Berichte 2012



21.
2012-Dez-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Wie uns die Alten sangen

Von Wilfried Kürschner

Am Dienstag dieser Woche war der Autor Axel Hacke in Vechta – zu einer fulminanten Lesung aus eigenen Werken. Sein wohl bekanntestes Buch trägt den Titel „Der weiße Neger Wumbaba“. Er hat hier und in den Folgebänden viele Missverständnisse gesammelt, die vor allem Kindern, aber auch Erwachsenen unterlaufen, wenn sie aus dem, was sie undeutlich oder unverständlich hören, Sinn machen möchten.

So geht der weiße Neger Wumbaba auf eine Stelle im Nachtlied „Der Mond ist aufgegangen“ zurück, in der es heißt: „… und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar“. Die nicht auf Anhieb verständliche, ungewohnte Konstruktion von dem wunderbaren Steigen des weißen Nebels oder aber dem Steigen des wunderbaren Nebels wird neu gedeutet und dem Alltagsverständnis angepasst, nach dem eher Menschen aus Wiesen steigen als Nebel, mögen es auch weiße Schwarze sein.

Solche „Verhörer“ oder „Verleser“ stellen sich vor allem bei Passagen ein, die dem heutigen Sprachgebrauch nicht mehr entsprechen. So etwa in dem Weihnachtslied „Es ist ein Ros entsprungen“, wie der Liedanfang im Gesangbuch wörtlich lautet. Hier liegt es für den unbefangenen Hörer natürlich nahe, anzunehmen, dass von einem Pferd die Rede ist, das Reißaus genommen hat. Merkwürdig erscheint nur, dass Ross hier mit nur einem „s“ geschrieben wird – dem entspricht in der Lautung ein langes, geschlossenes „o“. Aber was soll sonst mit der oder das Ros gemeint sein? Bekommt man dann gesagt, dass es um die Rose geht, ist das nicht unmittelbar nachzuvollziehen, denn dann müsste es doch „eine Rose“ heißen. Und wie kann eine Rose „entsprungen“ sein?

Da bedarf es schon einiger Belehrungen. Bei ein Ros ist der Schlussvokal (= „Selbstlaut“) e ausgefallen, wie man es noch heute mundartlich vor allem im Süden hören kann. In der Schreibung sollte diese Auslassung durch die Setzung eines Apostrophs deutlich gemacht werden: ein‘ Ros‘. Und bei entspringen liegt, erfahren wir im Wörterbuch, gehobener Wortgebrauch vor, gemeint ist so viel wie „aus etwas hervorgehen“. Aha – die Rose ist also, wie man gleich anschließend hört oder liest, „aus einer Wurzel zart“ entsprungen. Die ungewöhnliche Reihenfolge in der Fügung Wurzel zart nehmen wir als veralteten, bestenfalls poetischen Sprachgebrauch hin, wie vorhin beim Nebel wunderbar und denken auch an Röslein rot oder vom Himmel hoch.

Weiter hören wir, nach einem Zwischensatz, auf den gleich zurückzukommen ist: „von Jesse kam die Art“. Hier hilft nun das Wörterbuch nicht weiter – ein Eintrag Jesse existiert dort nicht, sodass wir ins Lexikon (aus Zeitnot oder Bequemlichkeit in die Wikipedia) greifen und dort erfahren, dass Jesse, besser bekannt unter dem Namen Isai, der Vater von König David war. Wer nun mit der Rose gemeint ist, die aus der Wurzel Jesses entsprungen ist – Jesus oder Maria –, wird konfessionell unterschiedlich gedeutet, was sich in den unterschiedlichen Fassungen des weiteren Textes niederschlägt. Doch dies geht über die Sprachebene weit hinaus und wird der Eigenerkundung des interessierten Lesers überlassen.

Sprachlich auffällig ist hingegen das Verb (= „Tätigkeits-/Zeitwort“) in der gerade übersprungenen Halbzeile „wie uns die Alten sungen“ – nicht „sangen“, denn dann ergäbe sich ja kein Reim mit „… entsprungen“. Die Lösung des Rätsels der seltsamen Verbform sungen bietet wieder einmal die Sprachgeschichte. Zu der Zeit der Abfassung des Liedes gegen Ende des 16. Jahrhunderts hielten bestimmte Verben, die sogenannten starken, für die Bildung ihrer Formen im Imperfekt oder Präteritum (= „Vergangenheit“) zwei Stammformen bereit: (ich, er) sang (wir, sie) sungen. Auf dem Weg zur Gegenwartssprache wurde diese Doppelung aufgegeben, in diesem Fall zugunsten der Form sang-, die nunmehr in allen Formen des Imperfekts steht. Aus Reimgründen ist im Kirchenlied der alte Sprachzustand aufbewahrt – und im Sprichwort: „Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen.“



20.
2012-Nov-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Ein Handwerker auch nach ursprünglicher Wortbedeutung
Leserbrief zum bevorstehenden Ruhestand von Chirurg Alexander Orlowsky (OV vom 24. November):

Nicht nur der Sache nach, sondern auch von der Wortgeschichte her zutreffend ist die Berufsbezeichnung, die der in den Ruhestand tretende Chirurg Alexander Orlowsky sich selbst gibt: „ Ich bin ein ganz normaler Handwerker“ (OV vom 24. November). Schon die alten Griechen wussten, dass der Chirurg einer ist, der mit der Hand („ch(e)ir“) wirkt („urg-“ von „ergon“ = Werk). Zunächst galt diese Bezeichnung für Handwerker jeglichen Gewerbes, die Einschränkung auf Wundärzte, Operateure erfolgte aber schon in der Antike. Die sympathische Ironie der Eigenbenennung erweist Alexander Orlowsky wie im übrigen Umgang auch als das Gegenteil eines medizinischen Halbgottes in Weiß. Ihm und seiner Frau ist zu wünschen, dass er sein handwerkliches Geschick noch sehr lange an Oldtimer-Autos beweisen kann.

Wilfried Kürschner
Dohlenstraße 7
Vechta



19.
2012-Nov-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Leser diskutieren bei www.ov-online.de und www.facebook.de/OVonline aktuelle Themen.
Zu unserer Frage „Halten Sie Studiengebühren für sinnvoll? Oder werden Studenten durch sie zu sehr belastet? schrieb:

Wilfried Kürschner: Die mir einleuchtendste Lösung wäre ein auskömmliches Staatsstipendium für alle Studenten, aus dem Studien- und Lebenshaltungskosten sowie Studiengebühren bestritten werden. Damit sind Nebenbeschäftigungen hinfällig; die Studienzeiten können strikt begrenzt werden. Die Rückzahlung des Stipendiums erfolgt durch einen (lebens-)langen Zuschlag zur Einkommensteuer ("Akademikerabgabe"), aus der sich nach einer gewissen Anlaufzeit der staatliche Stipendientopf speist. Bei zu erwartendem gutem Einkommen kann die Rückzahlungssumme möglicherweise höher ausfallen als das erhaltene Stipendium. Bei geringem oder fehlendem Einkommen liegt der Rückzahlungsbetrag entsprechend niedriger.



18.
2012-Nov-17
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Eichelhäherhahnenschwarm

Von Wilfried Kürschner

Zugegeben: Das Wortungetüm im Titel ist allein zu dem Zweck erfunden, über ein paar heikle Punkte der deutschen Rechtschreibung aufzuklären. Die geläufige Ansicht ist ja die, dass jedem Laut der Sprache sein Buchstabe zugeordnet ist und umgekehrt jeder Buchstabe seinen Laut wiedergibt.

Dass dies nicht stimmen kann, sieht man schon an den Zahlenverhältnissen: Wir haben im Deutschen 40 Laute, aber nur – nein, nicht 24, auch nicht 26, sondern – 30 Buchstaben: die 26 Grundbuchstaben von a bis z, dazu die 3 Umlautbuchstaben mit den Pünktchen, ä, ö, ü, und den deutschesten aller Buchstaben, das ß. Und auf einige dieser Buchstaben könnten wir gut verzichten, auf das x zum Beispiel, das nicht für einen einzigen Laut steht, sondern für einen Lautkomplex, der gut mit ks wiederzugeben wäre („Hekse“ wie Murks). Auch das q ist eigentlich überflüssig, zumal es noch nicht einmal allein stehen kann, sondern das u als ständigen Begleiter verlangt. Was spricht dagegen, ein Wort wie quer so zu schreiben: „kwer“? Nichts als die Gewohnheit, die Tradition, aber gegen die kommt man, nicht nur in der Orthografie, schwer an.

Diesem Überfluss steht auf der anderen Seite ein Mangel gegenüber: Für manchen Laut haben wir keinen eigenen Buchstaben. So etwa für den Zischlaut, den wir mit der Notlösung s+c+h wiedergeben. Ebenso fehlt ein eigener Buchstabe für den Ich-Laut und den Ach-Laut, hier muss die Verbindung c+h einspringen. Womit wir beim Thema wären, beim h.

Der Buchstabe h ist der vielseitigste von allen. Er erfüllt zum einen die Hauptaufgabe, die einem Buchstaben zukommt und von der am Anfang die Rede war: Er gibt einen Laut wieder, und zwar den Hauchlaut. Dies geschieht am Anfang der Wörter Häher und Hahn, die im Titelwort enthalten sind. Zusätzlich zu dieser Funktion als Laut-Buchstabe (Lautungs-h) erfüllt er, wie im Inneren dieser Wörter zu erkennen ist, Hilfsfunktionen.

Bei Hahn hat das zweite h den Zweck, anzuzeigen, dass das voranstehende a lang, gedehnt auszusprechen ist. Man denke auch an den Ausspracheunterschied bei ihn – in, Ahn – an und ähnlichen Fälle, in denen ein Dehnungs-h ebenfalls die Längung des Vokals (= „Selbstlauts“) markiert. Anders verhält es sich beim h im Inneren von Häher. Hier zeigt es an, dass das Wort aus zwei Silben besteht. Es ist eigentlich überflüssig, wie etwa das Wort Säer zeigt. Andererseits demonstriert ein Satz wie „Ee ich in die Ee gee, see ich eer Kräen in der Näe“, dass das silbentrennende h, kurz das Silben-h, beim Lesen einen guten Zweck erfüllt, indem es die separate Aussprache der beiden Vokale, zwischen denen es steht, anzeigt. Dieses h wird normalerweise nicht gesprochen, aber beim Diktieren kann es gehaucht werden – nur bei Ausrufen wie aha, hihi, oho und bei Uhu ist der Zwischenhauch verpflichtend.

Eine weitere Hilfsfunktion übernimmt das arbeitsame h bei den schon angesprochenen Zischlauten in Eichel und Schwarm. Für sie stehen keine eigenen Einzelbuchstaben zur Verfügung. Sie werden deshalb mithilfe der Buchstabenkomplexe ch und sch wiedergegeben. Man könnte daher vom komplexbildenden h sprechen.

Ausgedient hat das vielseitige h seit langem in deutschen Wörtern wie Tür und Tor, bei denen es nach dem t stand. Seit der vorletzten Rechtschreibreform von 1901 schreiben wir nicht mehr so: „Macht hoch die Thür, die Thor‘ macht weit …“. Überlebt hat es freilich in Fremdwörtern wie Thriller und Theologie, Philosophie und Photographie – doch dies ist ein anderes Thema und soll ein andermal besprochen werden.



17.
2012-Nov-17
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vorleser an allen Grundschulen

Bürgerstiftung schickt 76 Geschichtenerzähler mit spannenden Büchern in die Klassen
Am bundesweiten Vorlesetag haben nicht nur die Kinder ihren Spaß. Die Bücher dürfen die Klassen behalten.

Von Volker Kläne

Vechta. Der Räuber Hotzenplotz ist ein ganz übler Bursche. Dahinter kamen die Schüler der Klasse 1a an der Liobaschule sehr schnell, als ihnen Martina Jasnoch von der Vechtaer Bürgerstiftung die Geschichte von Kinderbuchautor Ottfried Preußler gestern Morgen vorlas. Mucksmäuschenstill war es im Klassenraum. Gespannt verfolgten die Kinder, wie Kasperl und sein Freund Seppel dem Bösewicht Hotzenplotz eine Falle stellten, um die gestohlene Kaffeemühle von Kasperls Großmutter wiederzubekommen. So wie die Klasse 1a erhielten alle Grundschulklassen in Vechta und Langförden Besuch. Denn am bundesweiten Vorlesetag organisierte die Vechtaer Bürgerstiftung zum vierten Mal ihre Vorlese-Aktion. 76 ehrenamtliche Geschichtenerzähler waren im Einsatz, davon 16 an der Liobaschule. Sie brachten Bücher mit und lasen daraus vor. Bücher über Olchis, über Ritter Trenk, über Wickie, über Lippel und über vieles mehr. Diese schenkten die Vorleser anschließend der Klasse und dazu 50 Euro, damit sie noch mehr Literatur anschaffen kann. Mehr als 5000 Euro gab die Bürgerstiftung dafür aus. Die Schüler bedankten sich mit Geschenken. Spaß an der Aktion hatten auch die Vorleser. So fragte Professor Wilfried Kürschner an der Liobaschule: „Steht der Termin fürs nächste Jahr schon fest?“




16.
2012-Okt-13
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Keine Applauskultur

Was Leser Walter Krämer zu Recht als Mangel an Sprechkultur mancher Schauspieler beklagt (F.A.Z. vom 9. Oktober), wird fast noch überboten vom Mangel an Applauskultur in Fernsehsendungen mit Zuschauerbeteiligung im Studio. Frenetischer Jubel setzt schon ein, wenn etwa Oliver Welke, „Comedian“ der „heute-show“, ins Bild kommt. Lange Sekunden spricht er in die Klatschmenge hinein, ohne dass zu verstehen ist, was er sagen will. Der Applaus bricht dann wie auf Kommando plötzlich ab und scheint bei bestimmten Pointen wieder eingeschaltet zu werden. So geht es auch zu bei Talkshows oder beim „Aktuellen Sportstudio“ des ZDF. Wie angenehm ist dagegen eine Talkshow wie „Menschen bei Maischberger“, in der die Zuschauer vor dem Fernsehapparat, aber nicht im Studio sitzen.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta



15.
2012-Okt-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Geile Schwule

Von Wilfried Kürschner

Vor zehn, wahrscheinlich auch noch vor fünf Jahren wäre eine Überschrift wie diese wohl undenkbar gewesen, und zwar nicht nur in der „Oldenburgischen Volkszeitung“. Mittlerweile aber haben diese und andere vergleichbare Wörter ihren Charakter als Reizwörter weitgehend verloren und sind salonfähig geworden. Nicht jeder benutzt sie aber umstandslos (ich gebe zu, mir fällt es schwer, sie zu gebrauchen, ich würde wohl von „großartigen Homosexuellen“ sprechen), und mancher Ältere zuckt noch immer zusammen, wenn er sie hört oder, schlimmer, liest. Aber vor unseren Ohren und Augen hat ein Sprachwandel stattgefunden, der insbesondere von der jüngeren Generation getragen wird und Einzug auch in die seriösen Medien gehalten hat. Anhand zweier Berichtstränge können wir die beiden Wandelvorgänge, um die es hier geht, augenfällig nachvollziehen.

So war in diesem Frühjahr in der „OV“ ein Plakat abgebildet, das einem jungen Mann zu seinem Geburtstag vor seinem Haus aufgestellt worden war und auf dem stand: „Hupe[,] wenn du geil bist“. Es war, womöglich von einem hupgeplagten Nachbarn, abgebaut worden. In der daraufhin eingeleiteten Leserdiskussion fand diese Maßnahme wenig Verständnis. In sprachlicher Hinsicht interessant waren Beiträge, die auf die Mehrdeutigkeit des Wortes geil anspielten. Dieses Wort hat nämlich, wie jeder weiß, mehrere Bedeutungen, darunter zwei in der Fachsprache der Landwirtschaft („allzu üppig, aber nicht sehr kräftig wachsend“: geile Triebe einer Pflanze; „fett, zu stark gedüngt“: der Boden ist fett und geil) und eine abwertende: „gierig nach geschlechtlicher Befriedigung, vom Sexualtrieb beherrscht; sexuell erregt“ – Beispiele (wie auch die Definitionen) aus dem Duden-Universalwörterbuch: „ein geiler Kerl; ein geiles Lachen“. Letztere Bedeutung, die das Wort „unanständig“ machte, hält viele von seiner Verwendung, zumal in höheren Stilschichten, ab. Seit einigen Jahren – im Rechtschreibduden wird dies erstmals 1991 notiert – hat sich daneben die saloppe, besonders für die Jugendsprache charakteristische Bedeutungsvariante im Sinne von „in begeisternder Weise schön, gut, großartig, toll“ entwickelt. Die andere Variante, die sexuelle, ist daneben aber noch in den Köpfen, was zu der erwähnten Zweideutigkeit führt und eine der Diskussionsteilnehmerinnen bemerken lässt: „Man kann bei dem Schild auch denken, dass es ein Puff ist. Wegen dem Schild, meine ich halt“ („OV“, 26. April 2012, S. 20).

Was das Wort schwul angeht, wird sich mancher Leser an die umfangreiche Berichterstattung in der „OV“ und anderen Medien über die Vorgänge um die vorgesehene Besetzung einer Schulleiterstelle in Rechterfeld erinnern. Die Schlagzeile am 27. April 2012 lautete auf Seite 1: „Homosexueller als Schulleiter in Rechterfeld unerwünscht“, auf Seite 7: „Schwuler Schulleiter nicht erwünscht“. In den weiteren sieben redaktionellen Beiträgen und Kommentaren (3) wie auch in den zahlreichen Leserbriefen (17) und Diskussionsbeiträgen im Internet (12), die fast durchgängig die Ablehnung des vorgesehenen Schulleiters kritisierten, wurde ganz überwiegend das Wort schwul gebraucht. In einer der wenigen zustimmenden Zuschriften wurde es nicht verwendet, stattdessen homosexuell. Die von der Redaktion formulierte Überschrift zu diesem Leserbrief lautete jedoch: „Schwuler Schulleiter für die Kinder verhindert“.

Sofern die Wörterbücher das Wort schwul überhaupt aufnahmen, erhielt es den Zusatz „derb für: homosexuell“ (Rechtschreibduden Mannheim 1967, Leipzig 1976). 1986 ist „derb“ ersetzt durch die Angabe „umgangssprachlich“ (aber nicht im Duden Leipzig 1985), und seit 2000 wird im wiedervereinigten Rechtschreibduden zusätzlich vermerkt, dass schwul und Schwuler (so wie auch Lesbe) „Selbst-“ oder „Eigenbezeichnungen“ von Homosexuellen sind. Dies war wohl der entscheidende Schritt: Wenn Homosexuelle selber sich so nennen, dann können die Wörter nichts Abwertendes mehr an sich haben. Mittlerweile sind sie in den allgemeinen Sprachgebrauch eingegangen, wohl auch aufgrund des Einstellungswandels gegenüber der Homosexualität zu vermehrter Akzeptanz hin.

Derselbe Sprachwandel vollzog sich, wie erwähnt, auch beim weiblichen Pendant lesbisch und dem dazugehörigen Substantiv Lesbe. Beide neuen Bezeichnungen findet man nebeneinander etwa im Namen „Lesben und Schwule in der Union (LSU)“, eine Vereinigung, die laut Wikipedia-Eintrag von den beiden Mutterparteien, der Christlich Demokratischen beziehungsweise Christlich Sozialen Union, als offizielle Gruppe anerkannt ist.



14.
2012-Sep-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Heimatbund ehrt Alwin Hanschmidt beim Akademieabend

Stapelfeld/Vechta (beg) Die Überraschung war gelungen: Nachdem alle Gäste des Akademieabends des Heimatbundes Oldenburger Münsterland Platz genommen hatten, wurde eine neue Tagesordnung ausgeteilt. Statt eines Vortrags stand nun die Ehrung von Professor Dr. Alwin Hanschmidt [anlässlich der Vollendung seines 75. Lebensjahres] im Vordergrund. So kamen in der Aula der Katholischen Akademie Stapelfeld sechs Professoren zu Wort, um den bekannten Historiker, Kollegen und Freund zu ehren. Hanschmidt hatte 29 Jahre an der Uni Vechta gelehrt. [Die Einführung in den Abend nahm – zugleich im Namen der Mitorganisatoren seitens der Universität, Priv.-Doz. Dr. Michael Hirschfeld und Dipl.-Päd. Franz-Josef Luzak  – apl. Professor Dr. Franz Bölsker, Hanschmidts früherer Doktorand und Habilitand, vor.] Hartmut Frerichs, Vizepräsident des Heimatbundes, nannte ihn einen „Promoter der regionalgeschichtlichen Forschung“. Zudem würdigte ihn Professorin Dr. Marianne Assenmacher, Präsidentin der Uni. Der Direktor des Instituts für Geistes- und Kulturwissenschaften in Vechta, Professor Dr. Eugen Kotte, hielt Hanschmidt im Fach Geschichte für untersetzbar. Er stehe für genaueste Quellenforschung und innovative Ergebnisse. Aus Hannover war Professor Dr. Hans-Georg Aschoff angereist [und würdigte Hanschmidts Werk]. [Neben kurzen Blicken auf] das Werk Hanschmidts nahm Professor Dr. Wilfried Kürschner [ihn als Kollegen und Freund] in den Blick [und schilderte wichtige Stationen seines akademischen Lebens]. [Der ursprünglich als einziger Programmpunkt genannte Vortrag von Professor Dr. Wilfried Reininghaus mit dem Titel „Westfalen im 18. Jahrhundert als Forschungsfeld“ nahm das Motto des Akademieabends auf und stellte Hanschmidts Leistungen in diesem Gebiet der Geschichtsforschung heraus. Am Ende dankte Hanschmidt für die überraschende Ehrung, die ihm die Beteiligten hatten zuteilwerden lassen.]

[Foto:] Überrascht war Professor Dr. Alwin Hanschmidt



13.
2012-Sep-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Lebenslänglich Leberkäse

Von Wilfried Kürschner

„21 Jahre Haft für den Mörder von 77 Menschen“ – so lautete Ende August eine Überschrift in dieser Zeitung. Aus deutscher Sicht auf den ersten Blick ein ziemlich mildes Urteil, wäre der Täter bei uns doch sicherlich zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Beim zweiten Nachdenken erinnert man sich allerdings, dass lebenslang oder lebenslänglich in der Sprache der Justiz nicht wörtlich zu nehmen ist, jedenfalls nicht so, wie das Wörterbuch definiert: „erst mit dem Tode endend“. Vielmehr darf ein in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilter Täter nach der Verbüßung von mindestens 15 Jahren Haft unter bestimmten Umständen mit seiner Entlassung rechnen, sofern nicht Sicherungsverwahrung angeordnet ist. Diese kann, wie auch im eingangs erwähnten Fall in Norwegen, tatsächlich zu lebenslangem Freiheitsentzug führen. Es wäre also angemessener, statt von „lebenslanger Freiheitsstrafe“ von einem „Freiheitsentzug auf unbestimmte Dauer, mindestens aber 15 Jahre“ zu reden.

Das Wort lebenslang/lebenslänglich führt, könnte man sagen, in die Irre. Es ist zwar durchsichtig, bedeutet aber nicht unbedingt das, was seine beiden Bestandteile nahelegen. In der Sprachwissenschaft spricht man in diesem Fall von einer „Schein-“ oder „Pseudodurchsichtigkeit“, im Gegensatz etwa zu Waschmaschine oder Bürostuhl, die tatsächlich eine „Maschine zum Waschen“ bzw. einen speziellen „Stuhl im Büro“ bedeuten.

Scheindurchsichtige Wörter stellen für den, der das Deutsche neu erlernt, aber auch für den, der zum ersten Mal auf ein solches Wort trifft, eine Stolperfalle dar. So verhält es sich etwa mit dem Wort Leberkäse, das eine süddeutsche Spezialität bezeichnet. Der unbefangene norddeutsche Sprachnutzer, der diese Speise noch nicht kennt, wird zunächst annehmen, dass es sich dabei um Käse handelt, der Leberstückchen enthält, so wie ja die Leberwurst eine Wurst mit Leber ist. Doch weit gefehlt: Das Wort Leberkäse ist in doppelter Weise scheindurchsichtig. Leberkäse enthält heute üblicherweise keine Leber mehr, sondern besteht laut Wahrigs „Deutschem Wörterbuch“ aus „sehr fein gehacktem Kalb- und Schweinefleisch, Speck und Gewürzen“, sodass empfohlen wird, besser von Fleischkäse zu sprechen. Auf keinen Fall handelt es sich aber um das Milchprodukt Käse. Als Käse wird dieses Fleischgericht bezeichnet, weil es wie bestimmte Käsesorten in kastenförmigen Laiben hergestellt und dann in Scheiben geschnitten und gebraten wird.

Im Bereich der Speisen- und Mahlzeitenbezeichnungen ist Scheindurchsichtigkeit auffällig oft festzustellen. Meist handelt es sich um eine Halbdurchsichtigkeit wie bei Frühstück: zwar kein Stück, aber in der Frühe eingenommen. Ähnlich auch bei Mittag- und Abendbrot: am Mittag bzw. Abend gegessene Mahlzeit, die aber nicht unbedingt Brot ist.

Auch manche Verben (= „Tätigkeits-/Zeitwörter“) führen wegen ihrer Scheindurchsichtigkeit den unbedarften Lerner in die Irre. So stellen zwar anhören, hinhören und zuhören besondere Arten des Hörens dar, aufhören hat aber mit hören nichts zu tun, sondern bedeutet so viel wie „beenden“. Umgekehrt ist anfangen („beginnen“) keine Art des Fangens, während einfangen und auffangen sehr wohl zu fangen gehören.

Und bekommen hat nichts mit dem Verb kommen zu tun, sondern bedeutet „erhalten, kriegen“. Ganz ähnlich gibt es im Englischen das Verb to become, aber mit einer völlig anderen Bedeutung als das deutsche bekommen, nämlich „werden“. Die Gefahr, diese beiden „falschen Freunde“ zu verwechseln, ist groß, wie aus der bekannten Geschichte von einem hübschen jungen Deutschen erhellt, der in einem englischen Süßwarenladen fragt: „Can I become a piece of chocolate?“ Die Verkäuferin: „Yes, you can. You are sweet enough.“



12.
2012-Aug-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Stapelmarkt in Stapelfeld!?

Von Wilfried Kürschner

Einem Gerücht zufolge soll ein Mitte des vergangenen Monats eingerichteter Krisenstab der Stadt Vechta zu erwägen gegeben haben, den sommerlichen Markt, den so genannten Stoppelmarkt, zu verlegen. Anlass war der Zuzug eines Paares aus Verden (sie) und Rheine (er, drei Jahre jünger als sie), die an exponierter Stelle des Marktgeländes Quartier nahmen. Wegen der vom Wohnsitz des Paares ausgehenden Brandgefahr hätte das Marktgeschehen behindert werden können. Um nun nicht das Paar mit drastischen Mitteln zum Wegzug zu bewegen und damit in den Verdacht der Fremdenfeindlichkeit zu geraten, sollte, so eine der Empfehlungen des Krisenstabes, die Stadt Vechta in Kontakt mit Stapelfeld treten und eruieren, ob der Markt in diesem Jahr nicht dorthin verlagert werden könnte.

Das hätte auch den Vorteil, dass der Markt wieder seinen mutmaßlich ursprünglichen Namen annehmen könnte. Denn wahrscheinlich habe der 1298 erstmals erwähnte Markt „Stapelmarkt“ geheißen, und das harmoniere doch gut mit dem Namen „Stapelfeld“. Stapelmarkt deshalb, weil es sich hier um einen Verkaufsplatz handelte, auf dem Stapel von Waren gehandelt wurden. Stapel ist ein niederdeutsches Wort. Es bedeutete ursprünglich „Pfosten, Block, Stütze, Säule“, im späten Mittelalter dann auch so viel wie „geschichteter Haufen, Warenlager, Verkaufsplatz“. In diesen übertragenen Bedeutungen, so das Duden-Herkunftswörterbuch, kam das Wort ins Hochdeutsche, „wo es heute meist im Sinn von ,aufgeschichteter Haufen‘ gebraucht wird“ (daher auch Stapelplatz, Stapelware = „Massenware“).

Die Bezeichnung Stapelmarkt gibt also den Zweck des Marktes als Handelsplatz gut wieder – nur ist sie leider, wie der hochverdiente, kürzlich verstorbene Heimathistoriker Franz Hellbernd in seinem Werk „Stoppelmarkt in Vechta“ (1988) ausführt, nirgendwo belegt. Seit Jahrhunderten belegt und geläufig ist dagegen der Name Stoppelmarkt, der umso plausibler ist, als der Markt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts vor die Tore der Stadt auf die Westerheide verlegt wurde. Stets um den 15. August, das Fest Mariä Himmelfahrt, herum abgehalten, erhielt er durch die abgeernteten, mit Halmstümpfen, also Stoppeln, bedeckten Felder einen sprechenden Namen.

Im Zusammenhang mit der Überlegung, den Stoppelmarkt wegen des Zuzugs der Gäste mit Migrationshintergrund umzubenennen und nach Stapelfeld zu verlegen, gab es auch, wie gerüchteweise weiter verlautet, die Idee, den Markt wegen der achthunderttausend Besucher, die er jährlich anlockt, zu teilen, damit die kleine Bauerschaft Stapelfeld bei Cloppenburg nicht überfordert würde. Der Vergnügungsanteil könnte ja auch an Stapelfeld im Kreis Stormarn bei Hamburg vergeben werden. Allerdings hat auch dieses Stapelfeld nur anderthalbtausend Einwohner.

Als Alternative, die den Charme hätte, dass auf eine Umbenennung verzichtet werden könnte, soll überlegt worden sein, den Vechtaer Stoppelmarkt einem anderen Markt gleichen Namens zuzuordnen. Wie die Gemeinde Barmstedt (nördlich von Hamburg) mit ihrem jährlich etwa zur selben Zeit abgehaltenen Stoppelmarkt darauf reagiert hätte, ist nicht bekannt. Auch nicht, wie die Stadt Neuenbürg an der Enz (bei Pforzheim) geantwortet hätte, deren Stoppelmarkt erst im Oktober stattfindet. Denn mittlerweile haben sich alle Überlegungen des Krisenstabes erledigt: Das Gastpaar hat ein, wie Bürgermeister Gels betont, „luxuriöses“ Ausweichquartier beim Wasserwerk angeboten bekommen.

Zum Krisenstab soll übrigens auf ausdrücklichen Wunsch hin ein Vertreter der evangelischen Kirchengemeinde gehört haben. Er habe die von Anfang an ökologisch korrekte Position des deutschen Protestantismus zur Geltung gebracht, indem er immer wieder eine Zeile im Kirchenlied „Geh aus, mein Herz“ von Paul Gerhardt (1653) rezitierte: „Der Storch baut und bewohnt sein Haus.“



11.
2012-Jul-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Wir Deutsche(n)

Von Wilfried Kürschner

Fußballeuropameister sind wir zwar nicht, wir Deutsche – wir Deutschen sind aber Weltmeister, und zwar im Reisen. Jetzt beginnt wieder die Zeit der langen Warteschlangen, besonders auf Flugplätzen. Da kann man sprachlich gesehen wieder einmal ins Nachdenken geraten.

Vor Ihnen in der Schlange steht ein Paar aus Finnland, hinter Ihnen ein Paar aus Deutschland. Der Finne und der Deutsche haben sprachlich auf den ersten Blick manches gemeinsam, auf den zweiten Blick schon weniger, und die Frauen unterscheiden sich deutlich. Es geht um die Bezeichnung der Einwohner des betreffenden Landes. Wie es scheint, braucht man nur den ersten Teil des Ländernamens zu nehmen und ein -e anzufügen, schon hat man die Einwohnerbezeichnung der Finn-e – der Deutsch-e. Problematisch wird es allerdings, wenn man den bestimmten Artikel (= „Geschlechtswort“) der durch den unbestimmten Artikel ein ersetzt: ein Finn-e wie gehabt, aber nun: ein Deutsch-er. So auch, wenn der Artikel ganz wegbleibt: Finn-e – Deutsch-er, etwa wie in einem Satz „Er ist Finne – er ist Deutscher“. Die Frau des Finnen ist eine Finn-in, die des Deutschen aber keine Deutsch-in, sondern eine Deutsch-e, wobei es übrigens, anders als bei ihm, keine Rolle spielt, ob der bestimmte, der unbestimmte oder gar kein Artikel gesetzt wird: die Deutsch-e, eine Deutsch-e, Deutsch-e. Im Plural (= in der „Mehrzahl“) kann man bei den Finnen die weiblichen gesondert benennen: Finn-inn-en, die Finn-inn-en. Nicht so bei den Deutschen, männliche und weibliche sind gleichermaßen Deutsch-e. Hier spielt aber wieder die Ab- bzw. Anwesenheit des Artikels eine Rolle: Deutsch-e – die Deutsch-en.

Auf einen weiteren Unterschied stößt man, wenn man nach der Nationalität und der Sprache der Reisenden fragt. Bei den Finnen erhalten wir das gesuchte Adjektiv (= „Eigenschaftswort“) durch Anhängen des Suffixes (= der „Nachsilbe“) -isch: finn-isch. Es kann in ein Substantiv (= „Haupt-/Namenwort“) abgeleitet werden: das Finn-isch-e. Nicht so bei uns: Wir sind nicht deutsch-isch und sprechen kein Deutsch-isch.

Des Rätsels Lösung: Im Wort deutsch ist das -isch schon enthalten (unter Ausfall des „i“), anders gesagt, deutsch ist ein Adjektiv. Es kann substantiviert werden zur Einwohnerbezeichnung und zur Sprachbezeichnung (das Deutsche). Das erklärt auch, wieso es bei der Formenbildung in manchen Fällen auf die Art des voranstehenden Artikels ankommt: der Deutsch-e wie zum Beispiel der frisch-e Wind; ein Deutsch-er wie ein frisch-er Wind; die Deutsch-en wie die frisch-en Winde; Deutsch-e wie frisch-e Winde.

So kann man sich jetzt auch die Doppelform wir Deutsch-e – wir Deutsch-en erklären: wir Deutsch-e enthält ja wie Deutsch-e – zum Beispiel im Satz Deutsch-e reisen viel – keinen Artikel. Wir Deutsch-en ist dagegen so zu deuten, dass das Personalpronomen wir die Rolle des bestimmten Artikels (die) einnimmt: wir Deutsch-en – die Deutsch-en. Oder aber als Verkürzung von wir, die Deutsch-en.

Das Adjektiv deutsch geht sprachgeschichtlich zurück auf die Verbindung des Ableitungssuffixes -isch, das früher die Form -isk hatte, mit einem verlorengegangenen Vorderglied diot-, thiot-, das so viel wie „Volk“ bedeutete. Die erstmalig vor gut 1200 Jahren bezeugte Form diutisk/thiudisk besagt also „zum Volk gehörig, volksmäßig“ und wurde wahrscheinlich zuerst auf die Sprache bezogen: Deutsch war die Sprache des Volkes – im Gegensatz zum Latein des Klerus, der Beamten und der Gelehrten.

Die Sprachbezeichnung wurde danach auf die Einwohner ausgedehnt und dient zudem als Vorderglied des Landesnamens. Insoweit sind wir einmalig, wir Deutsche(n), wenigstens im Deutschen.



10.
2012-Jun-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Von Haifa über Haiti in die Ukraine

Von Wilfried Kürschner

Zugegeben, der seltsame Reiseverlauf in der Überschrift ist allein der sprachlichen Ebene geschuldet. Wer laut mitliest oder leise in sich hineinartikuliert, stellt fest, dass der Spruch „Lies, wie du schreibst“ in manchen Situationen genauso unzuverlässig ist wie der bekanntere „Schreib, wie du sprichst“. Mit Letzterem kommt man schon bei einem der häufigsten deutschen Familiennamen in die Bredouille: Meier, Mair, Meyer …

Hier also umgekehrt: In den drei Namen Haifa, Haiti, Ukraine wird jeweils gleich geschrieben, ai, aber unterschiedlich gesprochen. In Haifa ein Gleitlaut (auch Diphthong oder Zwielaut genannt) wie in Hai(fisch), in Haiti werden die Vokale (= Selbstlaute) a und i dagegen getrennt, einzeln jeder für sich gesprochen (wie wir es von der Aida kennen). Und wie steht es um die Ukraine, die dieser Tage in vieler Munde ist? Bei der Fernsehübertragung eines der Fußballspiele sprach der Reporter den Namen zuerst mit einem Gleitlaut aus: „Ukr´aine“ (wie in „H´aifa“) und als ob er sich korrigieren müsste, gleich darauf mit Vokaltrennung „Ukra_ine“ (wie in „Ha_iti“).

Welche Aussprache ist nun die richtige? Die Auskunft der Wörterbücher lautet: Beides stimmt. So ist es dem Rechtschreibduden, dem Duden-Universalwörterbuch und dem Rechtschreibwahrig zu entnehmen, und zwar in allen mittlerweile verfügbaren Formaten: Buch, CD-ROM, Internet, Smartphone-App. In einigen der elektronischen Fassungen kann man sich das auch anhören, in der Papierversion ist man auf die Lautschrift angewiesen, wie man sie aus dem Fremdsprachenunterricht kennt. Im Ukrainischen und Russischen gilt übrigens Vokaltrennung: „Ukra_(j)ina“.

Ein weiteres Wort, für das man zwei Aussprachen hört, ist die Troika (das Dreigespann, übertragen auf die Dreiergruppe, die immer wieder einmal nach Griechenland reist, um das dortige Finanzgebaren zu prüfen). Die einen sagen „Tr´oika“, die anderen „Tro_ika“. Die Auskünfte der Wörterbücher sind in diesem Fall nicht so eindeutig liberal. Der Rechtschreibwahrig, der Rechtschreibduden von 2009 und deren Apps lassen nur „Tr´oika“ gelten (mit Gleitlaut wie in „treu“), die Duden-Internetfassung zusätzlich auch „Tro_ika“ (zwei Vokale). So auch das Duden-Aussprachewörterbuch (2005) und das „Deutsche Aussprachewörterbuch“ (2009 bei de Gruyter [„Greuter“]): „Sprich, wie du willst.“ Die Herkunftssprache Russisch legt den Gleitlaut nahe: trojka.

Etwas anders liegt die Sache beim Namen einer ebenfalls nicht ganz niedrigpreisigen Automarke. Wird das ae in Phaeton mit zwei Vokalen gesprochen („Pha_eton“) oder mit nur einem, der im Deutschen üblicherweise mit ä geschrieben wird, also wie „Phäton“? Für Letzteres sprächen Wörter wie Phaedra, Caesar, Caesium. Auffällig ist allerdings, dass für sie auch Schreibungen mit ä gängig sind (Phädra, Cäsar, Cäsium), während sich die Schreibung „Phäton“ in keinem der Wörterbücher findet. Dort erfährt man vielmehr, dass der Name des Sohnes des Sonnengottes wie „PHA_eton“ auszusprechen ist, mit der Betonung auf der Anfangssilbe.

Eine andere Frage ist es, was Ferdinand Piëch („Pi_ech“, die Punkte auf dem e zeigen die getrennte Aussprache vom i an) dazu bewogen haben mag, das Auto nach dem wagemutigen Jüngling zu benennen, der den Sonnenwagen zum Absturz brachte und damit eine Katastrophe universalen Ausmaßes auslöste.



9.
2012-Jun-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

„Germanistischer Sarg“
Doppelband zu Brinkmanns Gedichten
Lesermeinung zum Artikel „Zwischen Forschung und Verehrung“ (OV vom 1. Juni):

Wenn der Ehrgeiz höher anschwillt als der Geist, der fähig ist, Lyrik ART-gerecht zu interpretieren, dann kommt so etwas zustande, wie das neu erschienene zweibändige Werk zu Brinkmanns Gedichten – ohne Gedichte. Ein bekannter Verleger, dem ich die ausgezeichnete OV-Rezension bzw. Sezierung von Prof. Dr. Kürschner sowie den treffenden Kommentar von Dr. Dasenbrock zusandte, bezeichnet den von Röhnert und Geduldig herausgegebenen Doppelband als „germanistischen Sarg“.

Bei allem Respekt vor der Fleißarbeit der Herausgeber: hier haben sich literarische Sensibelchen zu Grabreden versammelt und sich Che Guevara-T-Shirts übergestreift.

Der Schreibtisch hat die „literarischen Zaungäste“ immer daran gehindert: so zu sein, wie es Brinkmann gewesen ist: Rebell im literarischen Getriebe.

So musste aus dem Schlupfwinkel heraus – voller Ungeduld – ein Huldigungswerk geschaffen werden. Hier durfte nun jeder mal ran aus der weiteren Brinkmann-Staffel, Lehrerinnen und Lehrern Gedichte weichzukauen – als Unterrichtsfibel mit passendem Umschlagmotiv: Es war einmal….

Erdbeerzeit: Stellen Sie sich vor, Sie haben Verlangen nach frischen Erdbeeren. In den Plastikschalen befinden sich anstelle der Früchte lediglich Beschreibungen, wie leuchtend rot die Früchte sind, wie saftig und aromatisch sie schmecken und wie sich die Zunge daran ‚ergetzen’ mag. Zwei Schälchen zum Preise von nur 199,95. — Für einen Sarg recht preiswert, nicht wahr?

Professor Karl-Eckhard Carius
Botenkamp 1
Vechta



8.
2012-Jun-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

In der Rezension über Brinkmann fehlt einiges
Vorwürfe an die Herausgeber sind verschenkte Druckzeilen

Lesermeinung zum Artikel „Zwischen Forschung und Verehrung“ von Wilfried Kürschner über das Buch „Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen“ (OV vom 1. Juni):

Was alles fehlt – in diesem Versuch, das neue literaturwissenschaftliche Mammutwerk über die Lyrik des Dichters Rolf Dieter Brinkmann zu rezensieren, hätte auch ich gerne mehr erfahren. Etwa einige aufschlussreiche Sätze mehr über den Inhalt der Arbeiten der „fast 60 Autoren“.

Was schreiben denn diese vielen Forscherinnen und Forscher über den in Vechta geborenen und beerdigten Schriftsteller? Stattdessen wird abgehoben auf das Fehlen der den vorliegenden Interpretationen zugrunde liegenden Gedichten Brinkmanns, deren Abdruck die Rechteinhaber verhindert haben.

Dieses Manko ist bedauerlich, kommt aber in den besten Erbenfamilien von Künstlern, Musikern und Dichtern immer wieder vor, ohne dass ein Kraut dagegen gewachsen wäre. Den Herausgebern Gunter Geduldig und Jan Röhnert daraus einen unterschwelligen Vorwurf zu machen, verschenkt Druckzeilen, die mich hätten verlocken können, das zu lesen, was ich in der vorliegenden Publikation aus renommiertestem Verlagshause denn finde. Ebenso bemängeln muss ich, dass mir zwar Zahlen entgegen geworfen werden, wie viel Prozent – nämlich „etwa 60“ – der Gedichte des brinkmannschen Lyrik-Hauptwerks leider nur Beachtung finden, welche es denn sind, aber da muss ich mich mit ganzen vier erwähnten hier ausführlich behandelten Titeln begnügen.

Sehr neugierig wäre ich gewesen, was ich entdecken könnte in einer – wie üblich sehr teuren – Fachpublikation, die ich, weil ich sie mir privat kaum kaufen werde, in einer guten Fachbibliothek aber werde ausleihen können. Als das Linguisten-Handbuch des von mir geschätzten Universitäts-Professors Wilfried Kürschner 1994 im ebenfalls renommierten Tübinger Verlag Gunter Narr zum Preis von 598 DM erschien, war der Preis sicher auch allenfalls eine Randnotiz wert. Solche Bücher kosten zu viel für daheim. So ist das.

Dafür kann sich jeder die meisten der brinkmannschen Gedichte recht günstig ins Bücherregal stellen. Die sind für solchen Gebrauch auch vorgesehen.

Marco Sagurna
Wilma-Conradi-Weg 6
Hannover

[Bild: Umschlag:]
Streitthema: Über das Werk über die Lyrik des Vechtaer Dichters Rolf Dieter Brinkmann lässt sich viel diskutieren.



7.
2012-Jun-01
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta] 
(Redaktionelle Zusätze/Änderungen in eckigen Klammern)

Zwischen Forschung und Verehrung
Neues zweibändiges Handbuch: „Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen“ erschienen
Dieses neue Buch zum Dichter aus Vechta ist eine enorme Fleißarbeit – mit erheblichen Schwachstellen.

Von Wilfried Kürschner

Bücher von und zu Rolf Dieter Brinkmann (1940–1975) lassen an seinem Heimatort Vechta immer aufhorchen. Nunmehr liegt ein in vieler Hinsicht gewichtiges zweibändiges Werk vor, ein Handbuch mit dem Titel „Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen“. Einer der beiden Herausgeber ist Gunter Geduldig, Leiter der hiesigen Universitätsbibliothek, Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft, in deren Auftrag das Handbuch erscheint, und verdienstvoller Förderer von Brinkmanns Werk in all seinen Bezügen. Der zweite Herausgeber, Jan Röhnert, ist Juniorprofessor an der Technischen Universität Braunschweig, Brinkmann-Spezialist wie Geduldig.

Sie legen zusammen mit fast 60 Autoren Interpretationen zum lyrischen Werk Brinkmanns vor, was schon für sich eine gewaltigen Koordinations- und Editionsleistung darstellt, die nicht genug gewürdigt werden kann. Das Schaffen Brinkmanns wird in vier Perioden eingeteilt: die frühen Gedichte (1959–1966), die Pop-Periode (1967–1969), lyrischer Umbruch (1970–1972) – die hierhergehörigen Interpretationen füllen den ersten Teilband des Handbuchs (insgesamt fast 400 Seiten), während für die letzte Periode der zweite Teilband (an die 570 Seiten) reserviert ist.

Die Sammlung ist eine große Koordinations- und Editionsleistung

Die vierte Periode trägt die unerwartete Überschrift „Die späte Poetik (1973–1975)“, gemeint ist die späte Lyrik (unter „Poetik“ versteht man üblicherweise die theoretische Beschäftigung mit Dichtung, unter „Lyrik“ die Gedichte selbst). Am Ende des zweiten Bandes hinter den Interpretationen findet sich ein Verzeichnis der Primär- (Brinkmann) und der Sekundärliteratur, offenbar nur insoweit, als sie im Handbuch angesprochen wird. Dem folgt ein Namenregister, das die Beiträge insofern unvollständig aufschlüsselt, als es sich nur auf die im Haupttext, nicht auch auf die in den Fußnoten genannten Personen bezieht. Dem schließt sich ein Register der (wiederum nur im Haupttext) erwähnten Werk-Einzeltitel an. Abgeschlossen wird der Band durch ein Verzeichnis der Autoren mit kurzen biografischen Notizen. Leider erfährt man weder hier noch im Namenregister, welcher Autor für welches Gedicht als Interpret zuständig ist.

Einige von ihnen stammen aus Vechta oder der engeren Region: Gunter Geduldig, der nicht nur als Herausgeber, sondern auch als Interpret des Textes „Vechta i. O.“ fungiert (eine solche Doppelfunktion erfüllt auch Jan Röhnert mit der Interpretation von „Landschaft“ und anderen Titeln), Gudrun Schulz als emeritierte Professorin der hiesigen Universität („Lift. Populäres Gedicht Nr. 9“), Claus Peter Poppe, früher Lohne, jetzt Quakenbrück (Gedichtzyklus „Eiswasser an der Guadelupe Str.“). Man vermisst allerdings andere Kenner von Brinkmanns Werk wie etwa Hans Lösener (jetzt Professor in Heidelberg), den Mitveranstalter des 1. Internationalen Brinkmann-Symposions 2000 in Vechta.

Den Interpretationen zu den Texten aus den vier Perioden geht jeweils eine orientierende Einleitung von Jan Röhnert voran. Für das Vorwort zeichnen dagegen beide Herausgeber verantwortlich. Gleich in seinem ersten Satz wird die Absicht des Werkes verkündet: „Mit dem vorliegenden Handbuch wird ein weiterer Schritt getan, Rolf Dieter Brinkmann zum Klassiker der deutschsprachigen Literatur zu erheben und ihn als Gegenstand literaturwissenschaftlicher Forschung zu etablieren.“ Die Herausgeber sind sich sicher, dass „dieses Lyrik-Kompendium dazu beitragen [wird], dem Dichter aus Vechta seinen festen Platz als Gegenstand der ,Neueren deutschen Philologie‘ zu sichern“ (S. IX). Das sollte doch besser dem künftigen Urteil der Fachwelt und der (gewiss nicht allzu groß anzunehmenden) Leserschaft überlassen bleiben.

Die Einzelinterpretationen „folgen nach Möglichkeit einem einheitlichen Schema“ (S. XVIII), das in ausgebauter Form folgende Schritte aufweist: Informationen zur Edition des Gedichts – Selbstäußerungen dazu durch Brinkmann – Darstellung der Forschungssituation – Wort- und Sacherklärungen (Stellenkommentar) – Textanalyse, Interpretation bzw. Essay – ggf. Informationen zur „intermedialen Rezeption (Verfilmung, Vertonung)“. Die Interpreten sind, wie es in der „Produktinfo“ auf der Ankündigungsseite des Verlages (Walter de Gruyter) im Internet heißt, namhafte Literaturwissenschaftler und ambitionierte Nachwuchsforscher sowie auch belletristische Schriftsteller (Nancy Hünger, Oliver Kobold, Stephan Turowski).

Der Aufnahme des Handbuchs stellen sich jedoch einige erhebliche Hindernisse in den Weg. Das wohl größte Hindernis ist das Fehlen der Gedichttexte. Die Herausgeber erklären dieses Manko, das ihr Buch zu einem „Unikum“ mache, damit, dass die Wiedergabe der Primärtexte „von den Rechteinhabern ausdrücklich abgelehnt“ worden sei, und erblicken darin eine gewollte Behinderung des Erscheinens des Handbuchs (S. XVII). Der Leser müsse sich daher zunächst die Primärtexte besorgen, was ihm durch die Angabe des Ersterscheinungsortes des betreffenden Gedichts, gegebenenfalls eines Nachdrucks ermöglicht werden soll. Leider finden sich keine Angaben darüber, ob ein Text in einer Interpretations- oder Gedichtsammlung (etwa im „Echtermeyer“ oder im „Conrady“) enthalten ist, was dem Deutschlehrer, der ausdrücklich als Adressat des Handbuchs genannt wird, die Sucharbeit erleichtern würde. Viele der behandelten, aber eben nicht abgedruckten Gedichte sind heutzutage natürlich im Internet zu finden, aber häufig nicht in derselben typografischen Anordnung wie die Originale.

Das zweite Rezeptionshindernis dürfte die Tatsache bilden, dass nur eine „möglichst breite und repräsentative Auswahl“ aus Brinkmanns Lyrikschaffen aufgenommen ist und interpretiert wird. Die Prinzipien der Auswahl werden im Vorwort dargelegt, aber der unbefangene Leser könnte sich durch den Werktitel „Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen“ und angesichts des Umfangs der beiden Bände mit ihren knapp 970 Seiten in den Glauben versetzt sehen, hier fände er für sämtliche Gedichte Brinkmanns Einzelinterpretationen vor.

Nur etwa 60 Prozent des „Hauptwerkes“ werden behandelt

Dass aus Brinkmanns „Hauptwerk“ (S. 383) „Westwärts 1 & 2“, das den Hauptteil des zweiten Teilbandes bildet, von den dort vorhandenen 82 Gedichten gar nur 47, also knapp 60 Prozent behandelt werden, die restlichen 40 Prozent dagegen uninterpretiert bleiben, dürfte sein Befremden auslösen, das nur dadurch ein wenig gemildert werden kann, dass einige der nicht ausführlich gewürdigten Gedichte im Zusammenhang mit anderen Texten erwähnt werden, darunter auch „Notizen zu einer Landschaft bei Vechta i. O. für H. P.“.

Das dritte Rezeptionshindernis (zumindest für den schon angesprochenen Deutschlehrer und seine Schulbibliothek) dürfte der Preis darstellen. Die beiden Teilbände zusammen kosten fünf Cent weniger als zweihundert Euro (nicht nur 129,95 Euro, wie im Internetkatalog der Vechtaer Universitätsbibliothek vermerkt ist). 199,95 Euro sind selbst für den für seine Hochpreispolitik bekannten renommierten Verlag Walter de Gruyter (Berlin/Boston) eine Preisbremse, die die Vermutung aufkommen lässt, hier solle nicht nur aus urheberrechtlicher, sondern auch aus wirtschaftlicher Sicht der Kanonisierung des „großen Erneuerers der deutschsprachigen Lyrik seit den 1970er Jahren“, des „modernen Klassikers“ Rolf Dieter Brinkmann (so auf der Umschlagrückseite) eine Barriere entgegengesetzt werden.

Wilfried Kürschner ist emeritierter Professor für allgemeine Sprachwissenschaft und germanistische Linguistik

Info: Jan Röhnert/Gunter Geduldig (Hg.): Rolf Dieter Brinkmann. Seine Gedichte in Einzelinterpretationen; Berlin/Boston 2012; 972 Seiten; 199.95 Euro

[Bilder:]

Im grünen Sessel: Das Cover des neuen Buches zeigt Brinkmann in seiner Kölner Wohnung in Sitz-Denkerpose.

Brinkmann und der Nachruhm: Nicht nur Anke Engelke, die hier vor einem mannshohen Brinkmann-Foto in Vechta im Jahr 2003 posiert, ist bekennender Brinkmann-Fan. Auch Klaus Maria Brandauer und viele andere Künstler verehren das „vielleicht einzige Genie der westdeutschen Nachkriegsliteratur“, wie der Dichter Heiner Müller einmal über seinen Kollegen urteilte. Foto: Kokenge

<Zusatz:

Meine Meinung
Eine Hagiographie
Von Dirk Dasenbrock

Ein mehr als 900-seitiges Buch mit Gedichtinterpretationen zu Rolf Dieter Brinkmann – ohne Gedichte. Das ist eine absurde Veranstaltung. Lehrreich kann es nur sein, wenn dem Leser – innerhalb eine s Buches – Gedicht und jeweilige Interpretation zur Lektüre angeboten werden. So ist das Ganze im Grunde ein Muster ohne Wert. Hinzu kommt, dass kritische Töne zum lyrischen Werk Brinkmanns in diesem Buch so gut wie nicht vorhanden sind. Das Ganze kommt einer Hagiographie sehr nahe. Einer Heiligsprechung aber wäre, lebte er noch, gerade der mit Wonnen auch profane Dichter Brinkmann mit Abscheu begegnet. Warum bei all der Lobhudelei die Rechteinhaber die Gedichte verweigert haben, darüber kann man nur spekulieren. Dem Verlag ist die ganze Unternehmung am Ende offenkundig so peinlich geworden, dass er an das Buch kein Preis-, sondern eher ein Warnschild angebracht hat.>



6.
2012-Mai-26
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Pfingst-Apps

Von Wilfried Kürschner

Nicht anders als durch Trunkenheit hervorgerufen konnten sich einige erklären, was sich da vor ihren Augen, genauer gesagt: vor ihren Ohren abspielte. Da redeten zwölf Männer, Apostel, „von den großen Taten Gottes“, und zwar so, dass jeder Einzelne in der Menschenmenge sie in seiner eigenen Sprache predigen hörte, was alle in Erstaunen und Verwirrung versetzte. Denn bei den Zuhörern handelte es sich um Juden, die aus allen Teilen der damals bekannten Welt zum jüdischen Wochenfest in Jerusalem zusammengekommen waren. Sie stammten aus der Diaspora, in deren Völker sie aufgegangen waren und deren Sprachen sie angenommen und von Kind auf gelernt hatten. Genannt werden (in der Apostelgeschichte, aus deren zweitem Kapitel hier berichtet wird) Gebiete vornehmlich aus dem östlichen Mittelmeerraum, darunter viele in der heutigen Türkei: Kappadokien, Phrygien, Pamphylien (wo heute Antalya und Side liegen), im Norden Pontus am Schwarzen Meer, im Westen Asia (Kleinasien) am Mittelmeer, im Osten das Partherreich und Mesopotamien (heute der Irak), im nördlichen Afrika Ägypten und die Kyrenaika (im heutigen Libyen gelegen) und einige weitere.

In den dort gesprochenen Sprachen also waren die Apostel zu vernehmen, allesamt einfache Menschen aus Israel, einige aus Galiläa, deren Muttersprache das Aramäische war, dieselbe Sprache, die auch Jesus sprach. Es waren nun keine Dolmetscher zwischengeschaltet, die das Aramäische in die genannten „Fremdsprachen“ übertragen hätten. In der Bibel wird das Sprach-Pfingstwunder vielmehr damit erklärt, dass die Apostel „alle vom Heiligen Geist erfüllt wurden und begannen, in anderen Zungen zu reden, wie ihnen der Geist zu sprechen eingab“.

Nicht jeder Heutige kann mit dieser Geschichte etwas anfangen und wendet sich verständnislos ab. Da kommt es vielleicht gerade recht, dass in diesen Tagen, knapp 2000 Jahre nach dem Sprachenwunder, von einer Entwicklung berichtet werden kann, die uns auf Anhieb nicht weniger wunderbar erscheint.

Für Handys mit Internetanschluss, Smartphones (das bekannteste ist wohl das iPhone), gibt es bekanntlich mancherlei Zusatzprogramme, auch Apps genannt („Applikationen“ = Anwendungen). Seit kurzem sind nun Übersetzungs-Apps wie „iTranslate Voice“ und „SayHi Translate“ für weniger als einen Euro zu haben. Sie bieten eine schon relativ große Auswahl an Sprachen an (mehr als 20), die man paarweise zusammenstellt, zum Beispiel Deutsch – australisches Englisch. Dann spricht man einen Satz, zum Beispiel „Bringen Sie mir bitte ein Bier“, in das Handymikrofon. Nach wenigen Sekunden erscheint, über das Internet aus Datenbanken abgefragt, dieser Satz in geschriebener Form zur Kontrolle auf dem Display, danach die englische Übersetzung, „Please bring me a beer“, gefolgt von dessen gesprochener Fassung in markantem australischem (wahlweise auch britischem oder amerikanischem) Englisch. Man kann natürlich auch eine Kombination wie Chinesisch – Japanisch eingeben und erhält bei klarer Aussprache den chinesischen Satz mit chinesischen Schriftzeichen, danach den Satz in Japanisch, zuerst in japanischer Schrift und dann in gesprochener Form.

Noch fehlen in den Apps zwar Sprachen wie Aramäisch, Phrygisch oder Latein, aber vorstellbar wird das Pfingstwunder in zeitgemäßer Form des 21. Jahrhunderts: Die Apostel sprechen, was sie zu sagen haben, auf Aramäisch in ihr mobiles Endgerät, und der Jude aus Phrygien hört es in seiner Sprache und der aus Kappadokien in Kappadokisch.

In diesem Sinne: Frohe Pfingsten – Happy Pentecost – Bonne Pentecôte – Pentecoste Felice – Lycklig Pingst … (Fehler gehen auf Kosten der Apps.)



5.
2012-Apr-28
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Evangelische Frauenhilfe

Die Mitglieder treffen sich heute (30. April) [!] von 15 bis 17 Uhr im Gemeindehaus an der Marienstraße 14. Professor Wilfried Kürschner referiert zum Thema „Sprichwörter“.



4.
2012-Apr-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene

Konfession-bestimmte Komposition-fuge

Von Wilfried Kürschner

Als wir vor gut dreißig Jahren in die hiesige Gegend zogen, hatte ich mich unter anderen an zwei sprachliche Eigenheiten zu gewöhnen: Das Wort Kommunion wird gewöhnlich verkürzt wie „Kommjon“ ausgesprochen, und wenn es mit einem weiteren Wort verbunden wird, etwa mit Bank oder Kind, ergibt sich, anders als zu erwarten, Kommunionbank und Kommunionkind. So war es auch wieder in der „OV“ von Anfang der Woche zu lesen, wo neben Erstkommunionfeier viermal das Kompositum (= die Zusammensetzung) Erstkommunionkind vorkam. Positiv ist nebenbei für den Weißen Sonntag der Zusatz Erst-, denn Kommunion bedeutet ja generell „(Teilnahme am) Abendmahl“, wie es der Rechtschreibduden vermerkt. Dort finden sich auch die gerade aufgeführten Komposita, wodurch ihre Form gewissermaßen die Weihe der Korrektheit erhält.

Die Besonderheit der Form besteht nun darin, dass ihr etwas fehlt, nämlich ein zwischen die Glieder geschobenes s. In allen übrigen gleichgelagerten Fällen wird nämlich ein solches s eingefügt. In der erwähnten „OV“-Ausgabe vom 16. April finden sich, wenn ich richtig gezählt habe, 14 derartige Zusammensetzungen, unter anderem Koalition-s-kompromiss, Religion-s-freiheit, Organisation-s-team und Position-s-spiel. Die Erstglieder all dieser Bildungen stammen aus dem Lateinischen und weisen die Endung -ion auf. Unweigerlich folgt dieser Endung ein s, wenn ein Zweitglied angefügt wird; bei einem weiteren Beispiel geschieht dies gleich zweimal: Union-s-fraktion-s-chef. Die Verbindungsstelle wird Fuge genannt. Das Fugen-s fehlt lediglich beim hier zur Debatte stehenden Wort Kommunion, das ja die grammatisch einschlägigen Merkmale aufweist: Es stammt aus dem Lateinischen und hat die Endung -ion. Dennoch folgt ihm, wie gesagt, ein Zweitglied ohne Fugenelement; man spricht hier auch von einer Nullfuge. Eine Erklärung für dieses merkwürdige Verhalten habe ich nicht gefunden. Vielleicht sollte man von einer „konfessionsbestimmten Kompositionsfugengestaltung“ sprechen.

Überhaupt ist die Kompositionsfuge im Deutschen ein haariges Problem. Man nehme beispielsweise einmal das Wort Rind und verbinde es mit Wörtern, die die Zubereitung des Fleisches bezeichnen. Da wird aus Rind-fleisch (Nullfuge) ein Rind-er-gulasch oder ein Rind-er-braten, im Süden des Sprachgebiets auch ein Rind-s-braten. Beim Schwein gibt es dagegen kein Schwein-fleisch und keinen Schwein-er-braten, sondern Schwein-e-fleisch und Schwein-e- oder Schwein-s-braten, der vielleicht aus der Schwein-s-keule stammt. Bei Hühn-er-ei kann das Vorderglied nicht als Plural (= Mehrzahl) gedeutet werden, denn das eine Ei hat sicher nur ein einziges Huhn gelegt. Nochmal anders beim Pflaume-n-baum im Vergleich zum Kirsch-baum. In beiden Fällen hängen hoffentlich mehrere Früchte am Baum, wie es der scheinbare Plural Pflaumen anzeigt, doch bei der Kirsche wird sogar das Ausgangs-e getilgt, sodass eine Minusfuge entsteht.

Damit erübrigt sich auch der alte Streit, ob Speise-karte oder Speise-n-karte korrekt ist. Beides geht, die Sprachlogik der Fugengestaltung geht ihre eigenen Wege. Schicker klingt ohnehin das Menü.



3.
2012-Mrz-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Die Wörter des Monats

Von Wilfried Kürschner

Wenn es so etwas gäbe wie das Wort des Monats, so fiele die Wahl im Monat des römischen Kriegsgottes Mars wohl gleich auf zwei Begriffe: Ehrensold und Zapfenstreich. Sie hatten Hochkonjunktur in der Diskussion um die Causa Wulff – Causa wäre übrigens der dritte Kandidat. Das Wort bedeutet so viel wie „Angelegenheit, Sache, Streitfall, Affäre“ und wurde in letzter Zeit fast ausschließlich in Verbindung mit dem Namen des früheren Bundespräsidenten gebraucht.

Der Zurückgetretene erhält einen Ehrensold. Das Wort ist in zweifacher Hinsicht merkwürdig. Mit seinem zweiten Bestandteil, Sold, verweist es in den Bereich des Militärischen. Nur Soldaten erhalten Sold (und heißen deshalb so). Zwar wird auch von der Besoldung der im Staatsdienst stehenden Personen gesprochen, doch was sie ausgezahlt bekommen, sind Bezüge oder Gehälter, kein Sold.

Wofür erhalten unsere Altbundespräsidenten (und ihre Witwen und Waisen) ihr Geld? Darauf soll der erste Bestandteil des Wortes verweisen: Ehren-Sold. Nun ist Ehre aber in verschiedenen Bedeutungsschattierungen in Gebrauch und meint einmal, wie im Duden-Großwörterbuch zu lesen, das „Ansehen aufgrund offenbaren oder vorausgesetzten (besonders sittlichen) Wertes; Wertschätzung durch andere Menschen; Zeichen oder Bezeigung dieser Wertschätzung“. Zum anderen wird Ehre weniger aufgeladen gebraucht wie etwa in Ehrenamt, wo mehr auf die Unentgeltlichkeit seiner Ausübung abgehoben wird, oder in Ehrentor und Ehrenjungfrau. Im Begriff Ehrensold ist nun (wie auch in Ehrengehalt) laut Wörterbuch Ehre im ersten Sinn gemeint, „Sold oder Gehalt als Ehrenerweisung“, und darum ging es in der öffentlichen Diskussion in der Hauptsache: Ist die Ehrenerweisung angebracht? Gelegentlich wurde Ehre aber auch im lockereren zweiten Sinn verstanden.

Zurück zum Militärischen. Der geschiedene Präsident wurde mit einem (Großen) Zapfenstreich verabschiedet. Das Wort Zapfenstreich geht zurück in die Zeit des Dreißigjährigen Krieges und meinte zunächst „den Streich, das heißt: den Schlag, auf den Zapfen, wodurch das Schankfass geschlossen wurde“. Der Zapfenstreich wurde in Wallensteins Lager eingeführt, „um den Zechgelagen der Soldaten Einhalt zu tun“. Das Zeichen zum Schlag auf den Zapfen wurde dann selber Zapfenstreich genannt und bestand aus unterschiedlichen Signalen. Es wurde zunächst geblasen, dann durch Trommelwirbel gegeben, woran sich Begleitmusik anschloss (alle diese Informationen stammen aus dem grimmschen Wörterbuch). Im Lauf der Zeit wurde der Zapfenstreich unterschiedlich ausgestaltet. Noch ein Wort zum „Großen“ Zapfenstreich. Groß wird das Zeremoniell genannt, wenn ein Potpourri aus den Zapfenstreichen der verschiedenen Truppengattungen gespielt wird.

Warten wir ab, wann der nächste Große Zapfenstreich veranstaltet wird zu Ehren eines scheidenden Bundeskanzlers, Verteidigungsministers oder Bundespräsidenten – gegebenenfalls auch zu Ehren eines Bürgermeisters, dann aber ausgeführt nicht von der Bundes-, sondern von der Feuerwehr und anderen lokalen Formationen.



2.
2012-Feb-25
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene

Sintize und Sinti, Romnija und Roma

Von Wilfried Kürschner

In Lüsche soll ein Zigeunerplatz entstehen. Gegen den Namen hat der Geschäftsführer des Niedersächsischen Verbandes Deutscher Sinti und Roma Protest eingelegt: „Zu oft haben er und andere Sinti den Begriff als Beleidigung gehört. Für viele ist er Sinnbild für Ausgrenzung und Verfolgung“ (OV vom 5. Januar 2012). Was hat es mit dem Wort Zigeuner und mit den Wörtern Sinti und Roma, die an seine Stelle treten sollen, auf sich?

Wie immer hilft ein Blick ins Wörterbuch. Im Rechtschreibduden erfährt man – erstmalig in der (westdeutschen) 19. Auflage 1986 – zu Sinti, dass es die „Selbstbezeichnung der in Deutschland lebenden Zigeuner mit deutscher Staatsangehörigkeit“ sei. Roma bezeichne „besonders aus Südosteuropa stammende Angehörige der Gruppe“.

Das Wort Zigeuner ist im Deutschen seit dem späten Mittelalter gebräuchlich. Über seine Herkunft ist wissenschaftlich wenig Sicheres bekannt. Mit Sicherheit aber ist die manchmal zu hörende Deutung „ziehende Gauner“ eine Volks-, das heißt eine Pseudoetymologie, die aber dazu beiträgt, dass die Benennung Zigeuner von Angehörigen dieser Gruppe als diskriminierend empfunden wird. Hinzu kommt, dass mit dem Wort eine zweite Bedeutung verbunden ist: „jemand, der ein unstetes Leben führt“. Dies ist, wiederum nach Auskunft des Wörterbuchs, „meist abwertend“ gemeint.

Wenn es also gute Gründe gibt, mit dem Wort Zigeuner achtsam umzugehen, so sind doch auch die sprachlichen Probleme, die mit dem Gebrauch der Ersatzwörter verbunden sind, nicht zu übersehen. Zum einen gibt es keinen Oberbegriff mehr, mit dem auf Sinti und Roma zusammenfassend Bezug genommen werden kann. Im konkreten Fall muss bei der Benennung herausgefunden werden, ob es sich um ein oder mehrere Mitglieder der Gruppe der Sinti oder aber der Roma handelt. Zum anderen ist die Formenbildung zu beachten. Die Wörter Sinti und Roma sind Formen des Plurals (= Mehrzahl). Im Singular (= Einzahl) heißt es Sinto und Rom (mit kurzem oder langem „o“ zu sprechen). Sowohl im Singular als auch im Plural gibt es neben diesen maskulinen (= „männlichen“) Formen feminine (= weibliche). Sie lauten Sintiza im Singular und Sintize im Plural (Betonung auf der ersten Silbe) sowie Romni bzw. Romnija. Politisch ganz korrekt müsste der eingangs erwähnte Verband also „Verband Deutscher Sintize und Sinti sowie Romnija und Roma“ heißen.

Und der Zigeunerplatz in Lüsche? Er wird von einer Gruppe von Frauen geplant, die sich „Zigeunerfrauen“ nennen, ohne Zigeuner zu sein. Sie spielen auf eine alte Legende an, nach der die Lüscher von Zigeunern abstammen, und wenden diese ins Folkloristische. Jährlich veranstalten sie, als Zigeunerfrauen verkleidet, einen Zigeunermarkt, dessen Erlös in soziale Projekte einfließt. Die Frage ist also, ob das Wort hier nicht im selben unverfänglichen Sinn verwendet wird wie in Zigeunerkapelle, Zigeunermusik, Zigeunerprimas, Zigeunerschnitzel und Zigeunersprache (wofür jetzt aber verstärkt die Bezeichnungen Romani oder Romanes in Gebrauch kommen).



1.
2012-Jan-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
i-Wörter

Von Wilfried Kürschner

Gutti und Mutti (Merkel) haben uns bei der Aussetzung der Wehrpflicht im letzten Jahr eine neue Einrichtung beschert: den Bundesfreiwilligendienst. Wer dort mitwirkt, ist ein Bundesfreiwilligendienstleister. Für dieses Wortungetüm haben sich zwei Kurzwörter eingebürgert: der BFDler und der Bufdi. Beide Neuprägungen gehören nicht zum Normalstil des Deutschen, sondern zur Umgangs- bzw. Jugendsprache. Sie folgen unterschiedlichen Bildungsmustern. BFDler besteht im Vorderteil aus den Namen der Anfangsbuchstaben der Hauptwörter, aus denen sich die zugrundeliegende Form zusammensetzt (gesprochen „Be-Ef-De-ler“). Den Hinterteil bildet das Suffix (= die „Nachsilbe“) -ler, das den Dazugehörigen bezeichnet. Es ist gebräuchlich bei gleich gebauten Abkürzungen wie CDUler, SPDler, aber auch nach Vollwörtern wie bei Freiberufler.

Bufdi ist ebenfalls ein Abkürzungswort, doch stützt es sich auf lautliche Bestandteile des Originals, die zu Silben verbunden werden. Insoweit folgt es seinem Vorgänger, dem Zivi. Es endet mit dem Anfang der letzten Silbe des Originals, und zwar mit dem Laut „i“. Dieser Ausgang auf „i“ ist für die ganze Gruppe der deshalb hier so genannten i-Wörter charakteristisch. Geschrieben werden kann dieser Schlusslaut wie hier mit einfachem i, aber es gibt auch Schreibungen mit ie und mit y, die vor allem in Wörtern aus dem Englischen zu finden sind – wie Movie, Softie oder Baby – oder in Wörtern wie Handy, die nur englisch aussehen und klingen, ihren Ursprung aber im Deutschen haben und im Englischen in dieser Bedeutung nicht geläufig sind (stattdessen sagt man dort „cellphone“ oder „mobile phone“).

Die meisten deutschen i-Wörter sind Abkürzungen, doch gibt es auch solche wie Grufti, bei denen an ein vorhandenes Wort ein „i“ angehängt wird. Wie die Kürzungsverfahren im Einzelnen beschaffen sind, möge man am folgenden Satz studieren: „Als Babsi nach ihrem Abi mit Reli und Geschi als Prüfungsfächern an die Uni kam, lernte sie auf der Erstiparty (,Erstsemester-’) viele Studis und auch einige Azubis kennen; anwesend war auch ein Prof (das i-Wort Profi ist leider schon für ,Professioneller’ vergeben), der ihr gleich eine Stelle als Hiwi (,Hilfskraft’, abgeleitet von ,Hilfswilliger’) anbot und bei dem sie später als Assi (hier ,Assistent’, nicht ,Asozialer’) arbeitete.“

Wie man sieht, enthalten die meisten der i-Wörter im Text zusätzlich zu dem, was sie der Sache nach bezeichnen, eine positive emotionale Komponente. Doch auch das Gegenteil kommt vor, wie Chauvi, Nazi und Stasi zeigen. Solche Bedeutungskomponenten werden „Konnotationen“ genannt. Ein reiches Feld mit positiv konnotierenden i-Wörtern bilden die bekannten Kosewörter wie Schatzi, Mausi, Mami, Opi. Spontane Neubildungen finden sich bei Vornamen, besonders für Kinder. Da wird aus Rafael ein Rafi, aus Timon ein Timoni, aus Felizia wird eine Feli und aus Malte ein Malti.