Berichte 2010



36.
2010-Dez-11
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
»… seinen eingeborenen Sohn«

Von Wilfried Kürschner

In diesen Tagen ist viel von Weihnachten, gelegentlich sogar auch vom christlichen Ursprung dieses Festes die Rede. Da wird dann von »Gottes eingeborenem Sohn« und vom »Heiland« gesprochen und gesungen. Man darf vermuten, dass nicht immer recht verstanden wird, was damit gemeint ist.

Beim Wort »eingeboren« kommen einem vermutlich zunächst die Eingeborenen in den Sinn, wie man früher die Angehörigen von Naturvölkern bezeichnete. So kann das aber in Bibel und Glaubensbekenntnis nicht gemeint sein, und auch die andere Deutung im Sinn von »angeboren« kommt nicht in Frage. Wenn man sich erkundigt, hört man oft die Deutung »hineingeboren«, das hieße »aus dem Himmel kommend in die Welt hinein geboren«. Dies klingt einigermaßen plausibel, stimmt aber nicht mit den (wenigen) Bibelstellen überein, in denen das griechische Originalwort »monogenes« und seine lateinische Übersetzung »unigenitus« zu finden sind. Die Bestandteile »mono« bzw. »uni« zeigen das Gemeinte: »einer, einzig« und »genes“« bzw. »genitus«: »geboren«, das heißt also
» einzig geboren, einzig geschaffen«. So findet sich denn auch in neueren Bibelübersetzungen wie der katholischen »Einheitsübersetzung« die Übersetzung »Gottes einziger Sohn«. Die Lutherbibel hält auch in der neuesten Ausgabe am »eingeborenen Sohn« fest und präsentiert damit genauso wie das konfessionsübergreifende Glaubensbekenntnis einen überholten, für die meisten unverständlichen Sprachgebrauch.

Bei »eingeboren« handelt es sich um ein Wort mit mehreren Bedeutungen, wodurch Missverständnisse und Fehldeutungen nahegelegt werden. Anders ist es bei »Heiland«. Dieses Wort gehört nicht zum Alltagswortschatz, sodass es nicht verwundert, wenn es nicht unmittelbar verstanden wird und einer gesonderten Erklärungen bedarf. »Heiland« wird gelegentlich wie ein Eigenname zur Benennung von Jesus Christus verwendet. Es enthält den Bestandteil »heil« und legt dadurch die Deutung »Heiler, Gesundmacher« nahe. Im griechischen Original des Neuen Testaments bedeutet »soter« genauso wie die dazugehörige lateinische Lehnübersetzung »salvator« aber mit leicht anderer Bedeutung so viel wie »Retter«. Hier sieht man den Einfluss der Sprachgeschichte: Als im frühen Deutschen vor gut 1200 Jahren das Wort »heilant« als Lehnübersetzung von »salvator« geprägt wurde, hatte »heil« noch nicht exakt die Bedeutung(en), die es heute hat. »Heiland« bewahrt die alte Bedeutung auf, die aber den meisten heutigen Sprechern unbekannt ist, was zu der genannten Neudeutung führt.

Zum Schluss noch ein wahrscheinlich gut bekannter Kalauer: Wie heißt Jesus außer Christus, Heiland, Messias sonst noch? Owie – wie man ja aus dem bekannten Weihnachtslied weiß: »... Gottes Sohn, Owie, lacht ...«. In diesem Sinne: Fröhliche Weihnacht überall!



35.
2010-Nov-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Eltern haften für Ihre Kinder

Von Wilfried Kürschner

Da wird sich mancher Vater freuen, wenn er auf der Baustelle, nachdem sein Nachwuchs den Baukran umgekippt hat, das titelgebende Schild erblickt: Sollen doch andere Eltern für den Schaden aufkommen! Juristisch gesehen, wird man die Schreibung „Ihre“ (mit großem „I“) aber vermutlich als bloßen Rechtschreibfehler abtun. Dieser orthografische Lapsus beruht auf einer bestimmten Eigenschaft der Sprache: Unter ein und derselben Wortgestalt verbergen sich gelegentlich unterschiedliche Wortbedeutungen, man denke etwa an „Ton“ (in der Musik) und „Ton“ (in der Erde). Diese Gleichgestalt kann in der Lautung und in der Schreibung vorhanden sein – „Ton“ wird gleich gesprochen und gleich geschrieben. Es gibt aber auch den Fall, dass nur gleich geschrieben, aber unterschiedlich gesprochen wird – etwa „Montage“ (nach den Sonntagen) und „Montage“ (das Auf- und Zusammenbauen). Und umgekehrt: gleich gesprochen, aber unterschiedlich geschrieben, wie „Moor“ (Sumpfgelände) und „Mohr“ (von Venedig), „Lid“ (am Auge) und „Lied“ (zum Singen).

Unser Baustellenschild gehört zur letztgenannten Sorte. „IHRE“ wird gleich gesprochen, aber je nach Bedeutung unterschiedlich geschrieben: Mit kleinem „i“ am Anfang, wenn es sich auf „Eltern“ bezieht, mit großem „I“, wenn es als Pronomen (= „Fürwort“) der höflichen oder, besser gesagt, der distanzierten Anrede verwendet wird, wenn sich in unserem Fall also der Bauherr an den Betrachter wendet. Man hört diesen Unterschied, wie gesagt, nicht, und daraus ergibt sich das Rechtschreibproblem (hier läuft der vielstrapazierte Lehrersatz „Schreib, wie du sprichst“ also leer).

Die Verhältnisse liegen sogar noch etwas komplizierter. Das Possessivpronomen (= das „besitzanzeigende Fürwort“) „ihre“ ist mehrdeutig. Es kann sich auf einen Ausdruck beziehen, der wie das Wort „Eltern“ im Plural steht, und eine Vielzahl von „Besitzern“ meinen („Eltern/sie haften für ihre Kinder“), oder aber auf einen Ausdruck, der ein grammatisches Femininum ist, und eine einzige „Besitzerin“ meinen: „Die Mutter/sie haftet für ihre Kinder“.

Nochmals anders verhält es sich bei den gleichlautenden Pronomina der distanzierten Anrede: „Hier haften Sie für Ihre Kinder“. Der Funktionswechsel wird durch die Großschreibung angezeigt. Auffällig ist nun, dass sich „Sie“ und „Ihre“ auf einen Einzelnen oder auf Mehrere beziehen können, aber grammatisch immer im Plural stehen: „Lieber Vater, hier haften [nicht: haftet!] Sie für Ihre Kinder“, „Liebe Väter, hier haften Sie für Ihre Kinder“. Überdies stehen sie in der 3. Person, nicht wie das vertrauliche Anredepronomen „ihr/euer“ in der 2. Person. Dies erklärt sich aus der Sprachgeschichte. Ursprünglich gab es nur „du“ und „ihr“ für die Anrede einer einzelnen bzw. mehrerer Personen. Dann erfolgte für höhergestellte Einzelne eine Art Vermehrung oder Erhöhung in den Plural: „Frau Königin, Ihr seid die Schönste hier“. Und schließlich die Distanzierung der angesprochenen (2.) Person zur „besprochenen“ 3. Person: „Frau Königin, Sie sind die Schönste hier“.



34.
2010-Nov-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Festschrift gibt Note Eins für den Professor
Grammatik, Praxis, Geschichte: Umfangreiches Buch würdigt Wilfried Kürschners Arbeit

Vechta (ak [Andreas Kathe]) – Grammatik, Praxis, Geschichte – so der Titel eines neuen Sammelbandes, dessen tiefe Bedeutung sich erst auf den zweiten Blick erschließt. Die Herausgeber haben damit die Schwerpunkte der Arbeit des Vechtaer Sprachwissenschaftlers Professor Dr. Wilfried Kürschner umrissen. Für ihn haben anlässlich seines Ausscheidens aus dem Universitätsdienst seine Freunde und Kollegen ein dickleibiges Buch herausgegeben – eine Festschrift.

Grammatik, sagt das Team mit Abraham P. ten Cate, Reinhard Rapp, Jürg Strässler, Maurice Vliegen und Heinrich Weber, stehe für viele Forschungen und verdienstvolle Veröffentlichungen zu diesem Thema. Praxis umreiße das überdurchschnittliche Engagement in der universitären Lehre, Geschichte schließlich das große Interesse an der Geschichte der Sprachwissenschaft.

Volker Schulz, einst Kollege in der Vechtaer Professorenschaft, erprobt in dem Band eine neuartige Spielart der Evaluation, der Analyse und Bewertung. Er nimmt Kürschner in den Blick und attestiert ihm in fast allen Prüfungsbereichen die Note Eins: Die professorale Gesamtleistung sei hervorragend.

Das sehen wohl auch die anderen Kollegen so, die zu einem großen Teil mit ihm auch im Rahmen des Linguistischen Kolloquiums zusammenarbeiten. Im Rahmen dieses Kolloquiums fand in Veszprém am Plattensee kürzlich die Überreichung der Festschrift statt. Für Kürschner, der 1984 eine entsprechende Tagung in Vechta mit organisiert hatte, war dies eine besondere Ehre. Die Festschrift ist im Narr-Verlag, Tübingen, erschienen und kostet 78 Euro.



33.
2010-Nov-03
Rundschau am Mittwoch [Vechta]

Falscher Eindruck

Mit dem Artikel „Universität öffnet ihre Tore“ in der „Rundschau am Mittwoch“ vom 27. Oktober 2010 beschäftigt sich der folgende Leserbrief:

Am Anfang des Artikels (…) wird der Eindruck erweckt, als bekäme die Universität Vechta aufgrund ihrer Umbenennung „ab jetzt mehr Möglichkeiten“, akademische Titel zu verleihen. Dies trifft nicht zu, vielmehr hatte sie bereits seit 1973 – zunächst als Teil der Universität Osnabrück, ab 1995 unter dem irreführenden Namen „Hochschule Vechta“ – das Recht, die höchsten akademischen Prüfungen, die Promotion und die Habilitation, durchzuführen und die entsprechenden Titel „Dr.“ und „habil.“ zu verleihen. Sie machte davon auch weidlich Gebrauch. Gerade wegen dieses Promotions- und Habilitationsrechtes war Vechta den übrigen Universitäten gleichgestellt, was jetzt endlich durch die Bezeichnung „Universität Vechta“ unmissverständlich zum Ausdruck gebracht wird. Die Korrektur geschieht übrigens im Zuge der Umbenennung der niedersächsischen Fachhochschulen in Hochschulen – so heißt etwa die Fachhochschule Osnabrück jetzt „Hochschule Osnabrück“.

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Universität Vechta
Arbeitsstelle für Linguistische Dokumentation
Vechta



32.
2010-Okt-16
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Damen und Herrenbekleidung

Von Wilfried Kürschner

Wer ein Schild mit der Aufschrift „Damen und Herrenbekleidung“ erblickt, könnte einen Moment lang versucht sein anzunehmen, dass in dem Geschäft einerseits Herrenbekleidung verkauft wird, andererseits aber auch Damen zu haben sind.

Sein Wissen darüber, wie die Welt um ihn herum beschaffen ist, verwehrt ihm aber diese Deutung sofort, weil bei uns der Verkauf von Damen gar nicht oder wenigstens nicht so deutlich annonciert wird. Er ändert also die Aufschrift im Geiste, indem er an das erste Wort ein Strichlein anfügt. Die korrigierte Lesung „Damen- und Herrenbekleidung“ enthält einen der Krümel des deutschen Schriftzeichensatzes, den „Viertelgeviertstrich“ oder den „Bindestrich“. In der Welt des Internets wird dieser Strich, der auf der Tastatur rechts neben der Taste für den Punkt liegt, gern etwas salopp „Minus“ genannt.

Eine neutrale Bezeichnung wie „Viertelgeviertstrich“ ist angebracht, weil dieses Strichlein in der deutschen Rechtschreibung ganz unterschiedliche Aufgaben erfüllen kann. Bei unserem Ausgangsbeispiel steht er als Auslassungs- oder Ergänzungsstrich und zeigt an, dass der Schilderschreiber das folgende gemeinsame Grundwort ausgelassen hat, das der Schilderleser wieder ergänzen muss. Die vollständige Langform wäre also „Damenbekleidung und Herrenbekleidung“. Es geht auch anders herum: „Eisengewinnung und -verarbeitung“, und auch an beiden Teilen kann etwas ausgelassen bzw. zu ergänzen sein: „Textilgroß- und -einzelhandel“.

Vom Ergänzungsstrich zu unterscheiden ist der Viertelgeviertstrich in seiner Funktion als eigentlicher Bindestrich. Er wird etwa bei Doppelnamen eingesetzt – „Leutheusser-Schnarrenberger“ kommt einem gleich in den Sinn. Doch auch im Normalwortschatz wird er verwendet, etwa bei „Hawaii-Insel“, „UKW-Sender“, „3-mal“ und dergleichen mehr.

Der Bindestrich kann aber auch die Einzelteile von Wörtern, die aus mehr als nur zwei Bestandteilen bestehen, miteinander verbinden. Zum Beispiel: „Magen-Darm-Katarrh“, „Latte-macchiato-Glas“, „A-Dur-Tonleiter“, „DIN-A4-Blatt“. Dann spricht man vom Durchkopplungsbindestrich.

Hier findet man, wenn man mit wachen Augen durch die Stadt geht, zahlreiche Abweichungen, vor allem auf Schildern mit Straßennamen, die Personennamen enthalten. Neben korrekt beschrifteten Schildern wie „Von-Droste-Hülshoff-Straße“ oder „Rolf-Dieter-Brinkmann-Str.“ finden sich an ein und derselben Straße gleich zwei Schildersorten: „Thomas-v.-Aquin-Straße“ und „Thomas-v. Aquin-Str.“. Auf dem Bushaltestellenschild am Ende der Thomas-von-Aquin-Straße steht gar „Thomas v. Aquin Str.“, eine Zeile tiefer „Pater-Titus-Str.“ und darunter dann wieder „Pater Titus Stift“. Wie gut, dass es in Vechta keine Johann-Wolfgang-von-Goethe-Straße gibt, sondern nur eine schlichte Goethestraße (ohne Minus).



31.
2010-Okt-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Erfunden
Zum Beitrag „Der eitelste Dichter Deutschlands“ (OV vom 7. Oktober):

„Zwar sollte, wer im Glashaus sitzt (weil er in der OV vom 8. Oktober dem Nobelpreisträger Vargas Llosa einen ,Don Rigoletto’ andichtete, der in Wahrheit aber Rigoberto heißt), nicht mit Steinen werfen, aber ein Steinchen mag erlaubt sein. In der Besprechung des neuen Buches des früheren Nobelpreisträgers Günter Grass, ,Grimms Wörter’ (OV, 7. Oktober), heißt es, dass Wilhelm Grimm, der Bearbeiter der Wörter im ,Deutschen Wörterbuch’, die mit dem Buchstaben D anfangen, bis zum Eintrag ‚Durst’ gekommen sei. Wo immer das herstammt – es ist erfunden. In der Vorrede zu Band 2 des Wörterbuchs, der 1860, ein Jahr nach Wilhelms Tod vollendet wurde, schreibt sein Bruder Jacob: ‚Angemerkt zu werden verdient, dasz er [Wilhelm] mit dem buchstaben D … genau und ohne dasz davon ein wörtchen fehlte zu ende gelangt war, als ihn der tod wegnahm.’ So endet also dieser Band, beginnend mit dem Wort ‚biermörder’ (‚potator, der das bier mordet, tilgt, aufzehrt’), mit dem Eintrag ‚dwatsch’: ‚dumm, albern, s. quatsch’.“

Prof. (em.) Dr. Kürschner
Dohlenstr. 7
Vechta


Bezugstext:

2010-Okt-07
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Der eitelste Dichter Deutschlands
Günter Grass schreibt eine Liebeserklärung an die Brüder Grimm – und an sich selbst

Von Dirk Dasenbrock

Lübeck/Göttingen – Günter Grass ist der große alte Mann der deutschen Literatur. Der Mann hat jetzt ein Buch geschrieben über die Gebrüder Grimm, ihr Wörterbuch und über sich selbst. Vielleicht sein letztes Buch. Günter Grass liebt die deutsche Sprache. Und er ist verliebt in sein eigenes Sprachvermögen. Hier die Demut vor der Muttersprache, dort die eigene Sprach-Egomanie. Das passt eigentlich nicht, aber Grass schreibt es zusammen. Der 83-Jährige ist kein Intellektueller. Das hat seiner Dichtung nie geschadet. Aber der Autor Grass ist eitel bis ins Monumentale. Das schadet seiner Dichtung enorm. „Grimms Wörter“ heißt im Untertitel „Eine Liebeserklärung“. Das Dumme ist: Es ist auch eine Liebeserklärung von Grass an Grass.

In gewohnter Sprachgewalt erzählt Grass von den ungeheuren Anstrengungen der beiden deutschen Sprachforscher, ihr großes Wörterbuch auf den Weg zu bringen. Wilhelm Grimm kam bis zum Eintrag „Durst“, sein Bruder Jakob bis „Frucht“. Sie begannen 1838, fertig war das Werk 1961: Das ist für sich schon eine sagenhafte deutsche Literatur-Geschichte. Grass erzählt von den Mühen der Brüder, von ihrem alltäglichen Hader, von ihrer Vertreibung aus Göttingen, von der Arbeit in Berlin. Das alles hätte schon dicke für ein Buch gereicht. Und wäre für den sprachmächtigen Wörter-Herrn Grass auch eine verheißungsvolle Vorlage gewesen.

[...]

Günter Grass: Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung. Göttingen, Steidl-Verlag 2010, 360 Seiten, 29,80 Euro.



30.
2010-Okt-08, Seite 3
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Ein großer Erzähler und echter Kosmopolit
Vargas Llosa hatte keiner auf der Nobelpreis-Rechnung / Erstmals seit 20 Jahren ein Lateinamerikaner

Von Dirk Dasenbrock

Stockholm – Die Überraschung ist geglückt: Die Jury in Stockholm hat den Literaturnobelpreis an einen echten literarischen Kosmopoliten vergeben. Gestern noch wurden ganz andere Favoriten in der Preis- Trommel vermutet. Jetzt ist es ein Weltberühmter geworden. Mario Varga Llosa folgt auf Herta Müller. Die Findungs-Wege der Nobelpreisjury bleiben unergründlich – aber in beiden Fällen nachvollziehbar. Beide Autoren sind Schriftsteller von Weltrang. Vargas Llosa allerdings ist – anders als Müller – schon seit Jahrzehnten eine große literarische Figur, mit gewaltigen Auflagen und in alle bedeutenden Sprachen übersetzt.

Professor Wilfried Wittstruck, Germanist an der Uni Vechta, findet es zunächst sehr bemerkenswert, dass nach langer Zeit mal wieder ein Autor aus Lateinamerika geehrt wird. „Das ist etwas Besonderes. Selten genug. Der erste aus Peru. Für mein Fach von Bedeutung: Vargas Llosa hat vor einiger Zeit einen Essayband veröffentlicht über die ’Wirklichkeit des Schriftstellers’. Darin postuliert er seine Maxime, und die gilt für Peru und für Deutschland: So wirklichkeitsnah seine Romane – er nennt sich ja einen liberalen Demokraten – auch immer scheinen, es geht ihm nicht um eine wie auch immer objektive Abbildung der Wirklichkeit. Vielmehr entsteht bei ihm durch das Hereinnehmen der Wirklichkeit eine neue, fiktionale Wirklichkeit.“ Da, so Wittstruck, „verknüpft sich Leben mit Literatur. Vargas Llosa ist kein „Fotograf der Wirklichkeit, sondern er schafft mit dokumentarischer Präzision eine neue. Er schreibt, so heißt es oft, mit ’kaltem Auge’, aber das ist alles andere als gefühllos.“

Wilfried Kürschner, emeritierter Sprachwissenschaftler an der Uni Vechta, sah die Wahl gestern ganz praktisch und universitätsnah: „Die Verleihung des Nobelpreises an Mario Vargas Llosa wird sicherlich zum Anlass genommen werden, den Bestand seiner Werke in unserer Universitätsbibliothek zu komplettieren.“ Denn, so der Professor, „seinen jüngsten hier vorhandenen Roman, ’Die geheimen Aufzeichnungen des Don Rigoletto [recte: Rigoberto]’, habe ich mit Vergnügen gelesen.“

[...]



29.
2010-Okt-05
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Viele Akten für die Uni gerettet
Professor Dr. Wilfried Kürschner übergibt seine
Sammlung

Vechta (ej [Eva Jarminowski]) – Um Mitternacht [vom 30. September zum 1. Oktober 2010] wurde aus dem Mitarbeiter [recte: Mitglied] Professor Dr. Wilfried Kürschner ein Angehöriger der Universität Vechta. Aber dieser rein formale Wandel beeinflusst das Leben des Germanisten nur unwesentlich. „Ich werde weiterhin an der Universität arbeiten und forschen“, erklärt Kürschner. „Ich habe durch die Verknüpfung von Forschung und Lehre einen der schönsten und besten Berufe, die man haben kann.“

Bekannt ist Kürschner in Vechta nicht nur durch seine Arbeit als Germanist. Er hat seit seinem Dienstantritt 1980 angefangen, Dokumente der Universität zu sammeln. Zusammen mit der Verwaltungsangestellten Marlies Völker hat er viele Akten vor dem Wegwerfen bewahrt. Heute zeugen gut 1000 Kartons und Ordner mit Verwaltungsakten, aber auch vielen Abschlussarbeiten in den Regalen des Gebäudetrakts D der Universität von seiner akribischen Arbeit.

Zeitgleich mit seiner Emeritierung übergab Professor Kürschner seinen kompletten Vorlass der Uni. Bis zum Jahr 1857 gehen die Akten zurück. Seit 2004 wurde durch das Archiv eine systematische Sammlung begonnen. „Viele wichtige Dokumente sind nur noch in dem Vorlass von Herrn Kürschner zu finden“, sagt Franz-Josef Luzak, der für die Erfassung des Archivs zuständig ist. Er bereitet eine Ausstellung mit Dokumenten aus diesem Magazin vor. Auch Professor Dr. Alwin Hanschmidt, Beauftragter des Präsidiums für das Uni-Archiv, ist von dem Vorlass Kürschners begeistert: „Vor allem die Sammlung der Presseausschnitte ist hier besonders wertvoll.“



[Bildunterschrift:] Wichtige Dokumente hat Professor Dr. Wilfried Kürschner (rechts) aufbewahrt. Franz-Josef Luzak (links) und Professor Dr. Alwin Hanschmidt lobten ihn dafür. Foto: Jarminowski



28.
2010-Sep-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
GROSSE Strasse

Von Wilfried Kürschner

Auf Quittungen oder Rechnungen von Geschäften in den Einkaufsmeilen von Vechta und anderen Städten findet man Adressangaben wie die in der Überschrift. Natürlich nicht in dieser Mischung von Versalien (Großbuchstaben) in dem einen Wort und Normalschrift im zweiten – die Mischung habe ich hier aus Demonstrationsgründen vorgenommen. Man liest also „GROSSE STRASSE“ oder „Grosse Strasse“, gelegentlich auch „GROßE STRAßE“ oder „Große Straße“. Was stimmt denn nun?

Knackpunkt ist ganz offensichtlich das „ß“, der deutscheste aller Buchstaben im lateinischen Alphabet. Keine der anderen Sprachen, die sich dieses Alphabets bedienen, kennt unser Eszett. Daher wird es manchmal bei Post aus dem Ausland durch ein „B“ ersetzt („GroBe StraBe“).

Unser „ß“ ist in mehrfacher Hinsicht etwas ganz Besonderes. Es hat zum einen mehrere Namen. Die einen nennen es „scharfes s“ (wohl weil es immer „scharf“, das heißt stimmlos wie in „heiß“ und „heißen“ ausgesprochen wird), in der Schule wird es wegen seiner Form „Buckel-s“, „Rucksack-s“, in Süddeutschland auch „Dreierles-s“ genannt, und im Duden heißt es „Eszett“. Zum anderen gibt es das „ß“ (offiziell) nur als Kleinbuchstaben, während alle anderen jeweils als Paar von Groß- und Kleinbuchstabe vorliegen. Drittens kommt es nie am Wortanfang vor. Und viertens ist es der Buchstabe, der vielen Schreibern wahrscheinlich größere Probleme macht, siehe die Überschrift.

Seit der Rechtschreibreform ist die Angelegenheit zwar etwas einfacher geworden: „ß“ schreibt man nur noch nach langen Vokalen (= Selbstlauten) wie in „Stoß“ oder „Maße“ sowie nach Diphthongen (= Zwielauten) wie in „außer“ oder „heiß“.

Diese Neuregelung wird vor allem von Deutschlernern begrüßt: Sie hören jetzt dem Vokal an, ob er – lang wie in „Floß“ – ein „ß“ verlangt oder – kurz wie in „floss“ – ein Doppel-s (früher war in beiden Fällen „ß“ zu schreiben: „Floß“ wie „floß“, aber „Flöße“ und „flossen“). Die Neuregelung hat aber auch zu Missdeutungen geführt. Eine davon ist die, dass es das „ß“ gar nicht mehr gibt (das stimmt nur für die Schweiz). Diese Fehlannahme liegt wohl der Schreibung „Grosse Strasse“ zugrunde (was sich dann reimen würde auf „Krosse Gasse“). Das andere Missverständnis besteht darin, dass man nun nach Langvokal immer „ß“ schreiben müsse, auch in Versalien: „GROße STRAßE“. Es gibt aber nach wie vor die Regel, dass ein kleines „ß“ bei der Verwendung von Großbuchstaben in zwei große „S“ umzuwandeln ist: „GROSSE STRASSE“.

Um diesem Missstand abzuhelfen, ist vor zwei Jahren wieder einmal ein großes Eszett geschaffen worden: Es zu verwenden, entspricht allerdings nicht den Rechtschreibregeln, siehe die Umwandlungsregel oben, die nach wie vor gilt. Es ist auch nicht zu erwarten, dass nach dem zehnjährigen Hickhack um die Rechtschreibreform das große Paket für das kleine „ß“ wieder aufgeschnürt wird. Bummeln und kaufen („shoppen“) wir also weiter in der Großen/GROSSEN Straße/STRASSE.

[Bild:] Das „große scharfe S“



27.
2010-Aug-31
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Unbemerkt

Ergänzend zu dem Kommentar „Gleiches Recht für alle“ von OV-Redakteur Harding Niehues und dem diesbezüglichen Leserbrief „Altersteilzeit“ von Reinhard Sundermann (OV vom 23. bzw. 27 August) ist auf eine bereits Anfang 2007 erfolgte Gesetzesänderung hinzuweisen, die das Renten- bzw. Pensionsalter einer bestimmten Personengruppe, nämlich der Professoren, drastisch erhöht hat: Sie erreichen künftig die Altersgrenze erst mit der Vollendung des 68. Lebensjahres. Diese bundesweit einmalige Regelung trifft auf Professoren ab dem Geburtsjahrgang 1947 (und jünger) zu. Für sie gilt ein heraufgesetztes Ruhestandsalter damit nicht, wie derzeit noch allgemein vorgesehen, monatlich ansteigend erst ab dem Jahre 2012 und voll ab dem Jahre 2029 (Rente mit 67), sondern es setzt, und zwar übergangslos, bereits ab 2012 ein und, wie gesagt, mit einem Schlag mit 68 statt mit 67 Jahren. Wer also bis Ende 1946 geboren ist, scheidet 2011 mit 65 aus, der 1947 Geborene 2015 mit 68. Diese im Niedersächsischen Hochschulgesetz getroffene Maßnahme ist von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt geblieben. Auch seitens der Betroffenen, der Professoren an Universitäten und Fachhochschulen in Niedersachsen, ist kein Protest vernehmbar geworden, was auf ihre große Berufszufriedenheit schließen lässt.“

Prof. Wilfried Kürschner
Universität Vechta



26.
2010-Aug-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Sprachebene
Federal Foreign Office

Von Wilfried Kürschner*

Anfang August fand in Warschau der Internationale Germanistenkongress statt, bei dem sich Wissenschaftler aus dem In- und Ausland trafen, um ihre Forschungsergebnisse zur deutschen Sprache und Literatur sowie zur Landeskunde vorzustellen und zu diskutieren. Dabei wurde vonseiten der Auslandsgermanistik das in den meisten Ländern zurückgehende Interesse an der deutschen Sprache und damit auch an der Aufnahme eines Germanistikstudiums beklagt. Der mehr oder minder deutlich erhobene Vorwurf an die Adresse vor allem Deutschlands, aber auch Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz lautete: „Dafür seid ihr kräftig mitverantwortlich. Es liegt vor allem an eurer mangelnden Sprachloyalität.“

Unter „Sprachloyalität“ versteht man die Wertschätzung, die die Sprecher ihrer eigenen Sprache entgegenbringen, dass sie sich ihrer nicht schämen und dass sie bereit sind, sie zu verwenden, wenn sie mit einem Anderssprachigen in Kontakt treten. Deutsche würden dann, so der Vorwurf, viel zu schnell ins Englische überwechseln, statt auszutesten, wie weit der Gesprächspartner auf Deutsch mithalten könne. Auf den Chefetagen deutscher Unternehmen würde selbst im Inland auf Englisch verhandelt. Wissenschaftliche Vorträge würden auch vor überwiegend deutschsprachigem Publikum auf Englisch gehalten, Aufsätze gleich auf Englisch publiziert. Weshalb solle man sich denn, so frage man sich im Ausland, der Mühe unterziehen, die deutsche Sprache, die überdies als recht schwierig gilt, zu erlernen und gar ein Germanistikstudium aufnehmen, und warum solle man in Deutschland und nicht gleich im englischsprachigen Ausland studieren?

Wie die Faust aufs Auge passte da ein Signet vorn im Programmheft des Kongresses, wo sich auf einer Seite die Unterstützer („Sponsoren“) des Kongresses präsentieren. „Federal Foreign Office“ war da unter anderem zu lesen, und wäre bei dieser Zeile nicht auch der Bundesadler abgebildet gewesen, wäre manchem wohl verborgen geblieben, wer hier auf sich aufmerksam machen wollte. Der gerade frisch ernannte deutsche Botschafter in Polen, auf diese Angelegenheit angesprochen, war höchst erstaunt und versprach, der Sache nachzugehen. Wenigstens zweisprachig müsste die Präsentation erfolgen, erst deutsch, dann die englische Übersetzung: „Auswärtiges Amt der Bundesrepublik Deutschland – Federal Foreign Office“. So verfährt auf derselben Seite der DAAD, zwar orthografisch nicht ganz korrekt, aber wenigstens auch deutsch: „Deutscher Akademischer Austausch Dienst – German Academic Exchange Service“.

Von der großen Welt der internationalen Diplomatie ins kleine Vechta: Hier gibt es an der Universität nicht mehr das Akademische Auslandsamt, sondern ein „International Office“, und die beiden zum Lehramt führenden Studiengänge heißen „Bachelor of Arts Combined Studies“ und „Master of Education“. Da scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis das Fach Germanistik in „German Studies“ umbenannt wird und der Deutschlehrer nicht mehr Deutsch unterrichtet, sondern German teacht.

Übrigens: Der Tagungsort war, wie auf der erwähnten Sponsorenseite ebenfalls zu lesen ist, zu erreichen mit der „Lufthansa – Official Airline“, und Warschau liegt in der Region „Mazovia – heart of Poland“: Wir Deutschen sind wenigstens nicht die einzigen Global Players.

* Professor Dr. Wilfried Kürschner ist Sprachwissenschaftler und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der Uni Vechta.



25.
2010-Jul-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Mehr Retter

„Im Leserbrief von Professor Janssen in der OV vom 23. Juli ist jeder Satz zu unterstreichen. Ich hatte mich in meinem Brief lediglich auf die Berichterstattung über die Abschiedsvorlesung von Professor Kürschner bezogen, in der die Schließungsabsicht der SPD-Landesregierung [...] thematisiert wurde, und kritisiert, dass – im Gegensatz zur nun von der SPD in einem vierspaltigen Artikel konstatierten ,enormen Bedeutung’ der Uni für die gesamte Region – im Artikel der OV die in der Vorlesung genannten Personen, die durch eine inzwischen fast unüberschaubar gewordene Zahl von Veröffentlichungen und Vorträgen gerade dies geleistet haben, nicht erwähnt wurden. Zu nennen wären in diesem Zusammenhang noch Professor Hanschmidt, Dr. Zumholz, Dr. Hirschfeld und viele andere. Und da wir schon dabei sind, zu vervollständigen, ist neben der Kirche auch Pro Uni zu erwähnen, gleichfalls zahlreiche Studenten sowie einige Redakteure der OV, etwa Herr Kathe. Bischof Lettmann ist Ehrendoktor der Universität, Gert Stuke, Gründer der Bürgerinitiative Pro Uni, Ehrensenator und Professor Kuropka erhielt vor einem Monat den Verdienstorden des Landes Niedersachsen.“

Rudolf Willenborg
Wicbertstraße 5
Vechta



24.
2010-Jul-24
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

OV-Gastkommentar: Notizen aus der Welt der Sprache
Herzliches Willkommen

Von Wilfried Kürschner*

Die Zeit der Schützenfeste ist in vollem Gange, und wo man hinkommt, wird man mit offenen Armen begrüßt und willkommen geheißen. „Herzlich willkommen“ heißt es auf dem Transparent, das einem den Weg weist, „Herzlich Willkommen“ über dem Eingangsportal. Wie nun das? Geht beides, „Willkommen“ mit großem Anfangsbuchstaben und „willkommen“ mit kleinem „w“? Folgt man dem Gebrauch und zählt einmal die beiden Schreibungen, die sich ja auch an Geschäften, Gaststätten und anderen öffentlichen und privaten Orten wie Fußabtretern vor der Haustür finden, kommt man zu dem Ergebnis: ungefähr halbe-halbe.

Die Unterscheidung von Groß- und Kleinschreibung ist eine deutsche Spezialität. Sie hat uns schon zu Schulzeiten Kummer bereitet, aber bei der Rechtschreibreform um die Jahrtausendwende durfte auf Geheiß der Kultusminister die Chance, auf sie zu verzichten, nicht ergriffen werden, und zwar nicht nur deshalb, weil dann Gebilde wie „Der gefangene floh“ und „Sie hat in Berlin liebe genossen“ doppeldeutig geworden wären (was sie in gesprochener Sprache aber ohnehin sind) – nein, man sah die ganze deutsche Schreib- und Lesetradition in Gefahr.

Dabei steht am Anfang der Überlieferung von Texten in deutscher Sprache, vor gut 1200 Jahren, die Kleinschreibung (und auch das umfangreichste deutsche Buch, Grimms Wörterbuch, ist in ihr verfasst). Erst im Laufe der Zeit wurden die ersten Buchstaben von Kapitelanfängen, Überschriften und dergleichen zur Ausschmückung größer geschrieben. Diese Hervorhebung erstreckte sich, besonders nachdem um 1450 der Buchdruck erfunden worden war, auch auf die Satzanfänge, die dadurch besser zu erkennen waren. Zugleich griff sie ins Satzinnere über, wo dann Wörter von besonderer Wichtigkeit wie „Gott“, „Herr“ sowie Namen von Personen, Orten und dergleichen mit großen Anfangsbuchstaben geschrieben wurden.

Zur noch heute gültigen Regelung, wonach alle Substantive (die auch „Haupt“-Wörter oder nach dem lateinischen Begriff „nomen“ Namenwörter genannt werden) großzuschreiben sind, kam es erst im Laufe des 18. Jahrhunderts, und sie wurde in den Rechtschreibfestlegungen von 1876 und 1901 zementiert. Die übrigen europäischen Sprachen (außer dem Niederdeutschen und dem Luxemburgischen) folgten diesem Sonderweg nicht; zuletzt schafften 1948 die Dänen die Substantivgroßschreibung aus politischen Gründen in bewusster Abkehr von der Gemeinsamkeit mit dem und den Deutschen ab.

Was stimmt nun: „Herzlich Willkommen“ oder „willkommen“? Die Großschreibung wäre begründet, wenn es sich um ein Substantiv oder eine Substantivierung – wie zum Beispiel in „Gutes Gelingen“ – handelte. Dann müsste es aber auch „Herzliches Willkommen“ heißen. Daher ist „Herzlich willkommen“ richtig. Es ist eine Verkürzung von „Seien Sie uns herzlich willkommen“ oder „Wir heißen Sie herzlich willkommen“. Wer dem Problem aus dem Weg gehen will, schreibt alles groß, „HERZLICH WILLKOMMEN“, oder lässt „herzlich“ weg: „Willkommen“.

* Herzlich willkommen: Prof. Dr. Wilfried Kürschner gehört ab sofort zum Quartett der OV-Gastkommentatoren. Er ist Sprachwissenschaftler und lehrte bis zu seiner Emeritierung im Jahr 2010 an der Universität Vechta.



23.
2010-Jul-23
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Konkordat und Bischof
Zum Leserbrief „Retter der Uni“ von R. Willenborg (OV vom 21. Juli):

„Ohne die verdienstvollen Bemühungen von Prof. Kürschner und Co um den Erhalt der Uni Vechta schmälern zu wollen, sei der Objektivität halber festgehalten, dass die katholische Kirche einen, wenn nicht den entscheidenden Anteil an der Rettungsaktion gehabt hat. Sie hat immer wieder das Konkordat als Rettungsanker in die gegen die Hochschule Vechta gerichteten Angriffswellen geworfen. Dabei hat sich vor allem der damalige Bischof von Münster, Dr. Reinhard Lettmann, als Fels in der Brandung und unbeugsamer Verhandlungspartner der niedersächsischen Landesregierung erwiesen. Seinem strategischen Verhandlungsgeschick – im Zusammenwirken mit der Päpstlichen Nuntiatur – ist es zu verdanken, dass die Hochschule Vechta, die mehr als einmal vor dem Aus gestanden hat, heute weiterexistiert und nunmehr zu Recht den Titel ,Universität‘ tragen darf.“

Prof. Dr. F. Janssen
Driverstraße 33
Vechta



22.
2010-Jul-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Chinesisch gar nicht so schwer
Professor aus Partneruni in Xian führte in Schriftzeichen ein

Vechta – Mit einem Vortrag über die Morphologie des Chinesischen fand die diesjährige Ringvorlesung zu Themen der Globalisierung an der Universität Vechta ihren Abschluss.

Referent war der Sprachwissenschaftler und Dekan der Germanistischen Abteilung der Xian International Studies University, Professor Dr. Wen Renbai aus Xian/China. Mit ihm und seiner Universität kooperiert die Universität Vechta seit fünf Jahren.

Unter den Zuhörern der Vorlesung waren auch die von Professor Dr. Wilfried Kürschner und Dr. Helmut Groß betreuten chinesischen Austauschstudenten, die gegenwärtig an der Vechtaer Hochschule studieren. Sie freuten sich besonders, ihrem Dekan fern ihrer Heimat begegnen zu können. Auch für sie waren die Herleitungen chinesischer Schriftzeichen durch ihren Professor auf der wissenschaftlichen Ebene seines Vortrages neu.

Viele Zeichen stehen für das, was sie bezeichnen und bilden es geradezu ab, so dass sie fast selbstredend sind. Dieses konnte man den zahlreichen Beispielen des Sprachwissenschaftlers entnehmen. Das von Wen erschlossene Zeichensystem ist die große Klammer, die die gut 50 Nationen und Kulturen Chinas und damit nahezu 1,5 Milliarden Menschen sprachlich zusammenhält.

Professor Wen, der in Berlin an der Technischen Universität, der Freien Universität sowie der Humboldt-Universität studiert hat, mit den Universitäten in Konstanz und Münster kooperiert und mehrfach schon eine Gastprofessur in Deutschland innehatte, war auf persönliche Einladung von Professor Dr. Egon Spiegel nach Vechta gekommen. Dieser hatte zuvor in Xian einen Vortrag über den interreligiösen Dialog als Beitrag zum Weltfrieden gehalten hatte.


[Bild: Hießen chinesischen Gelehrten willkommen: Professor Dr. Egon Spiegel begrüßte Professor Dr. Wen Renbai gemeinsam mit den Professoren Dr. Wilfried Kürschner und Dr. Hermann von Laer (hinten Mitte, von links) sowie chinesische Gaststudenten. Foto: privat]



21.
2010-Jul-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Retter der Uni

„Der Artikel über die Verabschiedung von Professor Kürschner in der OV vom 16. Juli erwähnt nur knapp den in der Vorlesung ausführlich thematisierten Kampf um den Erhalt der Uni, als die SPD-Landesregierung unter Gerhard Schröder [...] versuchte, die Universität zu schließen. In der OV vom 11. Juni erschien ein vierspaltiger, namen- und kürzelloser Artikel unter der Überschrift ,Glückwunsch der SPD für die Uni Vechta’, der mit folgendem Zitat begann: ,Die Bezeichnung Universität wird der enormen Bedeutung dieser Bildungseinrichtung für Vechta und die gesamte Region gerecht.’ Wenn für eine solche Unverfrorenheit und Späteinsicht der SPD soviel Platz zur Verfügung steht, nicht jedoch für die Personen, die sich für den Erhalt der Universität eingesetzt und Entscheidendes zu dem beigetragen haben, was das Einleitungszitat des SPD-Glückwunsches ausdrückt, seien wenigstens an dieser Stelle neben Kürschner einige weitere Namen genannt: Joachim Kuropka, Hans-Wilhelm Windhorst, Hermann von Laer, Volker Schulz, Cornelia Wienken, Franz Bölsker u. a. Vielleicht findet sich angesichts der Feierlichkeit zur Umbenennung der Uni im Herbst Gelegenheit, sie einmal ausführlich zu würdigen, etwa durch gute Interviews, wie das von Herrn Kathe mit Professor Kürschner in der OV vom 15. Juli.

Im OV-Artikel heißt es abschließend, Kürschner werde der Universität erhalten bleiben. In diesem Sinne: Ad multos annos, lieber Herr Kürschner!“

Rudolf Willenborg
Wicbertstraße 5
Vechta



20.
2010-Jul-16
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Kürschner geht

Vechta – Mit begeistertem Applaus dankten gestern die Hörer im voll besetzten Hörsaal B1 – nicht nur für die höchst unterhaltsame Abschiedsvorlesung, sondern auch für das erfolgreiche Engagement Wilfried Kürschners, das der Universität Vechta zugute kam. Der Sprachwissenschaftler und Germanistikprofessor hielt einen Rückblick auf „60 Semester“. – Seite 10


Sprachfehler mündet in akademischer Karriere
Professor Wilfried Kürschner gibt Abschiedsvorlesung in vollem Hörsaal / Geschichte über Leben und Wirken

Vechta (lc) - Am Ende war es eine erfolgreiche Geschichte, die mit einem Sprachfehler begann - und kein bisschen langweilig. Auch wenn der Erzähler dies zu Beginn angekündigt hatte. Es war seine eigene Geschichte, die Professor Wilfried Kürschner in seiner letzten Vorlesung an der Universität Vechta erzählte. 60 - 30 Jahre - Semester hat Kürschner in Vechta gelehrt. Es gehört zu seinen persönlichen Erfolgen, dass er jetzt seine Abschlussvorlesung an einer Universität halten konnte. Denn dafür, dass die Uni der Stadt Vechta erhalten blieb und letztendlich ihren Universitätstitel zurückerhielt, hat sich der Germanistikprofessor mit seinen Mitstreitern mehr als ein Jahrzehnt eingesetzt.

Für seinen Abschied hatte sich Kürschner bewusst für den großen Hörsaal "B1" entschieden. Es war der Raum, in dem er in den letzten Jahren "häufig mit großer Freude" vor teilweise über 250 Studenten Wissen vermittelte. Es war vor allem Humor und die richtige Menge Selbstironie, die Kürschners letzte Vorlesung gelingen ließ.

Sein Leben habe in einer Sprachprofessur enden müssen, erklärte Kürschner mit einem Augenzwinkern. In seiner Kindheit hatte er einen Sprachfehler, verwechselte die Laute "G" [gemeint ist "T"] und "K", sagte "Guchen" ["Tuchen"] statt "Kuchen". "Heute kann ich das Problem benennen", sagte Kürschner. In der Schule und besonders nach seinem Umzug von seinem Geburtsort zwischen Berlin und Dresden nach Dortmund nach der Grundschule habe er sich mit Sprache auseinandersetzen müssen. Durch die Konfrontation mit den lokalen Dialekten habe er schließlich die Selbstsicherheit gefunden Hochdeutsch zu sprechen.

Sein Lebensweg hat seine wissenschaftliche Arbeit bestimmt. Die Arbeit als Lektor während der Gymnasialzeit und als studentische Hilfskraft seien Wegbereiter für spätere Veröffentlichungen gewesen. So hatte Kürschner am Ende seiner Lehrtätigkeit viel Dank zu verteilen.

Er werde der Universität erhalten bleiben, sagte Kürschner. Nun allerdings nur noch als Wissenschaftler.


[Foto:] Würdiger Abschied: Mehr als 250 Gäste dankten dem Sprachwissenschaftler Wilfried Kürschner am Ende seiner Abschiedsvorlesung mit „Steh-Klatschen“. Foto: Chowanietz



19.
2010-07-15
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Kürschner liest

Vechta – Nach 30 Jahren wissenschaftlicher Tätigkeit in Forschung und Lehre an der Universität Vechta hält Professor Dr. Wilfried Kürschner heute um 15.15 Uhr seine öffentliche Abschiedsvorlesung in Hörsaal B 1: „Sechzig Semester Vechta: Der Wörter sind genug gewechselt.“ Wir fragten den Sprachwissenschaftler, wie es um die deutsche Sprache bestellt ist. – Seite 20


„Die Muttersprache ist etwas Besonderes“
Für Wilfried Kürschner ist die Angst vor einer Anglisierung übertrieben / Nachhilfe für künftige Deutschlehrer?

Wilfried Kürschner ist seit 1980 als Professor für [Allgemeine] Sprachwissenschaft und germanistische Linguistik an der Universität Vechta tätig. Mit Ablauf des Sommersemesters 2010 beendet er seine Lehrtätigkeit. Die OV sprach mit ihm über die Zukunft der deutschen Sprache, das heutige Universitätsstudium und die Überlebenschancen des Plattdeutschen.

Von Andreas Kathe

OV: Stirbt die deutsche Sprache aus?
Kürschner: Es gibt die Angst vor der Anglisierung unserer Sprache. Aber wenn wir uns zum Beispiel mit Studenten hier in Vechta unterhalten, stellen wir fest, dass wir normalerweise praktisch kaum englische Wörter benutzen. Die Sorge vor der Beeinflussung der deutschen Sprache durch das Englische ist meines Erachtens übertrieben. Es gibt ein technisches Spezialvokabular, das ist aber noch nicht in die Normalsprache eingebrochen. Wir sollten aber selbst gewisse Übertreibungen unterlassen. Zum Beispiel wird an unserer Universität das Akademische Auslandsamt offiziell „International Office“ genannt, und der Gipfel ist, dass der Bachelorstudiengang, der zum Lehrermaster führt, hier „Combined Studies“ heißt statt „Zwei-Fach-Bachelor“ wie fast überall sonst.

OV: Also die Besinnung zurück auf das Deutsche ...
Kürschner: ... ohne Deutschtümelei. Ich sehe eine Verpflichtung, sich um das Deutsche zu kümmern. Studenten benutzen bereits das Wort „Klapprechner“ für „Laptop“, wobei ich durchaus für das Wort „Computer“ statt „Rechner“ bin. Es hat immer Beeinflussungen durch andere Sprachen gegeben. Ich bin aber gegen die Übernahme des Englischen oder einer anderen Sprache als Arbeits- und Öffentlichkeitssprache. Die Muttersprache, die man als Kind gelernt hat, ist nämlich etwas ganz Besonderes. Sie wird mit Leichtigkeit beherrscht, bietet einen großen Variationsreichtum und ermöglicht den Ausdruck von Ironie und Gefühlsnuancen. Das alles erlernen wir für die gesprochene Sprache in etwa bis zur Pubertät mithilfe des sogenannten Spracherwerbsmechanismus, danach ist das Sprachenlernen normalerweise eine mühevolle Angelegenheit.

OV: Haben Sie bei Ihren Studenten Veränderungen hinsichtlich der Beherrschung der Muttersprache erlebt?
Kürschner: Ja, das hat sich leider geändert. Im Schnitt ist die aktive wie passive Sprachbeherrschung, besonders in der geschriebenen Sprache, schlechter geworden. Die Studenten kommen so von den Schulen, und wir müssten eigentlich Brückenkurse anbieten, um die schriftsprachlichen Fähigkeiten zu verbessern. Das wäre eine Art Nachhilfe für die künftigen Deutschlehrer, die wir aber bei einer Überauslastung des Faches Germanistik von 140 Prozent mit bis zu 250 Studenten in den Seminaren nicht leisten können.

OV: Studium früher und heute, was sind die Unterschiede?
Kürschner: Die Bachelor- und Masterstudiengänge seit 2003/ 2004 sind in vieler Hinsicht ein großer Fehler. Das gesamte Studium wurde zu einer einzigen Prüfung gemacht. Es ist praktisch eine Verlängerung der Schulzeit mit Klassenarbeiten und Noten. Die Studenten verhalten sich dabei rational richtig, wenn sie konzentriert auf die nächste Prüfung hin lernen. Es fehlt aber die Nachhaltigkeit. Was gelernt wird, ist nach kurzer Zeit wieder vergessen. So kann man kein Grundlagenwissen aufbauen. Falsch ist auch, dass es praktisch keine Endprüfungen wie das Staatsexamen mehr gibt. Und: Der wissenschaftliche Umgang miteinander fehlt. Man kommt über Seminararbeiten und dergleichen nicht mehr ins Gespräch, bei dem es ja auch um Erkenntniserweiterung geht.

OV: Sie scheiden im Groll?
Kürschner: Nein, nein. Aber ich gebe zu, dass ich ohne Bedauern aus den Lehrverpflichtungen ausscheide. Ich sehne mich nicht zurück nach diesen Zeiten mit mehr als 200 Studenten im Hörsaal, die ja zumeist nur kommen, weil es Pflichtveranstaltungen sind. Mit der Freiwilligkeit der Vorlesungen war es früher schon besser. Das war ja auch die große Herausforderung an den Lehrkörper, Vorlesungen so interessant zu gestalten, dass die Studenten gerne und freiwillig kamen.

OV: Lehre und Forschung ist das eine, der Einsatz für die Universität selbst das andere. Sind Sie froh über die aktuellen Entwicklungen?
Kürschner: Gemeinsam mit Kollegen und vielen Mitbürgern habe ich mich in den 1980er und 1990er Jahren sehr stark für den Erhalt Vechtas eingesetzt. Das war die Phase, als Vechta noch zur Universität Osnabrück gehörte und Ministerpräsident Schröder die Hochschule schließen wollte, die dann überging in die Phase der inneruniversitären Auseinandersetzungen mit Rektorat und Hochschulrat. Am Ende kann ich aber zum Glück sagen, wir haben gewonnen. Vechta trägt jetzt endlich auch den Namen, der ihm von Anfang an zustand: „Universität Vechta“. Ich bin froh, dass es so ausgegangen ist.

OV: Was kommt jetzt nach dem Ende der Lehrverpflichtungen an der Universität?
Kürschner: Zunächst einmal haben meine Frau und ich beschlossen, in Vechta zu bleiben. Wir haben es nie bereut, hier zu leben und zu arbeiten. Ich werde mich weiter an den Ringvorlesungen an der Universität beteiligen, Beiträge für Zeitungen und Fachblätter schreiben und an Tagungen im In- und Ausland teilnehmen. Intensiver kümmern will ich mich auch um das Plattdeutsche, helfen, dass diese Sprache dokumentiert wird. Ich habe die Beschäftigung mit dem Plattdeutschen in den letzten Jahren selbst als Bereicherung empfunden und fühle mich der Region dadurch noch stärker verbunden.

OV: Plattdeutsch – eine gefährdete Sprache?
Kürschner: Weltweit gibt es bis zu 7000 Sprachen. Davon soll etwa die Hälfte in diesem Jahrhundert verloren gehen. Ob das Niederdeutsche dazu gehört? Ich werbe bei meinen Studenten dafür, so zu heiraten, dass sie ihre Kinder zweisprachig erziehen können. Wenn das Plattdeutsche nicht wieder zur Muttersprache neben dem Hochdeutschen wird, sehe ich es in der Tat als schwer gefährdet an.


[Bild: Gutenbergs dicke Bibel im Gepäck:Wilfried Kürschner beendet seine Lehrtätigkeit an der Universität, wird aber weiter forschen und über sprachwissenschaftliche und linguistische Themen veröffentlichen. Foto: Kathe]


Lebenslauf

Wilfried Kürschner wurde am 8. April 1945 in Lichterfeld in der Niederlausitz geboren. Nach dem Abitur in Dortmund studierte und promovierte er in Tübingen. Seine Habilitation schloss er an der Universität Freiburg im Breisgau ab. Im Anschluss daran wechselte er als Professor für allgemeine Sprachwissenschaft und germanistische Linguistik an die damalige Abteilung Vechta der Universität Osnabrück. Hier engagierte er sich neben der Lehrerausbildung und der Forschung auch in der akademischen Selbstverwaltung. So gehörte er dem Senat der Universität Osnabrück und der Universität Vechta an, war mehrfach Dekan seines Fachbereiches und 1997/98 Rektor der Uni Vechta. Wilfried Kürschner ist verheiratet mit Christa Kürschner-Ledebrink. Sie haben zwei erwachsene Kinder.



18.
2010-Jul-05
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Geistreich

Wilfried Kürschner hat für Donnerstag (15. Juli) um 15.15 Uhr in den Hörsaal B1 der Universität zu einem Abschiedsvortrag eingeladen. Der Professor beendet seine Lehrtätigkeit. In Erinnerung bleibt der Germanist dem Oldenburger Münsterland nicht nur als profunder Sprachexperte, sondern auch als streitbarer Kämpfer für Eigenständigkeit und universitären Anspruch der Hochschule. Man war im Jahrzehnte andauernden Ringen um den richtigen Weg der Existenzsicherung oft, aber nicht immer seiner Meinung, stets aber gleichermaßen beeindruckt von seinem Elan und seiner Sprachgewalt. Kolumnen, Glossen und Leserbriefe weisen Wilfried Kürschner als virtuosen Meister des Wortes aus, der die Feder als Florett und auch als Säbel zu führen im Stande ist. Man kann nur hoffen, dass der Professor sein Vortragsthema nicht ernst meint: „Sechzig Semester Vechta: Der Wörter sind genug gewechselt.“ Mitnichten. Viele geistreiche Beiträge will die OV-Leserschaft noch lesen. Zeit zum Schreiben muss doch demnächst genug sein. (su)



17.
2010-Mrz
kulturland Oldenburg. Zeitschrift der Oldenburgischen Landschaft. Ausgabe 1.2010. Nr. 143. S. 96.

„Ollenborger Münsterland
Use Wörbauk
Plattdeutsches Wörterbuch“
Herausgegeben vom Heimatbund für das Oldenburger Münsterland

SM [Stefan Meyer]. Mit einer neuen Veröffentlichung präsentiert sich das Plattdeutsch des südlichen Oldenburger Landes. Über einen Zeitraum von vier Jahren haben acht Personen des Plattdüütsch Krings vom Heimatbund des Oldenburger Münsterlands an der Verwirklichung des Wörterbuchs gearbeitet. Auf insgesamt 325 Seiten hat die Arbeitsgruppe 13.000 Wörter zusammengestellt und auch lokale Ausprägungen in der Aussprache und im Wortschatz berücksichtigt. Am 6. Februar wurde das lange erwartete Buch im Dorfkrug des Museumsdorfs Cloppenburg der Öffentlichkeit vorgestellt.

Das Wörterbuch ist allerdings nicht nur ein reines Nachschlagewerk; es gibt neben einer präzisen Auskunft über die speziell im Oldenburger Münsterland verbreitete Aussprache auch besondere grammatische Hinweise zur Tempusbildung, zur Deklination und zu Pronomina, die mit wissenschaftlicher Begleitung der Universitäten Vechta und Göttingen entstanden sind.

Sehr anschaulich wird im Anhang dem Leser die plattdeutsche Lebenswelt vermittelt, denn hier werden in verschiedenen Kapiteln sowohl plattdeutsche Begriffe und Namen aus dem Pflanzen- und Tierreich als auch die Wochen- und Jahrestage im Dialekt des Oldenburger Münsterlands vorgestellt. Untermalt mit gebräuchlichen Redewendungen kann der interessierte Laie schnell zum Insider des Südoldenburger Platt werden.

Auch nicht mehr bzw. kaum noch gebräuchliche Ausdrücke wurden in das Wörterbuch mit aufgenommen, was ein detailgetreues Abbild des historischen Dialekts des Südoldenburger Platts wiedergibt und vielleicht auch zu einer häufigeren Nutzung fast verloren gegangener Begriffe führen mag. Den Anspruch, ein modernes „Allround-Wörterbuch“ zu sein, hat das mit liebevollen Lettern gezeichnete Werk jedoch nicht. Dagegen spricht auch schon das Format des festen Einbandes von ca. 17 x 24 cm, womit sich das Wörterbuch als Taschenbuch eher nicht eignet.

Eine Besonderheit ist, dass lediglich eine eindimensionale Arbeit mit dem Werk möglich ist, denn das Wörterverzeichnis bietet nur eine Übersetzung vom Platt- ins Hochdeutsche an.

Insgesamt ist dem Heimatbund mit diesem Wörterbuch jedoch nicht nur ein hervorragendes Nachschlagewerk für niederdeutsche Autoren gelungen. Es zeigt zudem sehr anschaulich die Besonderheiten der sprachlichen Kultur im Oldenburger Münsterland auf und leistet einen wertvollen Beitrag dafür, dass die Niederdeutsche Sprache nicht ausstirbt. Zu erstehen ist das in einer limitierten Auflage von 1.000 Exemplaren erschienene Wörterbuch für 14,50 Euro in den Buchhandlungen des Oldenburger Münsterlandes.



16.
2010-Mrz-11
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Verzeihung angemessener

„In der OV vom 9. März 2010 heißt es unter der Überschrift ,Missbrauch auch bei Dom-Singknaben‘: ,Die renommierte reformpädagogische Odenwaldschule entschuldigte sich ... öffentlich für die Fälle in ihrem Haus in den 70er und 80er Jahren‘. Dieser Sprachgebrauch des Sich-Entschuldigens ist in diesen Wochen immer wieder zu lesen und zu hören. In den Wörterbüchern der deutschen Sprache ist er notiert und damit für akzeptabel erklärt. Dennoch ist er geeignet, falsche Vorstellungen aufkommen zu lassen: Wer sich entschuldigt, der erkennt zwar an, sich schuldig gemacht zu haben, aber er hat sich seiner Schuld damit nicht entledigt. Dazu bedarf es des Verzeihens seitens des Opfers, das dem Täter Entschuldigung gewähren kann – das Opfer kann dem Täter die Entschuldigung aber auch verweigern. Angemessener wäre also zu formulieren: ,Die Schule, der Bischof ... bat die Opfer um Entschuldigung, um Verzeihung.‘ (Eine entsprechende Formulierung hat laut OV vom 10. März Georg Ratzinger gewählt: ,... bitte ich die Opfer um Verzeihung.‘)

Die Alltagsfloskeln ,Entschuldigung!‘, ,Verzeihung‘ sind übrigens auch nur eine Eilabkürzung für ,Ich bitte um Entschuldigung/Verzeihung‘, der dann üblicherweise ein ebenso abgekürztes ,Bitte‘, ,Macht nix‘, ,Ist schon in Ordnung, o. k.‘ folgt, womit die Sache bereinigt ist. Die derzeit in Rede stehenden Vorgänge sind in ihren Dimensionen aber schwerlich mit solchen Alltäglichkeiten zu vergleichen.“

Prof. Dr. W. Kürschner
Universität Vechta

Bezugstexte:

2010-Mrz-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Missbrauch auch bei Dom-Singknaben
Debatte um längere Verjährungsfristen

Hamburg/Limburg (dpa) – Am hessischen Elite-Internat Odenwaldschule und katholischen Einrichtungen kommen immer mehr Missbrauchsfälle ans Licht. Staatsanwälte ermitteln, Politiker diskutieren.

Der Missbrauch-Skandal in katholischen Institutionen erreicht nach Informationen der „Nassauischen Neuen Presse“ nun auch die Limburger Dom-Singknaben. Ein ehemaliges Chormitglied hat in den vergangenen Tagen den Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst angeschrieben und ihm von Übergriffen des damaligen Dirigenten berichtet. Dabei geht es um den Zeitraum nach der Gründung des berühmten Knabenchors zwischen 1967 und 1973. Der beschuldigte Domkapellmeister und Priester ist 2002 gestorben.

Gestern entbrannte eine Debatte über längere Verjährungsfristen beim Missbrauch Minderjähriger. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will ab 23. April einen Runden Tisch einrichten. Der soll erörtern, wie man Opfern helfen und neue Fälle vermeiden kann. Die Deutsche Bischofskonferenz will teilnehmen, wie es in Bonn hieß.

Die renommierte, reformpädagogische Odenwaldschule entschuldigte sich derweil öffentlich für die Fälle in ihrem Haus in den 70er und 80er Jahren. Und nach dem Vorwurf gegen eine Ex-Nonne in einem Berliner Kinderheim kündigten die Hedwigschwestern „offensive Aufklärung“ an. Aus Rom verlautete, dass sich der Vatikan wohl nicht mehr äußert, bevor am Freitag der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Robert Zollitsch, dem Papst berichtet haben wird.

2010-Mrz-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Georg Ratzinger ohrfeigte Domspatzen

Regensburg/Münster (ddp/epd) – Immer neue Fälle von Missbrauch in kirchlichen Einrichtungen werden bekannt. Auch im Bistum Münster gibt es einen Verdachtsfall. Der Münchner Erzbischof Reinhard Marx räumte frühere mangelnde Aufklärungsbereitschaft ein. Unterdessen räumte der frühere Regensburger Domkapellmeister Georg Ratzinger ein, selbst Chormitglieder der Domspatzen geschlagen zu haben.

„Ich habe am Anfang wiederholt auch Ohrfeigen ausgeteilt“, sagte Ratzinger, der von 1964 bis 1994 im Amt war. Er gab auch zu, von Prügeln in der Internatsvorschule gewusst zu haben. Der Bruder von Papst Benedikt XVI. sagte, heute verurteile er die Prügel umso mehr. „Gleichzeitig bitte ich die Opfer um Verzeihung.“ Von den Fällen sexuellen Missbrauchs in den späten 1950er und frühen 1960er habe er nichts gewusst.

Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) forderte eine Erhöhung der Mindeststrafe bei Kindesmissbrauch von sechs Monaten auf ein Jahr. Die Verjährungsfrist von drei Jahren sei deutlich zu kurz, sagte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesjustizministerium, Max Stadler (FDP). Der CDU-Politiker Günter Krings (CDU) sprach sich für eine Verzehnfachung der Verjährungsfrist aus.



15.
2010-Mrz-07
Sonntagsblatt

Kontakt mit dem Heimatland
Chinesische Studenten freuten sich über Besuch des Nationalcircus

[Bild:] Fan Li (2. Reihe, Mitte), Dr. Helmut Groß (li.), Dr. Wilfried Kürschner (2. v. re.) und Egon Spiegel (re.) zeigten sich vom Auftritt des Chinesischen Nationalcircus begeistert. Foto: Privat

Das kulturelle Ereignis war ein Geschenk an die Gemeinde Holdorf zum Jubiläum.

Von Heinrich Vollmer

Holdorf/Vechta. Ein Stück Heimat bot den zehn chinesischen Studenten der Hochschule Vechta am Mittwoch der Chinesische Nationalcircus in der Sporthalle Holdorf. Aus Anlass des Jubiläumsjahres zu 1.300 Jahren Besiedlung des Ortes hatte die Landessparkasse zu Oldenburg (LzO) der Gemeinde dieses Ereignis geschenkt. Gleichzeitig war es auch ein Geschenk für die Studierenden aus dem „Reich der Mitte“. Für Fan Li, Master-Studentin der Fächer Deutsch und Englisch, und die übrigen Studenten war dies ein willkommener Kontakt mit ihrem Heimatland.

Gemeinsam mit dem bereits pensionierten Dozenten für Soziologie, Dr. Helmut Groß, dem Germanistik-Professor Dr. Wilfried Kürschner und dem Professor für Religionspädagogik am Institut für Katholische Theologie an der Hochschule Vechta, Dr. Egon Spiegel, hatten sich die chinesischen Studenten das beeindruckende Programm angesehen. Begeistert eroberten sie nach der Vorstellung die Bühne, allerdings nicht um selbst aufzutreten, sondern mit einigen der Artisten ins Gespräch zu kommen. „Es ist für uns ein besonderes Erlebnis, hier in Deutschland den Chinesischen Nationalcircus auftreten zu sehen und live zu erleben“, sagte Fan Li. Schließlich sei es ihnen selbst in ihrer Heimat bisher nur möglich gewesen, die Vorstellungen im Fernsehen zu verfolgen. Es sei beeindruckend gewesen, wie die Deutschen sich für die chinesische Kultur begeistern können. Das mache sie stolz.

Die zehn Studenten nehmen an einem Kooperationsaustausch mit der Xian-Universität teil. Seit Oktober sind sie in Vechta, um zwei Semester lang ihre Sprachkenntnisse in Deutsch zu vertiefen und weitere Fächer zu studieren.

Fan Li, die soeben ihr Masterstudium beendet hat, wird als Übersetzerin demnächst Professor Egon Spiegel auf zwei Vortragsreisen nach China zur Vertiefung der Kooperationen mit den Universitäten in Xian und Nanking begleiten.



14.
2010-Feb-15
NDR 1 Niedersachsen, Sendereihe “Plattdeutsch”

Zum Lernen nie zu alt – Senioren an der Uni

In der Sendung werden u. a. das Niederdeutschseminar im Wintersemester 2008/09 und das Wörterbuch “Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk” angesprochen. Podcast: http://media.ndr.de/download/podcasts/podcast3042/AU-20100216-1217-5701.mp3



13.
2010-Feb-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Schon länger Brinkmann
Zum Artikel „Brinkmann-Tagung“ (OV vom 9. Februar):

Anders als in dem Artikel suggeriert wird, beginnt die Auseinandersetzung mit Leben, Werk und Wirkung Rolf Dieter Brinkmanns, auch die wissenschaftliche, nicht erst mit der Tagung aus Anlass seines 70. Geburtstages im März 2010. Die wichtigsten Impulse gingen und gehen von der Rolf-Dieter-Brinkmann-Gesellschaft mit ihrem rührigen und wissenschaftlich bestens ausgewiesenen Gründer und langjährigen Vorsitzenden Dr. Gunter Geduldig aus, dem Leiter der Universitätsbibliothek Vechta, in der sich der im Artikel erwähnte Teilnachlass befindet. In enger oder lockerer Zusammenarbeit mit der ebenfalls Anfang der 1990er-Jahre eingerichteten Brinkmann-Arbeitsstelle des Faches Germanistik wurden Ausstellungen mit vielbeachteten Katalogen veranstaltet, Bibliografien erstellt und Sammelbände veröffentlicht, die auch das intensive Lesungsprogramm widerspiegeln. Von der damaligen Leiterin der Arbeitsstelle, Prof. (em.) Dr. Gudrun Schulz, wurde im Jahre 2000 die erste internationale Brinkmann-Tagung in Vechta veranstaltet; ihre Ergebnisse wurden in einem Aktenband veröffentlicht. Darüber hinaus ist unter ihrer Leitung eine Doktorarbeit zu einem Teilaspekt von Brinkmanns Werk entstanden. Und erst jüngst fand eine von Prof. (em.) Karl-Eckhard Carius konzipierte Ausstellung und der sie begleitende Sammelband weite Beachtung.

Prof. Dr. W. Kürschner
Universität Vechta


Bezugstext:

2010-Feb-09
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Brinkmann–Tagung
Vom 11. bis 13. März/Anlass: 70 Geburtstag

Vechta – Der Leiter der Arbeitsstelle Rolf Dieter Brinkmann, der Vechtaer Kulturwissenschaftler und Germanist Prof. Dr. Markus Fauser, hält die erste fachwissenschaftliche Tagung zu Brinkmann in Vechta ab. Aus Anlass des 70. Geburtstags lautet vom 11. bis 13. März in der Hochschule das Tagungsthema: „Rolf Dieter Brinkmann – Medialität der Kunst“. Fauser ist es nicht nur gelungen, ausgewiesene Referenten zu gewinnen, sondern auch die Tagung mit den Mitteln der Fritz-Thyssen-Stiftung zu finanzieren. Auf Einladung der Stadt Vechta werden die Konferenzteilnehmer auch im Rathaus empfangen.

„Ganz sicher eignet sich Brinkmann nicht für einen jener klassischen Gedenktage“, so Fauser, den die vom Autor leidenschaftlich gescholtene literarische Welt im Jahr 2010 feiern könnte. Dennoch verspüre man doch gerade in Vechta die Verpflichtung, eine Konferenz abzuhalten. Ein gewichtiger Grund sei der seit 2005 in der Bibliothek aufbewahrte Teilnachlass, in dem sich drei frühe Gedichtbände befinden, die noch nicht den ganz radikalen Ton der späteren Texte aufweisen. „Die Tagung soll auch die Erforschung der frühesten Phase des Werks anstoßen“ und von dort her versuchen, ein differenzierteres Bild des Schriftstellers vorzubereiten.

„Manchmal zeigt Brinkmann in den späten 50er Jahren aber auch schon die Zähne“, sagt Fauser, „wenn er zum Beispiel in den an Sonntagen abgehaltenen Treffen der Schülervereinigung ‚Rhetorika Vechtensis’ Texte von Sartre präsentierte, nur um die katholischen Mitschüler zu ärgern.“ Wichtiger sei die literaturhistorische Einordnung des mittlerweile etablierten Autors. „Es ist daher ein gutes Zeichen, wenn von der Vechtaer Arbeitsstelle das erste Signal zur neuen Auseinandersetzung mit Brinkmann ausgeht.“



12.
2010-Feb-07
Cloppenburger Sonntagsblatt

Die plattdeutsche Sprache am Leben erhalten
325 Seiten starkes Wörterbuch »Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk« vorgestellt

mr Cloppenburg. Das neue plattdeutsche Wörterbuch »Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk« ist fertig. Hartmut Frerichs, Präsident des Heimatbundes für das Oldenburger Münsterland (OM), stellte mit Heimatbund-Geschäftsführer Engelbert Beckermann, dem Vorsitzenden des Plattdütschen Krings, Rudi Timphus, und den Redaktionsmitgliedern, für die Bernhard Grieshop sprach, das einzigartige Werk vor. Das Autorenteam bestand aus Bernhard Grieshop, Alfred Kuhlmann, Wilhelm Thien, Marie Thien, Marga Siemer, Maria Blömer und Kerstin Ummen.

Das Wörterbuch solle helfen, die plattdeutsche Sprache am Leben zu erhalten, so Frerichs, damit »auch unsere Kinder und Kindeskinder platt sprechen und verstehen können«. Rund 1800 Stunden seien in die bereits 2005 entstandene Idee für das plattdeutsche Wörterbuch investiert worden, berichtete Timphus.

Auf 325 Seiten enthält das  Wörterbuch etwa 13.000 Wörter und berücksichtigt dabei lokale Ausprägungen im Wortschatz und in der Aussprache. Wörter und Begriffe, besonders aus der Landwirtschaft, deren Bedeutung heutigen Nutzern nicht mehr ohne weiteres verständlich ist, werden kurz erläutert, wobei plattdeutsche Redewendungen und Belegsätze das Verständnis absichern.

Die Schreibweise erfolgt nach dem Konzept »Zur Orthografie des oldenburgisch-münsterländischen Platt« das in den Jahren 2007/2008 von einer Arbeitsgruppe an der Hochschule Vechta unter der Leitung von Prof. Kürschner auf der Grundlage der Vorlagen des Heimatbundes von 1983 und 1997 erarbeitet worden ist. Dabei wurde, soweit erforderlich, auch die reformierte hochdeutsche Rechtschreibung berücksichtigt. Es wird erwartet, dass das Konzept zu einer gewissen Normierung der Schreibweise der plattdeutschen Autoren des Oldenburger Münsterlandes und darüber hinaus beitragen kann.
Der Anhang gibt auch zuverlässige und präzise Auskunft über die speziell im Oldenburger Münsterland verbreitete Aussprache, enthält grammatische Hinweise zur Tempusbildung, zu den Deklinationen und zu den Pronomina. Sehr hilfreich sind auch die gesonderten Wörterlisten zu plattdeutschen Vornamen, zu Tieren und Pflanzen.

Das plattdeutsche Wörterbuch ist zum Preis von 14,50 Euro im Buchhandel und beim Heimatbund Oldenburger Münsterland, Museumstraße 25, in Cloppenburg erhältlich.

ISBN: 978-3-941073-04.3.



11.
2010-Feb-06
Nordwest-Zeitung

Frerichs: „Platt mott läwen“
SPRACHE Heimatbund stellt Plattdeutsches Wörterbuch „Use Wörbauk“ vor


Gemeinschaftsarbeit: Der Heimatbund um Präsident Hartmut Frerichs (2.v.l.) und das Autorenteam um Redaktionsleiter Bernhard Grieshop (vorne) wurden bei dem Projekt wissenschaftlich und finanziell unterstützt. BILD: BJÖRN LANGE

Viereinhalb Jahre lang hatte ein Autorenteam an dem Werk gearbeitet Es enthält 13 000 Wörter auf 325 Seiten.

von Björn Lange

CLOPPENBURG - „Platt mott läwen“, sagte Hartmut Frerichs, Präsident des Heimatbundes Oldenburger Münsterland, am Freitag bei der Vorstellung eines neuen Wörterbuchs im Dorfkrug des Museumsdorfes Cloppenburg. Das Werk enthält auf 325 Seiten rund 13 000 plattdeutsche Wörter und berücksichtigt auch lokale Ausprägungen im Wortschatz und in der Aussprache.

Viereinhalb Jahre lang hatte ein Autorenteam des „Plattdeutschen Kring“ im Heimatbund akribisch an dem Buch gearbeitet und in 1800 Arbeitsstunden tausende Begriffe zusammengetragen. Dank der wissenschaftlichen Unterstützung durch Prof. Wilfried Kürschner von der Hochschule Vechta und Dr. Maik Lehmberg von der Universität Göttingen gibt das Werk auch präzise Auskunft über die speziell im Oldenburger Münsterland verbreitete Aussprache und enthält grammatische Hinweise zur Tempusbildung, zu Deklinationen und Pronomina.

Redaktionsleiter Bernhard Grieshop erklärte, dass auch solche Wörter aufgenommen wurden, deren Bedeutung heutigen Nutzern nicht mehr ohne Weiteres verständlich sind. Diesen wurden kurze Erklärungen beigegeben. Darüber hinaus helfen viele plattdeutsche Redewendungen und Belegsätze, das Verständnis abzusichern.

„Wir müssen die Sprache lebendig halten und für die nachfolgende Generationen bewahren“, sagte Engelbert Beckermann, Geschäftsführer des Heimatbundes. Noch seien „Muttersprachler“ da, die „angezapft“ werden könnten. Das sei in zehn bis 20 Jahren vielleicht schon anders, erklärte Beckermann.

Das Buch „Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk – Plattdeutsches Wörterbuch“ mit der limitierten Auflage von 1000 Exemplaren ist ab sofort in allen Buchhandlungen des Oldenburger Münsterlandes zum Preis von 14,50 Euro erhältlich.



10.
2010-Feb-06
Nordwest-Zeitung

Heimatbund stellt plattdeutsches Wörterbuch vor

BHL

CLOPPENBURG - Der Heimatbund Oldenburger Münsterland hat am Freitag im Museumsdorf Cloppenburg ein neues plattdeutsches Lexikon vorgestellt. Das Werk enthält auf 325 Seiten rund 13 000 Wörter und berücksichtigt auch lokale Ausprägungen im Wortschatz und in der Aussprache. Viereinhalb Jahre hatte ein Autorenteam des Heimatbundes an dem Buch gearbeitet. „Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk – Plattdeutsches Wörterbuch“ ist ab sofort zum Preis von 14,50 Euro erhältlich (ISBN: 978-3-941073-04-3).



9.
2010-Feb-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Vier Jahre und 13 000 Wörter später


Das erste plattdeutsche Wörterbuch der Region präsentierte gestern das Autorenteam aus Mitgliedern des Plattdütschen Krings um Vorsitzenden Rudi Timphus (links) zusammen mit Heimatbundpräsidenten Hartmut Frerichs (2. von links). Foto: Kaiser

Oldenburger Münsterland (hek) - Bei "schnöttwassen Weer" haben es sich die "Schriewkunnigen" in der "warmen Stuuv in´n Dörpkraug" gemütlich gemacht, und "Use Wörbauk" machte ihnen "masse Pläseier".

Vier Jahre lang, fast 2000 Stunden, hatte ein achtköpfiges Autorenteam des Plattdütschen Krings im Heimatbund Oldenburger Münsterland an ihrem Werk gearbeitet, und viele haben es den Laien nicht zugetraut, dass sie es schaffen, wie der Kring-Vorsitzende Rudi Timphus berichtete. Aber gestern legten sie das Buch mit rund 13 000 plattdeutschen Wörtern aus dem Oldenburger Münsterland vor und tragen so dazu bei, dass die bedrohte Sprache nicht ausstirbt. "In vielen Familien wird noch Platt gesprochen. Wir müssen aber aufpassen, dass diese Pfeiler nicht wegbrechen", sagte der Präsident des Heimatbundes, Hartmut Frerichs, gestern während der Vorstellung des Buches im Museumsdorf Cloppenburg. Das Wörterbuch helfe, "dass die plattdeutsche Sprache, wie sie nur im Oldenburger Münsterland gesprochen wird, am Leben gehalten wird und auch noch unsere Kinder und Kindeskinder die Sprache verstehen", so Frerichs.

Der Leiter der Wörterbuch-Redaktion, Bernd Grieshop, dankte den Autoren. Aus eigenen Arbeiten, andern Wörterbüchern und Büchern plattdeutscher Autoren haben sie die Wörter zusammengetragen, wobei sie wissenschaftlich von Professor Wilfried Kürschner von der Uni Vechta und Dr. Maik Lehmberg, Universität Göttingen, unterstützt wurden. Der Geschäftsführer des Heimatbundes, Engelbert Beckermann, freute sich, dass es mit dem neue Wörterbuch erstmals gelungen sei, die Rechtschreibung des hiesigen Platt festzuschreiben: "Das heißt nicht, dass ab morgen jeder so schreiben muss, wie es darin steht." Beckermann kündigte an, dass Professor Kürschner auch eine plattdeutsche Grammatik herausgeben will. Die Grammatik wird in dem Wörterbuch kurz abgehandelt.

"Ollenborger Münsterland - Use Wörbauk", ISBN 978-3-941073-04-3, 14,50 Euro.



8.
2010-Feb-06
Münsterländische Tageszeitung

13000 plattdeutsche Wörter gefunden
Wörterbuch des Oldenburger Münsterlandes erschienen

Oldenburger Münsterland (hek) – Bei „schnöttwassen Weer“ haben es sich die „Schriewkunnigen“ in der „warmen Stuuv in’n Dörpkraug“ gemütlich, und „Use Wörbauk“ machte ihnen „masse Pläseier“. Vier Jahre lang, fast 2000 Stunden, hatte ein achtköpfiges Autorenteam des Plattdütschen Kring im Heimatbund Oldenburger Münsterland an ihrem Werk gearbeitet, und viele haben es den Laien nicht zugetraut, dass sie es schaffen, wie der Vorsitzende des Kring, Rudi Timphus, berichtete. Aber gestern legten sie das Buch mit rund 13000 plattdeutschen Wörtern aus dem Oldenburger Münsterland vor und trugen so maßgeblich dazu bei, dass die bedrohte Sprache nicht ausstirbt.

„In vielen Familien wird noch Platt gesprochen. Wir müssen aber aufpassen, dass diese Pfeiler nicht wegbrechen“, sagte der Präsident des Heimatbundes, Hartmut Frerichs, gestern während der Vorstellung des Buches im Museumsdorf. Das Wörterbuch helfe, „dass die plattdeutsche Sprache, wie sie nur im Oldenburger Münsterland gesprochen wird, am Leben gehalten wird und auch noch unsere Kinder und Kindeskinder die Sprache verstehen“, so Frerichs.

Der Leiter der Wörterbuch-Redaktion, Bernd Grieshop, dankte den Autoren. Aus eigenen Arbeiten, andern Wörterbüchern und Büchern plattdeutscher Autoren haben sie die Wörter zusammengetragen, wobei sie wissenschaftlich von Prof. Wilfried Kürschner von der Uni Vechta und Dr. Maik Lehmberg, Universität Göttingen, unterstützt wurden.

Der Geschäftsführer des Heimatbundes, Engelbert Beckermann, freute sich, dass mit dem neue Wörterbuch erstmals gelungen sei, die Rechtschreibung des hiesigen Platt festzuschreiben. „Das heißt nicht, dass ab morgen jeder so schreiben muss, wie es darin steht“, sagte er. Beckermann kündigte an, dass Prof. Wilfried Kürschner nun auch eine plattdeutsche Grammatik herausgeben will. Die Grammatik wird in dem Wörterbuch kurz abgehandelt.

„Ollenborger Münsterland – Use Wörbauk“, ISBN 978-3-941073-04-3, 14,50 Euro.



7.
2010-Jan-27
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Karnevalsorden für Kürschner


Einen Überraschungsbesuch statteten Bernd Tepe (rechts), und Sabine Michalowski-Brack vom Vechtaer Carnevals Club (VCC) gestern bei Professor Dr. Wilfried Kürschner (links) in der Uni Vechta ab. Tepe übernahm spontan das Mikro und brachte als Büttenredner Stimmung in die Lateinvorlesung. Kürschner, der die Universität Vechta bald verlassen und in den Ruhestand gehen wird, bekam den VCC-Orden überreicht. Tepe lobte sein jahrelanges Engagement für die Uni – er habe wesentlich dazu beigetragen, dass die Hochschule jetzt zur "Universität" wird. Foto: Moormann



6.
2010-Jan-24
OV am Sonntag [Vechta]

Eine gebürtige Ukrainerin studiert an der Uni Vechta und versteht und liest die plattdeutsche Sprache
„Platt ist einfach cool!“

Vechta/Charkiw – Olga Lanfermann studiert seit dem Jahr 2004 an der Universität Vechta die Fächer Germanistik, Sachunterricht und Biologie. Sie ist in Charkiw in der Ukraine geboren und hat dort an der Universität schon früher das Lehrerdiplom erworben. Sie heiratete einen Deutschen und zog in einen Ort im Kreis Cloppenburg. Hier ist, wie sie schreibt, Plattdeutsch die Umgangssprache. Sie war zunächst sehr erstaunt, weil die Menschen hier zwar Deutsch, aber ein anderes Deutsch sprechen.

Nach kurzer Zeit sei aus ihrer Unsicherheit und Angst, dass sie die Leute nicht versteht, wenn sie Platt sprechen, langsam Sympathie zu der Sprache und zu den Platt sprechenden Leuten geworden. Sie nennt diese Menschen „Hüter der Ursprungssprache“. Wenn ihre Schwiegermutter vom Arzt nach Hause kommt und gefragt wird: „Wie war es?“, dann sage sie grundsätzlich: „Mit dem kann man gut, der schnackt ja auch Platt.“ Olga Lanfermann hat hier in ihrer neuen Heimat Freude am Plattdeutschen gefunden. Aus diesem Grund hat sie sich auch im Seminar „Niederdeutsch“ (geleitet von Professor Kürschner zusammen mit Mitgliedern des Plattdütschen Kring) mit dieser Sprache befasst und in ihrer Hausarbeit einen Einblick in die wissenschaftliche Literatur zur Geschichte des Plattdeutschen genommen. Danach könne das Niederdeutsche als eigene Sprache angesehen werden.

Das Niederdeutsche war einst eine bedeutende Schriftsprache. Sie wurde neben Latein auch in Urkunden und Gesetzestexten verwendet. So verfasste der Reformator Johannes Bugenhagen die Lübecker Kirchenordnung auf Niederdeutsch. Von ihm stammt auch eine niederdeutsche Fassung der Lutherbibel.

„Niederdeutsch“ ist die „offizielle“ Sprachbezeichnung in der Wissenschaft. Das Volk aber nennt seine Sprache Plattdeutsch. Das Wort „platt“ stammt aus dem Niederländischen und bedeutet klar, verständlich“. Plattdeutsch wird empfunden als ehrlich, treu, anschaulich und wohlklingend. Der gemeinsame Gebrauch und die Freude am Plattdeutsch-Sprechen hat viel Verbindendes, sie fördern den Dialog. Hervorgehoben werden die Kürze und Fülle sowie die Anschaulichkeit des Ausdrucks. In der niederdeutschen Literatur erwartet das Publikum eher heitere und leichte Themen, obwohl es auch viele „ernste“ Literatur und Problemstücke auf Niederdeutsch gibt. Wo die niederdeutsche Literatur nicht nur oberflächlich unterhaltend ist, sondern „seriöser“ sein möchte, wird sie eher unwillig zur Kenntnis genommen. Dies kann damit begründet werden, dass das Niederdeutsche lange Zeit auf private Themen, auf nichtöffentliche Bereiche und auf die Lebenswelt der kleinen Leute eingeschränkt war.

Die plattdeutsche Sprache wird als ein Teil norddeutscher Identität begriffen. Sie wird oft bewusst auch als Zweitsprache benutzt und gepflegt. Olga Lanfermann schreibt, dass ihre eigenen Kinder Plattdeutsch ab und zu zuhause mit der Großmutter („use Oma“) und im Kindergarten sprechen. Das sei vielleicht ein kleiner Weg hin zum Kennenlernen der plattdeutschen Sprache und der eigenen Kultur. Maßnahmen wie Wettbewerbe im Plattdeutsch-Lesen, Arbeitsgemeinschaften in den Schulen oder Theateraufführungen könnten diese Sprache auffrischen und beleben. Die Zweisprachigkeit wird in unserer Region gepflegt, denn sie bereichert.

Erfreulich sei, dass die plattdeutsche Sprache in allen Medien, im Fernsehen, im Radio und in den Zeitungen, mehr und mehr einen festen Platz einnimmt. Das war vor Jahren noch nicht der Fall. Lanfermann findet „Platt is cool!“

Hubert Hesselfeld
Hildegard Tölke



5.
2010-Jan-17
OV am Sonntag [Vechta]

Studentin Kathrin Wolken schreibt über den Einfluss des Saterfriesischen
Von „donsje“ zu „dönsje“

Oldenburger Münsterland – Kathrin Wolken wächst bei ihren Eltern zusammen mit zwei Geschwistern und der Oma väterlicherseits auf einem Bauernhofe in Barßel, Kreis Cloppenburg, auf. Zu der dort damals im ländlichen Milieu üblichen Zweisprachigkeit, Plattdeutsch und Hochdeutsch, war in der Familie Wolken jedoch immer wieder eine zweite niederdeutsche Sprache zu hören, das Saterfriesische, die kleinste Minderheitensprache Deutschlands. Woran das lag? Oma und Opa mütterlicherseits von Kathrin sind, wie man so sagt, waschechte Saterfriesen. Auf größeren verwandtschaftlichen Treffen, Hochzeiten und Beerdigungen, ist deshalb das Saterfriesische der mütterlichen Verwandtschaft immer noch als Umgangssprache anzutreffen.

Kathrins Mutter muss die sich andeutende Dreisprachigkeit kritisch gesehen haben, denn sie setzt durch, wie die Tochter schreibt, dass ihre Kinder primär hochdeutsch aufwachsen. Es kommt dann so, dass Wolken Kinder auch dann hochdeutsch antworten, wenn sie plattdeutsch angesprochen werden. Für Kathrins Kinderjahre war das im Oldenburger Münsterlande keineswegs unüblich. Die „drohende“ Dreisprachigkeit war für Kathrins Vater wohl auch die Ursache, mit seinen Kindern Wortspiele zu üben, um eventuellem Sprachenwirrwarr durch ein ordnendes Nebeneinander zu vermeiden. Was dann dazu führte, dass die Kinder sehr früh Sprachen als Gegenstand des Nachdenkens begriffen.

Kathrin Wolken vernachlässigt die sich nun aufdrängenden Fragen nicht: Wie konnte es zur Bildung einer selbstständigen Sprache auf einem nur 15 Kilometer langen und nur ein bis vier Kilometer breiten Streifen Landes kommen? Welche Umstände waren es, dass diese Besonderheit – seit hundert Jahren totgesagt – über Jahrhunderte bestehen blieb? Worauf die Ursprünge des Saterfriesischen zurückzuführen sind, das beantwortet sie mit Zitaten aus den Arbeiten von M. Fort, des Nestors aller Germanisten, die sich mit Saterfriesisch; heute ein Sprachfossil, befasst haben. Es waren die todbringenden Sturmfluten der ersten Jahrhunderte des zweiten Jahrtausends, die heimatlos gewordene Friesen aus dem Küstenraum zwischen Weser und Ems die Flüsse Ems, Leda und Saterems aufwärts auf die von Mooren umgebene Sandinsel drückten. Sie erwähnt jedoch nicht, dass diese Friesen im 16. Jahrhundert durch Reformation und Gegenreformation auch noch gegenüber ihren Ursprüngen isoliert wurden.

Denn im 16. Jahrhundert gehörten die Saterfriesen schon zwei Jahrhunderte zum Herrschaftsbereich Münsters. Sie wurden deshalb, im Gegensatz zu den Bewohnern der friesischen Kernlande, durch die Gegenreformation wieder katholisch. In der Folge ihrer Arbeit geht Kathrin Wolken durch Beispiele auf die „Innere Sprachgliederung“ des Saterfriesischen in den Orten Ramsloh, Strücklingen und Scharrel ein (nach Stellmacher). Hierbei stellt sie fest, dass die Unterschiede im Vokabular gering, allerdings im gesprochenen Satz wieder unterschiedlicher sind. So heißt das Wort „Tag“ in allen drei Orten jeweils „Dai“, „tanzen“ heißt in Ramsloh und Strücklingen „donsje“ und in Scharrel „dönsje“.

In von Stellmacher übernommenen Beispielsätzen sind sie jedoch schon größer. Der Satz „er ist vor vier oder sechs Wochen gestorben“ wird in Ramsloh „Hi is for fiauer of secks Wike sturfen“ und in Strücklingen „Hie is vor vjauer of sexs Wecke stourven“ ausgesprochen.

Dann zitiert sie noch Wortbeispiele, in denen sich einmal Hochdeutsch und Plattdeutsch, das andere Mal Plattdeutsch und Saterfriesisch näher stehen. Resümierend stellt Kathrin Wolken abschließend fest, dass sie es bedauert, nicht zweisprachig aufgewachsen zu sein. Meint dann aber: „Ich kann auch die Bedenken der Mutter nachvollziehen, die letztlich dazu geführt haben, dass zu Hause nur Hochdeutsch mit mir gesprochen wurde.“

Paul Brägelmann



4.
2010-Jan-14
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Uni schon seit 1973
Zum Artikel „Bischof Genn kommt zum Festakt“ (OV, 12. Januar)

Zum wiederholten Male ist die Berichterstattung in der OV über die (hoffentlich) bevorstehende Umbenennung der staatlichen Hochschule in Vechta zu korrigieren: Diese wird nicht „im Rahmen eines Festaktes offiziell zur Universität gekürt“. Sie bedarf der Kür nämlich nicht – sie ist schon eine Universität, und zwar bereits seit knapp vierzig Jahren, das heißt seit 1973 zunächst als Abteilung bzw. Standort der Universität Osnabrück, dann seit 1995 als selbstständige Einrichtung. Sie trägt nur den falschen, irreführenden Namen „Hochschule Vechta“, weil sich bei den damaligen Konkordatsverhandlungen die rot-grüne Landesregierung unter Schröder gegen die katholische Kirche durchsetzte, die die korrekte Bezeichnung „Universität Vechta“ von Anfang an wollte. Insofern wird Bischof Genn beim Festakt nur nachholen, was bereits 1995 hätte geschehen müssen und was nun durch eine Novellierung des Niedersächsischen Hochschulgesetzes in Kraft gesetzt wird: Die „Hochschule Vechta“ muss umgetauft werden, weil die Fachhochschulen in Niedersachsen trendgemäß umbenannt werden in „Hochschulen“ ohne den Zusatz „Fach-“.

Prof. W. Kürschner
Dohlenstraße 7
Vechta

Bezugstext:

2010-Jan-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Bischof Genn kommt zum Festakt
Hochschule wird Universität/Vorentscheidung über Bauplatz für neue Hörsäle gefallen

[Bild:] Überfüllte Hörsäle beklagen Vechtaer Studenten schon seit einigen Jahren. Das Land Niedersachsen will mit einem neuen Hörsaal- und Seminargebäude Abhilfe schaffen. Foto: OV-Archiv

Vechta (su) – Im Frühjahr wird die seit 1995 selbstständige Hochschule Vechta im Rahmen eines Festaktes offiziell zur Universität gekürt. Nach Informationen unserer Zeitung wird dazu der Münstersche Bischof Dr. Felix Genn erwartet. Damit wird das Verdienst der Katholischen Kirche um den erfolgreichen universitären Ausbau der früheren Abteilung der Universität Osnabrück gewürdigt. Grundlage der selbstständigen Entwicklung Vechtas seit Mitte der 90iger Jahre ist das Niedersachsen-Konkordat zwischen Kirche und Land, das unter anderem die Ausbildung katholischer Religionslehrer in Vechta garantiert. [...]



3.
2010-Jan-12
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Beim Zählen differenzieren

Über die Frage, ob das Zählen mit der Eins beginnt, wie Leser Wolfram Seibt behauptet (OV vom 2. Januar 2010), oder doch mit der Null, wie ihm Leser Karl Arnold entgegenhält (OV vom 6. Januar 2010), ist in der OV eine kleine Leserbriefdebatte entstanden, in der Wolfram Seibt das letzte Wort behalten wollte (OV vom 8. Januar 2010).
Dort bezieht er sich auf Christi Geburt, die nicht im Jahr Null stattgefunden habe – wann sie denn nun stattgefunden hat, erfährt der OV-Leser allerdings nicht. In Theologen- und Historikerkreisen werden paradoxerweise die Jahre 5/4 vor Christi Geburt oder das Jahr 7 nach Christi Geburt als das Geburtsjahr Christi angesehen (vgl. „Der große Ploetz“, 2008, S. 322).
Davon abgesehen plädiere ich, was die Jetztzeit angeht, dafür, die Jahrzehnt-, Jahrhundert- und Jahrtausendbegriffe zu differenzieren in einen mathematisch-logischen und in einen bürgerlich-symbolischen. Mathematisch-logisch hat Seibt recht: Das Zählen beginnt mit der Eins (und endet mit der Zehn), wie man es sich an beiden Händen klarmachen kann. Bürgerlich-symbolisch hingegen beginnt ein neues Jahrzehnt mit einer Null am Ende, aber nicht eigentlich wegen der Null, sondern weil die Dezimalstelle links vor der Null um eins erhöht wird: „2009“ unterscheidet sich von „2010“ in doppelter Hinsicht. Bei Jahrhunderten macht sich dies an drei Stellen bemerkbar: „1899“ zu „1900“, bei Jahrtausenden sogar an vier: „1999“ zu „2000“.
Wilfried Kürschner
Dohlenstr. 7
49377 Vechta

Bezugstexte:

2010-Jan-02
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

„Das Zählen beginnt mit der Eins“
Zur Neujahrsansprache der Bundeskanzlerin:

„Es beginnt ein neues Jahrzehnt“, hat Angela Merkel allen Ernstes in ihrer Neujahrsansprache behauptet. Wiederholt sich nun der irrtümliche Partytaumel, den wir vor zehn Jahren erlebt haben?

Das Zählen beginnt mit der Eins. Jedes Jahrzehnt, Jahrhundert oder Jahrtausend wird eröffnet durch eine Jahreszahl mit der Endziffer Eins. Es wird beendet durch ein Jahr mit der Endziffer Null. Im neuen Jahr beginnt gar nichts, sondern das erste Jahrzehnt des neuen Jahrtausends geht zu Ende. Dass viele Menschen das Zählen oder gar Kopfrechnen für eine esoterische Kunst halten, ist in dieser Zeit der elektronischen Hilfsmaschinchen kein Wunder.

Es verblüfft einen aber doch, wenn sogar eine examinierte Physikerin mit dem Zahlensystem nicht mehr so recht vertraut zu sein scheint. Bei Herrn Westerwelle war das zu erwarten, von der Kanzlerin habe ich bisher eine bessere Meinung gehegt. „Mein Gott, was soll aus Deutschland werden?“ (K. Adenauer)

Wolfram Seibt
Berliner Straße 3
49393 Lohne

2010-Jan-06
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Start mit Null

Zur Lesermeinung von Wolfram Seibt aus Lohne mit Bezug auf die Neujahrsansprache der Kanzlerin (OV vom 2. Januar):
Das Zählen der Jahreszahlen beginnt nicht mit der Eins, wie Herr Seibt meint, sondern mit der Null. Der „Urknall“, wenn man so will, geschah im Zeitpunkt Null, im Jahr Null, im Jahrzehnt Null.

Im konkreten Fall reicht das neue Jahrzehnt vom Jahreswechsel 2009 zu 2010, 0.00 Uhr, bis zum Jahreswechsel 2019 zu 2020, 24.00 Uhr, so dass um 0.00 Uhr ein neues Jahrzehnt beginnt. Das bedeutet, ein jedes Jahrzehnt wird durch eine Jahreszahl mit der Endziffer Null eröffnet.

2010 hat also ein neues Jahrzehnt begonnen. Die examinierte Physikerin und Bundeskanzlerin Angela Merkel ist demnach mit dem Zahlensystem durchaus vertraut. Auch wird, wenn es danach geht, „aus Deutschland schon was werden“.

Karl Arnold
Dominikanerweg 62
49377 Vechta

2010-Jan-08
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Jahr Null gibt es nicht

Zum Leserbrief von Karl Arnold mit Bezug auf die Diskussion um das neue Jahrzehnt (OV vom 6. Januar):
Herr Arnold greift bis zum Urknall zurück, um mir zu beweisen, dass wir seit ein paar Tagen in einem neuen Jahrzehnt angekommen sind. Ich will bescheidener sein und halte mich an die herkömmliche, von Christi Geburt ausgehende abendländische Zeitrechnung. Wenn sie mit einem Jahr Null begänne, würde ich Herrn Arnold sofort beipflichten. Er kann sich aber von jedem sachkundigen Historiker bestätigen lassen: Ein Jahr Null hat es nie gegeben. An das Jahr Eins „vor“ Christi Geburt schließt sich unmittelbar das Jahr Eins „nach“ Christi Geburt an. Mit diesem Jahr beginnt das erste nachchristliche Jahrzehnt.

Alle weiteren Jahrzehnte seitdem begannen mit einem Jahr, dessen Endziffer gleichfalls die Eins ist. Herr Arnold müsste nun mitteilen, welches dieser Jahrzehnte er am liebsten auf neun Jahre zusammenquetschen möchte. Nur so nämlich kann er bewirken, dass wir schon heute im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts leben.

Wolfram Seibt
Berliner Straße 3
Lohne

Reaktionen:

2010-Jan-13
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Keine Null

Schade, heute gibt’s keine neue Folge in unserer aktuellen und für mich bislang höchst lehrreichen Leserbrief-Debatte zum Thema „Ab wann beginnt ein neues Jahrzehnt?“ Ich hatte bislang noch nie darüber nachgedacht, dass ich die Null schmählich unterschlage, wenn ich an meinen Fingern die Jahre bis zu meinem nächsten runden Geburtstag abzähle und dabei mit dem Daumen für die Eins beginne ... Aber das Bedeutet ja – ohne Null kann es gar keinen runden Geburtstag geben! Ich hätte nie gedacht, dass die Finessen der Mathematik mich auf diese Weise jung erhalten. Und dabei sah ich in der Mathestunde immer ganz schön alt aus.
(ru)

2010-Jan-20
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Noch nicht ausdiskutiert
Zu den Leserbriefen zum Thema „Wann beginnt das neue Jahrzehnt?“:

[...] Wann beginnt denn nun ein neues Jahrzehnt? Mit 0 oder mit 1? In einer Zuschrift vom 12. Januar schlägt Professor Dr. W. Kürschner vor, neben der mathematisch-logischen auch eine bürgerlich-symbolische Zählweise einzuführen! Was ist das? Laut Bd. 21, S. 242 „Das neue Bertelsmanns Lexikon“ 2003 kann ein Symbol auch auf eine übersinnliche, z.B. religiöse Sphäre hinweisen! Will Kürschner bei der promovierten Physikerin Merkel etwa diskret auf ihr Elternhaus hinweisen?

Wir sollten es doch beim Mathematisch-logischen belassen. Alles andere verschleiert doch die Tatsachen, wie so mancher Ausspruch aus Politikermund! Im übrigen möchte ich zum Ausdruck bringen, dass ich grundsätzlich Aussagen einer promovierten Physikerin mehr Glauben schenke, als denen eines Juristen, der das Überfliegen der Datumsgrenze sicher als großen außenpolitischen Erfolg seiner Person feiern würde.

Ich glaube nicht, dass das Thema schon ausdiskutiert ist: Nun müssen Heimatforscher aus Goldenstedt ran, um herauszufinden, wie Katholiken und Protestanten während des Simultaneum mistum das Problem der unterschiedlich datierten christlichen Feiertage gelöst haben. Zu dieser hoffentlich bald zu erwartenden Veröffentlichung gehört natürlich auch ein Vorwort des derzeitig regierenden Goldenstedter Bürgermeisters!

Jürgen Lamping
Bmg.-Heinrich-Straße 14
Bad Abbach



2.
2010-Jan-10
OV am Sonntag [Vechta]

Nächster Teil der Plattdeutsch-Serie: Was hat die plattdeutsche Sprache vor ihrem Untergang bewahrt?
„Plattdeutsch früher und heute“

Oldenburger Münsterland – Cordula Randerath ist 1987 in Augsburg geboren. Das Abitur hat sie in Osnabrück abgelegt, seit 2006 studiert sie an der Universität Vechta die Fächer Germanistik und Sachunterricht.

Zur Beherrschung des Niederdeutschen schreibt sie: „Ich verstehe das meiste bei genauem Zuhören. Schreiben oder Sprechen fallen mir wesentlich schwerer.“ In ihrer Hausarbeit zum Thema: „Plattdeutsch früher und heute – Was hat die plattdeutsche Sprache vor dem Untergang bewahrt?“ untersucht Randerath, warum die plattdeutsche Sprache nicht, wie oft vorausgesagt, untergegangen ist, warum ihr weiterer Erhalt notwendig ist und welche Schritte zur Erreichung dieses Ziels unternommen werden.

Jonas Goldschmidt, ein deutsch-jüdischer Arzt aus Oldenburg, publizierte 1846 die Schrift „Über das Plattdeutsche als ein großes Hemmniß jeder Bildung“. Er wies dem Niederdeutschen den Status einer aussterbenden Sprache zu, die wie ein See sei, dem der „Quellfluss versiegt“ ist. Zwar bezeichnete er das Plattdeutsche als eine gemütliche, vertrauliche Sprache, doch sei ihr Aussterben wünschenswert, denn diese Sprache sei nicht in der Lage, dem geistigen Fortschritt der Menschheit zu entsprechen. Er forderte ein striktes Verbot des Plattdeutschen im Unterricht, damit das Hochdeutsche in allen Lebensbereichen seinen Einfluss geltend machen könne.

Viele seiner Zeitgenossen wiesen diese Argumente kopfschüttelnd zurück. Ein starker Gegner der Goldschmidt-Thesen war Gerhard Stalling. Er argumentierte folgendermaßen: Wenn sich die plattdeutsche Sprache derart negativ auf die Bildung der Menschen auswirke, dann hätten die Folgen bereits viel früher in Erscheinung treten müssen. Er hob die Stärken der plattdeutschen Sprache hervor: die natürliche Kürze, der bildhafte Vergleich, die klare ehrliche und treffende Aussagekraft. So werden hochdeutsche Wörter mit den Endungen „-tum, -keit, -heit, -ung“ in Vergleichen und bildhaften Ausdrücken umschrieben, wie zum Beispiel „Reichtum – Hei häff Geld as Hai. Hei häff wat achter dei Hacken“, „Sparsamkeit – Hei häff wat uppe hogen Kante“, „Krankheit – Üm häff dat uck gräpen“, „Geheimhaltung – Hei kann Kauhschiete dör dei Wand rüken“. Diese Beispiele zeigen, dass es für abstrakte hochdeutsche Ausdrücke im Plattdeutschen keine entsprechenden eigenen Wörter gibt, sondern Ausdrücke in greifbarer, anschaulicher Form, mit denen sich sofort eine konkrete Vorstellung verbindet.

Cordula Randerath stellt in ihrer Arbeit des Weiteren fest, dass das Plattdeutsche eine sehr lebendige, reiche Sprache ist, die durch ihre Einfachheit und Klarheit besticht. Als Beispiele für die Präsenz des Niederdeutschen führt sie regelmäßig auf Niederdeutsch verfasste Artikel in Zeitungen, plattdeutsche Internetseiten und die Weitergabe des Plattdeutschen an die nächste Generation durch Plattdeutsch-AGs in Schulen als Beispiele an.

„Die Menschen des Nordens, die noch Platt sprechen, mögen ihre Sprache nicht aufgeben, weil sie ihnen einen vertrauten, ehrlichen und warmen Umgang mit ihren Mitmenschen ermöglicht, den ihnen das Hochdeutsche ihrer Meinung nach nicht bieten kann“, schreibt Randerath. Die Übersetzung eines Abschnittes aus Immanuel Kants „Kritik der reinen Vernunft“ ins Niederdeutsche zeige, dass sich das Plattdeutsche darüber hinaus auch dazu eigne, komplexe Gedankengänge in Sprache zu fassen. Die Beschäftigung mit dem Niederdeutschen führt nach Ansicht Randeraths zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung mit der eigenen Region, mit ihren Traditionen und ihrer Geschichte.



1.
2010-Jan-03
OV am Sonntag [Vechta]

Plattdeutsch-Serie: Student Christoph Scheuermann schreibt über den Vorteil der Zweisprachigkeit
Mit Freunden auf Platt unterhalten

Oldenburger Münsterland – Christoph Scheuermann aus Göttingen, Jahrgang 1982, studiert an der Universität Vechta Germanistik und Designpädagogik. Er hat sich bewusst für eine kleine Universität mit ländlichem Charakter wegen der persönlichen Atmosphäre entschieden. Später möchte er als Lehrer in einer Schule auf dem Lande unterrichten.

In seiner Hausarbeit „Mein Platt“ berichtet er über den Gewinn der Zweisprachigkeit. Bereits in Kindertagen sprachen seine Eltern mit ihm Plattdeutsch, seine „Aufpassoma“ nur hochdeutsch. So lernte er, dass es für Gegenstände und Tiere zwei Wörter gibt. Aus Muus wird Maus, aus Huus wird Haus. Dabei zeigt sich bereits ein kreativer Umgang mit Sprache, andererseits auch das Bewusstsein, dass Sprache Regeln hat. Englisch wählte er als erste Fremdsprache, die damals erst mit dem Übergang in die Orientierungsstufe gewählt wurde. Im bilingualen Zug des Gymnasiums wurden die Fächer Geschichte, Erdkunde und Sport in englischer Sprache unterrichtet. Bei Aussprache und Sprachvermögen haben ihm die Niederdeutschenkenntnisse Vorteile verschafft. Beim Vokallernen habe er wesentlich weniger Zeit investiert, obwohl das Lernpensum größer wurde. So schreibt er: „Es war mir möglich, viele Vokale durch Ableiten aus dem Plattdeutschen schnell zu erschließen und in den eigenen englischen Wortschatz aufzunehmen.“ Die nachfolgenden Beispiele sollen dies untermauern:

Schwester-(süster-sister); erzählen-(vertelln-to tell); er-(hei-he); wir-(wi-we); Wasser-(Waoter-water); helfen-(helpen-to help); voll-(vull-full); trinken-(drinken-to drink); gibt mir-(giff mi-give me); Bruder-(Brauer-brother); zuhören, lauschen-(lustern-listen); alt-(olt-old); tief-(deip-deep); Apfel-(Appel-apple); Schiff-(Schipp-ship); Fisch-(Fisk-fish). So können noch viele Beispiele angeführt werden. Viele Wörter sind auch mit dem Niederländischen eng verwandt. Das plattdeutsche afbreken heißt im Niederländischen ebenso: afbreken.

Christoph Scheuermann berichtet weiter: „Nach dem Beginn meines Studiums knüpfte ich bald erste Kontakte zu Personen in Vechta. Dabei stellte ich fest, dass sich hier recht viele Leute finden lassen, die niederdeutsch sprechen. So lernte ich auch Gleichaltrige kennen, die Platt beherrschen. Noch jetzt unterhalte ich mich mit zwei Freunden aus Vechta nur auf Platt.

So ist Platt bei den Jägern im Oldenburger Münsterland auch die Umgangssprache. Als „Zugezogener“ wurde er zunächst kritisch betrachtet. Das änderte sich rasch, als bekannt wurde: „Dei schnackt Platt. Denn könt wi bruuken“. Dennoch gibt es Unterschiede im Vechtaer Platt: In der Gegend von Göttingen/Stadensen sagt man für: da hinten: dor hinnen und in Vechta: dor achtern. Diese feinen Dialektunterschiede liegen in den unterschiedlichen Sprachgebieten begründet, zu denen Vechta, Stadensen und Göttingen gehören. So folgert Christoph Scheuermann in seiner Hausarbeit:

„Die gegenwärtige Situation des Plattdeutschen kann man als „verborgene Zweisprachigkeit“ kennzeichnen. Dies lässt sich anhand der Umfrage in unserem Seminar belegen. Zwar behaupten 58 Prozent der 111 Befragten Plattdeutsch zu verstehen, doch bei der Frage nach dem Plattdeutschlesen haben nur noch 35 Prozent gut oder sehr gut geantwortet. Sprechen können es nur noch 13 Prozent und schreiben sogar nur noch ganze 0,03 Prozent. Die Sprachkompetenz ist also höher als die Sprachverwendung.“ Wat, du kanns kien Platt? Dat moss di eis dör n Kopp gaohn laoten.