Berichte 2013



23.
2013-Dez-28
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
„Lob, Ehr und Preis sei Gott …“

Von Wilfried Kürschner

Unter starker Medienbegleitung, auch dieser Zeitung, ist zu Beginn des Kirchenjahres eine neue Ausgabe des „Katholischen Gebets- und Gesangbuchs“ erschienen. Wie der Vorgänger aus dem Jahr 1975 trägt es den Titel „Gotteslob“. Wer unvorbereitet auf diesen Titel stößt, könnte ins Sinnieren kommen: Wer lobt hier wen? Von wem geht hier ein Lob aus, und auf wen richtet es sich? Zwei Deutungen bieten sich dem Unvoreingenommenen an: Nach der einen ist Gott der Lobende, der Ausgangspunkt, die Quelle des Lobs, das sich etwa an den Menschen richtet. Gott würde nach dieser Auffassung „jemanden, sein Tun, Verhalten oder Ähnliches mit anerkennenden Worten (als Ermunterung, Bestätigung oder Ähnliches) positiv beurteilen und damit seiner Zufriedenheit, Freude oder Ähnliches Ausdruck geben“ (so die Definition des Wortes loben im Duden-Universalwörterbuch). So lobt etwa ein Lehrer einen Schüler für seine gute Arbeit, seinen Fleiß.

Aber auch die umgekehrte Richtung ist denkbar: Gott ist danach das Ziel des Lobens, er wird gelobt, ihm werden, wie es gerade hieß, „anerkennende Worte als Ermunterung oder Bestätigung“ gesagt. Steht das aber einem Menschen Gott gegenüber zu, ihm zu sagen: „Bravo, Gott, das hast du fein gemacht“? Nach christlichem Verständnis doch wohl nicht. So kommt eine dritte Deutung ins Spiel. Mit den Wörtern loben bzw. Lob sind hier nicht anerkennende Äußerungen gemeint, diese Wörter haben hier vielmehr eine zweite, eine andere als die alltägliche Bedeutung, die im Wörterbuch so umschrieben wird: „Gott, das Schicksal oder Ähnliches preisen und ihm danken“. In dieser Bedeutung ist Gott als Ziel des so verstandenen Lobens gewissermaßen schon vorgegeben. In der Überschrift eines Artikels in dieser Zeitung zum neuen „Gotteslob“ kam dies deutlich zum Ausdruck: „Um Gott zu loben“ (13. November 2013).

Die Wörter loben bzw. Lob sind also doppeldeutig und können in alltäglicher oder in religiöser Bedeutung gemeint sein. So verhält es sich auch in anderen Fällen, etwa bei frohlocken (= „lebhafte Schadenfreude empfinden“ oder aber „durch Lobgesang preisen“ wie in Bachs Weihnachtsoratorium: „Jauchzet, frohlocket, auf, preiset die Tage“). Hier muss man aufpassen, dass man die jeweils gemeinte Bedeutung aufruft, um keine Missdeutung aufkommen zu lassen. Weniger gefährlich sind dagegen Wörter, die eindeutig der religiösen Sphäre zugeordnet sind, etwa Abendmahl, Fürbitte, Heiland.

Die Mehrdeutigkeit von loben bzw. Lob ist übrigens keine Eigenschaft des Deutschen. Sie geht vielmehr schon auf die entsprechenden Wörter der biblischen Sprachen Hebräisch und Griechisch zurück und findet sich auch im Lateinischen. So hieß der Vorläufer des heutigen „Gotteslobs“ im Bistum Münster „Laudate“, das ist: „Lobt!“.

Ein Problem bleibt aber auch beim „Gotteslob“. Wie lautet der Titel im Plural, wenn man mehrere Exemplare bezeichnen will? Eine Buchhändlerin erzählte von einer Kundin, sie habe zwei „Gotteslobs“ verlangt. Früher wären es wohl zwei „Laudates“ gewesen.



22.
2013-Dez-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Universität hat Chance vertan
Vechta hätte wie Oldenburg den 40. Geburtstag feiern können
Leserbrief zum Artikel „Zum 40. Geburtstag wird gekocht, gepredigt und feste gefeiert“ (Oldenburgische Volkszeitung vom 3. Dezember)

Was Oldenburg Mitte letzter Woche recht war, hätte Vechta billig sein können: In Oldenburg wurde nämlich, wie die OV meldete , „zum 40. Geburtstag gekocht, gepredigt und feste gefeiert“. Anlass war die Gründung der Universität Oldenburg am 5. Dezember 1973. An diesem Tag wurde auch die Universität Osnabrück ins Leben gerufen, der aus regionalpolitischen Gründen die Pädagogische Hochschule in Vechta angegliedert wurde (um Osnabrück gegenüber den Konkurrenzuniversitäten Münster und Bielefeld zu stärken). Damals erhielt Vechta als Abteilung der Universität Osnabrück erstmals universitären Status.

Das 40-jährige Jubiläum wurde am 5. Dezember in Vechta in kleinem Rahmen gefeiert: Professor Hanschmidt wurde ein Liber Amicorum, ein „Freundesbuch“, überreicht (OV vom 6.12.). Es ist erschienen im Lit Verlag und enthält in seinem zweiten Teil auf über 120 Seiten eine farbige Dokumentation der Ausstellung, die 2010 aus Anlass der Umbenennung vom Universitätsarchiv vorbereitet und in der Universitätsbibliothek präsentiert wurde. Sie stellt die gut 180-jährige Geschichte der akademischen Ausbildung in Text- und Sacharchivalien dar. Die Fotodokumentation ersetzt den Katalog, der damals nicht erstellt werden konnte. Sie wird eingeleitet durch einen Aufsatz „Von der Normalschule zur Universität Vechta (1830–2010)“ aus der Feder des Geehrten, des besten Kenners der Geschichte der hohen Schule in Vechta.

Prof. (em.) Dr. W. Kürschner
Vechta



21.
2013-Dez-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Buch zum Geburtstag
Freundesgabe für Professor Hanschmidt

Vechta (ho). „Liber Amicorum“: das bedeutet Festschrift – und die überreichten gestern zum 75. Geburtstag in der Universität Vechta Freunde und Kollegen an den emeritierten Professor für Didaktik der Geschichte mit dem Schwerpunkt Neuere Geschichte Dr. Alwin Hanschmidt. Abgedruckt sind in dem Band laut Professor Wilfried Kürschner, einem der Herausgeber, die Laudationes anlässlich des 75. Geburtstages Hanschmidts im Spätsommer 2012 in der Akademie Stapelfeld; ergänzt durch Festvorträge zu Hanschmidts Hauptarbeitsgebieten nebst Lebenslauf und einem Verzeichnis der von ihm in Vechta abgehaltenen Lehrveranstaltungen. Den zweiten Teil des Buches bildet die 130-seitige Fotodokumentation einer vom Universitätsarchiv vorbereiteten und durchgeführten Ausstellung aus Anlass der Umbenennung der Universität Vechta 2010.

Info: „Im Anfang war Fürstenberg. Biografisches und Erinnertes.“ Berlin: Lit Verlag (ISBN 978-3-643-12405-0). 258 Seiten, Preis: 39,90 Euro.



20.
2013-Nov-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Im PECTOPAHT

Von Wilfried Kürschner

Immer am 9. November – dem geschichtsträchtigen Datum, an dem wir unseren nationalen Gedächtnis- und Gedenktag meines Erachtens begehen sollten und nicht am gesichtslosen 3. Oktober – kommt mir das PECTOPAHT in den Sinn. Das war in den frühen 1980ern der Ort, an dem wir beim Familienurlaub am bulgarischen Abschnitt des Schwarzen Meeres unsere Mahlzeiten einnahmen. Dort traf man sich auch mit Verwandten und Bekannten aus der DDR zum abendlichen Umtrunk – Wodka hundertgrammweise für die Erwachsenen. Tagsüber durften „Ostler“ (wie man damals sagte, der „Ossi“ wurde erst 1989/90 erfunden) nämlich nicht an den Devisenstrand. Dieses Sonnenschirm- und Strandliegen-bestückte Meeresufer war Gästen mit „harter Währung“ vorbehalten, also „Westlern“, die sich aber auch oft solidarisch zu den DDR-Bürgern im Hinterland gesellten.

Eines hatten die Ostler uns allerdings voraus. Sie konnten, weil sie, meist mehr schlecht als recht, Russisch gelernt hatten, die Aufschrift PECTOPAHT am Speisen- und Getränkehaus lesen. Das Bulgarische benutzt ja wie das Russische die kyrillische Schrift, in der einige (Groß-)Buchstaben mit (Groß-)Buchstaben in unserem lateinischen Alphabet übereinstimmen, andere hingegen nicht. Einige der in beiden Alphabeten vorhandenen Buchstaben stimmen sowohl der Form als auch der Lautung nach überein, andere nur der Form, aber nicht der Lautung nach. Im Wort PECTOPAHT kommt beides vor. Form- und Lautungsübereinstimmung ist bei vier Buchstaben gegeben: Das E ist unser „E“, das T ist „T“, das O ist „O“, und das A ist „A“. Die übrigen drei Buchstaben – P, C und H – sehen aber nur aus wie unsere lateinischen. Sie haben einen anderen Lautwert: Dem kyrillischen P entspricht unser „R“, dem C unser „S“, und das H ist unser „N“. Diese Mischung von echter Gleichheit und bloß gefühlter Übereinstimmung macht dem Ungeübten Schwierigkeiten. Er liest so etwas wie „pectopaht“, während dort „restorant“ steht. Hat man dies einmal verstanden, kann man viele kyrillisch geschriebene Wörter entziffern, aber längst nicht alle, weil es, wie gesagt, in diesem Alphabet Buchstaben gibt, die im lateinischen keine Entsprechung haben (und umgekehrt natürlich dasselbe). Insgesamt stimmen zwölf Buchstaben der Form nach überein, neben den oben genannten sieben noch fünf: B, K, M, X und Y. Zwei von ihnen, nämlich K und M, haben dieselbe Lautung wie unser „K“ und „M“. Bei B, X und Y muss man aber wieder aufpassen: Das kyrillische B entspricht unserem „W“, das X unserem „CH“ und das Y unserem „U“.

Als wir das verstanden hatten, konnten wir uns zusammenreimen, was eines Abends auf einem Programmzettel in großen Buchstaben angekündigt wurde: Im TEATP ein XOP mit OPKECTP aus MOCKBA (CCCP – „UdSSR“). Gegeben wurden Stücke von Iwan KHOPP (1853–1916). Wer außer uns erst die Musik und danach den Abendtrunk genossen hat? Ostler und Westler vereint: OTTO und MAPTA KOX, BEPA und BEPHEP OCTMAHH, BEPEHA und APTYP, der PEKTOP, sowie AHKE und YPTE.



19.
2013-Nov-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Auf grammatikalische Korrektheit achten
Plural von „Romni“ ist laut Rechtschreibduden gleich dem Singular
Lesermeinung zum Artikel „Erneuter Fall von Kinderhandel“ (OV vom 26. Oktober)

Wenn man das Wort „Zigeuner“ aus Gründen der Politischen Korrektheit vermeidet und stattdessen von „Roma“ und/oder „Sinti“ spricht, dann sollte man doch auch auf die grammatische Korrektheit achten. In dem dpa-Bericht „Erneuter Fall von Kinderhandel“ ist zu lesen, dass einem Paar „eine Rom … ein Baby vermittelt“ habe. Das klingt im Romani, der Zigeunersprache, wie wenn man auf Deutsch von „einer Zigeuner“ redete. Dort ist die Bezeichnung für eine Angehörige des weiblichen Geschlechts, ähnlich wie im Deutschen („Zigeunerin“), eine abgeleitete Form: „Romni“. „Rom“ ist die maskuline (= „männliche“) Form, im Plural (= in der „Mehrzahl“) „Roma“. Der Plural von „Romni“ ist laut Rechtschreibduden gleich dem Singular (= der „Einzahl“). Aber auch „Romnija“ ist als Plural im Gebrauch.

Professor Wilfried Kürschner
Vechta



18
2013-Okt-26
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
N0S/S0N – R0E R0SEN

Von Wilfried Kürschner

Vorige Woche haben wir uns an dieser Stelle eines der zahlreichen Lernprobleme der deutschen Sprache vorgenommen, nämlich die Pluralbildung (= „Mehrzahl“) der Substantive (= der „Haupt-, Namenwörter, Nomen“). Mit der Merkformel rosen kann man sich merken, dass dabei fünf Endungen zum Einsatz kommen, nämlich -er (Kind – Kinder, Gut – Güter), die Nullendung, -0 (Muster – Muster, Mutter – Mütter), die Endung -s (Sofa – Sofas), die Endung -e (Tag – Tage, Schlag – Schläge) und die Endung -n bzw. -en (Bote – Boten, Mensch – Menschen). Wie aus den Beispielwörtern noch einmal ersichtlich ist, kann bei Substantiven, die die Endungen roe zu sich nehmen, unter Umständen ein Umlaut (Merkwort „Ümläut“) eintreten.

Damit haben wir aber noch nicht die ganze Formenbildung des deutschen Substantivs erfasst. Im Gegensatz zum (in dieser Hinsicht) leichten Englischen – und im Gegensatz zum Plattdeutschen! – reicht es im (Hoch-)Deutschen nämlich nicht aus, neben der Singularform nur den Plural in den Blick zu nehmen – nein, auch im Singular findet Flexion (= „Beugung“) statt, und zwar wiederum mit drei Möglichkeiten. Das macht man sich am besten an den Formen im Genitiv (= im „2. oder Wesfall“) klar. Beispiele: (der) Wirt – (des) Wirtes/Wirts, (der) Hirt(e) – (des) Hirten, (die) Karte – (der) Karte. Zum Einsatz kommen, wie man sieht, die schon vom Plural her bekannten Endungstypen S, N, 0, und nur diese drei. Die Merkformel dafür ist son oder nos.

Es genügt, sich die Genitivform einzuprägen, denn von ihr aus kann man die Formen der übrigen Kasus (= „Fälle“) im Singular vorhersagen, zum Beispiel: Bei -es im Genitiv, wie in (des) Wirt(e)s, sind die übrigen Kasus – Nominativ (= „1. oder Werfall“), Dativ (= „3. oder Wemfall“) und Akkusativ (= „4. oder Wenfall“) – endungslos: (der) Wirt, (dem) Wirt, (den) Wirt; im Dativ kann in veraltendem Gebrauch ein -e angefügt werden: (dem) Wirte. Bei Genitiv-0 (Null) bleiben die restlichen drei Kasus endungslos: (die/der/die) Karte. Bei Genitiv-N (des Menschen/Boten) erscheint im Dativ und Akkusativ dieselbe Endung (dem/den Menschen/Boten), der Nominativ ist endungslos (der Mensch) oder geht auf -e aus (der Bote).

Was nun das Zusammenspiel von Singular und Plural angeht, gibt es wenigstens eine feste Regel: Wenn im Genitiv Singular die N-Endung erscheint, steht sie auch im Plural. Ansonsten geht es wieder wild durcheinander: Bei gleichen Endungen im Singular wie bei Wind – Windes und Kind – Kindes unterschiedliche Endungen im Plural: Winde, aber Kinder. Bei gleicher Endung im Plural, Frauen und Menschen, unterschiedliche Endungen im Singular: (der) Frau bzw. (des) Menschen.

Jedes Substantivgehört demnach einer Deklinationsklasse (= einem „Beugungsmuster“) an. Bei drei Endungstypen im Singular und fünf im Plural ergeben sich rechnerisch fünfzehn Klassen. Zum Glück wird nicht jede Kombination genutzt, sodass wir nur zehn Klassen zu unterscheiden haben. Wir notieren dies durch die jeweilige Paarformel, etwa S-N (Staat: [des] Staates – [die] Staaten), N-N (Mensch: [des] Menschen – [die] Menschen), 0-S (Oma: [der] Oma – [die] Omas) usw. Zu bedenken ist allerdings noch, dass im Plural bei den ROE-Endungen der Umlaut eintreten kann, sodass Unterklassen zu unterscheiden sind, z. B. Tag: Tages – Tage: Klasse S-E oU (ohne Umlaut), aber Schlag: Schlages – Schläge: Klasse S-E mU (mit Umlaut).

Noch gar nicht eingegangen sind wir hier auf Ausnahmen wie Herz – (des) Herzens, Bau – (die) Bauten, auf unechte Substantive wie der Beamte/ein Beamter – die Beamten/Beamte und auf Fremdwörter wie Komma – Kommata (aber auch Kommas), Rom – Roma, Sinto – Sinti usw. Außen vor geblieben ist auch, dass manche Substantive nur im Singular gebraucht werden können, z. B. Wut, Mut, Glück, einige wenige andere nur im Plural: Ferien, Kosten, Eltern.

Wer nun Deutsch lernt, muss bei jedem (einheimischen, echten) Substantiv außer seiner Lautung und Schreibung, seiner Bedeutung und seiner Verwendung lernen, welches Genus (= grammatisches „Geschlecht“) es hat und zu welcher Deklinationsklasse es gehört. Aus der Form des jeweiligen Substantivs ergeben sich dafür kaum Hinweise, also hilft nichts als Auswendiglernen und im Wörterbuch nachschlagen: das Gut (Neutrum = „sächlich“) – des Gutes – die Güter; die Flut (Femininum = „weiblich“) – der Flut – die Fluten; der Hut (Maskulinum = „männlich“) – des Hutes – die Hüte …

Welch eine Mühe für den Ausländer, der Deutsch als Fremd- oder Zweisprache lernt, und welch ein Glück für den, der als Kind seine Muttersprache nebenbei und ohne Unterricht (bis aufs Schreiben) erwirbt, allein durch Hören und Sprechen und handelnden Umgang mit der Welt.



17.
2013-Okt-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
R0E R0SEN

Von Wilfried Kürschner

Zu den zahlreichen Zügen, die der deutschen Sprache den Ruf eingetragen, schwer zu sein, gehört das Benehmen der Substantive (= der „Hauptwörter, Dingwörter, Namenwörter, Nomen/Nomina“). Nicht nur, dass sie drei Genera (= „grammatische Geschlechter“) aufweisen, was sich durch die bekannte Artikelprobe zeigen lässt, zum Beispiel: der Hut, die Flut, das Gut (dies hat dem bestimmten Artikel die nicht besonders passende Bezeichnung „Geschlechtswort“ eingetragen). Nein, auch bei der Bildung der Deklinationsformen (= bei der „Beugung“) machen sie Schwierigkeiten.

Beginnen wir beim Plural (= der „Mehrzahl“). Unsere drei so gleich aussehenden Beispielwörter bilden ihre Pluralformen auf ganz unterschiedliche Weise: (die) Hüte, Fluten, Güter. Es treten also die Endungen -e, -en und -er an. Beim nächsten Beispiel, (das) Muster, weist der Plural, (die) Muster, gar keine sichtbare Endung auf. Man spricht hier gewöhnlich von Endungslosigkeit, in der Sprachwissenschaft auch von einer Null-Endung. Und schließlich die fünfte Möglichkeit: Uhus, Omas, Sofas – Substantive, die auf einen vollen Vokal (= „Selbstlaut“) ausgehen, bilden ihren Plural mit der Endung -s. Diese fünf Pluralendungen können wir mit einem Merkwort aus fünf Buchstaben zusammenfassen: rosen – das „O“ steht für die Null-Endung (-0).

Abgesehen von Fremdwörtern gibt es keine weiteren Pluralendungen, aber diese fünf muss man sich immerhin merken. Welch ein Unterschied etwa zum Englischen. Dort folgt die Pluralbildung einer einfachen Regel: „Füge -s an“ (hats, floods, sofas), das je nach Wortausgang auch als -es erscheinen kann (kisses, busses, babies). Die paar Ausnahmen wie children, women, lice („Läuse“) kann man an zwei Händen und einem Fuß abzählen.

Doch nicht genug mit den fünf Endungstypen. An den zuerst genannten Beispielwörtern fällt auf, dass sich bei ihnen auch im Inneren etwas ändert, wenn sie in den Plural gesetzt werden: Hut – Hüte, Gut – Güter (aber nicht Flut – Flüten). Es handelt sich um den Umlaut, in der Schreibung verdeutlicht durch die zwei Pünktchen über den entsprechenden Grundbuchstaben. Umlautfähig sind neben „u“ noch „a“ (Gast – Gäste, Bad – Bäder), „o“ (Gott – Götter, Kloster – Klöster) und „au“ (Haus – Häuser). Der Umlaut tritt aber nicht bei allen fünf Endungstypen auf, sondern nur bei -er, -0 und -e, daher das Merkwort roe. Aber die Umlautung geschieht selbstverständlich nicht durchgehend. Lediglich bei -er ist sie zwingend (natürlich, wie gesagt, nur bei Wörtern mit umlautfähigem Stammvokal): Güter, Götter, Häuser, Täler. Bei den Endungen -0 und -e ist der Umlaut fakultativ: (das) Muster – (die) Muster, aber Mutter – Mütter; Tag – Tage, aber Schlag – Schläge.

Für die ROE-Wörter ist übrigens noch festzuhalten, dass bei ihnen im Dativ (= im „3. oder Wemfall“) ein -n anzufügen ist: (den) Gütern, Mustern, Tagen, es sei denn, ihr Stamm geht schon selber auf n aus. Die beiden anderen Klassen lassen ein -n entweder nicht zu (den Sofas) oder haben es bereits erhalten (den Fluten).

Mit der Betrachtung des Plurals ist die Formenbildung des Substantivs aber noch nicht vollständig erfasst. Auch im Singular (= in der „Einzahl“) geht es nicht gerade einfach zu, und das Zusammenspiel von Singular und Plural macht es dem Lerner nochmals schwer. Das wird in einer späteren Folge gezeigt.



16.
2013-10-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Die Bezeichnung des Schnitzels kann bleiben
Meinung zum Streit um Zigeunerschnitzel
Lesermeinung zum „Guten Morgen“ von Damian Ryschka [recte: Dirk Dasenbrock] (OV vom 9. Oktober):

In der OV-Rubrik „Guten Morgen“ war am 9. Oktober zu lesen, dass die Bezeichnung „Zigeunerschnitzel“ in bestimmten Lokalen unserer Landeshauptstadt nicht mehr verwendet werde, und zwar aufgrund eines Protests des Forums für Sinti und Roma, das den Namen der Speise als diskriminierend empfindet. Für den Redakteur ist, was eine Alternativbezeichnung angeht, guter Rat teuer. Greift der Leser nun aber zur „Frankfurter Allgemeinen“, die ihm der Austräger zusammen mit der „OV“ ins Haus gebracht hat, erfährt er zusätzlich, dass nach Auffassung einer weiteren Organisation, des Zentralrates Deutscher Sinti und Roma, „eine Umbenennung unsinnig“ sei und „Anliegen der Roma und Sinti ins Lächerliche“ ziehe. Und der Bundesrat der Jenischen Deutschlands (fahrende Menschen) habe erklärt, „dass jemand allen Ernstes eine solche hanebüchene Beschwerde erhebt, war für uns bisher nicht vorstellbar“. Demnach ist guter Rat gar nicht teuer: Es kann bei der hergebrachten Bezeichnung bleiben.

Wilfried Kürschner
Vechta

Bezugstext:

2013-Okt-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Schnitzel

Aus den Speisekarten städtischer Kantinen und Restaurants in Hannover sind die Zigeunerschnitzel verbannt – nach einem Protest des Forums für Sinti und Roma. Der Verband der Hersteller kulinarischer Lebensmittel war gegen das Verbot. Es handele sich um einen schon 1903 verwendeten Begriff, mit dem die Verbraucher eine bestimmte Geschmacksrichtung in Verbindung brächten. Tja,mag ja sein, aber den Negerkuss gibt’s schon lange nicht mehr. Dickmann schon. Beim Schnitzel ist erst mal guter Rat teuer. Sinti-und-Roma-Schnitzel ist sicher keine Alternative. Schon wegen der Länge. (das)

Reaktion:

2013-Okt
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Wer Diskriminierung wittert, dem ist nicht mehr zu helfen
Lesermeinung zum Leserbrief „Die Bezeichnung des Schnitzels kann bleiben“ von Wilfried Kürschner, der am Samstag (19. Oktober) in der OV erschienen ist:

Wilfried Kürschners aufklärende Hinweise auf die Unbedenklichkeit von Wörtern wie „Zigeunerschnitzel“ verdienen Beifall. Es ist eine ernste Frage, wie, wann und wo man Wörter gebrauchen soll. Aber gegen Wörter selber zu kämpfen ist lächerlich. Kein anständiger Mensch wird eine Person als Zigeuner bezeichnen oder gar anreden, so wenig wie er einen Schwarzhäutigen noch als Neger, einen Priester als Pfaffen bezeichnen würde. Aber soll deswegen in Hannover nun auch der „Zigeunerbaron“ von Johann Strauß nicht mehr auf die Bühne kommen? Müssen die Bayern ihre Stadt Pfaffenhofen umbenennen? Soll Goethes Zauberlehrling von nun an ein Zauberazubi sein? Soll im Kindergarten das hübsche Lied von den zehn kleinen Negerlein nicht mehr gesungen werden? Darf man eine dunkle Leckerei nie wieder Negerkuss nennen? Wer in all solchen Wortbenutzungen soziale oder rassische Diskriminierung wittert, dem ist nicht zu helfen.

Wolfram Seibt
Lohne



15.
2013-Sep-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Landessprache + Englisch für alle

Von Wilfried Kürschner

Nächsten Donnerstag, am 26. September, wird wie alljährlich seit 2001 der Europäische Tag der Sprachen begangen. Dann wird sicherlich auch wieder das Lob der Vielsprachigkeit gesungen. Bereits 1992 wurde nämlich vom Europarat die Forderung erhoben, jeder Europäer solle zusätzlich zu seiner Muttersprache zwei Fremdsprachen erlernen. Begründet wird dies mit der dadurch erzielten größeren sprachlichen Reichweite des Einzelnen, aber auch mit dem Erwerb kultureller Werte, wenn nicht gar der je speziellen „Weltansicht“, die mit jeder Sprache verbunden sei.

Wie es um Letzteres bestellt ist, bleibe dahingestellt. Tatsache ist jedenfalls, dass viele Deutsche schon Probleme mit ihrer Muttersprache haben und noch viel mehr mit den Fremdsprachen, die sie, jedenfalls in der jüngeren und mittleren Generation, aus dem Schulunterricht kennen. Dort wird mindestens eine Fremdsprache gelehrt, nämlich das Englische, aber seine Beherrschung fällt selbst bei Abiturienten nach fast zehn Jahren Unterricht in aller Regel doch recht bescheiden aus. Und da soll nun noch eine weitere Fremdsprache, und zwar von allen, erlernt werden?

Jeder weiß, wie mühselig der Erwerb einer Sprache ist – mit einer Ausnahme: der Muttersprache, in die das Kind gleichsam hineinwächst und die es mit etwa sechs Jahren im Wesentlichen beherrscht. Aufgabe der Schule ist es, diese mündliche Sprachbeherrschung auszubauen und zu verfeinern, vor allem aber sie um die Schriftsprache zu ergänzen. Im Idealfall „kann“ man dann zu Ende der Schulzeit seine Muttersprache in Wort und Schrift, das heißt mündlich und schriftlich, aktiv und passiv.

Der Erwerb einer Fremd- oder Zweitsprache gestaltet sich nun, wenn er nicht gerade ebenfalls im Kindesalter geschieht, ziemlich schwierig, zumal dann, wenn er nicht ins tägliche Leben, in den dauernden Kontakt mit dieser Sprache eingebettet ist, sondern in der künstlichen Situation der Schulstunde erfolgt: Vokabeln pauken, Grammatik lernen, Aussprache und Orthografie üben – an Unbeliebtheit ist das kaum zu übertreffen und ist doch nötig, wenn man eine Fremdsprache auch nur annähernd so gut beherrschen möchte wie die eigene Muttersprache und der fremde Muttersprachler seine.

Und dies dem EU-Willen zufolge gleich für (mindestens!) zwei Fremdsprachen, und zwar für alle? Eine reicht meines Erachtens aus, sie ist aber auch nötig und sollte möglichst gründlich erlernt werden. (Wer Interesse und Talent hat, kann und soll sich natürlich mit weiteren Sprachen beschäftigen.) Aus praktischen Gründen kann die eine Pflichtfremdsprache nur das Englische sein – Glück für Menschen mit Englisch als Landes- und Muttersprache, die, wenn es nach mir ginge, keine weitere Sprache lernen müssten. Das Englische ist im vergangenen Jahrhundert aus geschichtlich-politischen Gründen zur Weltsprache geworden und wird es wohl noch für lange Zeit bleiben. Wer Englisch in Wort und Schrift kann, kommt schon heute einigermaßen durch die Welt (und versteht zuhause manchen Anglizismus und manchen Liedtext in deutschen Rundfunk- und Fernsehprogrammen, die sich musikalisch freiwillig und ohne größere Hörerproteste auf Angloamerikanisch umgestellt haben). Um beim Reiseaspekt zu bleiben: Beschriftungen von Örtlichkeiten, Hinweisschilder und erklärende Tafeln etwa in Museen findet man zunehmend in der Sprache des betreffenden Landes und auf Englisch. Sogar in Vechta: Dort liest man an Gebäuden und auf Briefbögen unter der Aufschrift „Universität Vechta“ durchgehend „University of Vechta“. Das mag überflüssig erscheinen, entspricht aber meiner Forderung „Landessprache + Englisch“. Dann müsste aber auch das „International Office“ der hiesigen Universität zusätzlich auch wieder seinen guten alten deutschen Namen zeigen: „Akademisches Auslandsamt“.



14.
2013-Aug-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
„Liebe Wähler’ und Wähler …“

Von Wilfried Kürschner

Aus der „Volkszeitung“ vom 24. Juni: „Schmuck im Wert von 35000 Euro ist im Waldkauzweg aus einem Wohnhaus gestohlen worden. Ob es sich um eine Täterin oder mehrere Täterinnen handelt, steht noch nicht fest, teilte die Polizei gestern mit. Die Einbrecherin oder die Einbrecherinnen hatten ein Fenster aufgehebelt, um in das Haus zu kommen ...“

Das klingt ganz nach der neuen Grundordnung der Universität Leipzig, über die vor einigen Wochen auch in dieser Zeitung berichtet wurde. Es ging um deren Sprachgestaltung. Dort heißt es: „In dieser Ordnung gelten grammatisch feminine Personenbezeichnungen gleichermaßen für Personen männlichen und weiblichen Geschlechts.“ So sind zum Beispiel mit Professorinnen sowohl männliche als auch weibliche Vertreter dieses Berufsstandes gemeint. Man beachte: Das Wort Professorinnen wird hier nicht mit dem sog. Binnen-I geschrieben, wie man es gelegentlich antrifft, wenn es auf die Geschlechtszugehörigkeit nicht ankommt: ProfessorInnen. Parallel zum Binnen-I ist das sog. Splitting mit Schreibungen wie Professor_innen, Professor/innen oder Professor/-innen (mit Bindestrich!) oder Professor(inn)en im Gebrauch – die letzten beiden seit 2000 im Rechtschreibduden. Die entsprechende Langform ist Professorinnen und Professoren; sie ist (mit dieser Reihenfolge) in Niedersachsen für den amtlichen Verkehr vorgeschrieben – aber auch nur dafür, nicht für den normalen Sprachgebrauch.

All diese Ausdrucksweisen sind Beispiele für sogenannte „geschlechtergerechte Sprache“. Die älteste Form bildeten Paarformeln, zuerst in umgekehrter Reihenfolge: Lehrer und Lehrerinnen (so etwa 1935 im Amtsblatt des Reichserziehungsministeriums). Splittingformeln wie die genannten sind jüngeren Datums und gehen auf die Sprachkritik der sog. feministischen Linguistik zurück. Von dort stammt auch die Idee, die nun in Leipzig und im Gefolge auch an der Universität Potsdam umgesetzt wurde: Bislang im Deutschen ausschließlich zur Bezeichnung von Frauen und Mädchen verwendete Personenbezeichnungen wie Professorin, Leserin, Diebin, Schülerin, Vorständin sind jetzt so zu verwenden, dass sie sich auch auf Männer und Jungen beziehen. Es liegt hier eine Art Spießumkehrung vor: Bisher hat ein Wort wie Professor – grammatisch gesehen ein Maskulinum: der Professor – eine zweifache Bezugsmöglichkeit. Mit ihm kann man sich auf Männliches beziehen (z. B. Der Professor und seine Frau sind im Urlaub) oder aber vom Geschlecht des Gemeinten absehen (z. B. Ein Professor verdient zu viel oder Professoren verdienen zu viel). Bei letzterer Verwendungsweise spricht man vom „generischen Maskulinum“. Dagegen wird von Feministen kritisch eingewendet, dass Frauen hier nur mitgemeint sind, nicht aber auch explizit genannt werden. Daher verlangen sie nach Beidnennung in Form von Paarformeln bzw. Kurzform-Splitting oder nach Neutralformen ohne Geschlechternennung wie die Studierenden, Fahrende von Rollstühlen (so in der neuen Straßenverkehrsordnung) – oder aber, wie in Leipzig und Potsdam praktiziert, nach dem generischen Femininum, bei dem Frauen explizit genannt sind (-in-) und Männer mitgemeint sein sollen.

Dies ist nun ein sprachpolitischer Eingriff ersten Ranges. Während das generische Maskulinum seinen Platz in der gut 1200-jährigen Geschichte der deutschen Sprache hat, ist das generische Femininum eine von politischen Kräften gesetzte Neuerung, die im Widerspruch zum Sprachgefühl und Sprachgebrauch der übergroßen Mehrheit der Sprecher und Hörer, der Schreiber und Leser der deutschen Sprache steht. Offenbar hofft man auf Nachahmung, eine der wichtigsten Quellen für Sprachveränderung – oder aber man versucht den neuen Sprachgebrauch per Verordnung durchzusetzen. Noch beschränken sich aber sogar die Beidnennung (mit Paarformeln oder Kurzform-Splitting) und die Neutralisierung vor allem auf das, was man „Funktionärsdeutsch“ nennen kann. Hierzu gehört auch die Sprachgebung von Gesetzen und Amtspapieren. Ob das Funktionärsdeutsch in der „Normalsprache“ ankommen und sich dauerhaft durchsetzen wird, ist ungewiss – es hängt aber von den „Normalsprechern“ und „Normalschreibern“ selber ab, ob sie der Nachahmung nachgeben und ihre Texte so wie den eingangs parodierten formulieren (im „OV“-Original war natürlich von „Tätern“ und „Einbrechern“ die Rede).

Übrigens: In Reden, wie sie derzeit von besonders schnell sprechenden Wahlkämpfern (ja: von Politikern beiderlei Geschlechts) gehalten werden, behält ironischerweise das Maskulinum gleich doppelt die Oberhand, wenn sie das -innen verschlucken und sich an die „lieben Wähler’ und Wähler“ wenden.



13.
2013-Aug-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Männer werden benachteiligt
Zum OV-Artikel „Neue Regelung nach Schummel-Affären“ vom 15. August:

Eine zusätzliche Gefahr für die Entwicklung des Promotionswesens stellen die Selbstverpflichtungen der Universitäten gegenüber der Landesregierung dar. So ist in der „Zielvereinbarung 2010 bis 2012“ mit der Universität Vechta eine „deutliche Erhöhung der Promotionsabschlüsse“ festgeschrieben, und zwar: „jährlich 25 abgeschlossene Promotionen“ – und das in Studienfächern, die nicht gerade Studenten anziehen, die wissenschaftliche Karrieren anstreben, sondern eher solche, die sich eine fundierte Ausbildung zum guten Praktiker erhoffen. Man hat sich sogar dazu verstiegen, eine Geschlechterquote festzulegen: Sie beträgt 69 Prozent weibliche Doktoranden, also 18 von den versprochenen 25. Das bedeutet eine Benachteiligung männlicher Doktoranden, denn selbst wenn die Zielzahl 25 nicht erreicht würde, bräuchte es im Verhältnis immer etwas mehr als zwei Doktorinnen, bevor ein Mann promoviert werden dürfte – wenn man das Ganze denn ernst nähme. Hier noch die offiziellen Zahlen der Universität Vechta für die Jahre 2010 bis 2012 aus der Statistik im Internet: elf, zehn, acht Promotionen. Über ihre Verteilung nach Geschlechtern findet man dort keine Angaben.

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Vechta

Bezugstext:

2013-Aug-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Neue Regelung nach Schummel-Affären
Professoren sollen nicht mehr zu viele Doktoranden annehmen / Land ersetzt die wegfallenden Studiengebühren

Nach den Schummeleien in Doktorarbeiten plant das Land Niedersachsen eine Obergrenze dafür, wie viele Doktoranden ein Professor annehmen darf. Probleme gebe es vor allem bei externen Kandidaten aus der Wirtschaft, sagt der Präsident der Hochschulkonferenz.

Hannover (lni). Professoren in Niedersachsen sollen künftig nicht mehr beliebig viele Doktoranden betreuen dürfen. Hintergrund des Vorstoßes sind die Affären um Schummeleien in Doktorarbeiten. Die rot-grüne Landesregierung will mit den Hochschulen vereinbaren, wie viele Promovierende ein Professor künftig maximal betreuen darf. Einen solchen Betreuungsschlüssel gebe es bisher ihres Wissens nach noch nirgendwo, sagte Wissenschaftsministerin Gabriele Heinen-Kljajic (Grüne) gestern in Hannover. Die Obergrenze werde aber von Fach zu Fach unterschiedlich hoch sein.

Die Ministerin sagte, Unis dürften bei der Annahme von Promotionen nicht auf Quantität statt auf Qualität setzen, auch wenn sich dies für sie finanziell auszahle. Einige Hochschulen könnten aus ihrer Sicht aber durchaus auch mehr Doktoranden annehmen. Außerdem sollen künftig mindestens zwei Professoren gemeinsam darüber entscheiden, wer als Doktorand starten darf, um Gefälligkeitsentscheidungen zu vermeiden. Der Präsident der Landeshochschulkonferenz, Professor Jürgen Hesselbach aus Braunschweig, betonte, Plagiate in Doktorarbeiten seien keine Massenphänomene. Die größten Probleme gebe es bei externen Promotionen aus der Wirtschaft, sagte Hesselbach.
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12.
2013-Jul-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Mein Duden

Von Wilfried Kürschner

Den ersten Duden erhielt ich, als ich neun war, von meinem Cousin Peter. Ich weiß nicht mehr, ob er mir über meinen Fehler im Diktat (wir schrieben damals in der vierten Grundschulklasse 14 oder 15 solche Klassenarbeiten) hinweghelfen sollte – den Fehler habe ich jedenfalls genau in Erinnerung: „Erhohlung“ mit einem „h“ nach dem „o“. Seither fasziniert mich dieses Buch in besonderer Weise. Meinen ersten Duden hat meine Mutter denn auch bei der Flucht ein Jahr später in den Westen mitgenommen, und im Lauf der Jahre, als ich auch ein berufliches Interesse an Wörterbüchern entwickelte, ist es mir gelungen, alle Ausgaben und Auflagen des Rechtschreibdudens, zum Teil in Mehrfachexemplaren, zu ergattern.

Jetzt erschien mit viel Medienbegleitung Anfang dieses Monats die „26., völlig neu bearbeitete und erweiterte Auflage“, ein Buch von gut 1200 Seiten mit rund 140000 Einträgen, zeitgemäß versehen mit einem Zugang für App und Rechtschreib-Software. Wo es eine 26. Auflage gibt, muss es auch eine erste geben. Schon hier scheiden sich die Geister. In meinem alten DDR-Duden wird das Jahr 1872 als Erstausgabejahr genannt. Damals erschien „Die deutsche Rechtschreibung. Abhandlung, Regeln und Wörterverzeichniß mit etymologischen Angaben. Für die oberen Klassen höherer Lehranstalten und zur Selbstbelehrung für Gebildete“ – „Von Dr. Konrad Duden, Gymnasialdirektor in Schleiz“ (daher auch „Schleizer Duden“ genannt). Üblicher ist aber, 1880 als Jahr der Erstausgabe anzusetzen. So verfährt auch die neue Auflage 2013 und verweist auf das „recht schmale Bändchen von gerade 187 Seiten und 27000 Stichwörtern“: „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache von Dr. Konrad Duden, Direktor des Königl. Gymnasiums zu Hersfeld“ („Preis kart. 1 Mark“).

Die nächste Ausgabe ist die „Dritte, umgearbeitete und vermehrte Auflage“ von 1887, eine als zweite Auflage ausgewiesene Ausgabe ist nicht aktenkundig. Im Kaiserreich erschienen bis 1915 sechs weitere Auflagen, in der Weimarer Republik nur eine, die 10. (1929). In der NS-Zeit gab es zwei Auflagen, die 12. erschien in zweifacher Schriftgestalt: 1941 noch in der bis dahin durchgängig verwendeten „deutschen“ oder „gotischen Schrift“ („Fraktur“), 1942 nach dem Verbot dieser Schrift eine „Normalschriftausgabe“, in der uns seither geläufigen Latein- oder Antiquaschrift also. Diese Ausgabe diente, notdürftig bereinigt, als Grundlage der für lange Zeit letzten gesamtdeutschen Auflage, der 13. von 1947. Danach trennten sich mit der Teilung Deutschlands in Ost und West die Wege. Das Bibliographische Institut, der Verlag des Duden von Anfang an, blieb zu einem Teil in Leipzig, der andere Teil siedelte sich in Mannheim an. In Leipzig erschien 1951 mit zahlreichen Nachdrucken „mein erster“ Duden, 1957 dann die 15. Auflage und drei weitere bis 1985. In Mannheim gab es von 1954 (14.) bis 1986 (19.) sechs Auflagen. In diesem Jahr ist Dr. Werner Scholze-Stubenrecht erstmals der leitende Redakteur, eine Position, die er bis heute innehat. 1991 erschien dann der erste wiedervereinigte Duden, in fast allem nach Westmuster, bis hin zur Zählung, die an die Mannheimer anschloss. Diese 20. Auflage war zugleich die letzte vor der Rechtschreibreform (und wird daher von konservativen Schreibern bis heute gern benutzt). Es folgten bis 2009 fünf weitere Auflagen, die die manchmal verschlungenen Reformwege getreulich nachvollzogen.

Ob nun die neueste Auflage zu Recht als 26. gezählt wird, ist nach alledem zweifelhaft. Unzweifelhaft aber ist jetzt nicht mehr Leipzig, nicht mehr Mannheim, sondern Berlin der erste Sitz des Verlages: Das Bibliographische Institut gehört inzwischen zum Cornelsen-Schulbuchverlag, der in Berlin ansässig ist.

Aus regionaler Sicht ist anzumerken: Vechta, das seit 1986 einen Eintrag (im West-Duden) hat, wird nicht mehr beschrieben als „Stadt bei Oldenburg“, sondern als „Stadt in Niedersachsen“ und zieht insoweit gleich mit Osnabrück und Oldenburg (Oldenburg). Neu aufgenommen ist Vechtaer (sowie die der politischen Korrektheit geschuldete, aber aus orthografischer Sicht überflüssige Vechtaerin). Bei nächster Gelegenheit wäre das Oldenburgische Münsterland durch „Oldenburger Münsterland“ zu aktualisieren.

Vielleicht ließe sich dabei auch wieder die Lücke schließen, die zwischen Dudelsackpfeiferin und Dudler klafft: die „Duden“-Lücke. Dann wüssten wir wieder, ob wir es mit der neuesten Auflage „des Duden“ oder „des Dudens“ zu tun haben – von 1915 bis 1954 (West) bzw. 1986 (Ost), als es den entsprechenden Eintrag noch gab, ging ab 1941/42 beides, davor nur „des Duden“.



11.
2013-Jun-29
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Der Europa-Euro

Von Wilfried Kürschner

Inzwischen dürften wir uns an den Anblick und das Anfassgefühl des neuen Euro-Fünfers gewöhnt haben. Die Notenfolge, die mit ihm gestartet wird, heißt übrigens „Europa-Serie“, und zwar weil ein Porträt dieser mythischen Gestalt als Hologramm und als Wasserzeichen auf den Scheinen zu erblicken ist.

Vor vier Wochen ging es an dieser Stelle um die eine der zwei Auffälligkeiten, die der neu gestaltete Schein in sprachlicher Hinsicht aufweist. Die Währungsbezeichnung erfolgt nicht mehr nur mithilfe zweier Alphabetschriften, nämlich EURO in lateinischer Schrift und EY in griechischer, sondern jetzt zusätzlich auch in kyrillischer Schrift: EBPO. Geschuldet ist dies dem Beitritt Bulgariens zur EU, dessen Sprache in kyrillischer Schrift geschrieben wird.

Die zweite sprachliche Neuerung besteht ebenfalls aus einer Erweiterung: Aus den fünf Dreierpäckchen BCE, ECB, EZB, EKT, EKP (auf der Vorderseite oben rechts neben der Europafahne) sind jetzt neun geworden (ebenfalls auf der Vorderseite, jetzt aber links von der Fahne und in einer senkrecht stehenden Zeile). Zunächst die Frage: Wofür stehen diese Buchstabengruppen eigentlich? Das Päckchen EZB ist uns vom Deutschen her vertraut. Es ist die Abkürzung für „Europäische Zentralbank“. Gleich daneben eine ähnliche Gruppe, nun aber mit C statt Z. Sie steht für die Sprachen, in denen „zentral“ nicht mit Z, sondern mit C geschrieben wird, etwa im Englischen: central. Dass dem Wort „europäische“ dort European (und in anderen Sprachen Europese, evropska oder europeu) entspricht, spielt für die Abkürzung keine Rolle. So auch bei den unterschiedlichen Fassungen des Wortes „Bank“: etwa banque im Französischen, banca im Italienischen und Rumänischen, banco im Spanischen und Portugiesischen – in der Abkürzung bleibt es beim B. Dies trifft etwa zu für BCE, die Abkürzung, die vor allem die gerade genannten romanischen Sprachen umfasst. Aber auch das Irische folgt diesem Muster: „(An) Banc Ceannais Eorpach“.

Wenn wir jetzt einen Blick auf den neuen Schein werfen, findet sich diese Abkürzung noch einmal, als vorletzte nämlich und in leicht veränderter Gestalt: Auf dem C sitzt ein Punkt: ¥. Dies ist die Schreibung im Maltesischen („Bank ¥entrali Ewropew“), einer Sprache, die mit den semitischen Sprachen wie Arabisch und Hebräisch verwandt ist, aber mit dem lateinischen Alphabet plus einigen Zusatzzeichen geschrieben wird.

Mit dem B¥E ist eine erste Erweiterung der alten Fünfergruppe erfasst – Malta ist ja erst nach der Ersteinführung des Eurobargeldes (2002) in die EU eingetreten und kann erst jetzt bei der Neugestaltung der Euronoten berücksichtigt werden. Etwas auffälliger als das ¥ mit übergesetztem Punkt (gesprochen wie „tsch“) ist die jetzt an dritter Stelle stehende Abkürzung, die zwei Buchstaben enthält, die wir aus unserem lateinischen Alphabet nicht kennen: ¥¥¥. Dies ist nun Kyrillisch und steht für die Abkürzung der EZB in der bulgarischen Sprache. Das E entspricht unserem E, das ¥ ist die kyrillische Wiedergabe des lateinischen Z, und das ¥ gibt das lateinische B wieder.

Zusatz Nummer 3 ist das Kürzel EKB. Es ist einem alten Kürzel, EKP, ähnlich, und zwar insofern, als „zentral“ hier offenbar mit einem Wort wiedergegeben wird, das mit K beginnt. Dies ist in den drei Sprachen der EU der Fall, die nicht wie die überwältigende Mehrzahl der indoeuropäischen Sprachfamilie angehören, sondern der uralischen: Finnisch, Estnisch und Ungarisch: keskus – kesk – központi. „Bank“ wird auf Finnisch pankki geschrieben (aber fast wie „b“ gesprochen), im Estnischen pank, im Ungarischen heißt es bank.

Der vierte Zusatz ist EBC. Dies ist Polnisch und unterscheidet sich von den übrigen Kürzeln dadurch, dass „Bank“ hier in der Mitte steht und nicht wie sonst entweder am Anfang oder am Ende: „Europejski Bank Centralny“.

Nun könnte der aufmerksame Leser einwenden: Wo ist denn das „Bank“-B im alten, noch nicht besprochenen Kürzel EKT? Antwort: Die Bank war hier ein Tisch, ein trapezi, wie es im Griechischen heißt. Der Ort für Geldgeschäfte (jetzt trapeza genannt) wurde hier offenbar als Tisch gesehen, während in den übrigen Sprachen die Benennung auf das Möbelstück Bank zurückgeht, auf dem die Währungswechsler ihre Geschäfte erledigten. Und das K in EKT? Es steht für griechisch kentro(n) und gelangte als centrum schon in der Antike in die lateinische Sprache, von wo aus es sich dann in die meisten europäischen Nationalsprachen verbreitete.

Damit ist beiläufig auch geklärt, in welchem Kürzel sich denn das griechische Alphabet wiederfindet: in diesem EKT, dessen drei Bestandteile, die Buchstaben Epsilon, Kappa und Tau, in dieser Gestalt ebenfalls im lateinischen Alphabet und auch im kyrillischen überlebt haben.

Wie wir gesehen haben, stehen einige dieser Kürzel für die Abkürzung der Europäischen Zentralbank in nur jeweils einer einzigen Sprache. So steht etwa EBC nur für das Polnische, EKT und EZB nur für das Griechische bzw. das Deutsche. EBC betrifft nur einen Staat, eben Polen, EKT aber schon zwei, in denen Griechisch gesprochen wird: Griechenland und Zypern, und EZB umfasst neben Deutschland auch Österreich. BCE dagegen umfasst sechs und ECB  neun Sprachen. So ist es zu erklären, dass die neun Kürzel für die insgesamt 23 Amtssprachen in den insgesamt 27 EU-Staaten ausreichen. Bis morgen – denn ab dem 1. Juli haben wir 24 Sprachen in 28 Staaten, wenn Kroatien der EU beitritt. Das Kroatische braucht dann auch ein eigenes Kürzel, nämlich ESB für „Europska središnja banka“.



10.
2013-Jun-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

40 Jahre Universität
Hochschule war ein diskriminierender Name

Leserbrief zum Artikel „Eduard Möhlmann ist Ehrensenator“ (OV vom 26. Juni)

In der Überschrift wie im Haupttext des Berichts „Eduard Möhlmann ist Ehrensenator“ ist mehrfach von seiner Begleitung der Institution auf ihrem „Weg“ oder ihrer „Entwicklung von der Hochschule zur Uni“ die Rede. Dies trifft nicht ganz zu: Die Universität Vechta ist seit genau 40 Jahren eine Universität, zunächst als Abteilung bzw. Standort der 1973 neu gegründeten Universität Osnabrück. 1995 bis 2010 musste die selbstständig gewordene Institution den irreführenden und diskriminierenden Namen „Hochschule Vechta“ führen. Dieser war vom damaligen SPD-Ministerpräsidenten Schröder gegen die Auffassung des Verhandlungspartners katholische Kirche durchgesetzt worden und wurde später von keinem CDU-Regierungsmitglied korrigiert. Die Neubenennung 2010 als „Universität Vechta“ musste vielmehr als Konsequenz aus der Umbenennung der niedersächsischen „Fachhochschulen“ in „Hochschulen“ erfolgen.

Zu widersprechen ist auch der von Laudator Professor Schweer vorgetragenen Einschätzung, dass die Universität bis zur „neuen Führung um die Präsidentin Professorin Marianne Assenmacher“ (seit 2004) eine „vor allem auf die Lehre eingeschränkte Hochschule“ gewesen sei. Neben den anerkannt guten Lehrleistungen standen auch schon vor 2004 beachtliche Forschungsarbeiten, wie in den Forschungsberichten seit 1974 nachgelesen werden kann. Und auch in den Zeiten davor, als Vechta noch eine Pädagogische Hochschule war, lag die Forschung nicht brach.

Professor Wilfried Kürschner
Dohlenstraße 7
Vechta



9.
2013-Jun-01
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Der EURO-, EYP¥-, EBPO-Fünfer

Von Wilfried Kürschner

Zuerst wirkte er auf manchen, wie man hört, etwas befremdlich, ein bisschen wie buntes Spielgeld – der neue Fünf-Euro-Schein, der seit Anfang Mai ausgegeben wird. Doch nicht nur die grafische Seite hat sich (leicht) verändert, auch in sprachlicher Hinsicht hat sich einiges getan.

Am besten legt der geneigte Leser zwei Fünfer der alten und der neuen Serie zum Vergleich nebeneinander. Auf der Vorder- wie auf der Rückseite liest man die Währungsbezeichnung in Großbuchstaben: EURO. Gleich darunter in der nächsten Zeile findet sich (auf der Vorderseite des alten Scheins vom grauen Band etwas in den Hintergrund gedrängt) eine ebenfalls vierstellige Buchstabenfolge, die allerdings merkwürdigerweise mit EYP beginnt und mit einem Zeichen endet, das auf den ersten Blick wie ein O aussieht: ¥, sich bei näherem Hinsehen allerdings als ein griechisches Omega entpuppt, ein nach unten offenes „O“ mit Füßchen, gesprochen als „großes“, langes „o“. Man kennt diesen Buchstaben vielleicht noch aus dem Physikunterricht, wo er als Zeichen für den elektrischen Widerstand („Ohm“) steht, so benannt nach dem Erlanger Physiker Georg Simon Ohm. Andere kennen den Buchstaben aus christlich-religiösen Zusammenhängen. Dort tritt er in Kombination mit A (Alpha), dem ersten Buchstaben des griechischen Alphabets, auf, der den Anfang bezeichnet, und bedeutet das Gegenteil, nämlich das Ende. Denn Omega ist der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets, entspricht also im lateinischen Alphabet, das wir wie die meisten westlichen Sprachen benutzen, dem Z. (Der bekannte Bibelspruch müsste also in der Übersetzung eigentlich lauten: „Ich bin das A und das Z.“)

Der letzte Buchstabe der zweiten Währungszeile, der im lateinischen Alphabet nicht vorhanden ist, weist uns also auf die richtige Spur: EY ist die griechische Fassung von EURO. Das P ist also nicht das lateinische „P“, sondern entspricht dem „R“ – daher der Name „Rho“. Vor dem Rho (P) steht ein uns vertrauter Buchstabe, das Y (Ypsilon), das auch im lateinischen Alphabet vorhanden ist. Sein Lautwert im Deutschen ist schillernd: Es kann für „j“ stehen wie in Yacht oder für „ü“ wie in Gymnastik oder für „i“ bzw. „e“ wie in Mayer. Nochmals andere Laute gibt das Y im Griechischen wieder, im Wort EY steht es für „w“. Das Ganze wird also wie „ewro“ gesprochen, denn der Anfangsbuchstabe E, das griechische Epsilon, hat hier glücklicherweise denselben Lautwert wie das lateinische E.

So weit, so alt. Auf dem neuen Schein ist nämlich im Währungsblock auf der Vorder- und der Rückseite eine dritte Zeile hinzugefügt: EBPO. Schon auf den ersten Blick dürfte klar sein, dass es sich dabei nicht um Buchstaben aus dem lateinischen Alphabet handelt, denn dann müsste die Aussprache so etwas wie „ebpo“ sein. Nein, es handelt sich um das kyrillische Alphabet. Es taucht auf den neuen Euroscheinen auf, weil seit 2007 ein Land Mitglied der Europäischen Union ist, dessen Sprache sich dieses Alphabets bedient: Bulgarien (Griechenland war ja schon 2002 bei der Euro-Einführung dabei).

Betrachten wir den EBPO von hinten nach vorn. Das O kennen wir aus unserem lateinischen Alphabet (und aus dem griechischen, wo es als Omikron, „kleines O“, enthalten ist). Das davorstehende P entspricht dem griechischen P (Rho), aber, wie gesagt, nicht dem lateinischen P; es wird „r“ gesprochen. Beim drittletzten Buchstaben muss man ebenfalls vorsichtig sein. Es sieht aus wie das lateinische B, hat aber im kyrillischen Alphabet den Lautwert „w“. Das am Anfang stehende E schließlich ist mit unserem E gleichzusetzen. Der bulgarische EBPO lautet also ungefähr so: „ewro“, phonetisch ganz nah am Griechischen. (Übrigens: Die Form EURO steht nicht für ein einheitliches Lautbild, sondern hat in den Sprachen, die lateinisch schreiben, ganz unterschiedliche Aussprachen: etwa „jurou“ im Englischen, „öro“ im Französischen, „e-uro“ im Spanischen usw.)

Dass der Euro nun auch in Kyrillisch beschriftet ist, ist Ausfluss der Sprachenpolitik der EU, die jede vertretene Sprache (jede Amtssprache, um genau zu sein) in ihrem Recht belässt. Dass das Bulgarische nur von gut sieben Millionen Menschen gesprochen (und von einer kleineren Zahl geschrieben) wird, spielt dabei keine Rolle. Sogar eine Sprache mit einer so kleinen Sprecherzahl wie das Maltesische (370 000) ist auf der neuen Serie vertreten. Davon mehr im zweiten Teil in vier Wochen.



8.
2013-Apr-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Vom Dümmer(-See) zum Dammer Meer

Von Wilfried Kürschner

Arno Schmidt – jawohl, der Schriftsteller, der vielen wenigstens vom Hörensagen bekannt ist als Autor des kolossalen Werkes „Zettel’s Traum“ mit seinen gut 1300 Seiten im doppelten Briefbogenformat –, Arno Schmidt hat in zweifacher Hinsicht mit unserer Region zu tun. Im Juni 1953 verbrachte er mit seiner Frau Alice ein paar Urlaubstage in Dümmerlohausen, und seine im August jenes Jahres niedergeschriebene, 1955 gedruckt erschienene Erzählung „Seelandschaft mit Pocahontas“ ist an dem Gewässer angesiedelt, der diesem Ort seinen Namen gab (dass dieses Werk seinem Autor Anzeigen wegen Gotteslästerung und Verbreitung unzüchtiger Schriften aus Köln-Dellbrück einbrachte, sei nur am Rande erwähnt).

Um den Namen des Gewässers, an dessen oldenburgisch-münsterländischem Uferteil Dümmerlohausen liegt, ist kürzlich in der „Arno-Schmidt-Mailingliste“ im Internet eine kleine Debatte entstanden, ausgelöst von einem Interpretationsaufsatz, in dem der Verfasser durchgehend vom Dümmer See schreibt, eine Schreibung, die sich auch sonst bei Schmidt-Fachleuten findet. Dagegen ist nun eingewendet worden, dass diese Bezeichnung nur richtig wäre, wenn es einen Ort Dümme oder dergleichen gäbe, nach dem der See benannt wäre, so ähnlich wie es beim Comer See der Fall ist, an dessen Ufer die Stadt Como liegt. Und tatsächlich gibt es in Mecklenburg-Vorpommern einen Dümmer See , der an einem Ort namens Dümmer liegt (amtlich aber leider auch Dümmersee geschrieben wird).

Eine kurze Besichtigungstour von amtlichen Straßenschildern, Wander- und Radwegausschilderungen und Reklametafeln sowohl auf der hannoverschen als auch auf der oldenburgischen Seite zeigt nun, dass zwei weitere Schreibungen häufig vorkommen: Dümmer-See (mit Bindestrich, nicht entdeckt habe ich ein Schild mit zusammengeschriebenem Dümmersee) und Dümmer ganz ohne Zusatz.

Was ist nun der korrekte Name des zweitgrößten Binnensees Niedersachsens? Die Schreibung mit dem Zusatz See (mit oder ohne Bindestrich) ist nicht nur auf Schildern, sondern auch auf alten und neueren Landkarten zu finden. Im Kartenwerk des Landesamtes für Geoinformation und Landentwicklung Niedersachsen wird der See schlicht als Dümmer geführt (und auch Arno Schmidt, ein großer Kartenfreund, schreibt in seiner Erzählung durchgehend so). Vieles spricht dafür, dass dies die historisch zutreffende Bezeichnung ist. Denn die Namenkundler, in diesem Fall speziell Hermann Jellinghaus, gehen von der ersten urkundlichen Erwähnung des Namens im Jahr 965 aus: Diummeri. Sie leiten daraus ab, dass er ursprünglich aus zwei Wörtern zusammengesetzt war, nämlich aus d(i)um, das im Westfälischen so viel wie „feucht, dumpfig“ bedeutete, und aus meri, unserem heutigen Meer, was zusammen also etwa „Dumpf-See, Dumpf-Meer“ ergibt. Dieses Meer im Sinne von „Landsee“ finden wir auch in den Namen anderer Binnenseen wie (das) Steinhuder Meer und (das) Zwischenahner Meer. Auffällig ist nur, dass hier das Genus Neutrum (= „sächliches Geschlecht“) vorliegt, während (der) Dümmer maskulin (= „männlich“) ist. Doch ist dies ziemlich leicht zu erklären, denn das Wort meri kam in den alten Dialekten in allen drei Genera (= „Geschlechtern“) vor, auch als Femininum (= „weiblich“). Die Fortsetzung als der Dümmer ist also nicht verwunderlich, zumal das Wort bald nicht mehr als Zusammensetzung, sondern als Einheit empfunden worden sein dürfte. So ist auch das Bedürfnis verständlich, eine Erklärung hinzuzusetzen, worum es sich beim Dümmer handelt, eben um einen See.

Genauso naheliegen würde aber stattdessen auch der Zusatz Meer. Verlockend wäre es daher, mit dem Steinhuder Meer und dem Zwischenahner Meer gleichzuziehen und den Dümmer umzubenennen. Er liegt ja nahe bei Damme, dessen Ortsteil D’loh einen kleinen Abschnitt seines Ufers schmückt. Es wäre nur ein einziger Buchstabe auszutauschen: Dammer Meer. Das würde auch gut zu den Dammer Bergen (mit der imposanten Dammer Schweiz und dem Dammer Bergsee) passen, und die Kombination „Berge und Meer“ ist bekanntlich touristisch besonders anziehend. Außerdem gäbe es keine Verwechslungen mehr mit dem mecklenburgischen Dümmer See.

Doch dies sind Fantastereien eines Zugewanderten. Hier gilt: Dümmer bleibt Dümmer.



7.
2013-Mrz-30
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Von Hans und Franz

Von Wilfried Kürschner

Wenige Stunden nach seiner Wahl stand fest, wie der neue Papst auf Deutsch heißen sollte: Franziskus (der anfängliche Zusatz „der erste“ wurde bald aufgegeben, weil es ja bislang keinen zweiten oder folgenden gibt). Wie bei uns Deutschen üblich, wurde der Name so nah wie nur möglich am fremdsprachigen Vorbild belassen. Franciscus heißt es auf Latein, lediglich die Rechtschreibung wurde eingedeutscht: Das erste c wurde der Aussprache gemäß zu z, das zweite aus demselben Grund zu k. So verfahren wir im Deutschen ja etwa auch beim Wort Zirkus (nicht aber unbedingt bei Eigennamen, wo wir nicht Zäsar und auch nicht Zizero schreiben, nicht Kato und Kaligula).

Die Eindeutschung des Papstnamens des Vorgängers von Franziskus, Benedikt, verlief, orthografisch gesehen, nach demselben Muster: Das c in Benedictus wurde zu k. Aber es geschah, wie beim auch sonst gebräuchlichen Vornamen, ein Zweites: Das lateinische Wort wurde verkürzt, die Endung us fiel ab. So auch bei Benedikts Vorgänger und dem namensgleichen Vorvorgänger, wenigstens im zweiten Teil ihres Doppelnamens Johannes Paul: Die griechisch-lateinische Form Paulus wurde, wiederum unter Verlust der Endung, zu Paul, mithin gleichlautend mit dem profanen Vornamen Paul. Man fragt sich nun, wieso das nicht auch beim ersten Bestandteil des Namens dieser beiden Päpste geschah: Johannes (übrigens aus dem Hebräischen stammend und über das Griechische und Lateinische ins Deutsche gelangt) blieb Johannes, obwohl mehrere Alternativen bereitstanden. Wieder unter Verlust des Wortausganges: Johann (wie bei Sebastian Bach und Wolfgang Goethe) oder, mit Entfernung der ersten Silbe, Hannes, nochmals verkürzt zu Hans. Warum klingt „Papst Hans XXIII.“ so merkwürdig, während an „Papst Paul VI.“ nicht auszusetzen ist? Im Englischen etwa ist man da weniger zimperlich und verwendet für die Päpste die ohnehin gebräuchlichen Vornamen: John, Paul . Daher heißt der neue Papst auf Englisch auch einfach Francis (auf Französisch François, auf Polnisch Franciszek und auf Tschechisch František).

Im Deutschen stünde für Franziskus die Alternative Franz bereit, und in der Tat verwenden wir sie, wenn wir von dem „kleinen, armen Mann“ sprechen, den der Papst sich zum Namensvorbild genommen hat: Franz von Assisi (der übrigens besser „Franz aus Assisi“ genannt würde, wie auch „Jesus aus Nazareth“ – es handelt sich ja bei ihnen nicht um Adlige). Wenn wir dagegen zwar denselben Menschen meinen, nun allerdings den von seiner Kirche heiliggesprochenen, dann reden wir gewöhnlich vom heiligen Franziskus. Wäre Franz hier zu „gewöhnlich“? Oder handelt es sich bloß um einen namensgeschichtlichen Zufall?

Für Franz und gegen Franziskus spräche übrigens, dass es sich, anders als bei Hans und Paul, bei der kürzeren Form nicht um eine Eindeutschung handelt, vielmehr ist in diesem Fall die längere Form die Latinisierung eines ursprünglich germanischen Wortes, das uns heute noch in der Fügung frank und frei begegnet. Enthalten ist es auch im Stammesnamen die Franken, der nach Auskunft der Wörterbücher „die Freien“ bedeutete, also offenbar diejenigen meinte, die sich in der Zeit der Völkerwanderung „dem Einfluss einwandernder nördlicher Stämme widersetzten“ (Kluge, Etymologisches Wörterbuch). Erhalten ist es schließlich auch im Namen Frankreich, die Form mit z findet sich in Franzose und französisch. Ob es dem Papst bei seiner Namenswahl bewusst war, dass im Wort Franziskus das Germanische, das den Wortursprung lieferte, und das Lateinisch-Romanische, das für die Fortentwicklung sorgte, zueinanderfinden?



6.
2013-Mrz-02
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Von Stehklatschen und Sitzpinkeln

Von Wilfried Kürschner

Ob beim Maskenball in Vörden, beim Konzert mit Justus Frantz in Visbek oder beim Festival des Lichts in der Klosterkirche in Vechta: Jedes Mal war das Publikum so begeistert, dass es, wie in dieser Zeitung allein in den ersten beiden Monaten dieses Jahres dreimal zu lesen war, zu „stehenden Ovationen“ kam – die nächsten sind morgen Abend in der Vechtaer Kirche Maria Frieden zu erwarten, wenn der Madrigalchor Bachs Johannespassion zu Gehör bringt.

Ganz lange ist im Deutschen der Ausdruck stehende Ovationen noch nicht heimisch (in den Wörterbüchern überhaupt noch nicht). Er geht mit Sicherheit auf die im Englischen gebräuchliche standing ovation zurück, die dort aber im Singular (= in der „Einzahl“) steht.

Bei näherem Nachdenken kommt der Sprachfreund ins Grübeln. Können Ovationen eigentlich stehen? Es sind doch in Wahrheit die Menschen, die es vor Begeisterung über das ihnen Gebotene oder aber um ihre Kennerschaft zu demonstrieren, nicht mehr auf Bänken und Stühlen hält. Sobald einer aufsteht, zieht er mindestens zwei Hintersitzer mit sich, die ebenfalls aufstehen, weil sie nicht mehr sehen können, was sich vorn abspielt, und jeweils zwei weitere Hintersitzer nötigen, sich zu erheben, und binnen kurzem steht der ganze Saal oder die ganze Kirche.

Richtiger ausgedrückt, müsste es also Ovationen oder auch Applaus im Stehen heißen oder noch kürzer Stehovationen, Stehapplaus, auf gut Deutsch gesagt: Stehklatschen. Dies klingt im Vergleich zu den schicken, Anklänge ans englische Original hervorrufenden und Weltläufigkeit beweisenden stehenden Ovationen aber ziemlich banal.

Nun ist fraglich, ob sich beim Englischsprechenden dieselbe Vorstellung einstellt wie beim sprachkritischen Deutschen, dass nämlich fälschlicherweise die Ovationen zu Akteuren gemacht werden, während es doch, wie gesagt, die Menschen sind, die da begeistert applaudieren. Bei einer driving license kommt im Englischen ja auch keiner auf die Idee, dass die Erlaubnis (license) selber fährt (drive). Das deutsche Gegenstück, die Fahrerlaubnis, weist uns die Lösung. In beiden Sprachen steht im Vorderglied ein Verb (= „Tätigkeits-, Zeitwort“). Der englischen ing-Form (driving) entspricht aber im Deutschen nicht ein Partizip Präsens Aktiv (= „Mittelwort der Gegenwart, Tätigkeitsform“) fahrend, sondern der bloße Stamm (fahr-). So verhält es sich auch bei washing machine und Waschmaschine, bei frying pan und Bratpfanne und vielen anderen Paaren. Das deutsche Verfahren, einfach einen Verbstamm vor das Grundwort zu stellen, überlässt dem Hörer die zutreffende Deutung. Ein Beispiel dafür sind die Bratkartoffeln, wo das Erstglied passivisch und perfektiv (= abgeschlossen) gedeutet wird: „gebratene Kartoffeln“. Auch die Schlagsahne kann so verstanden werden: „geschlagene Sahne“, aber auch als „Sahne, die erst noch geschlagen werden soll“. Der Unterschied zwischen beiden Deutungen zeigt sich im Alltag manchmal handgreiflich.

Bei einer Ersetzung der stehenden Ovationen durch Stehovationen, Stehapplaus oder Stehklatschen stellt sich die Deutung ein, dass im Erstglied die Art und Weise benannt wird, in der die im Zweitglied genannte Handlung geschieht: „Ovationen, Applaus, Klatschen im Stehen“. Mit Stehklatschen vergleichbare Bildungen mit einem Verb als Erst- und als Zweitglied gibt es übrigens nicht sehr viele. Neben Mähdreschen fällt mir in der Eile nur Sitzpinkeln ein. Letzteres fehlt (noch) im Duden, vorhanden ist aber bereits die Täterform Sitzpinkler und politisch korrekt daneben auch die Sitzpinklerin.



5.
2013-Feb-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Diskussion um das „Christliche“
Reaktion auf Leserbrief, die OV habe kein christliches Anliegen mehr
Zum Leserbrief „ OV hat ihr Attribut ,christlich‘ endgültig verwirkt“ (OV, 18. Februar)

Eine Recherche im „ePaper“-Archiv der OV ergibt, dass Herr Ockel insoweit recht hat, als ein Hinweis auf den Segnungsgottesdienst für Paare am Valentinstag in Vechta fehlt. Ob aber daraus der Schluss zu ziehen ist, „dass den Redakteuren christliche Anliegen, wenn überhaupt, nur als Skandalnachrichten ein Anliegen sind“, ist, wenn man die Berichterstattung und Kommentierung als Ganze betrachtet, doch recht fraglich, zumal auf die ökumenische Paarsegnung in Damme gleich zweimal ausführlich aufmerksam gemacht wurde (OV vom 1. und 5. Februar). Auffällig und erklärungsbedürftig ist aber, dass die Zeitung, die sich in der gedruckten Ausgabe unterhalb der Namenszeile als „Überparteiliche christliche Tageszeitung“ präsentiert, in der Internetausgabe (www.ov-online.de) <schlicht (und ausgreifend)> als „ Zeitung für den Landkreis Vechta und das Oldenburger Münsterland“ firmiert.

Wilfried Kürschner
Dohlenstraße 7
49377 Vechta



4.
2013-Feb-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Uni-Sex

Von Wilfried Kürschner

Wer erinnert sich noch an das Wort oder gar das Unwort des Jahres 2012? Sie wurden doch erst kürzlich verkündet: „Wort“ des Jahres war Rettungsroutine, und das „Unwort“ war Opfer-Abo. Beide stammen nicht aus dem allgemeinen Sprachgebrauch und sind bislang auch nicht in ihn eingegangen. Sie sind nicht aus sich heraus verständlich, sondern sind Augenblicksbildungen und bedürfen einer Menge an Weltwissen, damit man sie richtig deuten und auf das Gemeinte beziehen kann.

Mein Favorit für das Wort des Jahres, genauer des Jahresendes, war ein anderes, nämlich das in der Überschrift angedeutete. Unisex kam in Berichterstattung und Werbung zu Versicherungsverträgen vor. Diese dürfen seit dem 21. Dezember 2012 nicht mehr mit unterschiedlichen Prämien für Mann und Frau abgeschlossen werden, sondern sind einheitlich (daher der Bestandteil uni- ) für beide Geschlechter – daher -sex – auszugestalten. So war von Unisexverträgen, Unisexprämien und dergleichen mehr die Rede, allerdings nicht von Unisex allein. Daher ist mein Wort des Jahres eigentlich kein Wort, sondern ein, wie die Sprachwissenschaftler sagen, „Konfix“, ein wortähnliches Gebilde, das nur in Verbindung mit einem weiteren Element vorkommt, etwa wie therm in Thermometer, Thermoskanne, thermisch usw.

Das Konfix unisex- stammt, wie schon die übliche Aussprache mit stimmlosem „s“ („unißeks“) anzeigt, aus dem Englischen. Im Rechtschreibduden ist es erstmals 1986 notiert und mit der Bedeutungsbeschreibung „Verwischung der Unterschiede zwischen den Geschlechtern (im Erscheinungsbild)“ versehen. Es war (und ist) gelegentlich an Kleidungs- und Frisörläden zu lesen.

Das Wort Sex begann seine Karriere als Fremdwort im Deutschen viel früher. In den Rechtschreibduden ist es erstmalig – wer hätte das gedacht? – in der NS-Ausgabe von 1934 aufgenommen worden, allerdings nicht als Einzelwort, sondern in der Zusammensetzung Sex-Appeal mit der Bedeutungsangabe „starke (unbewusste, ungewollte) Anziehungskraft auf das andere Geschlecht“. In dieser Form überlebte es, ab 1961 (im Ost-Duden ab 1967) ergänzt durch die Sexbombe (für jüngere Leser auch hier die damalige Bedeutungsangabe „umgangssprachlich spöttisch für: Frau mit starkem sexuellem Reiz [meist von Filmdarstellerinnen])“. Erstmals 1961 ist Sex im West-Duden, aber noch nicht in seinem östlichen Gegenstück (dort erst 1976), als Einzelwort aus dem Englischen mit lateinischer Herkunft notiert mit der Angabe „Geschlecht; Erotik“. Von den beiden Lesarten, der biologischen und der erotischen, hat Letztere hat im handfesten Sinne von „Geschlechtsverkehr“ im seither vergangenen halben Jahrhundert, in dem sich der Umgang mit der Sexualität grundlegend verändert hat, die Oberhand gewonnen. In der jüngsten gedruckten Fassung des Rechtschreibdudens von 2009 lautet die Bedeutungsbeschreibung zwar noch: „umgangssprachlich für: Geschlecht(lichkeit), Geschlechtsverkehr“, im Online-Duden ist die Reihenfolge aber ganz klar: „1. Geschlechtsverkehr, sexuelle Betätigung, 2. (dargestellte) Sexualität (in ihrer durch die Unterhaltungsindustrie verbreiteten Erscheinungsform), 3. (umgangssprachlich) Sex-Appeal, 4. Geschlecht, Sexus“.

Noch einmal zurück zu meinem Lieblingswort des Jahres. Im Text ist es zusammengeschrieben, in der Überschrift aber ist mit Bedacht ein Bindestrich eingefügt – natürlich um den Bestandteil Sex für das Auge deutlich freizustellen. Vielleicht ist mancher Leser diesem Artikel auf den Leim gegangen, weil er, „unbewusst, ungewollt“, dem Reiz dieses wohl stärksten Signalwortes erlegen ist und möglicherweisw sogar Näheres über „Sex in der Uni(versität)“ erwartet hat.



4.
2013-Feb-07
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Nachgefragt
„Das hat schon seine Richtigkeit“
 
Wilfried Kürschner ist Professor für Sprachwissenschaft (em.) an der Universität Vechta und vertraut mit den Fragen des Promotionsrechts.

Was sagen Sie zur Aberkennung [des Doktorgrades] im Fall Schavan?
„Das hat schon seine Richtigkeit. Die auf der Internet- Plattform schavanplag.de dargestellten Verstöße gegen die Nachweispflicht von Übernahmen fremden geistigen Eigentums sind eindeutig. Hinzu kommt: Laut der Düsseldorfer Promotionsordnung musste Frau Schavan erklären, dass sie ,keine anderen als die angegebenen Hilfsmittel verwandt’ hat. Das ist der zentrale Punkt. Sie hat ganz eindeutig gegen die Zitierpflicht verstoßen. Das ist kein Kavaliersdelikt.“
Wie verhält sich der Fall Schavan zum Fall Guttenberg?
„Bei Frau Schavan kann man nicht mehr von Flüchtigkeitsfehlern reden. Bei Karl-Theodor zu Guttenberg liegt der Fall noch anders: Da steht ja sogar die Vermutung im Raum, dass Guttenberg diese seine eingereichte Arbeit gar nicht selbst verfasst hat.“
Wie ist die Praxis an der Universität Vechta?
„Auch hier besteht natürlich, nach dem üblichen Verfahren, Zitierpflicht. Fälle von Täuschung bei Promotionen hat es an dieser Universität nach meiner Kenntnis nicht gegeben. Und wenn, dann sind sie im Vorfeld abgewendet worden.“
Was sagen Sie zur Zukunft Annette Schavans?
„Der Vorgang, der jetzt aufgedeckt wurde, ist schon sehr gravierend. Ein klarer ,Verstoß gegen den Geist der intellektuellen Redlichkeit’. Frau Schavan müsste eigentlich zurücktreten, auch und gerade vom Amt der deutschen Wissenschaftsministerin.“
(das)




3.
2013-Jan-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vorsichtig sein bei der Datenwolke
Publikationsdaten auf dem Computer verschwunden

Leserbrief zum Artikel „Datenwolke – unverschlüsselt und immer da“ in der OV vom 19. Januar:

Anfang des Jahres richtete ich mir mithilfe der angebotenen Software das „Mediencenter“ ein – so heißt die Wolke oder Cloud der Deutschen Telekom – und lud ganze Berge von Daten dort hinauf, darunter auch die Ordner mit den Dateien meiner Veröffentlichungen.

All dies verblieb daneben auch im Verzeichnis „Mediencenter“ auf der Festplatte des Computers, auch die Dateien, an denen ich gerade arbeitete und die flugs zusätzlich automatisch in der Wolke gespeichert wurden.

Doch als ich kürzlich in der Wolke den Ordneraufbau zu ändern versuchte und mich dabei wohl etwas ungeschickt anstellte, verschwanden dort die gut vier Gigabyte Publikationsdaten und damit auch die frisch bearbeiteten Dateien im Nirwana. Macht nichts, dachte ich mir, sie sind ja noch im Mediencenter-Verzeichnis auf meiner Festplatte.

Als ich sie aber aufrufen wollte, waren sie auch dort mitsamt dem ganzen Publikationsordner wie von Zauberhand verschwunden (der Kenner führt dies auf den Abgleich oder das „Synchronisieren“ der beiden Speicherorte zurück). Auch im Papierkorb war nichts davon gelandet, offenbar war die gelöschte Datenmenge für ihn zu groß (jetzt habe ich ihm erst einmal mehr Platz eingeräumt). Zum Glück hatte ich die Originaldateien aufbewahrt und nur Kopien in das Computer-Mediencenter und somit auch ins Wolken-Mediencenter geschoben, sodass ich auf die Altdateien zurückgreifen kann. Aber die Arbeit von knapp zwei Wochen ist verpufft.

Ärgern hilft, wie man weiß, bei Datenverlust nicht, sondern Zähne zusammenbeißen und das Ganze noch einmal eingeben. Ich speichere jetzt doch lieber wieder lokal.

Wilfried Kürschner
Dohlenstr. 7
49377 Vechta



2.
2013-Jan-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Schiller, Heine und andere große Deutsche
Vechtaer Forscher gehen unserer Erinnerungskultur nach

Wie sind wir mit unseren Musikern, Dichtern und Denkern umgegangen? Das erzählt viel auch über gesellschaftliche Utopien.

Von Andreas Kathe

Es hat aus unterschiedlichen Gründen sechs Jahre lang gedauert, bis 2012 im Band 27 der Vechtaer Universitätsschriften die Vorträge der Ringvorlesung 2006 an der Uni in Vechta veröffentlicht werden konnten. Unter der Regie des Sprachwissenschaftlers Wilfried Kürschner haben 13 Wissenschaftler der Uni und der Universität Schuja in Russland dem Musiker Wolfgang Amadeus Mozart und den Dichtern und Schriftstellern Heinrich Heine, Friedrich von Schiller, Gottfried Benn (Musik, Literatur und Denkmäler) nachgespürt. Sie sind der Frage gefolgt, wie weit „Kulturerinnerungen und Erinnerungskulturen“ einander bedingen und entsprechen (Verlag Lit, Münster 2012, 241 Seiten, 24.95 Euro).

In seinem Beitrag kommt der russische Sprachwissenschaftler Wladimir M. Kuritsyn zur Einschätzung, dass der multikulturellen Bildung in den Zeiten der Globalisierung eine außerordentliche Bedeutung zukommt. Die Schüler und Studierenden würden sich so der eigenen nationalen und kulturellen Identität bewusst und könnten so auch besser ein „adäquates Kultur- bzw. Sinnbild der Welt“ entwickeln. Die Integrationsbereitschaft und -fähigkeit würden dadurch weiter entwickelt.

Der Historiker Michael Hirschfeld widmet sich der „Erinnerungskultur im Dienste der Nation“ anhand der Beispiele von Denkmälern für die Dichter Heine und Schiller. Die Verehrung und Überhöhung Schillers steht dabei für den Versuch, von der deutschen Kaiserzeit bis zum Nationalsozialismus Schiller als Nationaldichter zu instrumentalisieren; es ging um das Wunschbild einer „monolithisch gefügten Nation“. Dabei geriet die eigentliche Gestalt des Dichters völlig aus dem Blick.

Heine hingegen, der als Jude und Gesellschaftskritiker in Deutschland selbst „zum Antihelden des Nationalstaates“ wurde, erlebte unter den deutschen Auswanderern in den USA die Inanspruchnahme als nationales Symbol. Michael Hirschfeld wertet diese unterschiedlichen Sichtweisen als „Spiegelbilder der Gesellschaft und als Ausdruck ihrer Utopien“. Als Phänomene, die als „Geschichte gewordenes Gedächtnis einer Epoche“ auch heute noch sehr aussagekräftig sein können.



1.
2013-Jan-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
(
n) gutes neues!

Von Wilfried Kürschner

Einer alten Regel zufolge ist es bis zum Ende der Weihnachtszeit, also bis Mariä Lichtmess, gestattet, Neujahrswünsche auszusprechen. Nach dem 2. Februar sollte man besser bis zum nächsten Jahr warten und erst dann wieder „ein gutes neues Jahr“ wünschen – in dieser Schreibung übrigens. Zwar weist erfahrungsgemäß mindestens die Hälfte aller schriftlichen Wunschbekundungen die Großschreibung, Neues Jahr, auf, doch legen die Rechtschreibwörterbücher die Kleinschreibung fest mit der Begründung, dass neues Jahr kein Name oder namenähnliche Bezeichnung sei (wie etwa das Neue Testament oder die Neue Welt für Amerika, bei den Neuen/neuen Medien ist laut Rechtschreibduden beides möglich).

Nun werden die meisten Neujahrswünsche zum Glück mündlich übermittelt, sodass sich die Frage nach Groß- oder Kleinschreibung gar nicht erst stellt. Sehr oft hört man den Wunsch in verknappter Form. So wird aus der Langform „Ich wünsche dir/euch/Ihnen ein gutes/frohes neues Jahr“ die Kurzformel „Gutes/Frohes neues Jahr“, also ohne Absender- („ich“), Empfänger- („dir …“) und Absichtsangabe („wünsche“). Sie können wegbleiben, weil dies aus der Sprechsituation ohnehin klar ist. Ganz Forsche verkürzen das nochmals und sagen nur zwei Wörter: „Gutes/Frohes neues“. Wie viel inniger klingt da doch der Wunsch auf Platt: „Glücksäliges/Glücksägens Näijohr!“ Aber auch das kann verkürzt werden zu „Glücksäg’ns/Glücksäl’s Näijohr“, im Extremfall zu „Sägn’s/Säis Näijohr“.

Bei Gutes/Frohes neues fällt das Bezugswort von gut bzw. froh der Sparsamkeit zum Opfer, immerhin bleibt aber durch die Endung -es klar, dass es sich um ein Neutrum (= ein „sächliches Haupt- oder Namenwort“), (das) Jahr, handelt. Solche Auslassungen, nun aber in anderer Richtung, kennen wir vom Grüßen: Aus „Guten Morgen“ und „Guten Tag“ wird „Morgen“ bzw. „Tag“ (bei uns im Norden gern Tach, wenn nicht gar Tachchen gesprochen). Bei „Guten Abend“ bleibt wegen des Anlauts mit einem Vokal (= „Selbstlaut“) ein Rest von guten übrig, und man sagt nicht „Abend“, sondern „’n Abend“. Im Extremfall wird aus dem Stakkato-Viersilbler „Gu-ten A-bend“, wie man ihn von Claus Kleber im „Heute-Journal“ kennt, ein einsilbiges naamt. Bei „Gute Nacht“ handelt es sich nicht um eine Begrüßung zu später Stunde, sondern um eine Verabschiedungs- und Schlafenswunschformel, deren Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) oft ein bisschen verkürzt wird, sodass es „Gut’ Nacht“ klingt, oder gleich ganz ohne Adjektiv „Nacht!“.

Neben dem gerade besprochenen Adjektivausfall. bei dem der Bezugspunkt, die Tages- und Nachtzeit, aber erhalten bleibt, gibt es auch das Umgekehrte. Die Qualität, gut, wird benannt, aber nicht die Sache, der sie zukommen soll. Dies ist der Fall bei „’n guten“, noch kürzer „Guten“, was etwas vollständiger „(Einen) guten Appetit“ lautet. Dieser wohl eher im Süddeutschen beheimateten Ausdrucksweise entspricht im Norden ein zackiges „Mahlzeit!“ (ohne gut).

Dieses „Mahlzeit“ übernimmt übrigens auch die Aufgabe, aus dem für die lange Zeit zwischen Morgen und Abend gültigen „(Guten) Tag“ den Mittag herauszugreifen. Es kann dann als Begrüßung, als Appetitmacher und auch als Verabschiedung dienen, und zwar vor und nach dem Essen (wenn einer zu Tisch geht oder sich wieder vom Tisch erhebt).

In diesem Sinne: „’n gutes neues!“ (für Plattsprecher und -versteher „Säg’ns/Säis Näijohr!“) und „’n guten!“.