlich ist dafür die Länge der Namen ausschlaggebend.



11.
2014-Mrz-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (79)
Augenblick

Von Wilfried Kürschner

Als ich las, dass Alfred Kuhlmann aus Ellenstedt das Wort Augenblick vorgeschlagen hat, weil es ein „wunderschönes deutsches Wort“ ist, dachte ich im ersten Moment, dass es sich dabei wohl um eine der vielen Eindeutschungen von Fremdwörtern handeln müsse, die in sprachpuristischen Zeiten immer wieder einmal vorgenommen wurden und aus der Bibliothek eine Bücherei, aus dem Perron einen Bahnsteig und aus dem Laptop einen Klapprechner machten oder dies zumindest versuchten.

Nun gilt aber unter Wortfreunden die goldene Regel: Nachschlagen, nachschlagen, nachschlagen. Und siehe da, im „Universalwörterbuch“ des Duden (einer kürzeren Fassung des zehnbändigen, jetzt einscheibigen Duden-Großwörterbuchs), mit dem ich immer beginne, erfuhr ich, dass unser heutiges Wort keineswegs ein Ersatz für den aus dem Lateinischen herrührenden Moment ist, sondern bereits im Mittelhochdeutschen in der Form ougenblick vorhanden war und „eigentlich“ so viel bedeutete wie ›(schneller) Blick der Augen‹.

Mein nächster Blick geht üblicherweise in das „Herkunftswörterbuch“ des Duden. Dort erfährt man, dass das Wort seit dem 13. Jahrhundert zusätzlich die Bedeutung ›ganz kurze Zeitspanne‹ angenommen hat. Meine beiden nächsten Nachschlagewerke, Pfeifers „Etymologisches Wörterbuch des Deutschen“ und Kluges „Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache“, helfen diesmal nicht weiter.

Selbst in Zeitnot sollte man es nie versäumen, im Grimm’schen „Deutschen Wörterbuch“ nachzusehen. Dort ist im ersten Band (1854) unter dem Stichwort als Erstes zu lesen: „ictus oculi, momentum“. Dies ist jedoch keine Bestätigung meines Anfangsverdachts, sondern momentum steht hier neben ictus oculi (wörtlich ›Schlag des Auges‹) als Wiedergabe der Bedeutungen des Wortes, die bei Grimm eben auf Lateinisch geschieht. Jacob Grimm scheut sich auch nicht vor Wertungen und setzt hinzu: „eine treffende, lebendige zusammensetzung“ (das Grimm’sche Wörterbuch kennt bis heute keine Großschreibung der Substantive). Die „sinnliche [= wörtliche, konkrete] bedeutung“ habe sich im Neuhochdeutschen „selten erhalten“. „Desto häufiger ist die abgezogne [= übertragene, abstrakte] anwendung für den enteilenden punct der zeit“, schreibt Grimm weiter und belegt dies mit zahlreichen literarischen Zitaten. In der Neubearbeitung des Grimm’schen Wörterbuches (die entsprechende Lieferung erschien 2004) wird eine dritte, ebenfalls übertragene Verwendung des Wortes angeführt: „die unmittelbare gegenwart, das jetzt, das heute“ und ebenfalls mit Zitaten (jetzt auch aus Sachbüchern und Zeitungen) demonstriert.

Erstaunlicherweise fehlt hier wie dort der vielleicht bekannteste Vers mit Augenblick – natürlich von Goethe, natürlich aus dem „Faust“. Dort bietet, so ist in einem Kommentar zu lesen, Faust dem Mephistopheles eine Wette an, dass es diesem nicht gelingen wird, ihn, Faust, von seinem Streben nach immer mehr Wissen abzubringen. Sollte Faust sich dennoch der Bequemlichkeit hingeben, dann dürfe Mephisto ihn ins Verderben mitnehmen (Vers 1692–1711): „Werd’ ich zum Augenblicke sagen: / Verweile doch! du bist so schön! / Dann magst du mich in Fesseln schlagen, / Dann will ich gern zu Grunde gehn!“



10.
2014-Mrz-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (69)
Purzelbaum

Von Wilfried Kürschner

Wieder so ein Wort, das von ferne aussieht wie eine Zusammensetzung aus zwei bekannten Wörtern, das sich aus der Nähe betrachtet aber als höchst eigenwilliges, ja irreführendes Wort erweist. Was für eine Art Baum ist denn der Purzelbaum, und was hat er mit purzeln oder gar dem Kater Purzel zu tun? Wenn man einmal die Bildungen, die auf _Baum enden, durchgeht, stellt man ohne Überraschung fest, dass sie meistens eine spezielle Art von Bäumen bezeichnen: Apfelbaum, Kalebassenbaum, Nadelbaum und dergleichen mehr. Hier gilt: A_B ist B “, also „ein Apfel_baum, ein Nadel_baum ist ein Baum“.

Daher kann, wenn der Apfel- oder Nadelbaum in den Redezusammenhang eingeführt ist, danach kurz mit Baum auf ihn Bezug genommen werden („Gestern haben wir einen Apfelbaum geschlagen. Der Baum war zwei Meter hoch“). Nur solche Bildungen, die diese Bedingung erfüllen, kommen von vornherein als Zusammensetzungen oder Komposita in Betracht.

Dies gilt schon nicht mehr für den Schlagbaum. Zwar kann bedeutungsmäßig ein Zusammenhang mit Baum hergestellt werden, aber moderne Schlagbäume sind Schranken, die nicht unbedingt wie ein Baumstamm aus Holz bestehen. Außerdem: Was genau bedeutet der vordere Bestandteil Schlag_ in dieser Bildung?

Vollends kompliziert wird nun die Lage beim Wort Purzelbaum, für dessen Herkunft sich Ira Hempen aus Vechta interessiert. Ein Purzelbaum ist ja kein Baum, sondern eine ›Rolle nach vorn über den Kopf, das Kopfüberfallen, Überschlag auf dem Boden‹, wie die Definition in Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“ lautet. Das Wort sei ab dem 16. Jahrhundert, zunächst in der Form Burzelbaum, belegt und meine „eigentl. ›Sturz und Wiederaufbäumen‹“. purzeln, das heute besonders in Bezug auf Kinder gesagt wird, wenn sie ›sich überschlagend, stolpernd hinfallen, fallen, stürzen‹, konnte anfangs auch von Pferden gesagt werden, die ›mutwillig, freudig springen‹, „also mit dem Hinterteil nach oben“.

Bei purzeln mit seinen älteren Nebenformen pürzeln und burzeln handelt es sich, wie am -el- zu erkennen ist, um ein Iterativum, also eine Bildung, die die wiederholte Handlung eines Verbs meint, und zwar hier des mittlerweile ausgestorbenen Verbs burzen. Im Mittelhochdeutschen bedeutete burzen so viel wie ›stürzen‹. burzen und später purzeln gehören zum noch heute vorhandenen Bürzel, ›Geflügelsteiß‹, sodass nach Kluges „Etymologischem Wörterbuch“ von der Bedeutung ›mit dem Hinterteil voraus fallen‹ auszugehen ist.

Es fehlt noch der Baum. Die Erklärung im Etymologieduden hilft weiter: Purzelbaum, der ›Überschlag auf dem Boden‹, bedeute „eigentlich“ ›Sturz und Aufbäumen‹. sich aufbäumen oder kurz bäumen im Sinne von ›sich aufrichten‹ sei „ursprünglich wohl als Jägerwort vom Bären, der sich am Baum aufrichtet, gebraucht“ worden, „dann auch vom Pferd“. Der Baum im Purzelbaum ist demnach kein Baum, sondern das Sich-Aufrichten zunächst von Bär und Pferd, danach vom Menschenkind. Wörter gehen oftmals wundersame Wege.



9.
2014-Feb-28
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (59)
hibbelig

Von Wilfried Kürschner

Dass dieses Wort, vorgeschlagen von Leserin Daniela Busse, ziemlich sicher aus dem Niederdeutschen kommt, hört und sieht man ihm schon von weitem an: Auf einen kurzen Vokal (= „Selbstlaut“), hier „i“, folgt ein spezieller Konsonant (= „Mitlaut“), der zur Gruppe der Verschluss- oder Explosivlaute gehört und zudem stimmhaft ist, hier „b“. In der Schreibung zeigt sich dies durch die Kombination des Vokalbuchstabens i mit dem verdoppelten Buchstaben für den Konsonanten b. Mit anderen Vokalen stößt man auf Wörter wie krabbeln, kabbeln, Ebbe, rubbeln, Robbe. Oder mit den beiden anderen stimmhaften Verschlusslauten „d“ und „g“: Buddel, daddeln, Schnodder, Kuddelmuddel; Bagger, Egge, flügge, Kogge, schmuggeln.

Das Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) hibbelig ist abgeleitet vom Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“) hibbeln, hat aber einen etwas weiteren Bedeutungsumfang. Während hibbeln laut Duden-Universalwörterbuch so viel bedeutet wie ›kleine (unregelmäßige) Sprünge machen, sich hüpfend hin und her bewegen‹, bedeutet hibbelig zum einen ›hastig in den Bewegungen‹, zum anderen aber auch genereller ›unruhig, nervös, zappelig‹. Neben hibbeln gibt es mit stimmlosem Konsonanten die Form hippeln, die ihrerseits zu hoppeln gestellt wird. Und hoppeln ist eine Iterativbildung (wie das -el- zeigt), meint also die wiederholte Ausführung der Handlung des Verbs hoppen = hüpfen. Ob übrigens der Familienname Hibbeler ebenfalls in diese Reihe gehört, wäre am Montag von Winfried Breidbach zu klären.

Aus hiesiger Sicht stellt sich die Frage, wie viele Wörter aus dem Niederdeutschen (so heißt „Platt[-Deutsch]“ wissenschaftlich) den Weg ins Hochdeutsche oder, wie man heute sagt, ins Standarddeutsche gefunden haben und welche das sind.

Man kann dies mithilfe eines guten Wörterbuches, etwa des schon erwähnten Universaldudens, selbst ermitteln. Im Eintragskopf ist bei den entsprechenden Stichwörtern so etwas wie „niederd.“ vermerkt. Man geht also das Buch mit seinen gut 2000 Seiten daraufhin durch und erstellt sich eine Liste, die von abmurksen, abnibbeln bis Zwille, Zwist reicht. Die Mühen dieser konzentrierten, mehrtägigen Arbeit, die dafür nötig wären, kann man sich sparen, indem man für 10 Euro zusätzlich zum Wörterbuch-Buch die CD-ROM gleich mitkauft. Im Computerprogramm geht man dann auf „Erweiterte Suche“, hakt dort die „Feldsuche“ an, wählt im Feldmenü „Etymologie“ und im Feldinhalt „niederdeutsch“, und in null Komma nichts erscheint besagte Liste.

Die Wonnen der Feldsuche bietet die App-Version des Universaldudens leider nicht, wohl aber die Möglichkeit, ein gesuchtes Wort nicht mehr einzutippen, sondern einzusprechen. Man muss allerdings sehr deutlich artikulieren, sonst erhält man statt hibbelig Vorschläge wie hinderlich, ich liebe dich oder hey billig. Wenn man es falsch ausspricht, nämlich wie „hibbelick“, wird das gesuchte Wort allerdings sofort angezeigt.



8.
2014-Feb-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Klingende Münzen

Von Wilfried Kürschner

Im ersten Teil unserer Betrachtung der sprachlichen Seite der Euromünzen sind wir auf schweigsame bis knapp Auskunft gebende Länder gestoßen – zu Letzteren gehören übrigens auch Portugal und Malta, die ihren Staatsnamen auf den Münzen vermerken. Geradezu redselig kommt dagegen Slowenien daher. Alle Münzen tragen den Staatsnamen SLOVENIJA. Die Bilder auf den Münzen ab 10 Cent aufwärts sind beschriftet: KATEDRALA SVOBODE („Kathedrale der Freiheit“, ein nicht gebautes Parlamentsgebäude),  LIPICANEC („Lipizzaner“), OJ TRIGLAV MOJ DOM („Oh Triglav [Sloweniens höchster Berg], mein Heim“). Auf der 1-Euro-Münze findet sich bei seinem Porträt der Name des Dargestellten: PRIMOŽ TRUBAR („Primus Truber“, 1508 im Westen des heutigen Sloweniens geboren, 1586 in Tübingen-Derendingen gestorben, Reformator und Begründer des slowenischen Schrifttums) und der Ausspruch  STATI INU OBSTATI („Stehen und bestehen“). Auf der 2-Euro-Münze ist FRANCE PREŠEREN, der slowenische Nationaldichter, abgebildet, und es wird der Anfang der siebten Strophe der Nationalhymne zitiert: Shivé naj vsi naródi – „Ein Lebehoch allen Völkern“.

Die bislang genannten Beschriftungen benutzen alle das lateinische Alphabet. Die Existenz eines eigenen Alphabets, eben des griechischen, ist Ursache für die Beschriftung der Rückseiten der griechischen und zyprischen Euro-Münzen. In Griechenland wird zusätzlich die griechische Bezeichnung für „Cent“ und „Euro“ verwendet: 1 „leptó“, 2 bis 50 „leptá“, das heißt: „Schlanke, Dünne“ (man denke an „leptosom“); 1, 2 „éwro“. Die 2-Euro-Münze zeigt die Prinzessin „Ewrópi“ auf Zeus dem Stier. Auf dem Rand dieser Münze steht: „Ellinikí Dimokratía“ („Hellenische Republik“). Bei den Münzen Zyperns kommt zusätzlich zum Griechischen die Sprache eines Staates ins Spiel, der (noch) nicht zur EU gehört: Der Name der Insel wird nämlich nicht nur auf Griechisch – „Kýpros“ –, sondern auch auf Türkisch, das im Nordteil gesprochen wird, angegeben: „Kibris“. Die Randinschrift lautet zweimal abwechselnd 2 „éwro“ und 2 EURO; auf Türkisch müsste es „2 avro“ heißen.

Nun noch zum 18. Staat, zu Österreich. Hier finden wir zwar nicht den Staatsnamen, wohl aber auf den kleinen Münzen Inschriften in deutscher Sprache: EIN EURO CENT, ZWEI EURO CENT, FÜNF EURO CENT. Was auf den ersten Blick wie eine Verdopplung der Wertangabe von der Vorderseite erscheint, erweist sich auf den zweiten als – Rechtschreibfehler! Nach den auch in Österreich geltenden amtlichen Rechtschreibregeln ist das Wort Eurocent im Deutschen nämlich zusammenzuschreiben. Wenn die Inschrift wie auf der gemeinamen Vorderseite aller Münzen und auch auf der Rückseite der mittleren Münzen Österreichs nicht eindeutig deutsch, sondern „gemeineuropäisch“ ist (die Zahlen werden dort nicht ausgeschrieben, sondern in Ziffernschreibweise geboten), ist die Schreibung EURO CENT in zwei Wörtern auch aus der Sicht des Deutschen wohl hinzunehmen.

Wer orthografische Fehler nicht leichtnimmt, der mag sich damit trösten, dass nach einer Brüsseler Verordnung von 2012 bei Neuprägungen auf der nationalen Seite weder die Währungsangabe noch der Nennwert der Münze wiederholt werden dürfen, „außer wenn ein anderes Alphabet verwendet wird“: Pech für Österreich, Glück für Griechenland und Zypern und in der Zukunft vielleicht für Bulgarien (und möglicherweise weitere Länder) mit kyrillischem Alphabet.

Österreich wird seine Münzgestaltung anpassen müssen, wie übrigens auch Deutschland. Sie müssen künftig auf der nationalen Seite ihren Landesnamen in voller oder abgekürzter Form angeben, etwa D oder DE (Belgien – BE – und Finnland – FI – haben das schon erledigt). Und zwar hat dies spätestens bis zum 20. Juni 2062 zu geschehen. Wir werden das im Auge behalten.



7.
2014-Feb-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (51)
Muckefuck

Von Wilfried Kürschner

Muckefuck hat einen Namen – das war eine der zahlreichen sprachlichen Überraschungen, mit denen ich es Mitte der Fünfzigerjahre, als Neuankömmling aus der „Zone“, im „Westen“ (in Dortmund) zu tun bekam. „Drüben“ hieß es einfach Muckefuck, hier konnte und musste man zwischen Linde’s, Kathreiner und Caro wählen – Letzterer war (und ist) das lösliche Pulver, sozusagen der Nescafé unter den Ersatzkaffees, von denen hier die Rede ist. Ersatzkaffee oder besser Kaffee-Ersatz ist die standardsprachliche Entsprechung zum umgangssprachlichen Muckefuck. Der Gegenbegriff ist Bohnenkaffee, auch richtiger Kaffee genannt. Das naheliegende Pendant falscher Kaffee ist nicht in Gebrauch, wohl aber spielt es in der Herleitung des Wortes Muckefuck aus französisch mocca faux, ›falscher Mokka‹, eine Rolle. Doch wird diese Erklärung in den Wörterbüchern als „Volksetymologie“ abgetan: Es liege keine Eindeutschung vor, allenfalls könne der französische Ausdruck einen Einfluss auf die Bildung von Muckefuck ausgeübt haben. Das Wort ist nämlich laut Duden-Herkunftswörterbuch seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im rheinisch-westfälischen Raum bezeugt, bedeutet so viel wie ›dünner Kaffee‹ und ist aus den rheinischen Wörtern Mucken, ›braune Stauberde, verwestes Holz‹ und fuck, ›faul‹, zusammengesetzt.

Wie dem auch sei, ältere Leser dieser Kolumne erinnern sich sicher an Zeiten, in denen Bohnenkaffee fast ein Luxusgut war. Man versuchte, das an seine Stelle tretende Ersatzgetränk aus Malz oder Gerste sprachlich aufzuwerten, indem man es deutschen Kaffee nannte. Das erinnert an das deutsche Beefsteak, eine verhüllende Umschreibung für die banale Frikadelle oder Bulette. Sowohl Ersatz- als auch Bohnenkaffee können sehr dünn aufgebrüht werden und werden dann abwertend Blärre , Blärpe, Lorke oder Plörre (im hiesigen Platt: Plör) genannt. Letzteres kann auch zur Bezeichnung anderer Arten von geschmacklosen Getränken dienen. Besonders im Sächsischen kennt man den Ausdruck Blümchenkaffee, der so gedeutet wird, dass man durch die dünne Brühe den Boden der Tasse mit ihrem Blümchenmuster sehen kann.

Im selben Verhältnis wie Ersatzkaffee und richtiger oder Bohnenkaffee stehen übrigens Margarine und gute Butter zueinander. Dass Margarine als weniger wertvoll galt (bevor der cholesterinische Charakter der Butter erkannt wurde), erkennt man an der aufwertenden Namengebung mancher Sorten: Rama soll nach Rahm, aus dem die Butter gemacht wird, klingen und Botteram nach beidem. Sanella enthält Sahne und das lateinische sanus, ›gesund‹; es wird gern verballhornt im studentischen Mensaspruch: Mens sana in corpore sanella: „Ein gesunder Geist in einem gut geölten Körper“.

Der Vorschlag, das Wort Muckefuck aufzunehmen, ist gleich zweimal gemacht worden: von den Schülern der Klasse 6fl1 des Gymnasiums Bersenbrück („Wir finden, dass sich das Wort lustig anhört“) und der Klasse 4c der Kardinal-von-Galen-Schule, Dinklage: „ein Wort, dessen Silben einen lustigen Klang haben und beim Sprechen ein Schmunzeln erzeugen“.



6.
2014-Feb-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (41)
schnöselig

Von Wilfried Kürschner

Das Wort des Tages, schnöselig, „ein Wort aus meiner Kindheit, das jetzt weniger benutzt wird, das man vor allem schwer einem Ausländer erklären kann“, hat Dr. Sigrid Heising vorgeschlagen. Es folgt einem ganz geläufigen Muster in der Wortbildung des Deutschen: Es ist durch Anfügen des Suffixes (= der „Endsilbe“) -ig aus dem Substantiv Schnösel entstanden. Ein solches Adjektiv gibt, generell gesprochen, eine hervorstechende Eigenschaft der in dem Substantiv genannten Größe an. Solche Ableitungen oder Derivationen, wie man sie in der Grammatik nennt, sind Legion, aber gelegentlich nur mit Vorsicht zu genießen: Das Adjektiv lustig beispielsweise hängt nur scheinbar mit dem Substantiv Lust zusammen – jemand, der Lust hat, ist nicht unbedingt auch lustig, und nicht jeder, der lustig ist, hat auch Lust. Solche scheindurchsichtigen Bildungen stellen, wie man sich leicht vorstellen kann, für Menschen, die noch nicht so firm im Deutschen sind, ein Lern- und Verständnisproblem dar.

Bei schnöselig liegt der Zusammenhang aber auf der Hand. Er kommt auch in der Wörterbuchdefinition zum Ausdruck: ›wie ein Schnösel sich benehmend‹ („umgangssprachlich abwertend“). Wer nun aber nicht weiß, was ein Schnösel ist – so mag es dem Ausländer ergehen, der im Eingangszitat erwähnt wurde –, muss weiter nachfragen oder -schlagen und erfährt im Duden-Universalwörterbuch, dass damit (ebenfalls „ugs. abwertend“) ein ›junger Mann, dessen Benehmen als frech, ungezogen, überheblich empfunden wird‹, gemeint ist. Damit ist die Bedeutungs- und Stilfrage eigentlich geklärt, manche Leute, etwa die Leser dieser Kolumne, wollen aber hinter die sprachlichen Kulissen blicken und etwas über die Herkunft und Geschichte der Wörter erfahren. Im Duden-Universalwörterbuch ist nun zu Schnösel zu lesen, dass das Wort aus dem Niederdeutschen ins Hoch- oder Standarddeutsche gelangt ist und dass es „wohl verwandt mit niederdeutsch snot = Nasenschleim, Schnodder “ ist – Betonung auf „wohl“, das heißt die Etymologie ist nicht gesichert. Wer aber bei Nasenschleim die derbere Variante Rotz hinzudenkt, assoziiert mit dem Schnösel alsbald den Rotzbengel, den Rotzbub, die Rotznase, die sich alle rotzfrech benehmen, und ist geneigt, die Herleitung zu akzeptieren (die Ableitung schnoddrig von Schnodder ist übrigens nochmals etwas anderes, nämlich ›provozierend lässig, großsprecherisch, den angebrachten Respekt vermissen lassend‹).

In Zeiten der (Sprach-)Politischen Korrektheit verwundert es nicht, dass neben den maskulinen männlichen Schnösel die feminine weibliche Schnöselin gestellt wird, etwa im Rechtschreibduden. Er wendet sich damit gegen seinen Universal-Bruder, der als Schnösel ja nur junge Männer kennt. Vollkommen durchgesetzt ist die Gleichstellung aber doch nicht: Was Adjektive angeht, bleibt es bei schnöselig, ein Eintrag schnöselinnig ist nicht vorgesehen.



5.
2014-Jan-30
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (30)
o. k., O. K., okay

Von Wilfried Kürschner

Hermann Thöling aus Vechta lieferte bei seinem Vorschlag, das Wort in die Liste des OV-Wörterjahres aufzunehmen, gleich eine Erklärung mit: In der Nachkriegszeit, als er Fahrer bei einem Colonel der britischen Besatzungstruppen war, habe er von diesem erfahren, dass es auf den Namen eines Deutschen zurückgehe, der nach der Einführung der Fließbandproduktion durch Henry Ford (1913) für die Endabnahme zuständig gewesen sei. Wenn Otto Kayser – so der Name des Kontrolleurs – das Endprodukt für in Ordnung befand, habe er es an passender Stelle mit seinem abgekürzten Namen markiert: O. Kay.

Dies ist eine von zahlreichen Geschichten, die zur Erklärung von okay im Umlauf sind und ganze Internetsites füllen. Halten wir uns an die Angaben in den Wörterbüchern. Zwar lesen wir im Duden-Universalwörterbuch, dass die Herkunft von okay unbekannt sei, doch in den einschlägigen englischen und amerikanischen Wörterbüchern erfahren wir etwas mehr. Nach dem „Shorter Oxford English Dictionary“ ist OK (wie man das Wort im Englischen auch schreiben kann) seit der Mitte des 19. Jahrhunderts gebräuchlich und geht „wahrscheinlich“ auf die Anfangsbuchstaben des Ausdrucks orll korrect, einer scherzhaften Schreibung von all correct (›alles korrekt, in Ordnung‹), zurück. In der Kampagne zur Wiederwahl des amerikanischen Präsidenten Martin Van Buren im Jahr 1840 sei es populär geworden, und zwar durch einen Slogan, der auf Van Burens Spitznamen anspielte: Nach seinem Geburtsort Kinderhook (im Staat New York) wurde er Old Kinderhook genannt, abgekürzt O. K. oder OK: „OK is OK“.

Die Aussprache geht auf die englischen Namen der Buchstaben in den Abkürzungen, „ou“ und „käi“, zurück; okay stellt die dazugehörige Langform dar. Von Amerika aus ist das Wort als Zeichen für Einverständnis und Zustimmung, Präsenz und Aufmerksamkeit ganz allgemein, in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, zunächst im Englischen, danach in fast allen Sprachen der Welt. Es tritt in drei Wortarten auf: als Reaktions- und Antwortpartikel („Kommst du mit?“ – „Okay!“), als Adjektiv („Er ist okay“, alltagssprachlich auch: „ein okayer Typ“) und als Substantiv („sein Okay geben“).

Van Buren wurde seinerzeit übrigens nicht wiedergewählt. Der Slogan hätte also gut umgewandelt werden können in „OK is KO“. Doch war der Ausdruck k. o./(der) K. o. (so die Schreibungen im Deutschen) damals noch gar nicht bekannt. Er kam erst in den 1920ern als Abkürzung für den Knockout (auch Knock-out), also den Niederschlag beim Boxen, im Englischen in Gebrauch. Interessanterweise wird das Kurzwort k. o. im Deutschen nicht wie im Englischen „käi ou“ ausgesprochen, sondern mit den Buchstabennamen auf Deutsch: „kaa oo“. Ein schöner weiterer Beleg dafür, dass Sprachen, das heißt eigentlich: ihre Sprecher, nicht logisch und gleichförmig, sondern allzu oft „unlogisch“ und willkürlich verfahren.



4.
2014-Jan-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Milda aus Riga

Von Wilfried Kürschner

Zu Anfang des Jahres hat sich die Eurozone um ein Land erweitert. Lettland hat den Lats aufgegeben und als achtzehntes Land den Euro als Währung eingeführt. An den Euro-Scheinen werden wir das nicht bemerken, wohl aber an den nationalen Münzen Lettlands, die über kurz oder lang in unseren Portmonees landen (und die übrigens in Karlsruhe und Stuttgart geprägt worden sind). Die Vorderseiten sind dieselben wie die der übrigen Länder: Umrisskarten von West- und Mitteleuropa und Umgebung mit der Aufschrift 1, 2, 5 Euro Cent auf den kleinen Münzen, 10, 20, 50 Euro Cent auf den mittleren und 1, 2 Euro auf den großen. Auf der Rückseite, der sog. nationalen Seite, hat Lettland, wie die übrigen Euro-Staaten auch, in einem gewissen Rahmen Gestaltungsfreiheit. Sie wird folgendermaßen genutzt. Auf den großen Euro-Münzen, die Milda, eine allegorische junge Frau, zeigen, erscheint der Name des Staates, Latvija Republika, auf den übrigen sechs in Kurzform: Latvija. Interessant die Randbeschriftung, die wie in den übrigen Euro-Ländern den 2-Euro-Münzen vorbehalten ist. Dort ist zu lesen: Dievs sveti (mit einem Querstrich auf dem e und dem i zur Bezeichnung der Vokallänge) Latviju – „Gott segne Lettland“.

Vergleichen wir dies mit den deutschen Münzen. Die Randbeschriftung lautet Einigkeit und Recht und Freiheit und weist zusätzlich den Bundesadler auf. Sonst gibt es auf allen unseren Münzen nichts zu lesen: Eichenblatt, Brandenburger Tor und großer Bundesadler stehen für die Bundesrepublik Deutschland. Noch karger verfuhr bis 2007 Belgien. Hier muss auf allen Münzen zur Identifizierung das Porträt des 2013 zurückgetretenen Königs Albert II. ausreichen (das wohl bald durch das von König Philippe oder Filip ersetzt werden wird); die 2er-Randinschrift enthält sechsmal die Zahl „2“ und sechsmal zwei Sterne, also die zwölf Sterne, die wir von der Europaflagge und den Euro-Scheinen her kennen und die auch beide Seiten der Euro-Münzen zieren. Genauso wortkarg sind Portugals Münzen mit ihrer Wiedergabe von Siegeln sowie die von Malta, wo aber wenigstens die 2er-Randinschrift zwölfmal das Malteserkreuz zeigt. Schmallippig sind auch die Finnen, die den Landesnamen auf Finnisch – Suomi – und auf Schwedisch – Finland – lediglich auf dem Rand der 2-Euro-Münze vermerken; ganz versteckt findet man ihn abgekürzt als FI auf allen Münzen seit 2007.

Alle übrigen 13 Euro-Länder nennen (mit einer Ausnahme) ihren Staatsnamen: minimalistisch die Franzosen mit der Abkürzung RF (für „République française“) und die Italiener mit RI (für „Repubblica Italiana“), ausführlich in Kurz- und Langform die Slowaken: Slovensko auf allen acht Münzen und zusätzlich Slovenská republika auf dem Rand der 2er. Estland (Eesti) und Slowenien (Slovenija) nennen ihren Namen auf der Bildseite und dem Rand der 2er, Spanien (España) und Irland (Eire) nur auf der Bildseite. Das dreisprachige Luxemburg (Deutsch, Französisch, Luxemburgisch) nennt sich in seiner nicht zur EU-Amtssprache erhobenen Sprache: Lëtzebuerg. Die Niederlande präsentieren ihren Namen in der Beschriftung Beatrix Koningin der Nederlanden, die wohl auch bald durch „Willem-Alexander Koning der Nederlanden“ ersetzt wird. Auf dem 2er-Rand heißt es hier: God zij met ons – „Gott sei mit uns“.

Europa ist so vielgestaltig und individuell, dass die Münzen der restlichen vier Euro-Länder erst nächsten Monat zur Sprache kommen können.

Anmerkung: Milda, so heißt im Volksmund die Statue einer jungen Frau (Sinnbild der Freiheit) auf der Spitze des Freiheitsdenkmals im Zentrum der lettischen Hauptstadt Riga.



3.
2014-Jan-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Kolumne: Jahr der Wörter (18)
verzetteln

Von Wilfried Kürschner

Der Einsender des Ausdrucks verzetteln, Reinhard Sundermann aus Bakum, hat listigerweise gleich zwei Wörter zur Behandlung in dieser Kolumne vorgeschlagen. Verzetteln bedeutet nämlich zum einen ›für einen (Zettel-)Kasten gesondert auf einzelne Zettel oder Karten schreiben‹, zum anderen bedeutet verzetteln so viel wie ›planlos und unnütz für vielerlei Kleinigkeiten verbrauchen, mit vielerlei Unwichtigem verbringen‹ („seine Kraft oder Zeit an oder mit etwas verzetteln“, „sein Geld verzetteln“). In dieser zweiten Bedeutung ist vor allem der Ausdruck sich verzetteln (mit Reflexivpronomen) präsent: „du verzettelst dich zu sehr; sich in oder mit seinen Liebhabereien verzetteln“ (die Definitionen und Beispiele sind dem Duden-Universalwörterbuch entnommen).

Während also das erste verzetteln einen deutlichen Bezug zum Substantiv Zettel hat, liegt beim zweiten verzetteln kein solcher vor, wird aber, wie eine kleine Umfrage ergab, von Sprechern gern hergestellt: Wenn man sich verzettelt, so war zu hören, ist es so, als ob man seine Tätigkeiten oder Vorhaben auf Zetteln notiert, die planlos um einen herumliegen. Sprachgeschichtlich jedoch geht, wie aus Pfeifers „Etymologischem Wörterbuch“ zu erfahren ist, das zweite verzetteln zurück auf ein früh verlorengegangenes Verb zetten mit der Bedeutung ›streuen, verstreuen, ausbreiten‹; verzetten bedeutete so viel wie ›zerstreut fallen lassen, verlieren‹. Von diesem Verb ist verzetteln unter Hinzufügung eines el abgeleitet (16. Jh.), so ähnlich wie lächeln von lachen oder hüsteln von husten. Es erlangte die Bedeutung ›vergeuden, vertun‹ (17. Jh.), in reflexivem Gebrauch ›seine Kräfte zersplittern‹ (19. Jh.).

Ebenfalls mithilfe von el wurde von zetten das Substantiv Zettel abgeleitet, das mit unserem ersten Zettel (übrigens ein Lehnwort aus dem Lateinischen) nur die Form, nicht aber die Bedeutung teilt und das den meisten Gegenwartssprechern nicht mehr bekannt ist. Dieser Zettel ist ein Begriff aus der Weberei, wo er den ›bei einem Gewebe in Längsrichtung verlaufenden Garnfaden‹ (auch Kette genannt) bezeichnet. Hierzu gehört das Verb anzetteln mit der Ursprungsbedeutung ›den Aufzug eines Gewebes auf dem Webstuhl einrichten‹, dann im übertragenen Sinn ›anstiften‹.

Verzetteln und Zettel sind beides Homonyme, Wörter, die der Form nach gleich sind, aber unterschiedliche Bedeutungen tragen, die nichts miteinander zu tun haben. Solche Ausdrücke eignen sich gut für zweideutige Witze, aber auch für Buchtitel wie etwa „Zettel’s Traum“, Arno Schmidts Monumentalwerk von 1970 (1334 DIN-A3[!]-Seiten dick, über acht Kilo schwer). Der Autor spielt damit zum einen auf seine Arbeitsmethode an: In Kästen geordnete Zettel (insgesamt um die 120.000 Stück) mit Formulierungseinfällen, Zitaten, Zeitungsausschnitten und dergleichen mehr sind hier zu einem Text, einem „Gewebe“, montiert, „verwebt“. Zum anderen Shakespeares „Sommernachtstraum“: Dort ist Niklaus Zettel (so der Name von Nick Bottom in deutschen Übersetzungen) ein tölpelhafter Weber, der sich als Schauspieler versucht und von einem Kobold in einen Esel verwandelt wird.

Arno Schmidt wurde heute vor hundert Jahren geboren.



2.
2014-Jan-02
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Heute startet das „Jahr der Wörter“ in der OV

Landkreis Vechta (su).Wie viele Wörter hat die deutsche Sprache? Niemand weiß das so genau, denn selbst Fachleute sind sich nicht völlig einig, was genau ein Wort überhaupt ist. Wir gehen aus – sind das drei Wörter oder zwei? Denn ausgehen ist ja ein Wort und steht auch so im Wörterbuch; aber aus und gehen sind ihrerseits auch Wörter. Fachleute sagen, die deutsche Hochsprache hat etwa 300 000 bis 500 000 Wörter – so ganz genau weiß das niemand. Kein einzelner Mensch kennt alle Wörter. Und vor allem kennen die wenigsten die Geschichten, die hinter den Wörtern stehen. Um den Blick auf den Reichtum und die verborgenen Schönheiten der deutschen Sprache zu lenken, haben die Universität Vechta und die OV 2014 zum Jahr der Wörter erklärt. Aus mehr als 600 „Lieblingswörter“-Vorschlägen von Schulklassen, Lesern sowie Universitätsangehörigen wählte eine Jury um Uni-Präsidentin Marianne Assenmacher und OV-Geschäftsführer Christoph Grote 365 Wörter aus. Täglich wird der Vechtaer Sprachwissenschaftler Professor Dr. Jochen A. Bär diese Wörter erläutern: in OV und der OV am Sonntag. Ihn unterstützen wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie Professor Dr. Wilfried Kürschner. Die Reihe beginnt heute mit dem Beitrag „Welt“.



1.
2014-Jan
Forschung & Lehre, 1/2014, S. 46, Rubrik „Zustimmung und Widerspruch“

Funktionärsdeutsch

Gabriela Schuchalter-Eicke formuliert eine Wunschvorstellung, wenn sie schreibt: „Eines sollte doch klar sein: das generische Maskulinum ist schlichtweg ,out‘.“ Im Gegenteil, das generische Maskulinum – also die Ausdrucksweise, bei der sich ein Substantiv im Genus Maskulinum, meist eine Berufs- oder sonstige Funktionsbenennung, auf Menschen beiderlei Geschlechts bezieht – ist nach wie vor „in“, und zwar in allen öffentlichen Medien wie den Tages- und Wochenzeitungen, im Rundfunk und im Fernsehen und dergleichen mehr, und es lebt in der spontanen gesprochenen und geschriebenen Kommunikation. Hier gilt, was in jeder Ausgabe von „Forschung & Lehre“ im Impressum aus dem Corpus Iuris Civilis zitiert wird: „Ein Redeausdruck im männlichen Geschlecht erstreckt sich gewöhnlich auf beide Geschlechter.“

Die sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“ (die auch gern zur „gerechten“ Sprache hochstilisiert wird), wie sie sich vor allem beim Splitting zeigt („Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Wissenschaftler/-innen, Wissenschaftler_innen“ usw.), bleibt dagegen dem Funktionärsdeutsch in der Politik, in Parteien, Verbänden, Kirchen, Behörden, Universitätsverwaltungen und in der „tageszeitung“ vorbehalten.

Recht hat Frau Schuchalter-Eicke allerdings damit, dass in dem inkriminierten Bericht von „Forschung & Lehre“ über die Habilitationsstatistik 2012 die Geschlechterquoten hätten mitgenannt werden sollen, schon damit man erführe, dass sich 2012 etwa 440 Frauen habilitiert haben und ihr Anteil damit 27 Prozent der Habilitationen insgesamt beträgt. Der Frauenanteil ist in fast allen Fächergruppen gestiegen und liegt etwa bei den Sprach- und Kulturwissenschaften trotz eines Rückgangs um 3 Prozentpunkte bei 40 Prozent.

Professor (em.) Dr. Wilfried Kürschner, Vechta

Bezugstext:

Forschung & Lehre 10/2013, S. 840, Rubrik „Zustimmung und Widerspruch“
[Zu einem Beitrag in] Heft 7/13: Zahl des Monats

Mitgemeint?

Bei Artikeln, die Sie von externen Autorinnen und Autoren erhalten, haben Sie vermutlich wenig Einfluss auf die verwendeten Formulierungen. Allerdings würde ich mir wünschen, dass Sie bei eigenen Beiträgen auf eine geschlechtergerechte Sprache achten. Eines sollte doch klar sein: das generische Maskulinum ist schlichtweg „out“. Frauen sind eben nicht einfach „mitgemeint“, sondern sollten immer explizit auch genannt werden, wo sie beteiligt sind. Insbesondere dann, wenn Zahlen im Spiel sind, die eine offenkundige Unterrepräsentanz aufzeigen würden. Damit macht man(n) sich auch unangreifbar für den Vorwurf der Verschleierung von Tatsachen. Gemeint ist hier Ihr kleiner Kasten „Zahl des Monats“ (S. 524). Dort zitieren Sie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu den Habilitationen in 2012. Glücklicherweise werden heutzutage Statistiken schon geschlechtergerecht erfasst, Sie allerdings sprechen von 1 646 Wissenschaftlern, die sich habilitiert haben. Was wollen Sie damit sagen? Dass sich in 2012 keine Frauen habilitiert haben? Dass Sie tatsächlich im generischen Maskulinum formulieren und die Frauen einfach „mit dabei“ sind? Wie hoch aber ist die absolute Zahl der habilitierenden Frauen in 2012, und wie viel Prozent sind das von der Gesamtzahl? Oder wie hoch ist denn dann die prozentuale Steigerung im Verhältnis zu den Vorjahren bei den Frauen? Diese Fragen stellen sich einer lesenden Frau automatisch, Antwort findet sie bei Ihnen nicht.

Gabriela Schuchalter-Eicke, Universität Mainz