Berichte 2011



31.
2011-Dez-28
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Dei Uni Vechte will inne Region herinwarken
Dor dait sick masse / Häff Frau Präsidentin Dr. Marianne Assenmacher all wat van Plattdütsch hört?

Von Hubert Hesselfeld

Ollenborger Münsterland – Dei Uni Vechte is wat ganz besünneret. Dor kann man sick ein’n Stauhl koopen, wor dien Naom’ anbröcht wedd. Dat har man fräuher uck all inne Karken. Do wüdden Messingschiller mit dei Näöms van dei Groten inne Bänke anbröcht.

Dei Karken bruukt dat aower vandaoge nich mehr, dor kann man nu eine ganze Bank för sick allein kriegen. Man mott dor bloß hengaohn. So’n Stauhl inne Uni is aower nicks gägen ein lüttken Dischk, wor dei Student Daniel Langemeyer un 48 junge Lüe mit’n Salto upspringen un up’nänner staopeln dön. Sietdem häff dei Uni Vechte einen Wettkäönig. Ein’ van dei lüttkesten Unis häff den gröttsten Käönig. Wenn dat nicks is! Un dei häbbt in ehre Riegen noch masse mehr, dei sick at Käönige fiern laoten dräöwt. Äöwer hunnert Studenten häbbt sick dor inne lessden Tied masse Maihte üm use plattdütsche Spraoke maokt.

Dat häff dei nu emeritierte Professer Dr. Kürschner mit siene Helpers van den „Plattdütschen Kring“ einmaolig gaut henkrägen. Dei Uni Vechte wör do „spitze“.

Do wirkde dei Uni so richtig inne Region herin. Un dat is jao dat Ziel van dei Präsidentin Assenmacher. Jüst so, as sei dat inne lessden Utgaowe van UniAktuell schräwen häff. Bloß van dei plattdütschen Spraoke un dat Warken doräöwer staiht dor nicks inne. Dat häbbt dei Rutgäwers in ehr „Blitt“ woll vergäten. Off häbbt sei dor nicks mit an’n Haut? Dei plattdütsche Spraoke is ein van dei wichtigsten Identitätsfaktoren för use Region.

Dat is sicher uck enorm wichtig, dat dei Ethik in use Firmen ünnersöcht wedd, uck wenn man dat global sütt. Aower dat giff hier inne Gägend jao nich bloß wat äöwer dei Häuhner, Schwien’n, Bullen un groten Firmen tau ünnerseuken un tau schriewen.

Hier giff dat masse Lüe, dei plattdütsch schnackt un sick üm disse schöne Spraoke kümmern daut. Dat möss dei Spitze van so ne gaue Uni einlick wäten. Un dat mök sick sicher gaut för dei ganze Region, wenn sei dor wat mehr för dö. Ick sett dor up Frau Professor Dr. Assenmacher un ehren Präsidentenstauhl. Schaode, den kann man woll nich koopen.



30.
2011-Dez-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
„… da komm ich her“

Von Wilfried Kürschner

Früher forderte ich Zwischenprüfungs- und Staatsexamenskandidaten, die um diese Jahreszeit den mündlichen Teil ihrer Prüfung bei mir ablegten, für gewöhnlich auf, die im Titel zitierte Zeile fortzusetzen (heutzutage kann der Bologna-Student, der Deutschlehrer werden will, sein Germanistikstudium, wenigstens in Vechta, ohne jede mündliche Prüfung durchlaufen).

Die Reaktion auf meine Aufforderung war häufig: „… ich muss euch sagen, es weihnachtet sehr“. Hier wurden also Martin Luther („Vom Himmel hoch, da komm ich her“) und Theodor Storm („Von drauß’ vom Walde komm ich her“) verquickt.

Auf die Frage, wie die Luther-Zeile weiterzuführen sei, gab es meist ein Achselzucken, nur gelegentlich die Fortsetzung „ich bring euch gute neue Mär“. Was es denn mit dem Wort Mär auf sich habe? Auch hier oft wieder verlegenes Schweigen, obwohl doch der künftige Deutschlehrer darauf gefasst sein muss, dass seine jungen Schüler den Text missverstehen und er sie auf die richtige Fährte setzen können sollte. Die Deutung, dass der Engel (oder eben der Weihnachtsmann) „gutes Neues mehr“ mitbringt, passt gut in die (nicht nur) kindliche Vorstellungswelt von Weihnachten als dem Fest der Geschenke; weniger wahrscheinlich ist die Lesart „gutes neues Meer“ ebenso wie „gute neue Mähr’“, wo Mähr’ die verkürzte Form von Mähre wäre und dann „ein altes, abgemagertes Pferd“ bedeuten würde.

Der Grund für diese Probleme liegt darin, dass das zu Luthers Zeiten gebräuchliche Wort Mär heute veraltet, wenn nicht gar ausgestorben ist.

Lediglich ironisch oder scherzhaft wird es gelegentlich noch im Sinne von „Erzählung, seltsame Geschichte, unglaubwürdiger oder unwahrer Bericht“ verwendet: „die Mär vom Klapperstorch“. Stattdessen ist auch vom „Märchen vom Klapperstorch“ die Rede. Hier wird die Verkleinerungsform von Mär als „unglaubwürdige, erfundene Geschichte“ gebraucht, eine umgangssprachliche Abwandlung der eigentlichen Bedeutung von Märchen, womit bekanntlich eine „Erzählung, in der übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden“, gemeint ist (alle Definitionen nach dem „Duden-Großwörterbuch“).

Es liegt also nahe, dass Kinder unter der „guten neuen Mär“ sich ein Märchen à la Brüder Grimm vorstellen und nicht, wie es ursprünglich bei Luther gemeint ist, eine „gute neue Botschaft oder Nachricht“. Hier müssen Eltern, Lehrer und Pastoren vorausahnend auf der Hut sein und die nötigen Erklärungen anbieten, wobei es meines Erachtens gleichgültig ist, wie sie zu der guten Botschaft, dem (wie es auf Griechisch heißt) eu-angelion, dem Evangelium, stehen.

Zur Auffrischung der Anfang der guten neuen Mär in Luthers Schreibung: „Euch ist ein kindlin heut geborn / Von einer iungfraw auserkorn / Ein kindelein so zart vnd fein / Das sol ewr freud vnd wonne sein.“



29.
2011-Nov-26
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Alemannen, Sachsen und andere Germanen

Von Wilfried Kürschner

Wer sich in diesen trüben Wochen auf Fernreisen begibt, findet sich oft in einer endlosen Abfertigungsschlange wieder und hat Gelegenheit, die Wartezeit durch eingehendere Betrachtung seines Reisepasses kurzweiliger zu gestalten. Im zweiten Block auf der eingebundenen Plastikkarte findet er den Namen unseres Landes auf Deutsch, „Bundesrepublik Deutschland“, und in den 22 übrigen Amtssprachen der Europäischen Union. Es stellt sich heraus, dass Deutschland in den einzelnen Sprachen, die sich in sechs Gruppen bündeln lassen, ganz unterschiedlich benannt wird.

Die ersten beiden Gruppen beziehen sich auf zwei Stämme, die zum Volk der Germanen gehörten. Die Alemannen dienten als Namensgeber in drei der romanischen Sprachen, Französisch (Allemagne), Portugiesisch (Alemanha) und Spanisch (Alemania). Zweimal kamen die (alten) Sachsen zum Zuge, und zwar im Finnischen (Saksan …) und im Estnischen (Saksamaa …). Dabei ist, wie auch bei den Siebenbürger Sachsen im heutigen Rumänien, der Stammesname nicht wörtlich zu nehmen. Vielmehr sind damit ganz allgemein Menschen gemeint, die deutsch sprechen, gleichgültig, wo sie wohnen oder woher sie kamen. So auch bei den Donauschwaben (in Ungarn), die keineswegs alle aus dem Schwabenländle stammten.

Am häufigsten findet sich in der EU als Bezeichnung für unser Land der Sammelbegriff für diese und weitere Stämme, nämlich der der Germanen. Er kommt in unterschiedlichen Gestalten siebenmal vor: Germany (englisch), Gearmáine (irisch), Germania (italienisch, rumänisch, griechisch), Germanija (bulgarisch), Germanja (maltesisch).

Eine eigene Abteilung bilden die baltischen Sprachen Lettisch (Vacijas …) und Litauisch (Vokietijos …), bei denen nicht sicher ist, worauf sich die Benennung stützt. Klarer verhält es sich in den slawischen EU-Sprachen Tschechisch, Slowakisch, Slowenisch und Polnisch, denen sich das Ungarische anschließt. Die gemeinsame Wurzel nemet erscheint in unterschiedlichen Gestalten und bedeutet „nicht-sprechend, stumm“. Für die Slawen waren unsere Vorfahren offenbar Menschen, die nicht richtig sprechen konnten, so ähnlich wie für die (alten) Griechen alle anderen barbaroi, das heißt „Babbler, Stammler“, waren. Sich selber benannten die Slawen übrigens (nach einer Deutung) nach slowo, was so viel wie „Wort“ bedeutet.

Unsere Eigenbezeichnung deutsch kommt außer in Deutschland nur dreimal vor, und zwar in den nördlichen Nachbarsprachen Dänisch und Schwedisch (Tyskland) und im benachbarten Niederländischen (Duitsland), mit denen das Deutsche enger verwandt ist. Wie wir Deutsche – muss es nicht eigentlich „wir Deutschen“ heißen? – zu unserem Namen gekommen sind, soll in einer späteren Abfertigungsschlange geklärt werden.



28.
2011-Nov-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Dei Lüe van’n Kring kaomt sick verlaoten vör
„Sparen Sie nicht an der Kultur“, sä dei Ministerin, un sei sä uck: „Dat Ehrenamt is dat Wichtigste!“

Von Rudi Timphus

Ollenborger Münsterland – Bi’n lessden Münsterlanddag häff nich ein van dei Schnackers dei plattdütsche Spraoke vergäten. Aal wull’n sei us kiddeln. Dei Kultusministerin häff aals upriegt, wat man för use Platt daun kunn. Frauh mit Vörläsen un Läsen anfangen, frauh mit twei Spraoken upwassen. Materiaol för dei Schaul’n in’t Internet stellen! Plattdütsche Wettbewerbe dörtrecken.

Dat häbbt wi aals all lang achter us. „Sparen Sie nicht an der Kultur!“ Un forts köm dor achterher: „Das Ehrenamt is das Wichtigste!“ Un noch wieter: „Kultur kann nicht funktionieren, wenn sie bloß auf Geld aufgebaut ist.“ Sei häff recht. Wi sind „kostenlos“, ehrenamtlick anne Uni gaohn.

Use Lüe häbbt „kostenlos“ – ehrenamtlick – dat plattdütsche Wörbauk tauhopestellt. Nu stellt wi van den „Plattdütschen Kring“ dat Plattdütsche Wörbauk „Van Hoch in Platt“ tauhope. Uck Professor Dr. Wilfried Kürschner maokt dor wedder mit – „kostenlos“, ehrenamtlick. [...]


27.
2011-Nov-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Geschichten an allen Vechtaer Grundschulen

Vechta (ale) – Der Freitag ist für alle Vechtaer Grundschulen ein besonderer Tag gewesen. Nicht nur die Lehrer sprachen an diesem Tag zu den Kindern, nein: Vorleser kamen in die Klassen, packten Bücher aus und erzählten Geschichten. Erzieher und Fotografen, Unternehmer und Journalisten, Basketballtrainer und Optiker schenkten den Schülern eine Stunde ihrer Zeit – und gaben ihnen ein Gefühl dafür, wie schön es ist, wenn ein Erwachsener sich Zeit fürs Vorlesen nimmt. Initiiert hatte die Aktion die Vechtaer Bürgerstiftung anlässlich des bundesweiten Vorlesetages, und zwar bereits das dritte Jahr hintereinander. Viele der ehrenamtlichen Geschichtenerzähler berichteten später beim Kaffee im Lehrerzimmer, auch ihnen habe das Vorlesen Spaß gemacht – und sie würden gerne wiederkommen.

[Foto:] In der Liobaschule lasen (von links) Rosi Machinek, Prof. Dr. Wilfried Kürschner […]



26.
2011-Okt-29
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
EuroFinStaFac

Von Wilfried Kürschner

Die Abkürzung EFSF hat in den vergangenen Wochen Karriere gemacht. Kaum ein Leser oder Hörer scheint sie jedoch aus sich heraus zu verstehen, sodass in den Medien meist erläuternd vom Euro-Krisenfonds EFSF, vom Euro-Rettungspaket EFSF oder dergleichen die Rede ist. Manch einer wird sich auch fragen, ob damit dasselbe gemeint ist wie mit dem Euro-Rettungsschirm.

Die Antwort (laut Wikipedia): EFSF ist Teil des ESM, des Europäischen Stabilitäts-Mechanismus, der bildlich als Schirm gedacht wird (der aber, anders als der Regenschirm, der vor Regen schützt, gerade nicht vor der Rettung des Euro schützen soll).

Wenn die Abkürzung EFSF ohne erläuternden Zusatz gebraucht wird, erfordert dies den Einsatz des Artikels. Heißt es nun aber der EFSF oder die oder das EFSF? Zu lesen und zu hören sind alle drei Versionen, richtig ist aber wohl nur die EFSF, also das Genus Femininum (= das weibliche grammatische Geschlecht). Es ergibt sich aus der wörtlichen Übertragung der der Abkürzung zugrundeliegenden Vollform, die – wie könnte es anders sein? – natürlich auf Englisch vorliegt: EFSF steht für European Financial Stability Facility, auf Deutsch: die Europäische Finanzstabilitäts- oder Finanzstabilisierungsfazilität. Die ersten drei Bestandteile dieses Monstrums sind leicht zu verstehen, doch was ist eine „facility“ bzw. „Fazilität“? Zwar hat man vielleicht auf Denglisch schon einmal vom „Facility-Manager“ gehört, der für das Facility- oder Gebäude-Management zuständig ist, auf Deutsch: der Hausmeister. Doch das kann hier nicht gemeint sein, sodass der Griff zu einem ordentlichen großen Wörterbuch angebracht ist. Dort erfährt man, dass die Fazilität ursprünglich aus dem Lateinischen stammt und auf dem Umweg über das Englische in unsere Sprache gekommen ist. Hier bedeutet das Wort erstens (aber inzwischen veraltet): „Leichtigkeit, Gewandtheit; Umgänglichkeit“ und zweitens – und nun kommt¥s – in der Wirtschaft: „von einer Bank einem Kunden eingeräumte Kreditmöglichkeit, die bei Bedarf in Anspruch genommen werden kann; Zahlungserleichterung“.

Solchermaßen aufgeklärt wünschte man sich, dass die Abkürzungsfreude die zugrundeliegenden Fügungen nicht immer auf die Anfangsbuchstaben der beteiligten Glieder eindampfen, sondern ein bisschen mehr Durchsichtigkeit gestatten möge, indem jeweils ein paar Buchstaben mehr mit einbezogen werden.

Daher der Vorschlag in der Überschrift: EuroFinStaFac oder auf Deutsch: EuroFinStaFaz. Das erinnert ältere Leser vielleicht an die Mifrifi der 1960er-Jahre, die „mittelfristige Finanzplanung“.

Damals gab es zwar auch schon den Aküfi – den Abkürzungsfimmel –, doch durfte er sich zuweilen spielerischer und nutzerfreundlicher austoben.



25.
2011-Okt-01
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]
 
OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
9/11 – 9. 11. – 09-11

Von Wilfried Kürschner

Anfang letzten Monats war in den Medien – auch in dieser Zeitung – viel von „9/11“ zu lesen und zu hören: „nine eleven“. Ein ganz überflüssiger Anglizismus, steht doch der Ausdruck 11. September zur Verfügung, der die Anschläge vom 11. 9. 2001 in den USA bezeichnet.

Der Ausdruck 9/11 ist nicht nur überflüssig, er ist auch geeignet, Missverständnisse hervorzurufen. Denn die Bestandteile der Datumsangabe stehen in umgekehrter Reihenfolge zu der bei uns üblichen, sodass es nicht verwundert, wenn der eine oder andere zunächst an den 9. 11. denkt. Dies liegt nahe, denn der 9. November war ja einige Male in der deutschen Geschichte in unterschiedlicher Hinsicht von Bedeutung: 1989, 1938, 1923, 1918.

Die amerikanische Datumsform unterscheidet sich von der deutschen auch grafisch durch die Verwendung von Schrägstrichen statt von Punkten: 9/11/2011 – 11. 9. 2011. Schrägstriche werden allerdings auch in Großbritannien und zunehmend in deutschen Dokumenten verwendet und können zur Verwirrung führen. Ist mit 1/10/2011 bzw. 01/10/2011 oder gar (0)1/10/11 der heutige Tag gemeint oder der 10. Januar dieses Jahres?

In Umkehrung der logisch einsichtigeren Reihenfolge der deutschen Datumsangabe, bei der die kleineren Einheiten (Tag, Monat) jeweils vor den größeren (Monat, Jahr) stehen, während sie in der amerikanischen hüpfen (Monat – Tag – Jahr), gibt es eine internationale Norm, gemäß der die Bestandteile in absteigender Reihenfolge geordnet sind: 2011-10-01. Grafisch wird dies durch Bindestriche zwischen Jahres-, Monats- und Tagesangabe (JJJJ-MM-TT) angezeigt. Wer ganz sicher gehen will, kann den Monatsnamen in abgekürzter Form mit Buchstaben schreiben: 2011-Okt-01.

So unterschiedlich die gebräuchlichen Datumsformate sind, so verschieden werden auch die Datumsangaben sprachlich ausgedrückt. Im Deutschen scheinen wir auf den ersten Blick den Monat zu vervielfältigen, wenn wir vom ersten Oktober, vom zweiten Oktober und so weiter sprechen. Natürlich meinen wir den ersten Tag des Monats Oktober, sagen dies aber nicht explizit. Genauso wenig sagen wir ausdrücklich, dass sich Tag und Monat auf ein bestimmtes Jahr beziehen: am ersten Tag des Monats Oktober des 2011. Jahres nach Christi Geburt bzw. unserer Zeitrechnung. Im Französischen wird der Tag nicht mit der Ordnungszahl, sondern mit der Grundzahl (= Kardinalzahl) angegeben: le 2 (deux) octobre, le 3 (trois) octobre …, allerdings mit Ausnahme des ersten: Heute ist le 1er (premier) octobre mit einer Ordinalzahl wie im Deutschen. So auch im Italienischen – il primo (1o) ottobre, il due (2) ottobre – und im Spanischen, wo allerdings zwischen Tageszahl und Monatsname ein de (= von) steht: el primero (1o) de octubre, el dos (2) de octubre …



24.
2011-Sep-28
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Kuropka für seine Verdienste ausgezeichnet

Oldenburger Münsterland (hze) – Die Überraschung stand Professor Dr. Joachim Kuropka ins Gesicht geschrieben. Seine Schüler Dr. Maria Anna Zumholz und Dr. Michael Hirschfeld hatten sich für den diesjährigen Akademieabend des Heimatbund- Geschichtsausschusses in der Katholischen Akademie in Stapelfeld etwas Besonderes ausgedacht, um ihren Doktorvater anlässlich seines 70. Geburtstags zu ehren.

Kuropka wurde nicht nur von Heimatbund-Präsident Hans-Georg Knappik ein Blumenpräsent übergeben. An Stelle eines im Programm angekündigten Vortrags zur Sprache des Kreuzkampfes hielt Professor Dr. Wilfried Kürschner eine Laudatio auf seinen langjährigen Uni-Kollegen und Freund. Vor rund 80 Gästen, die über die Programmänderung ebenso überrascht waren wie der Jubilar, würdigte er Kuropkas Verdienste um die regionale Geschichtsschreibung. Zudem hob er die ungeheure Produktivität des Vechtaer Historikers hervor, der unermüdlich Aufsätze und Bücher schreibe sowie ein gesuchter Referent bei Tagungen und Vortragsabenden sei.

[Foto:] Joachim Kuropka



23.
2011-Sep-23
Nordwest-Zeitung

Kampf für das Kreuz im Klassenzimmer
Geschichte Akademieabend in Stapelfeld über den Volksaufstand gegen den Nationalsozialismus

Wurde 70: Prof. Dr. Joachim Kuropka BILD: Archiv
Noch heute bietet die Widerstandsaktion Stoff für wissenschaftlichen Disput. Im Zentrum steht der Vechtaer Historiker Joachim Kuropka.

von Jürgen Westerhoff

Vechta - Die dramatischen Ereignisse liegen 75 Jahre zurück – wirken aber bis heute nach und bleiben im Oldenburger Münsterland unvergessen. Als „Kreuzkampf“ bezeichnen Historiker die Vorgänge, die im Herbst 1936 zu einem regelrechten Volksaufstand der katholischen Bevölkerung gegen den Nationalsozialismus geführt haben.

Aus Empörung über einen Nazi-Erlass, der das Aufhängen von Kreuzen und anderen religiösen Symbolen wie Luther-Bilder in Klassenzimmern verbot, kam es zu einem Massenprotest – mit der Folge, dass der Erlass einstweilen zurückgenommen wurde. Später rächte sich das Regime, verhaftete einige der Initiatoren und schickte sie zum Teil ins Konzentrationslager.

Mit einem Akademieabend zu Ehren des Historikers Prof. Dr. Joachim Kuropka erinnerten die Universität Vechta und der Heimatbund Oldenburger Münsterland am Mittwoch in der Katholischen Akademie Stapelfeld (Kreis Cloppenburg) an die Widerstandsaktion gegen die damaligen Machthaber. Kuropka, der sich um die Erforschung der Ereignisse Verdienste erworben hat, war am Vortrag 70 Jahre alt geworden.

Seine Arbeit wurde von Prof. Dr. Wilfried Kürschner gewürdigt, der besonders die Geradlinigkeit des wissenschaftlichen Wirkens herausstellte. Auf ökumenische Aspekte des Themas wies der Oldenburger Pfarrer i.R. Reinhard Rittner hin. Die Reaktion im katholischen Oldenburger Münsterland nannte Rittner „beispielhaft für Lutheraner“. Im eher evangelisch geprägten Teil des Oldenburger Landes habe es zwar auch Kritik, aber nicht derartig entschlossenen Widerstand gegen die Nazi-Maßnahmen gegeben. An dem Handeln der Akteure könne man sich noch heute ein Beispiel nehmen.

Dass der Volksaufstand gegen die Nazis auch jetzt noch Stoff für wissenschaftliche Dispute liefert, verdeutlichte Jubilar Kuropka in seiner Ansprache. Der Historiker wies Vorwürfe zurück, bei der Volkserhebung habe es sich nicht um wirklichen Widerstand gegen die Nazis, sondern nur um eine „Bestandssicherung des religiösen Milieus“ gehandelt, während man ansonsten das NS-Regime geduldet habe.

Kuropka unterstrich, dass es einen prinzipiellen Gegensatz zwischen christlichen Werten und Nazi-Überzeugungen gegeben habe. Katholische Lehre und die vom NS-Regime vertretenen Ideale seien keinesfalls miteinander vereinbar gewesen. Über den bestehenden Werte-Konflikt habe übrigens der Münstersche Kardinal von Galen bereits im Jahr 1934 hingewiesen.



22.
2011-Sep-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Prozentpunkt
Leserbrief zu den Ergebnissen der Kommunalwahl (OV vom 12. September):

„Anfang letzter Woche wurden bei der Wahlberichterstattung in der OV die in nackten Zahlen dargebotenen Ergebnisse zusätzlich in Worte gefasst. Da war [gestrichen: dann beispielsweise] zu lesen, dass die CDU bei der Kreistagswahl ein ,Minus von 5,54 Prozent erlitten‘ habe. Der danebenstehenden Tabelle ist zu entnehmen, dass der Stimmenanteil dieser Partei bei der letzten Wahl (2006) 69,72 Prozent betrug und nunmehr auf 64,18 Prozent zurückgegangen ist. Sie hat also nur noch 92,05 Prozent ihres alten Stimmenanteils erreicht, somit einen Verlust von 7,95 Prozent erlitten. Wenn beim Vergleich der prozentualen Anteile von ,Prozente‘ die Rede ist, sind eigentlich immer ,Prozentpunkte‘ als Differenz zwischen zwei Prozentzahlen gemeint – so sollte dann auch geschrieben und gesprochen werden.[“]

Wilfried Kürschner
Dohlenstraße 7
Vechta



21.
2011-Sep-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Platt im Landesparlament
Debatte zur Großen Anfrage zum Erhalt des Niederdeutschen

Von Giorgio Tzimurtas

Hannover – Parteiübergreifende Einigkeit – das ist selten im Landtag. Gestern gab es solch einen Fall. Und alle Redner sprachen ihre Anerkennung auf Plattdüütsch aus. Denn genau darum ging es in der Debatte zur Großen Anfrage der Fraktionen von CDU und FDP an die Landesregierung mit dem Titel „Neddersassen snackt plattdüütsch“. 138 Fragen stellten Christdemokraten und Liberale zur Verbreitung und Anwendung des Niederdeutschen sowie zu Maßnahmen für seinen Erhalt. Die Antwort umfasst 120 Seiten und liegt zweisprachig vor: hoch- und plattdeutsch. Und eben für diesen Aufwand gab es sogar aus den Reihen der SPD, Grünen und Linken Worte des Dankes.

Justizminister Bernd Busemann (CDU) kündigte zudem an: Es werde eine Informationsbroschüre „Platt is us Wark“ für die im Oldenburger Land ansässigen Firmen, Behörden und Wirtschaftsbetriebe geben. Darin soll über den Nutzen des Niederdeutschen informiert werden. Herausgeber sei die Oldenburgische Landschaft in Kooperation mit der Industrieund Handelskammer Oldenburg. Die Abgeordneten Jens Nacke (CDU) und Jan-Christoph Oetjen (FDP) betonten die Bemühungen der Landesregierung für den Erhalt des Plattdeutschen. Nacke: „Die Nachfrage an den Universitäten Oldenburg und Vechta ist überwältigend, derzeit werden sogar vier Promotionsvorhaben betreut.“

Die Kritik der Opposition blieb auch gestern nicht aus. So monierte der SPD-Abgeordnete Claus Peter Poppe aus Bersenbrück: Wer wirklich etwas bewirken wolle, um das Plattdeutsche zu fördern, der stelle einen Antrag und nicht eine Anfrage. Viele Briefe von Plattdeutsch- Initiativen zeigten: Es gibt viel Nachholbedarf.

Die Antwort der Landesregierung zur Anfrage kommt einer Bestandsaufnahme gleich. Darin ist auch festgehalten, dass in Visbek und Lindern Bürger mündliche oder schriftliche Anträge auf Niederdeutsch einreichen können. Auch das Wörterbuch „Ollenborger Münsterland: Use Wörbauk“ ist darin ebenso erwähnt wie jenes eines ehemaligen Mitarbeiters der Uni Vechta.



20.
2011-Sep-07
Rundschau am Mittwoch [Vechta]

Hopfen als Arznei

Seine Rolle beim Bierbrauen ist bekannt; weniger bekannt dagegen die Bedeutung des Hopfens als Arzneipflanze. Darüber klärt eine Wanderausstellung auf, die vom 9. bis zum 25. September in der Vechtaer Hausbrauerei „Stierbräu“, Kreuzweg 9, zu Gast ist. Zur Eröffnung spricht ab 19.30 Uhr Prof. Dr. Wilfried Kürschner unter dem Titel „Gott erhalt’s“. Die Ausstellung ist mittwochs bis samstags, ab 17 Uhr zu sehen.



19.
2011-Sep-03
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Europabylon

Von Wilfried Kürschner

Wer sich in diesen Wochen als Fernreisender aufmacht und in langen Abfertigungsschlangen langweilt, dem sei empfohlen, sich mit seinem burgunderroten Reisepass zu beschäftigen. Auf der vorn eingehefteten Plastikkarte findet er ein herrliches Sprachen- und Schriftengewirr. Es gibt drei Blöcke: „Europäische Union“, „Bundesrepublik Deutschland“ und „Reisepass“. Nach diesen Überschriften werden die Begriffe in 22 weiteren Sprachen wiedergegeben. Es handelt sich dabei um die Amtssprachen der Europäischen Union. Wieso nur 23, wo doch die Zahl der zur EU gehörenden Staaten 27 beträgt? Vier kleinere Staaten teilen sich ihre Amtssprachen mit größeren: Österreich (Deutsch), Belgien (Niederländisch, Französisch, Deutsch), Luxemburg (Französisch, Deutsch – Lëtzebuergesch ist keine EU-Amtssprache) und Zypern (Griechisch).

Im oberen Block, „Europäische Union“, herrscht noch die größte Gemeinsamkeit. Der Name unseres Teilkontinents erscheint in allen vorkommenden Sprachen, wenn auch gelegentlich etwas verfremdet wie in Eorpach (zu Eoraip – Irisch). Zweimal allerdings hat der Normalreisende Mühe, ihn überhaupt zu entziffern, und zwar gleich am Anfang und dann zwei Zeilen tiefer. Hier wird nämlich nicht unser gewohntes lateinisches Alphabet benutzt, sondern das kyrillische und das griechische. Das kyrillische Alphabet wird für die bulgarische Sprache benötigt, das griechische für das Griechische, das, wie gesagt, nicht nur in Griechenland gesprochen wird, sondern auch auf Zypern, dessen südlicher Teil Mitglied der EU ist. Im nördlichen Teil wird Türkisch gesprochen. Türkisch wird (seit 1929) mit lateinischen Buchstaben geschrieben und findet sich bereits auf Euromünzen, und zwar auf den zyprischen, auf denen der Name der Insel auf Griechisch und auf Türkisch wiedergegeben wird: „KIBRIS“.

Das griechische Alphabet ist übrigens die Mutter der beiden anderen genannten. Die alten Griechen haben es aber nicht selber erfunden, sondern vor etwa dreitausend Jahren aus dem Schriftsystem der Phönizier weiterentwickelt. Die Phönizier waren ein semitisches Volk, das im Altertum im Gebiet des heutigen Libanons und Syriens (nördlich von Israel) an der Mittelmeerküste siedelte. Insofern hat unser lateinisches Alphabet semitische Wurzeln wie übrigens auch der Sage nach der Name Europa. Er soll zurückgehen auf den Namen einer phönizischen Prinzessin von großer Schönheit, in die sich der Göttervater Zeus verliebte. Er verwandelte sich in einen Stier, nahm Prinzessin Europa auf den Rücken und brachte sie nach Kreta. Dies wird dargestellt auf einer der schönsten Euro-Münzen, der 2-Euro-Münze Griechenlands, die die witterungsbedingt knapp bekleidete Europa auf dem Stier zeigt.

Natürlich ist selbst ein so amtliches Dokument wie der Reisepass vor Druckfehlern nicht gefeit. In meinem Exemplar (mit dem Druckvermerk „11/07“) steht im bulgarischen Text in kyrillischer Schrift „Pasprt“ statt „Pasport“.



18.
2011-Aug-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Sreibe, wie du schprichst

Von Wilfried Kürschner

„Schreibe, wie Du sprichst“, so lautet der Untertitel von Anke Goldbergs Biografie über Konrad Duden, dessen 100. Todestages wir in dieser Woche gedenken. Jeder dürfte sich aus Schülerzeiten an diese Devise als wohlgemeinten Lehrerrat erinnern. Sie war aber nie wörtlich zu verstehen, sondern meinte nur, dass die Rechtschreibung sich an der Lautung der Wörter zu orientieren habe, und zwar an der Lautung in der Gegenwartssprache („… wie du sprichst“) und nicht daran, wie sie in weit zurückliegenden Zeiten geschrieben wurden, wie es die Verfechter einer historisierenden Schreibung forderten. Diese wurden als „Leffel-Partei“ bespöttelt, weil das Wort Löffel im Mittelhochdeutschen (um 1200) eben leffel geschrieben wurde und auch in der Gegenwart entsprechend zu schreiben sei. Diese Partei wurde angeführt von Jacob Grimm, während Konrad Duden sich zur „phonetischen Schule“ bekannte.

Die beschränkte Gültigkeit der Devise zeigt sich schon darin, dass zwei (oder drei) ihrer vier Wörter mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben werden, zwei (oder eines) mit kleinen. Den Unterschied zwischen Groß- und Kleinbuchstaben kann man aber weder in der Aussprache deutlich machen, noch kann man ihn hören. Damit fällt also eines der haarigsten Problemfelder der deutschen Rechtschreibung, die Groß- und Kleinschreibung vor allem der Substantive (die es sonst für keine andere Sprache gibt und die aufgrund politischer Vorgaben die Rechtschreibreform von 1996/2006 so gut wie unbeschadet überlebt hat), nicht unter die Devise.

Aber auch wo es um die Zuordnung von Lauten zu Buchstaben geht, ist sie nur beschränkt gültig. Das zeigt sie gewissermaßen schon selber an, und zwar im Anlaut ihres ersten und letzten Wortes. Er ist (wenn man nicht gerade von der Lautung einiger Hanseaten ausgeht, die über einen s-pitzen S-tein s-tolpern) in beiden Fällen derselbe, wird aber einmal durch sch wiedergegeben, das andere Mal durch bloßes s. Ein Kind, das nun sreibe schreibt oder schprichst, zeigt, dass es die Devise verstanden hat und ihr folgt – und nicht etwa, dass es ihm an Intelligenz mangelt. Es hat nur noch nicht gelernt, dass zu unterscheiden ist, ob dem Anlaut ein p oder t folgt – Spange, Stange – oder ein anderer Konsonant (= Mitlaut) – Schlange, schmal, schnell, Schranke, schwanger – oder ein Vokal (= Selbstlaut): Schule, Schuh, Schuster.

Schwieriger wird es bei Fremd- und Lehnwörtern. Hier kommt es auf die Herkunftssprache an. Wenn sie aus dem Englischen stammen, schreibt man am Wortanfang gewöhnlich sh wie in Shop, shoppen. Stammen sie aus dem Französischen, wird dagegen ch geschrieben: Chanson, Chauffeur; manchmal ist auch deutsches sch erlaubt: Charme, Scharm. Wenn nun aber dieses ch in Wörtern aus dem Englischen vorkommt, geht in der Lautung ein „t“ voran: checken, Chip. Bei italienischer Herkunft wird dies c (Cello, Cicerone) bzw. ci geschrieben: Ciao bella, tschau! – Schreib einfach so, wie du sprichst!



17.
2011-Aug-01
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Der Triumph des einfachen Gymnasiallehrers
Heute vor hundert Jahren starb Konrad Duden, der Vater der deutschen Rechtschreibung / Eine Erfolgsgeschichte

„Schreib, wie du sprichst“, lautete die Leitlinie Dudens. Sein Leben lang setzte der Philologe sich für einheitliche Regeln in der deutschen Rechtschreibung ein. Das von ihm begründete Rechtschreib-Wörterbuch, der „Duden“, ist 2009 in 25. Auflage erschienen.

Von Dirk Dasenbrock

Leipzig – Es gab mal eine Zeit vor dem Duden. Eine Zeit, in der jeder, der der deutschen Sprache mächtig war, schrieb, wie es ihm passte. Beinahe.

Rückblick: Im Jahr 1871 hatte der Preuße Bismarck sein Ziel erreicht: ein einheitliches Deutsches Reich. Allerdings ohne Österreich und mit Preußen als Hegemonialmacht. Von oben verordnet, durch Kriege vereint. Aber eine einheitliche deutsche Orthographie gab es nicht in den neuen deutschen Landen. Das ließ einen Mann nicht ruhen: Konrad Duden.

Sein Werdegang: Geboren 1829 in Wesel am Niederrhein, studierte er in Bonn Geschichte, Germanistik und klassische Philologie. In seiner Jugend hatte er acht Jahre lang in einem evangelischen Waisenhaus gelebt, was ihm den kostenlosen Schulbesuch ermöglichte. Schon als Schüler wusste Duden, worauf es ihm ankam. In sein Abiturzeugnis schrieb ihm der Lehrer: „Sein deutscher Stil ist korrekt und zeugt von Nachdenken.“ Duden arbeitete als Hauslehrer, er unternahm Reisen nach England und in die französische Schweiz. An der Universität Marburg promovierte er über die Antigone des Sophokles. Danach ging er als Gymnasialdirektor 1869 ins thüringische Schleiz, vorher war er 15 Jahre Lehrer in Soest und avancierte schließlich zum Direktor des Königlichen Gymnasiums in Bad Hersfeld.

Dieses Gymnasium heißt heute – natürlich – Konrad-Duden- Schule. In Bad Hersfeld wurde Duden noch einmal der eklatante Mangel an einheitlicher Rechtschreibung deutlich. Das Reich war vereint, die Orthographie betrieb Kleinstaaterei. Fast jede Schule, jeder Verlag und jede Behörde hatte eine eigene Orthografie. Eine übergeordnete Regelung gab es nicht. Heute unvorstellbar. So konnte es nicht weitergehen.

Gedacht, getan. Im Jahr 1872 veröffentlichte Duden die Schrift „Die deutsche Rechtschreibung“, der er ein Wörterverzeichnis mit Regeln beifügte. Aber das war erst der Anfang. Acht Jahre später erschien sein wichtigstes Werk mit dem Titel „Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der deutschen Sprache“. Damit ist 1880 gewissermaßen das Duden-Jahr. Es enthielt bereits 27000 Wörter und orientierte sich vor allem an den preußischen und bayerischen Schreibweisen und Regeln. Der Vechtaer Germanist Professor Wilfried Kürschner erläutert dazu: „Die Leistung Konrad Dudens kann man nur auf dem Hintergrund der im deutschen Sprachgebiet am Ende des 19. Jahrhunderts herrschenden Schreibvielfalt würdigen: So galten in den einzelnen Teilstaaten des Deutschen Reichs, in Österreich und in der Schweiz unterschiedliche Regelbücher, Verlage stützten sich auf eigene Hausorthographien, und die in der Schule erworbene Rechtschreibung durfte im Schriftverkehr der Behörden nicht durchgehend verwendet werden.“

Mit Dudens Werk war der große, neue Standard gesetzt. Es hat dann zwar noch ein bisschen gedauert, aber immerhin: Im Jahre 1902 wurden Dudens „Regeln für die deutsche Rechtschreibung nebst Wörterverzeichnis“ für alle damaligen Bundesländer des Deutschen Reiches als verbindlich erklärt. Was für ein Triumph! Nicht irgendwelche hochwohlgeborenen Professoren im kaiserlichen Berlin in bedeutenden Gremien, nein, der einfache Gymnasiallehrer aus Wesel stellt die Regeln für das Reich auf. Österreich- Ungarn und die Schweiz schlossen sich an. 1902 war Dudens Werk bereits in der 7. Auflage erschienen.

Als Konrad Duden am 1. August 1911, heute vor 100 Jahren, starb, da lag auf seinem Schreibtisch das fast fertige Manuskript für die 9. Auflage – die dann im Jahr 1915 erstmals unter dem Titel „Duden – Rechtschreibung der deutschen Sprache und der Fremdwörter“ erschien.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten die Verlage in der Bundesrepublik den freien Markt und brachten eigene Wörterbücher heraus – mit Abweichungen aller Art. Bis es der Kultusminister- Konferenz zu bunt wurde und sie 1955 den „Duden“ für verbindlich erklärte. Sozusagen das „Wörter-Gesetzbuch“.

Die neueste Duden-Auflage umfasst 135 000 Stichwörter, Bedeutungserklärungen und Angaben zu Worttrennung, Aussprache, Grammatik und Stil. Den Duden gibt’s auch als CD-Rom, App und seit Mai diesen Jahres unter „duden.de“. Kostenlos. Bleibt nur die Frage: Was hätte Duden zur letzten Rechtschreibreform gesagt? Dazu nochmal Professor Kürschner: „Im Vorwort zur 7. Auflage des Orthographischen Wörterbuchs von 1902 notiert Konrad Duden, dass diese ,weit davon entfernt ist, ein Meisterwerk zu sein’. Vielmehr sei sie ein Ergebnis von vielerlei Kompromissen, auch solchen politischer Natur. Dies gilt in gleicher Weise für die Neuregelung von 1996/2006, bei der es sich ebenfalls nicht um eine ,gründliche Reform’ handelt – bei einer solchen hätte man nach Dudens prophetischen Worten ,alsbald den Boden unter den Füßen verloren und wäre einem in der Luft schwebenden Trugbilde nachgejagt’.“

Es bleibt dabei: Die deutsche Sprache ist zwar geregelt, aber zugleich sehr lebendig.



16.
2011-Jul-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Hybrider Selbstbeweger

Von Wilfried Kürschner

Vor 125 Jahren wurde das neue Gefährt zum Patent angemeldet, die Kutsche ohne Pferd oder, wie es vornehmer hieß, das Automobil. Dieses Wort ist, wie man in der Sprachwissenschaft sagt, eine hybride Bildung, eine Mischung mit zweierlei Herkunft, und zwar aus dem griechischen Wort autos, das „selbst“ bedeutet, und dem lateinischen Wort mobilis mit der Bedeutung „beweglich“. Reinrassig griechisch hätte es Autokinet lauten müssen oder lateinisch Ipsomobil, aber es wurde ohnehin bald auf das Vorderteil Auto verkürzt.

Die Herkunft von der Pferdekutsche zeigt sich länger, und zwar sowohl der Sache nach – man denke an das Trittbrett der älteren Modelle, auf das man um Himmels willen nicht treten durfte, damit es nicht abfiel – als auch sprachlich: Kotflügel, Karre, Familienkutsche mögen als Beispiele genügen. Daneben gibt es noch heute Bezeichnungen aus dem Französischen wie Karosserie, Limousine und Kabrio(lett). Auch die Bezeichnung für die Motorleistung, die Pferdestärke, kurz PS, stammt, wie ersichtlich, aus der guten alten Zeit. Sie gibt die durchschnittliche Arbeitsleistung eines Pferdes an. Eingeführt wurde sie von James Watt, der damit, lange vor der Erfindung des Automobils, die Leistung von Dampfmaschinen anschaulich kenntlich machen wollte. Bereits seit längerem wird die Motorleistung in Kilowatt (kW) gemessen – mit der Benennung erweist man James Watt seine Reverenz. Der Betriebskraftstoff heißt bekanntlich Benzin. Dieser Name geht nun nicht, wie man vielleicht annehmen könnte, zurück auf Carl Benz, den Erfinder des Automobils. Vielmehr war der Sprit (aus französisch esprit = „Geist, Weingeist“) schon vorher unter dem Namen Benzol bekannt.

Wer heutzutage sparen will, überlegt vielleicht, auf Erdgas als Antriebsmittel umzusteigen und damit Gas zu geben. Natürlich ist diese Redeweise viel älter und nimmt Bezug auf den Vorgang, bei dem das für die Verbrennung notwendige Kraftstoff-Luft-Gemisch hergestellt wird; die hierfür notwendige Vorrichtung ist der Vergaser. So spricht denn auch die Patentschrift vom 2. November 1886 vom „Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb“.

Besser als Carl Benz, der nicht als Namensgeber für das Benzin fungieren durfte, erging es Rudolf Diesel. Er stand tatsächlich mit seinem Namen Pate für den Diesel, und zwar nicht allein für den Kraftstoff, sondern auch für den damit betriebenen Motor, den er 1893 bis 1897 entwickelte, und darüber hinaus für das ganze Fahrzeug. Es gibt zwar auch den Benz, der auch Daimler genannt wird, doch der gewöhnliche Zeitgenosse nennt das betreffende Fahrzeug Mercedes. Dies geht zurück auf den Vornamen Mercédès der Tochter des Geschäftsmanns Emil Jellinek, der auch Mitglied im Aufsichtsrat der Daimler-Motoren-Gesellschaft war. Schließlich noch zum Ottomotor. Der erste Bestandteil ist der Nachname von Nicolaus August Otto, der 1876 den Viertaktgasmotor mit, wie es im Lexikon heißt, „verdichteter Ladung und Fremdzündung“ entwickelte.



15.
2011-Jun-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Fro(h)nleichnam

Von Wilfried Kürschner

Es gibt im Rechtschreibduden nur einen christlichen (katholischen) Feiertag mit einem Infokasten zu seiner Schreibung. Zwar nicht direkt beim Eintrag Fronleichnam, wohl aber beim Verb (= Zeitwort) frönen ist zu lesen: „Obwohl das ö in frönen lang gesprochen wird, schreibt man das Verb ohne Dehnungs-h. Gleiches gilt für die etymologisch verwandten Wörter Fron, Frondienst und Fronleichnam.“ Offenbar ist den Dudenredakteuren die in der Überschrift angedeutete Schreibung Frohnleichnam öfters begegnet. Wie können wir sie uns erklären?

Das Wort ist eine Zusammensetzung, deren zweiter Bestandteil, Leichnam, auch allein vorkommt, während der erste, Fron, für sich genommen, nicht dem Alltagswortschatz angehört. Es wird also nach einer Deutung gesucht, und da liegt das Adjektiv (= Eigenschaftswort) froh in seiner Form frohen, froh’n, frohn nahe. Wie das allerdings mit Leichnam zusammenpassen soll, bleibt ungeklärt.

Sinn bekommt das Ganze allerdings, wenn man aus der Sprachgeschichte erfährt, dass Leichnam zur Zeit der Entstehung der Zusammensetzung noch nicht auf die Bedeutung „Leiche, toter Körper“ eingeschränkt war, sondern auch den lebendigen Körper, den Leib meinte. Zur Etymologie des ersten Bestandteils: Fron geht zurück auf das heute nicht mehr existente altdeutsche Wort fro mit der Bedeutung „Herr“, sodass Fronleichnam den „Herrenkörper, Herrenleib“ meinte und auch heute noch meint, wie es auch der Definition im „Brockhaus“ zu entnehmen ist: „Fest der katholischen Kirche zur Verehrung des Altarsakraments als des leiblich gegenwärtigen Herrn“. Das n in Fron-Leichnam ist übrigens von derselben Sorte wie das n in Herren-Leib, Leib des Herrn.

Von fro(n) = „Herr“ her erklärt sich auch die eingangs genannte Zusammensetzung Frondienst = „in körperlicher Arbeit bestehende Dienstleistung der Bauern für ihre Lehnsherren“ (Duden); stattdessen sagte man auch kurz Fron. Davon abgeleitet ist das Verb fronen mit der Bedeutung „Frondienst leisten“ und verallgemeinert „schwere, als Zwang empfundene Arbeit leisten“. Dazu gehört auch frönen mit der Bedeutung „sich einer Sache (einer Neigung, Leidenschaft o. Ä.) hingeben, ergeben“, wie wir es in Ausdrücken wie einem Laster, einer Leidenschaft, seinem Hobby frönen finden.

Das alte Substantiv fro hat sich noch in eine ganz andere Richtung weiterentwickelt. Es gab dazu eine feminine (= weibliche) Ableitung frowe, frouwe mit der Bedeutung „Herrin“. Daraus hat sich im Lauf der Sprachgeschichte das Wort Frau ergeben. Das könnte die Feministen ärgern, die neben man auch gern das Personalpronomen (= persönliches Fürwort) frau sähen: Es ist, sprachgeschichtlich gesehen, keine selbstständige Bildung, sondern eine Ableitung von fro = „Herr“.



14.
2011-06-01
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vechta und Lohne sind auch in Zentralchina bekannt
Vechtaer Michael Gerwing trifft auf Reise eine ehemalige Studentin, die vor zwei Jahren in Vechta Deutsch lernte

Vechta/Xian (mmo) – Eine ganz besondere Überraschung haben Michael Gerwing aus Vechta und Johannes Diekmann aus Lohne in China erlebt. Die beiden besuchten während einer Wirtschaftsreise einen Baumaschinenhersteller in der Stadt Xian in Zentralchina.

Im Gespräch mit dem Geschäftsführer, der weder Englisch noch Deutsch sprach, musste die Dolmetscherin Ruan Qian aushelfen. Wie sich herausstellte, hatte Ruan für ein Jahr in Deutschland gelebt und die Sprache gelernt. „Als wie sie fragten, wo sie gelebt und studiert hat, sagte sie, in einer Stadt zwischen Bremen und Osnabrück“, berichtet Gerwing, „da war gleich klar, dass sie in Vechta studiert haben muss.“ Wie die Dolmetscherin berichtete, hatte sie tatsächlich an der Uni Vechta bei Professor Kürschner Germanistik studiert.

 „Begeistert hat sie uns von der Zeit in Südoldenburg berichtet. Sie erinnerte sich gut an Vechta und Lohne, wo sie bei Flying Pizza gearbeitet hat“, sagt Gerwing, der Geschäftsführer des gleichnamigen Lohner Steinwerks ist. Auch sei Ruan, die vor zwei Jahren in Vechta lebte, noch die Zeit im Studentenwohnheim am Sonnenkamp in bester Erinnerung. „Sie erzählte von Konzerten in Vechta und ihrem Besuch im Industriemuseum Lohne“, berichtet Gerwing. Als er der jungen Chinesin mitteilte, dass er Professor Wilfried Kürschner durch den Lions Club persönlich kennt, nutzte Ruan gleich die Gelegenheit und schrieb ein paar Zeilen an ihren Professor. Der freute sich riesig, als Gerwing ihm den Brief übergab. Ruan ist neben ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin bei Bertelsmann in China beschäftigt und spart auf ein weiteres Aufbaustudium in Deutschland.

Beeindruckt zeigte sich Gerwing von den guten Deutschkenntnissen der ehemaligen Vechtaer Studentin: „Es war eine große Freude zu sehen, wie am anderen Ende der Welt jemand aufgrund der guten Ausbildung aus dem Landkreis Vechta seinen Weg macht.“

[Foto:] Trafen sich zufällig in China: (von links) Michael Gerwing, Ruan Qian und Johannes Diekmann. Foto: privat



13.
2011-Mai-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Von Holdorf bis Holweide

Von Wilfried Kürschner

„Stau auf der A 1 zwischen Lohne und Holdorf“ – diese Durchsage in den Verkehrsmeldungen ist für sich schon unangenehm genug, schier unerträglich wird sie, zumindest für heimische Ohren, wenn das erste o im Namen Holdorf so ausgesprochen wird wie das o in Lohne, nämlich lang, gedehnt. Dabei wird Holdorf doch ohne das Dehnungs-h (wie in Lohne) geschrieben – aber auch nicht mit Doppel-l („Holldorf“), was die Aussprache mit kurzem o garantieren würde.

Dieses kurze o ist, wie kürzlich vom Namenkundler Jürgen Udolph, ebenfalls im Radio, zu hören war, sprachgeschichtlich wohl in Ordnung. Demnach dürfte der Name Holdorf auf niederdeutsch Holtdorp (in unterschiedlichen Schreibweisen) zurückgehen, bedeutet also so viel wie „Holz/Wald-Dorf“. Der zweite Bestandteil ist in die hochdeutsche Form Dorf übergegangen, während der erste seine niederdeutsche Herkunft nicht mehr zu erkennen gibt. Das t von Holt ist nämlich mit dem d von Dorp/Dorf verwachsen, es ist, wie man in der Sprachwissenschaft sagt, assimiliert worden.

Nun macht man in Holdorf darauf aufmerksam, dass früher Holldorf geschrieben wurde, nach 1860 aber Holdorf mit nur einem l, die Quelle der gerügten Fehlaussprache. Dazu ist nun Folgendes zu sagen: Die Schreibung des Deutschen war lange Zeit nicht fest normiert, salopp gesagt, es gab keinen Duden (der existiert erst seit 1880). So kam es immer wieder zu Schreibvarianten, von denen sich dann eine durchsetzte. Holdorf sah mit einem l womöglich schlanker und gefälliger aus und passte sich den Gepflogenheiten der Schreibung von Namen an, die bis heute in manchem von der des Sachwortschatzes abweicht. Während in Letzterem in der Schreibung der Unterschied zwischen langem und kurzem Vokal (= Selbstlaut) in der Regel angezeigt wird – man vergleiche etwa Sol (wie in Solei) mit Soll oder Wohl mit woll –, gilt dies für den Namenwortschatz nicht durchgängig, und zwar weder bei Vor- und Familiennamen (zum Beispiel Alwin Hanschmidt: beide a werden kurz gesprochen, ohne dass dies durch Verdoppelung der Konsonantenbuchstaben l bzw. n angezeigt wird) noch bei Orts- und Gebietsnamen: Neben Holdorf denke man an Holstein, Homburg, Hamburg und dergleichen mehr. Hier ist nun in jedem Einzelfall zu prüfen, wie die Ortsansässigen den Namen ihres Ortes aussprechen. Da trifft man dann etwa auf den Kölner Stadtteil Holweide, der gleich zweifach auffällt: Das Hol- wird, ganz im Gegensatz zu Holdorf, mit langem o gesprochen (und dennoch wird nicht Hohl- geschrieben). Außerdem wird, wie man in und aus Köln hört, wie bei Osnabrück der zweite Bestandteil betont (auch so eine Eigenheit im Namenwortschatz): Holweide.

Diesen Besonderheiten verdanken wir übrigens auch die abweichendste Schreibung des Deutschen: Rheydt – neben Reit im Winkl (!).



12.
2011-Apr-16
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Nehm(e)t, ess(e)t, trink(e)t

Von Wilfried Kürschner

Seit langem wird die Entfernung heutiger Menschen von den Kirchen und vom christlichen Glauben beklagt und nach Gründen dafür gesucht. Einer von ihnen – sicherlich nicht der wichtigste – könnte in der Sprache liegen, derer sich die Kirchen bedienen, besonders im Ritus, in der Messe oder im Gottesdienst. Diese rituelle Sprache klingt in vielen Ohren in manchem fremd, altmodisch, überholt, unverständlich. Einen Beleg dafür bieten die Textpassagen, die zu Beginn der Eucharistiefeier bzw. der Abendmahlsfeier gesprochen werden. In der hiesigen evangelischen Kirche beginnen die Einsetzungsworte wie folgt: „Unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot, dankte und brachs und gabs seinen Jüngern …“ Auf den ersten Blick fällt der sonderbare Satzbau auf. Die Spitzenstellung von „unser Herr Jesus Christus“ folgt zwar dem griechischen Original und dient der rhetorischen Hervorhebung, erfordert wegen des unmittelbar folgenden Einschubs der Zeitbestimmung „in der Nacht, da er verraten ward“ aber die Wiederaufnahme durch das Pronomen (= Fürwort) er („… nahm er das Brot …“). Stattdessen wäre heute das Verb (= Zeitwort) vor die Zeitbestimmung zu ziehen: „Unser Herr Jesus Christus nahm in der Nacht …“

In dieser Zeitbestimmung begegnet überdies das in dieser Verwendung altertümliche da anstelle der heutigen Kombination in + Relativpronomen (= rückbezügliches Fürwort) der: „… in der Nacht, in der er verraten wurde …“. Am Ende dieser Umformung ist auch gleich die überholte Form ward des Hilfsverbs (= Hilfszeitwortes) durch die Form wurde ersetzt.

Überhaupt fällt bei vielen Wortformen ihre Antiquiertheit auf. Sie mag bei brachs und gabs noch entschuldigt werden, weil der Ausfall des e von es der gesprochenen Sprache nahekommt, doch die im Text folgenden Imperative (= Befehlsformen) nehmet, esset, trinket („… nehmet [hin] und esset … und trinket …“), enthalten alle ein heute nicht mehr eingeschobenes e . Hier mögen rhythmische Gründe für die zweisilbigen Formen sprechen – „die Frau im Hause, die Kinder auf der Gasse und der gemeine Mann auf dem Markt“ sagen heute aber nehmt, esst, trinkt.

Ihnen wollte Martin Luther „auf das Maul sehen, wie sie reden“, als er die Bibel ins Deutsche übersetzte und die Einsetzungsworte so wiedergab, wie sie noch heute fast ohne Änderungen gesprochen werden. Was damals, vor beinahe 500 Jahren, normal, nicht sakral geklungen haben wird, wurde aber dem sich ändernden Sprachgebrauch nicht angepasst. Da klingt der Eingangssatz in der katholischen Messe viel zeitgemäßer: „Am Abend, an dem er ausgeliefert wurde, nahm er das Brot …“ Die zweisilbigen Imperative teilen aber beide Konfessionen: nehmet, esset, trinket, wenn sie sie auch nicht in gleicher Weise praktizieren.



11.
2011-Apr-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

CDU-Versammlung

Der CDU-Ortsverband Langförden lädt heute (15. April) von 19 Uhr an zur Mitgliederversammlung mit Essen in den Saal Borgerding-Frye ein. Professor Wilfried Kürschner hält zudem einen Vortrag zum Thema Sprichwörter.



10.
2011-Mrz-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Star-kregen in Die-pholz

Von Wilfried Kürschner

Solche seltsamen Trennungen begegnen uns in Zeitungen und anderen Druckerzeugnissen immer wieder. Um nachvollziehen zu können, wie es zu ihnen kommt, müssen wir uns an die Regeln der Silbentrennung erinnern.

Worttrennung am Zeilenende setzt voraus, dass ein Wort aus mindestens zwei Silben besteht, deren Grenze, die Silbengrenze, am Ende einer Zeile liegt, so dass die erste dieser beiden Silben noch in die „alte“ Zeile passt, die zweite aber in die „neue“ Zeile rückt. Einfach ist die Sache, wenn das betreffende Wort seinerseits aus zwei Wörtern zusammengesetzt ist, z. B. „Haar-kranz“, „Hart-holz“. Ebenso, wenn eine Kombination aus Präfix (= Vorsilbe) und Vollwort vorliegt, z. B. „ver-ändern“, „Emp-fang“. Im anderen Fall wird folgendermaßen verfahren: Wenn die beiden Vokale (= Selbstlaute), die die Kerne der Silben bilden, unmittelbar aufeinanderstoßen, erfolgt die Trennung zwischen ihnen, z. B. „bö-ig“. Zwischen den beiden Vokalen können aber auch Konsonanten (= Mitlaute) stehen. Bei einem einzigen kommt sein Buchstabe in die neue Zeile, z. B. „Kö-nig“. Wenn zwei oder mehr Konsonanten dazwischen stehen, kommt jeweils der letzte Buchstabe in die neue Zeile: „far-big“, „farb-lich“, „päpst-lich“.

Um nun die Fehltrennungen in der Überschrift zu verstehen, müssen wir uns in das Trennprogramm einer Textverarbeitungssoftware, wie sie in der Zeitungsredaktion, aber auch am heimischen Computer verwendet wird, hineinversetzen und die gerade genannten Trennregeln noch etwas präzisieren. Im Fall von „Diepholz“ kennt das Trennprogramm diesen Eigennamen nicht. Es erkennt aber die beiden vokalischen Kerne „ie“ und „o“. Bei der Suche nach einer Trennstelle hält es die Kombination „ph“ für die Wiedergabe des griechischen Buchstabens Phi; „ph“ steht dann für den Laut „f“, wie z. B. in „Anal-phabet“. Da „ph“ hier für einen einzigen Laut steht, kommt es auf die neue Zeile, wie es etwa auch bei „ch“, „ck“ und „sch“ geschieht: „la-chen“, „Ja-cke“, „lö-schen“.

Etwas schwieriger ist es bei „Star-kregen“. Wiederum erkennt das Trennprogramm nicht, dass es sich um eine Zusammensetzung aus „stark“ und „Regen“ handelt, die eigentlich zwischen den beiden Bestandteilen zu trennen wäre. Das ominöse Wort wird daher wieder als Fremdwort behandelt. Für Fremdwörter gibt es nun eine Ausnahme von den oben angeführten Regeln. Sie betrifft Kombinationen aus einem Konsonantenbuchstaben + „l“ oder „n“ oder „r“, wie etwa in „Februar“. Das Paar kann ungetrennt auf die neue Zeile kommen, „Fe-bruar“, oder nach deutscher Manier (wie etwa in „fieb-rig“) nur sein letzter Buchstabe: „Feb-ruar“. Unser Problemwort „Starkregen“ wird nun vom Programm gemäß der Fremdwortregelung fremd getrennt: „Star-kregen“ (wie „Mi-kro“). So erging es übrigens kürzlich auch der „Fla-trate“ in „Din-klage“.

Am Ende ein Trost: In der Orthografie gibt es ein Recht auf Trennung, aber keine Pflicht.



9.
2011-Feb-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Interessanter Vortrag
Germanist erläutert Redewendungen

Vechta (su) – Der Vechtaer Professor Dr. Wilfried Kürschner hat den Vechtaer Heimatfreunden im gut besuchten Moorbachhof unter dem Titel „Wer A sagt, muss auch B sagen“ Redewendungen und ihre Hintergründe erläutert. In humorvoller Art ging er Lebensweisheiten sprachwissenschaftlich auf den Grund. Er erläuterte solche, die sich auf Laute beziehen („keinen Pieps sagen“), auf Buchstaben („von A bis Z“) oder Silben und Wörter („ich glaub’ dir keine Silbe“). Auch Weisheiten, die sich auf Sprachwerkzeuge wie Mund, Zunge, Lippen und Zähne beziehen („mundtot“, „nicht auf den Mund gefallen“, „dicke Lippe riskieren“), erklärte der Germanist. Es schloss sich eine lebhafte Diskussion an. Der Vorsitzende des Heimatvereins, Horst Krogmann, dankte Kürschner, der versprach, gerne einmal wieder vor den Heimatfreunden zu sprechen.



8.
2011-Feb-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

„Viele Zitatfehler passieren nicht vorsätzlich“
Cäcilia Klaus ebnet Texten den Weg zu wissenschaftlichen Weihen / Internet für einige Verfasser eine Versuchung

Von Ruth Honkomp

Lohne – „Sie schreiben doch Arbeiten …“, vermutete einmal ein Anrufer – fälschlicherweise, wie ihm Cäcilia Klaus unverzüglich und unmissverständlich erklärte. „Schreiben Sie Ihre Arbeit, ich korrigiere sie“, brachte sie das Angebot ihres Schreibbüros auf den Punkt. Der Anrufer verstand – und meldete sich nicht wieder.

Vor etwa drei Jahren eröffnete die Lohnerin ihr Schreibbüro „Klaus-Klartext“. Privater Art – „zum Beispiel Reden“ – und beruflicher Natur – „zum Beispiel Bewerbungsschreiben oder Werbetexte“, sind die Schreibhilfen, die sie gibt. Doch auch wissenschaftlichen Texten kann sie auf dem Weg zu akademischen Weihen auf die Sprünge helfen. Allerdings nur in einem sehr klar eingegrenzten Arbeitsfeld, wie die Lohnerin betont: „Ich korrigiere Rechtschreibung, Zeichensetzung und Grammatik.“ Die Berichterstattung um die umstrittene Doktorarbeit des Verteidigungsministers hat die promovierte Germanistin mit Interesse verfolgt – und sich gewundert: „Ich stelle mir schon die Frage, warum den Gutachtern nichts aufgefallen ist.“

Beim Korrigieren der Bachelor-, Master-, Diplom- und Doktorarbeiten ihrer Kunden fällt ihr durchaus des Öfteren mal etwas auf. „Wenn mir eine Textpassage merkwürdig vorkommt, weil sie zum Beispiel stilistisch nicht passt, dann jage ich sie einmal durch die Suchmaschine im Internet. Das ist ja heute ganz einfach.“ Wird Dr. Cäcilia Klaus dabei fündig, findet ihr Kunde am Seitenrand einen Kommentar zur entsprechenden Passage seines Textes: „Denken Sie daran, Zitate zu kennzeichnen.“

Mit dem richtigen Zitieren kennt sie sich aus eigener Erfahrung bestens aus. Schließlich hat sie bereits mehrere Studienabschlüsse in der Tasche. Ihr erstes Diplom erwarb die Konzertmusikerin mit einem Musikstudium in Bremen und London, die Magisterprüfung und das Staatsexamen in Deutsch und Englisch legte sie an der Hochschule in Vechta ab. Es folgte die Promotion bei Professor Dr. Wilfried Kürschner zum Thema „Grammatik der Präposition“.

Viele Zitatfehler, auf die sie während des Korrigierens stoße, passierten nicht vorsätzlich, meint Cäcilia Klaus. „Oft ist es ein Versehen.“ Da fehle mal das öffnende, mal das schließende Anführungszeichen, auch der Konjunktiv werde in indirekten Zitaten manchmal nicht durchgängig verwendet. „Viele Studenten haben grundsätzliche Schwierigkeiten mit dem wissenschaftlichen Arbeiten“, hat die Germanistin, die auch mehrere Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für germanistische Sprachwissenschaft an der Hochschule Vechta beschäftigt war, beobachtet.

Die Möglichkeiten, die das Internet heute bietet, könnten durchaus eine Versuchung sein, glaubt sie. „Zum einen besonders für die, die sehr ehrgeizig sind, und zum anderen auch für diejenigen, die auf der Kippe stehen.“

Am vergangenen Wochenende sah Minister Karl Theodor zu Guttenberg seine Arbeit nochmals durch und bemerkte Fehler, wegen derer er nun auf seinen Titel verzichten will. Wäre er ein Kunde von Cäcilia Klaus gewesen, hätte er das bereits 2007 gemacht. „Denn ich rate den Verfassern der Arbeiten, die ich korrigiere, immer dazu, die Arbeit selbst noch einmal daraufhin zu prüfen, ob die Korrekturen tatsächlich so angenommen werden sollen. Es kann ja immer auch sein, dass etwas anders gemeint ist, als ich es verstehe.“ Auf eines weist die Lohnerin vor allem in Hinblick auf die ordnungsgemäße Kennzeichnung der Zitate hin: auf die Bedeutung der eidesstattlichen Erklärung. Darin versichert der Verfasser, dass er die Arbeit selbst und nur mit den angegebenen Hilfsmitteln angefertigt hat. Cäcilia Klaus: „Wer dagegen verstößt, macht sich strafbar.“


[Foto]
Klartext erwerben die Kunden bei Cäcilia Klaus in Lohne: So heißt auch ihr Schreibbüro. Foto: Honkomp



7.
2011-02-20
Sonntagsblatt [Vechta]

Straßennamen aus Visbek
Heimatverein Visbek veröffentlicht jetzt Broschüre
Verfasserin ist Studentin aus Bad Münder. Kooperation mit Universität Vechta

Visbek. „Ein langgehegtes Vorhaben des Heimatvereins Visbek ist jetzt realisiert“, kommentiert Manfred Gelhaus, Vorsitzender des Heimatvereins Visbek, die jüngste Veröffentlichung des Vereins. Auf seinem traditionellen Heimatnachmittag hat der Heimatverein Visbek jetzt als Herausgeber die Broschüre „Straßennamen der Gemeinde Visbek – Ein kommentiertes Verzeichnis“ vorgestellt. Der Vorsitzende überreichte der Verfasserin, der 24-jährigen Studentin Stefanie Fischer aus Bad Münder, sowie Professor Dr. Wilfried Kürschner , Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Sprachwissenschaft und Germanistische Linguistik an der Universität Vechta, und Alfred Kuhlmann, Hauptamtsleiter im Rathaus Visbek, die druckfrische Broschüre mit 43 Seiten.

Gelhaus dankte der Lehramtsanwärterin für das als Bachelorarbeit erstellte ausführliche Verzeichnis. Stefanie Fischer hat in Zusammenarbeit mit der Gemeinde – neben Kuhlmann erfolgte eine Unterstützung durch Marianne Hitz – und dem Heimatverein nach zielgerichteten Recherchen eine informative und umfassende Arbeit vorgelegt; angereichert wird die Broschüre mit Aufnahmen von ausgewählten Schildern mit Straßennamen.

Für das ansprechende Layout der neuen Broschüre, die in einer Auflage von 500 Exemplaren gedruckt wurde, sorgte Manfred Gelhaus. Das Heft ist für 4 Euro im Rathaus Visbek, in der Heimatstube des Heimatvereins und in den Visbeker Buchläden erhältlich.



6.
2011-Feb-19
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Helau! – Alaaf! – Narri, Narro!

Von Wilfried Kürschner

„Vechta helau!“, so wird es heute Abend im Vechtaer Waldhof, intoniert von Narrenpräsident Tepe, mehrfach donnernd erschallen. In der Republik hinter den Bergen ruft man sich schon seit einigen Wochen bei den Galasitzungen im Saal „Helau! – Fastaubend!“ zu, bei den Umzügen auf der Straße am Dammer Karnevalssonntag und Rosenmontag – eine Woche vor dem offiziellen Termin – heißt es dann meistens kurz „Helau!“. Dieser norddeutschen Gemeinsamkeit steht das rheinische „Alaaf“ gegenüber – wem kommt nicht gleich „Kölle alaaf!“ in den Sinn? –, aber in Düsseldorf und Mainz wird wieder „Helau!“ gerufen.

Weiter südlich wird nicht mehr Karneval gefeiert, sondern Fastnacht (in Damme hat sich der „Fast-Abend“ bewahrt). Dort heißt es oft „Narri, Narro!“, offensichtlich in Anspielung an die Narren, die in den Tagen vor der vorösterlichen Fastenzeit ihr auf heidnische Zeiten zurückgehendes Wesen oder Unwesen treiben. Neben diesen drei Schlachtrufen, die auch dem karnevalistisch weniger infizierten Norddeutschen bekannt sind, gibt es eine ganze Reihe ortstypischer Narrenrufe wie zum Beispiel „Alerkerje schepp, schepp!“ in Altenkirchen im Westerwald.

Die Herkunft des kölnischen „Alaaf“ ist ziemlich leicht nachzuvollziehen. Wenn man die im Ausruf gedehnte Silbe „laaf“ kürzt, erhält man „all af“, rheinisch-platt für „alles ab“. Dies soll nun stehen für „alles weg“. „Kölle alaaf“ wäre somit „(außer) Köln alles weg“, das heißt „Köln vor allem (anderen)“. Nach einer anderen Deutung bezieht sich die Wendung auf die bevorstehende Fastenzeit, vor der das gute Essen und die dazugehörigen Getränke aufgebraucht werden müssen: „alles weg“. „Alaaf!“ wird nicht nur in Köln gerufen, sondern in weiten Teilen des Rheinlandes, vornehmlich links des Rheins (etwa „Oche alaaf!“ in Aachen), aber auch rechtsrheinisch im Bergischen Land sowie im Rhein-Sieg-Kreis.

Sonst ist, außer in Süddeutschland, „Helau“ der gewöhnliche Ruf. Sein Ursprung ist schwieriger zu ermitteln. Einige Volkskundler sehen in ihm ein verkürztes „Halleluja“, den kirchlichen Jubelruf, und weisen darauf hin, dass in bestimmten Regionen des Rheinlands die Narren heute noch „Ajuja!“ rufen. „Helau“ ist übrigens nach dieser Quelle in Mainz erst seit der Karnevalskampagne 1935 in Gebrauch. Vorher wurde zu Ehren der an der Festsitzung Beteiligten ein „Hoch“ oder „Hurra“ ausgebracht.

Diese Rufe sind derzeit nicht mehr in Verwendung, sodass von dieser Stelle unseren aktiven Närrinnen und Narrhalesen in Vechta ein „dreifach donnerndes Helau, Helau, Helau“ entgegengeschleudert sei. Meinem Dammer Gegenüber Wolfgang Friemerding danke ich für seine Auskünfte, lege wie er die Daumen auf die Tischkante, erhebe mich, verbeuge mich leicht, entbiete ihm mein „Helau“ und nehme sein „Fastaubend“ gern entgegen.



5.
2011-Feb-17
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Ein Freiherr mit fremden Federn?
Nach den Bundeswehr-Affären geht es jetzt um des Ministers geistiges Eigentum

Berlin (dpa/das/har) – Abkupfern für den Doktortitel? Verteidigungsminister Guttenberg hat nach mehreren Bundeswehr-Affären ein Problem mehr: Er soll bei seiner Doktorarbeit Texte abgeschrieben haben, ohne das zu kennzeichnen.

Wie es korrekt zugeht, erläutert der Vechtaer Sprachwissenschaftler Professor Wilfried Kürschner: „Die Übernahme fremden Gedankengutes in eigene Arbeiten ist ein in der Wissenschaft notwendiges und übliches Verfahren. Dabei ist der Übernehmende aber zur genauen Angabe der Quelle, das heißt des Autors und des Werkes, aus dem wortwörtlich zitiert oder mit eigenen Worten referiert wird, verpflichtet (im Text selber oder in einer Anmerkung sowie im Literaturverzeichnis). Unterbleibt die Kennzeichnung, handelt es sich um ein Plagiat, das bei seiner Aufdeckung schwer geahndet wird. Dies kann zur Aberkennung eines akademischen Grades führen.“ Nun: In Guttenbergs Dissertation gibt es mehrere Passagen, die wörtlich mit Formulierungen anderer Autoren übereinstimmen, ohne dass er dies gekennzeichnet hat. Aufgeflogen ist alles durch Recherchen des Bremer Juraprofessors Andreas Fischer-Lescano. Er forderte nun eine Aberkennung von Guttenbergs Doktortitel.

Es soll sich um mindestens neun kopierte Textstellen handeln. Die Passauer Politikprofessorin Barbara Zehnpfennig sagte gestern: „Es ist einfach dumm, so etwas zu übernehmen.“ Ein Rechtsexperte aus Münster fand zudem einen weiteren Fall, berichtete die Saarbrücker Zeitung.

Guttenberg gab seine Doktorarbeit zum Thema „Verfassung und Verfassungsvertrag. Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“ im Jahr 2006 an der juristischen Fakultät in Bayreuth ab. 2007 wurde er mit der Bestnote summa cum laude zum Dr. jur. promoviert.

Plagiatsversuche bei einer Promotion seien ihm an der Uni Vechta „noch nie untergekommen“, sagt Professor Harald Künemund. Anders bei Semesterarbeiten. Da seien Mogeleien durch schlichtes Kopieren „fast schon häufig“ festzustellen, berichtet der Senatsbeauftragte für Promotionen und Habilitationen. „Dank gewisser Übung“ seien stilistische und inhaltliche Brüche aber schnell entdeckt. Die Überführten seien teilweise kleinlaut, teilweise uneinsichtig.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte sich gelassen. „Ich denke, der Verteidigungsminister und die Uni Bayreuth werden die Dinge klären“, sagte die studierte Physikerin gestern. „Auch meine Promotionsarbeit wurde schon begutachtet.“ Guttenbergs Doktorvater Professor Peter Häberle nahm den CSU-Politiker in Schutz. „Der Vorwurf ist absurd“, sagte er.

Die Opposition nutzte die Vorwürfe zum Angriff auf Guttenberg. „Kein Politiker wird gezwungen, eine Doktorarbeit zu schreiben. Aber wer eine schreibt, muss korrekt zitieren“, sagte der Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, Spiegel Online. CSU-Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich sprach mit Blick auf den Plagiatsverdacht von einer „politischen Sauerei“ und erklärte: „Die Vorwürfe gegen den Bundesverteidigungsminister sind ein politisch motivierter Angriff.“




4.
2011-Feb-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Heimatverein

Am Donnerstag (17. Februar) findet um 19.30 Uhr im Moorbachhof ein Vortrag von Prof. Dr. Wilfried Kürschner mit dem Titel „Wer A sagt, muss auch B sagen“ statt. Kürschner wird Informatives und Humoriges über Redensarten und ihre Hintergründe erklären. Der Eintritt ist frei.



3.
2011-Feb-11
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Informative Arbeit mit Fotos angereichert
Broschüre über Visbeker Straßennamen im Rathaus, in der Heimatstube und im Handel

Visbek (kop) – Der Heimatverein Visbek hat eine neue Broschüre zur Geschichte der Straßennamen in der Gemeinde Visbek herausgegeben (die OV berichtete). Auf dem Heimatnachmittag überreichte Vorsitzender Manfred Gelhaus der Verfasserin, der Studentin Stefanie Fischer (24) aus Bad Münder, sowie Professor Dr. Wilfried Kürschner von der Universität Vechta und Hauptamtsleiter Alfred Kuhlmann die druckfrische, 43-seitige Broschüre. Gelhaus dankte der Studentin noch einmal für das als Bachelorarbeit beim Lehrstuhl für Allgemeine Sprachwissenschaft und Germanistische Linguistik in Vechta vorgelegte kommentierte Visbeker Straßenverzeichnis. Stefanie Fischer hat in Zusammenarbeit mit der Gemeinde und dem Heimatverein Visbek nach zielgerichteten Recherchen eine informative Arbeit, angereichert mit Aufnahmen von ausgewählten Schildern mit Straßennamen, vorgelegt. Gelhaus dankte Professor Dr. Kürschner für seine wissenschaftliche Begleitung und fundierte Vorbemerkungen für die Veröffentlichung. Für das ansprechende Layout der neuen Broschüre, die in einer Auflage von 500 Exemplaren von der Vechtaer Druckerei und Verlag (VDV) gedruckt wurde, zeichnete Manfred Gelhaus verantwortlich. – Das neue Heft ist für vier Euro im Rathaus, in der Heimatstube und in den Buchläden in Visbek erhältlich.

[Foto]
Druckfrisch: Auf dem Visbeker Heimatnachmittag erhielten (von links) Alfred Kuhlmann, Stefanie Fischer und Professor Dr. Wilfried Kürschner vom Heimatvereinsvorsitzenden Manfred Gelhaus die ersten Exemplare der neuen Broschüre über die Straßennamen in der Gemeinde Visbek. Foto: Koopmeiners




2.
2011-Feb-08
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vier Zeitzeugen an der Kaffeetafel
Heimatverein Visbek feiert 60-jähriges Bestehen mit buntem Nachmittagsprogramm

Visbek (kop) – Kein kleines Kaffeekränzchen und weit mehr als eine Kaffeetafel war, was der Heimatverein Visbek am Sonntag im vollbesetzten Saal Dieckhaus als Heimatnachmittag am Sonntag bot. Das zeigte schon die lange Liste der Ehrengäste, die Vorsitzender Manfred Gelhaus begrüßte, darunter Pastor Wilfried Scheuer, Pater Albert Seul, OP, Ehrenbürgermeister Fritz Middelbeck, Dr. Bernhard Brockmann, Goldenstedt, Prof. Dr. Wilfried Kürschner , Vechta und Studentin Stefanie Fischer, Bad Münder. Grund: Der Heimatverein eröffnete mit dem Heimatnachmittag die Feierlichkeiten anlässlich seines 60-jährigen Bestehens. […]

Der Heimatverein nutzte die Gelegenheit, eine neue Broschüre „Die Straßennamen der Gemeinde Visbek“ zu präsentieren. Die ersten Exemplare überreichte der Vorsitzende an Professor Dr. Kürschner, Studentin Stefanie Fischer und den Amtsleiter der Gemeinde Visbek Alfred Kuhlmann. […]



1.
2011-Jan-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Vor siebzig Jahren: Das Ende der Zweischriftigkeit

Von Wilfried Kürschner

Zurzeit ist viel von einer Schriftumstellung zu hören und zu lesen, und zwar von einer Umstellung der Schreibschrift, wie unsere Kinder sie in den ersten beiden Grundschulklassen erlernen. Bisher waren unterschiedliche, aber doch ähnliche Anfangsschriften in Gebrauch: die Lateinische Ausgangsschrift, die seit 1953 in Westdeutschland unterrichtet wird, mit der Alternative der Vereinfachten Ausgangsschrift seit 1973. In Ostdeutschland galt seit 1968 die Schulausgangsschrift. Dabei handelt es sich jeweils um „verbundene“ Schriften, bei denen die Buchstaben eines Wortes ohne Lücken ineinander übergehen sollen. Im Gegensatz dazu wird nun eine „Grundschrift“ vorgeschlagen. Ihre Buchstaben ähneln denen der Druckschrift und brauchen nicht lückenlos miteinander verbunden zu werden.

Man wird sehen, ob dieser Vorschlag umgesetzt wird, auf jeden Fall wird eine Umstellung aber bei weitem nicht so drastisch ausfallen, wie es vor siebzig Jahren der Fall war. Damals wurde der Gebrauch der „Deutschen“ oder, wie sie auch genannt wurde, der „Gotischen Schrift“ eingestellt; sie durfte ab dem Schuljahr 1941/42 nicht mehr unterrichtet werden.

An ihre Stelle trat die „Normalschrift“, eine lateinische Handschrift, wie sie schon zuvor für Fremdsprachen verwendet worden war und mit der die eingangs genannten Schulausgangsschriften große Ähnlichkeit haben. Grundlage dafür war ein sogenannter „Führerbefehl“ vom 3. Januar 1941, in dem die Gotische Schrift – am bekanntesten in der handschriftlichen Ausprägung der „Sütterlinschrift“ – als aus „Judenlettern“ bestehend denunziert wurde. In Wahrheit stand dahinter die Befürchtung, dass diese Schrift, die auch für den Druck verwendet wurde (hier sprach man dann eher von der „Fraktur“), im Ausland für Kommunikationsprobleme sorgte.

Lange Jahrhunderte hindurch hatten die „Gotische“ oder „(Alt-)Deutsche“ Frakturschrift und die „Lateinische“ Antiquaschrift jeweils in gedruckter und handschriftlicher Form nebeneinander existiert: Fraktur zum Schreiben der deutschen Sprache, Antiqua zum Schreiben der Fremdsprachen.

Die 1941 verordnete Alleinstellung der Antiqua hat dazu geführt, dass Deutsche, die im oder nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurden, kaum in der Lage sind, ältere, in Fraktur gedruckte Texte zu lesen, handschriftliche schon gar nicht. Reste der Frakturschrift begegnen dem Leser dieser Zeitung jedoch weiterhin jeden Morgen: Der Zeitungsname oben auf Seite 1 erscheint in einer speziellen Frakturform, der – gestauchten – „Schmalen Deutschen Anzeigenschrift“, mit der hervorstechendsten Besonderheit der zwei „s“-Formen: das „lange s“ im Wort „Oldenburgische“ und das „runde“ oder „Schluss-s“ in „Volkszeitung“.