Berichte 2006



7.
2006-Dez-16
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

60 angehende Lehrer verabschiedet
Examensfeier der Hochschule Vechta / Festredner Hanschmidt blickt 100 Jahre zurück

Vechta (hm) – Schönschreibübungen absolvieren, eine Handzeichnung an die Wandtafel skizzieren und eine Lehrprobe abliefern – wer 1905 Lehrer werden wollte, kam an diesen Aufgaben nicht vorbei. Knapp 100 Jahre später sehen die Anforderungen an zukünftige Lehrer zwar etwas anders aus, aber die Prüfung zum ersten Staatsexamen müssen die Kandidaten auch weiterhin bestehen. So verteilten Peter Cromme von der Universitätsgesellschaft und Professor Dr. Wilfried Kürschner am Freitagnachmittag 60 Zeugnisse an Studenten, die in diesem Jahr ihr Examen an der Hochschule Vechta erfolgreich absolviert haben.Den Festvortrag hielt der Historiker Professor Dr. Alwin Hanschmidt, der Prüfungsordnungen aus den letzten 100 Jahren mitbrachte und berichtete, wie „junge Damen und Herren“ 1905 zu ihrer „Reifeprüfung“ kamen. In insgesamt zehn Fächern hätten die „pädagogischen Zehnkämpfer“ ihre Kenntnisse der „pflichtigen Lehrgegenstände“ beweisen müssen, so Hanschmidt. „Nur eine schriftliche Hausarbeit, wie sie heute verlangt wird, hat damals niemand schreiben müssen“, ließ der Wissenschaftler seine interessierten Zuhörer wissen.Die Abschiedsrede der Studierenden hielt Michael Otten, der anschaulich vom studentischen Leben in Vechta erzählte und berichtete, mit welchen Vorurteilen er sich als Angehöriger einer kleinen Universität habe herumschlagen müssen. „Ja, Vechta ist eine richtige Universität“, versicherte er zweifelnden Altersgenossen immer wieder, bis schließlich das universitätseigene Outfit mit großem Namensschriftzug die Frage eindeutig geklärt habe. „Für uns schließt sich jetzt eine Tür“, so Otten, „aber es öffnen sich überall neue Türen – Wir müssen nur den Mut haben, hindurchzugehen“, forderte er die Absolventen auf, ihren Weg zu gehen.
Die besten Absolventen ausgezeichnet hat gestern auf der Examensfeier an der Hochschule Vechta Peter Cromme, Vorsitzender der Universitätsgesellschaft (links). Geehrt wurden (von links) Arne Wilms, Yasmin Kahl, Vanessa Gernand und Daniela Eilers. Es gratulierten Dr. Marion Rieken (Vizepräsidentin für Lehre und Studium) und Prof. Dr. Wilfried Kürschner (Prüfungsamtsbeauftragter). Foto: hm



6.
2006-Nov-22
Rundschau am Mittwoch

Austausch mit China
Hochschule Vechta begrüßt zehn Studierende

Die Gruppe stammt von der Xi’an International Studies University.

Vechta. Die Hochschule Vechta begrüßt zum zweiten Mal eine Gruppe junger Chinesen, die ein Jahr in Vechta bleiben werden. Der noch junge Austausch mit der Xi’an International Studies University, einer Fremdsprachenhochschule, wird weitestgehend vom Fach Germanistik organisiert und betreut. Damit sich die Studenten aus Xi’an schnell einleben können, setzt die Hochschule ihr eigens für diesen Austausch entwickeltes Tutorenprogramm fort. Dabei kümmern sich fünf Vechtaer Studierende um die Chinesen, zeigen ihnen die Stadt und das Umland und entwickeln Programme für die Wochenenden.
Während einer kleinen Begrüßungsfeier informierte Prof. Dr. Wilfried Kürschner die Austauschstudenten über erste Lehrveranstaltungen, die sie belegen sollten. Überrascht war der Sprachwissenschaftler aus Vechta über die hohe Qualität ihrer Deutschkenntnisse; dabei lernen sie die Sprache erst seit wenigen Jahren.
In China sei der Austausch mit Vechta sehr begehrt und gelte als Musterbeispiel für ein erfolgreiches Programm, berichtet Kürschner. »Es ist eine Auszeichnung für die Studenten, wenn sie für diesen Austausch ausgewählt werden.« Bei der Auswahl der Studenten in Xi’an hilft Almut Körting, Lektorin des Akademischen Austauschdienstes (DAAD).
Derzeit plant die Hochschule Vechta den Gegenaustausch, denn auch Vechtaer Studenten sollen einen Aufenthalt in China ermöglicht bekommen.

Foto: Die Chinesen von der Xi’an International Studies University mit ihren Tutoren und ihrem Betreuer Prof. Dr. Wilfried Kürschner.



5.
2006-Nov-10
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Hochschule feiert Premiere
Über 160 Bachelor-Absolventen erhalten Zeugnisse

Vechta - Die Hochschule Vechta feierte gestern eine Premiere: Über 160 Absolventen des Bachelorstudienganges Sozial-, Kultur-, Naturwissenschaften erhielten ihre Zeugnisse. Damit entließ die Universität die ersten Bachelor-Absolventen seit der Umstellung auf die neue Studienstruktur im Jahre 2003. Außerdem erhielten 20 Absolventen des Diplom-Studienganges Gerontologie ihre Zeugnisse.
Die Hochschule Vechta ist eine der ersten Universitäten in Deutschland, die die Studienreform bereits vollzogen hat. Bis 2010 muss der Prozess an den europäischen Hochschulen abgeschlossen sein. Hochschulpräsidentin Prof. Dr. Marianne Assenmacher lobte Studenten, Lehrende und Mitarbeiter gleichermaßen. »In Zeiten des Umbruchs haben die Studierenden in der Regel Ruhe bewahrt und durchgängig gute Abschlüsse erreicht.« Alle schafften den Eintritt in den Master of Education, der auf den Lehrerberuf vorbereitet. Assenmacher bedankte sich besonders bei den Gerontologie-Absolventen, die sich aktiv am Aufbau des Studienganges in Vechta beteiligt hätten. Mit ihrer Unterstützung habe die Hochschule ein »zukunftsweisendes« Angebot entwickeln können.
Vizepräsidentin Dr. Marion Rieken sagte, die Umstellung auf Bachelor- und Master bedeute einen Wandel, der »Gutes bewahrt und aus Defiziten lernt.« Eine köstlich-humorvolle Festrede hielt der Sprachwissenschaftler Professor Dr. Wilfried Kürschner. Unter dem Titel »Von Knappen, Junggesellen, Seehunden, Bakkalaurei, Artisten und freien Künstlern« wälzte er Ursprung und Bedeutung des Wortes »Bachelor« – und bemerkte lapidar: »Das haben Sie nun davon, wenn Sie einen Sprachwissenschaftler als Festredner engagieren.«

Die beste Bachelor-Absolventin Ulrike Kehrer (2. von links) mit Vizepräsidentin Dr. Marion Rieken, Martin Jungwirth (Bachelor/Master-Koordinator) und Hochschulpräsidentin Prof. Dr. Marianne Assenmacher (von links). Foto: Hochschule



4.
2006-Nov-04
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Dickes Werk zur Sprachwissenschaft
Festschrift für Linguisten Heinrich Weber

Vechta (kk) – Sie ist blau, sie riecht gut und sie ist zu Ehren von Professor Heinrich Weber verfasst: die Festschrift »Linguistik International«. Herausgegeben wurde das 600 Seiten starke Werk von dem Vechtaer Professor Wilfried Kürschner und Reinhard Rapp.
Es umfasst 46 deutsch- und englischsprachige Beiträge einer internationalen Autorenschaft mit dem Schwerpunkt Syntax, Semantik, Pragmatik, Lexikologie, Textlinguistik, Sprachtheorie sowie allgemeine und angewandte Sprachwissenschaft. Die Autoren sind regelmäßige Teilnehmer des seit 1966 europaweit im jährlichen Turnus stattfindenden Linguistischen Kolloquiums. Sie möchten mit diesem Sammelband die wissenschaftliche Leistung von Heinrich Weber sowie sein jahrzehntelanges Engagement für die traditionsreiche Tagungsreihe würdigen. Heinrich Weber hat das Linguistische Kolloquium, das 2006 zum 41. Mail stattfand, geprägt. Er hat fast von Anfang an daran teilgenommen, es um zahlreiche Beiträge bereichert und es auch einmal selbst organisiert. Seit 1991 ist Weber Sprecher des damals in Posen ins Leben gerufenen Internationalen Organisationskomitees, das die Kontinuität der traditionsreichen Tagungsreihe sicherstellen soll. Mit seinen brillanten wissenschaftlichen Vorträgen und seinen Reden, beispielsweise bei Jubiläumsveranstaltungen, habe Weber sich um das Linguistische Kolloquium in besonderer Weise verdient gemacht, schreiben die Herausgeber in ihrem Vorwort. Erschienen ist »Linguistik international – Festschrift für Heinrich Weber« im Verlag Pabst Science Publishers.



3.
2006-Okt-31
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Zwei Nationen leben unter einem Dach
Chinesische und polnische Austauschstudenten teilen sich eine Wohngemeinschaft

Vechta – Die neue Wohngemeinschaft am Sonnenkamp in Vechta ist eine ganz besondere. Hier leben seit Semesterbeginn chinesische und polnische Austauschstudentinnen unter einem Dach, kochen und essen gemeinsam, schauen Fernsehen und verstehen das Programm »zusammen nicht«, schmunzelt die Polin Magdalena Laskowska. Während die zehn Studenten der chinesischen Partneruniversität Xi’an ein Jahr in Vechta bleiben, verbringen die fünf polnischen Studenten der Uni in Olsztyn (Allenstein) und der Uni Zielona Góra (Grünberg) ein Semester in der Kreisstadt.
Insgesamt tummeln sich derzeit rund 130 ausländische Studenten aus aller Welt an der Hochschule Vechta. »Wir wollen die Zahl erhöhen«, sagt Christiane Hendess, Mitarbeiterin im International Office. Insbesondere wolle die Hochschule verstärkt Vechtaer Studenten motivieren, ins Ausland zu gehen. Die Möglichkeiten sind vielfältig – neben hochschuleigenen Kooperationsvereinbarungen bietet die Europäische Union beliebte Austauschprogramme wie Erasmus an – ein Teil des bekannten Sokrates-Programms.
Dieses Angebot der EU nehmen auch die polnischen Studenten wahr. Die Theologiestudenten sehen ihren Aufenthalt an einer deutschen Uni als Herausforderung und als Chance für ihre berufliche Zukunft. Daniel Mackiewicz etwa ist gespannt auf das deutsche Hochschulsystem, das sich vom polnischen unterscheide. Seine Kommilitonin Teresa Maria Gontarz will erfahren, wie deutsche Theologiestudenten das Erlernte im Unterricht umsetzen.
Die Gäste bekommen aber nicht nur einen Eindruck in den Studienalltag, sondern auch in andere Mentalitäten. »Die polnischen Studenten haben zuvor noch nie etwas mit Chinesen zu tun gehabt«, sagt Prof. Dr. Egon Spiegel, der die Polen betreut. Durch das Leben in der Wohngemeinschaft entwickeln sie sich auch sprachlich weiter. »Sie sind gezwungen, auf Deutsch zu kommunizieren«, sagt Spiegel. Nicht immer. Sie lernen zwar gemeinsam deutsche Vokabeln, unterhalten sich aber auch auf Polnisch, Chinesisch und Englisch. Eine Sprachvielfalt, die nicht nur Spiegel, sondern auch die Studenten selbst begeistert. Die ersten Eindrücke von Deutschland, genauer gesagt von Vechta, sind positiv: Es gebe viel Natur hier und viele Radfahrer. Xu Tianran mag die »freundliche Atmosphäre an der kleinen gemütlichen Uni«: »Man kennt sich untereinander«, sagt er, der in der Millionen-Metropole Xi’an lebt. Teresa hingegen ist von einer anderen Sache begeistert: »Es gibt viele Ausländer hier. Wir fühlen uns gut dabei.«

(Foto: Hochschule) »Wir grüßen Vechta«: Die polnischen Austauschstudenten mit ihren chinesischen Kommilitonen, Professor Dr. Egon Spiegel (Mitte) betreut die Gäste aus Polen, Professor Dr. Wilfried Kürschner ist für die Chinesen verantwortlich. Professorin Dr. Marianne Assenmacher freut sich über die fortschreitende Internationalisierung der Hochschule.



2.
2006-Mrz-18
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Alles eine Sache der Übung und Gewöhnung
Die deutsche Rechtschreibreform: Eine Bilanz nach zehn Jahren der Medien- und Meinungsschlachten

Von Wilfried Kürschner

Vor knapp zehn Jahren, Ende August 1996, erschien die „Oldenburgische Volkszeitung“ in neuer Rechtschreibung. Da sie die erste deutsche Zeitung war, die die Rechtschreibreform aufgriff, wurde dies durch Fernseh- und Rundfunkberichterstattung zu einem kleinen Medienereignis, das jedoch in keinem Verhältnis stand zu den Medien- und Meinungsschlachten, die danach einsetzten und periodisch immer wieder aufwallten bis hin zur BILD-Kampagne 2004 unter dem Schlachtruf „Stoppt die Schlechtschreibreform!“. Wie der Springerkonzern jetzt ankündigt, erscheint die „Bildzeitung“ ebenso wie seine übrigen Zeitungen und Zeitschriften („Welt“, „Hörzu“ usw.) nun aber doch nicht länger in alter Rechtschreibung, und auch die „Frankfurter Allgemeine“ als intellektuelle Vorhut der Reformgegner erklärt sich „grundsätzlich zu einem Kompromiß“ bereit, „seitdem die Reform der Rechtschreibreform durch die Wiederzulassung zahlreicher Varianten die weitgehende Verwendung der bewährten Rechtschreibung möglich macht“.

Was ist geschehen? Die Rechtschreibreform von 1966 ist durch den „Rat für deutsche Rechtschreibung“ einer Revision unterzogen worden („Reform der Reform“). Er hat für die Schreibung auf besonders umstrittenen Feldern einen Kompromiss erarbeitet, der Anfang März 2006 von der Kultusministerkonferenz (zuständig für die Schulorthografie) angenommen wurde.

Die Rechtschreibreform von 1996 griff in die herkömmliche Schreibung nur minimal ein und wurde daher von vielen als bloßes „Reförmchen“ angesehen. Auszählungen ergaben, dass im laufenden Text mal gerade zwei (in Ziffern: 2!) Prozent der Wörter neu zu schreiben waren. Einer der Hauptstolpersteine, die Großschreibung der Substantive, wurde nicht angerührt. Dem „normalen“ Leser und Schreiber fiel die Ersetzung von „ß“ durch „ss“ in Wörtern wie „Kuss“, „muss“, vor allem „dass“ ins Auge, dann die neue Trennung von „st“ in Wörtern wie „Fens-ter“, „schöns-te“ und vielleicht bemerkte er noch, dass man jetzt „Portmonee“ oder wie zuvor „Portemonnaie“ schreiben konnte. Die Buchstabenschreibung der Wörter, um die es hier geht, wird von der Revision 2006 unangetastet gelassen

Groß- und Kleinschreibung

Im Bereich Groß- und Kleinschreibung gab es in der alten Schreibung vor 1996 manche Ungereimtheit. So war zu schreiben „das Schwarze Brett“, aber „der blaue Brief“ und „die weiße Weste“. Die Reform legte vereinheitlichend fest, dass in solchen festen Verbindungen der erste Bestandteil durchgängig kleingeschrieben werden sollte, also auch „der weiße Tod“ (= Lawinentod), „das goldene Zeitalter“ (wie „die goldene Hochzeit“) usw. Hier folgt die Revision nun wieder stärker dem Schreibgebrauch und lässt dem Schreiber die Wahl, bei „Verbindungen mit einer neuen, idiomatisierten Gesamtbedeutung“ das Adjektiv großzuschreiben oder aber beim Regelfall, der Kleinschreibung, zu bleiben: „der Blaue/blaue Brief“, „das Goldene/goldene Zeitalter“.

Es liegt hier Variantenschreibung vor, ein Grundzug schon der Reform von 1996, der aber jetzt bei der Revision noch stärker geworden ist und den Kompromisscharakter zwischen alter und neuer Orthografie deutlich werden lässt. Variantenschreibung ist umstritten. Während sie von den einen nicht nur als Eingeständnis der Tatsache, dass die Sprache sich in manchen Fällen gegen eine eindeutige Regelung sperrt, sondern als Zeichen der Liberalität gewertet wird, lehnen sie andere vor allem aus didaktischen Gründen ab: Das Erlernen der Rechtschreibung erfordert Eindeutigkeit, Variantenschreibung erschwert dagegen das Lernen und Behalten, da man sich ja nicht nur die betreffenden Schreibungen selber, sondern auch die Fälle, in denen Varianten überhaupt statthaft sind, einprägen muss.

Wenig Aufwand wird in dieser Hinsicht allerdings die von vielen angemahnte Wiederherstellung der „Höflichkeitsgroßschreibung“ der Anredepronomina „du“ und „ihr“ (einschließlich „dein“, „euer“) bereiten. Sie ist möglich „in Briefen“ (zu denen auch E-Mails und SMS gerechnet werden dürften) als Variante zu der durch die Reform festgelegten alleinigen Kleinschreibung.

Ebenfalls heftig befehdet wurde die von der Reform festgelegte Großschreibung in Verbindungen wie „Kopf stehen“, „Eis laufen“. Nunmehr werden die Substantive wie vor der Reform als verblasst eingestuft und es wird wieder zusammen- und kleingeschrieben: „kopfstehen, steht kopf“. So auch bei „leidtun, tut leid“ (reformiert: „Leid tun, tut Leid“), das vor der Reform allerdings klein- und getrennt geschrieben wurde: „leid tun, tut leid“. Variantenschreibung gilt hingegen für „Recht/recht haben, bekommen, geben“, wo die Reform nur noch die Großschreibung zugelassen hatte.

Getrennt/Zusammen

Ein weiterer heftig umstrittener Bereich war und ist die Getrennt- und Zusammenschreibung. Hier wurde der Reform beispielweise vorgehalten, dass in der Schreibung nicht mehr unterschieden werden könne, ob jemand „schwer fällt“ oder einem etwas „schwer fällt“. Dies folgte aus einer Gesamtregel, die für alle solche Verbindungen aus Adjektiv + Verb aufgestellt wurde. Sie besagte, dass immer dann getrennt zu schreiben ist, wenn der erste Bestandteil gesteigert oder durch „sehr“ oder „ganz“ erweitert werden kann: Man kann „schwerer oder sehr schwer fallen“ und etwas kann einem „schwerer oder sehr schwer fallen“. Diese Regelung berücksichtigte aber nicht, dass hier zwei Bedeutungen vorliegen, eine wörtliche und eine übertragene Die Revision legt nun fest, dass wie vor der Reform zusammengeschrieben wird, wenn eine übertragene Bedeutung vorliegt. Variantenschreibung ist zulässig, wenn im Einzelfall keine klare Entscheidung zu treffen ist; das Wörterverzeichnis nennt als Beispiel „(jmd. das Leben) schwer machen/schwermachen“.

Vergleichbares gilt für Verbindungen mit „bleiben“ oder „lassen“ als zweitem Bestandteil: Wer in der Schule nicht versetzt wird, kann wieder wie vor der Reform „sitzenbleiben“ oder er kann „sitzen bleiben“ (und sich damit nicht unterscheiden von einem, der auf seinem Stuhl „sitzen bleibt“) – im letzteren Fall gilt die Reformregel von der Getrenntschreibung aller Verbindungen aus Verb + Verb. Die Revision ermöglicht die Zusammenschreibung außerdem auch bei „kennen lernen/kennenlernen“ (aber unverständlicherweise nicht bei „lieben lernen“ und „schätzen lernen“).

Zeichensetzung

Nach der Reform konnte bei Infinitivgruppen unter bestimmten Bedingungen auf die Setzung eines Kommas verzichtet werden. Was als Erleichterung für den Schreiber gedacht war, erwies sich häufig als Erschwernis beim Lesen. Daher wird das Komma wieder obligatorisch in Gruppen mit „um, ohne, statt, anstatt, außer, als zu“: „Sie öffnete das Fenster, um frische Luft hereinzulassen“ usw. So auch, wenn die Infinitivgruppe von einem Substantiv abhängt: „Er fasste den Plan, heimlich abzureisen“. Das Komma kann weggelassen werden, wenn ein bloßer Infinitiv vorliegt: „Er fasste den Plan(,) abzureisen“, „Er dachte nicht daran(,) zu gehen“.

Fazit

Die Revision der Reform führt die deutsche Rechtschreibung wieder stärker an den Schreibgebrauch vor 1996 heran. Damit kommt sie der älteren Generation entgegen, die sich zum großen Teil im Schreibgebrauch nicht auf die Neuregelung einlassen mochte. Gleichzeitig brauchen sich die Schüler, die bereits nach der Neuregelung unterrichtet wurden, und ihre Lehrer nicht komplett umzustellen. Sie müssen sich nur die doch relativ wenigen Änderungen aneignen, von denen im Voranstehenden die wichtigsten aufgeführt sind. Wenn jetzt auch alle großen und viel gelesenen/vielgelesenen Tageszeitungen und Zeitschriften und hoffentlich auch die übrigen Texterzeugnisse, von der hohen Literatur bis hin zur Gebrauchsanweisung, in revidiert-reformierter Schreibung erscheinen, wird das Schriftbild seine Wirkung entfalten. Denn noch immer gilt für die meisten Schreiber, dass sie nicht über die Regeln im Einzelnen verfügen, sondern sich nach wahrgenommenen Schriftbildern richten, die wesentlich ihr „Schreibgefühl“ bestimmen. So sollte denn der zehnjährige „Rechtschreibkrieg“ beendet werden und das „Rechtschreibchaos“ ein Ende nehmen. Wunder sind nicht zu erwarten, denn nach wie vor gilt: Die deutsche Rechtschreibung ist ziemlich unlogisch, schwer zu beherrschen und eine Sache der Übung und Gewöhnung.

Wilfried Kürschner ist Professor für germanistische Linguistik an der Universität Vechta.

[Bildunterschriften:]

Korrekturvorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung. Im Herbst 2006 erscheint die revidierte Fassung des Buches „Neue deutsche Rechtschreibung kompakt“ von Wilfried Kürschner bei Olms in Hildesheim.

Er heißt Delfin – Der neue Rechtschreibduden ist für Juli 2006 angekündigt.



1.
2006-Jan-21
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Festredner Rainer Sander ermutigt zukünftige Lehrer, an Hauptschule zu arbeiten

Vechta (kb) – In der Aula der Hochschule Vechta fand gestern die Examensfeier statt. Rund 120 Absolventen der Lehramts-, Magister- und Diplomstudiengänge der Hochschule erhielten ihre Zeugnisse.

Als »Erntedankfest« für die Lehrenden bezeichnete Professor Dr. Martin Winter, Vizepräsident für Forschung und Nachwuchsförderung, die Feier. »Die Absolventen sind die Früchte unserer Arbeit.« Hans-Joachim Gunkel, Direktor des Landesamtes für Lehrerbildung und Schulentwicklung, wünschte besonders den Lehramtsabsolventen, dass sie ihre Ideale über die Jahre behalten können. »Einem Wassertropfen sieht man seine Macht nicht an«, so Gunkel, »aber als Dampf kann er Maschinen antreiben.«

Den Festvortrag hielt Rainer Sander, Leiter der Hauptschule im Schulzentrum Vechta-Süd. Ihm sei bewusst, dass die meisten Absolventen in die Grundschulen streben. Dennoch wolle er versuchen, die Neugier für die Hauptschule zu wecken. Die Schüler seien keineswegs solche Versager, wie sie in den Medien und der Wirtschaft dargestellt würden. Der Erziehungsauftrag nehme in der Hauptschule neben der Bildung viel Raum ein, so Sander. Hier sei man nicht nur Fachlehrer, sondern fungiere auch als aktive Stütze hinsichtlich der Persönlichkeitsentwicklung der Schüler. Er hoffe, dass während des Studiums die pädagogischen Kompetenzen für die anstehenden aufgaben vermittelt wurden. »Freuen Sie sich auf einen Beruf, der nie langweilig ist und dessen Erfolg nicht an Bilanzen abzulesen ist«, schloss er seinen Vortrag.

Vor der Zeugnisübergabe lud Professor Dr. Egon Spiegel in die Ehemaligen-Organisation Alumni ein. »Erinnern Sie sich auch weiter an ihre Hochschule«, forderte er auf. Am 20. Mai ist das erste Ehemaligentreffen, das nun jährlich stattfinden soll. Zusätzlich biete man für die Absolventen einen Newsletter, Seminare und Vorträge an, so Spiegel.

(Foto) Auszeichnung für beste Zeugnisse: hinten von links: Professor Dr. Martin Winter (Vizepräsident), Kerstin Grote, Meike Schäfer, Peter Cromme (Vorsitzender der Universitätsgesellschaft), Mirco Witthöft, Thomas Bremermann, Professor Dr. Wilfried Kürschner; Vordere Reihe von links: Ina-Maria Rönker, Bettina Krause, Ursula Tebben, Irina Luft, Nicole Schreiber, Sabine Pantke, Swenja Braun.