Berichte 2005



5.
2005-Dez-24
Frankfurter Allgemeine Zeitung

Ohne Texte

Zum Leserbrief "Latinum als Qualitätsausweis" von Leserin Professor Dr. Charlotte Schubert (F.A.Z. vom 10. Dezember): Was an der Universität Leipzig offenbar für den ab 2006 startenden Bachelorstudiengang geplant ist, nämlich die Wiedereinführung des Latinums, ist an der Universität in Vechta bereits Realität: Seit Aufnahme des B.A.-Studiengangs im Winter 2003/04 müssen die Studenten des Faches Germanistik verpflichtend einen zweisemestrigen Lateinkurs "Elementarlatein für Germanisten" absolvieren und mit zwei Klausuren beenden. Einer der Gründe für die Einführung dieses Modulteils ist die allenthalben festzustellende "philologische Unbedarftheit vieler Studenten", von der auch in dem Bericht "Immer mehr Latein" von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 14. Dezember) die Rede ist.

Im Elementarlatein-Kurs beschäftigen sich die Germanistikstudenten, die in ihrer überwiegenden Mehrheit in den zum Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen führenden Masterstudiengang eintreten möchten, mit grundlegenden Eigenschaften der grammatischen Struktur des Lateinischen, um auf diesem Hintergrund einen geschärften Blick für die Eigenheiten der Grammatik ihrer Muttersprache zu gewinnen; im Vordergrund steht die Wort- und Formenbildung der Nomina und der Verben. Der herangezogene Wortschatz konzentriert sich auf die grammatische Terminologie, die auch heute noch im wesentlichen aus dem Lateinischen stammt und schon in der ausgehenden Grundschule für die Beschreibung des Deutschen verwendet wird. Damit soll zugleich die Fremdwortbeherrschung des Studenten, mit der es ebenfalls durchgängig nicht zum besten bestellt ist, verbessert werden. Natürlich ist in einem zweisemestrigen Kurs keine Lektüre von Ganztexten zur Einübung des "mikroskopischen Lesens" möglich; dieses soll aber ansatzweise dadurch gefördert werden, daß, wo immer es sich anbietet, lateinische Sentenzen vom Typ "Repetitio est mater studiorum" oder "Plenus venter non studet libenter" analysiert werden.

Solange im Lehramtsbereich das Latinum nicht wieder Voraussetzung für die Ausnahme des Studiums wenigstens der philologischen Fächer wird, sind Hilfskonstruktionen wie das Vechtaer "Elementarlatein" oder das hoffentlich zustande kommende Leipziger "Universitätslatinum" nötig.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta



4.
2005-Mrz-05
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Knapp am Mangelhaft

Zum Beitrag „Stratmann für Wissenschaftler nur Durchschnitt“ (OV vom 1. März):

Zwar stimmt es, dass der Niedersachse Lutz Stratmann (CDU) im Ranking der Wissenschaftsminister von Bund und Ländern den elften von 17 Plätzen einnimmt und insoweit Mittelmaß bietet.

Hinzuzufügen ist allerdings, dass seine Bewertungsnote 4,3 lautet, dass er also mit einer Vier minus knapp am Mangelhaft vorbeigeschrammt ist. Die abstimmenden Mitglieder des Hochschulverbandes, der Berufsvertretung von mehr als 20 000 Professoren und Nachwuchswissenschaftlern, halten aber insgesamt nicht viel von ihren Ministern: Die Bestnote (Zöllner, SPD, Rheinland-Pfalz) lautet gerade mal 3,4.

Prof. W. Kürschner
Sprecher der Hochschulverbandsgruppe Vechta



3.
2005-Okt-22
Oldenburgische Volkszeitung [Vechta]

Universität Vechta

Der „ordentliche Name“, den Minister Stratmann für die Hochschule Vechta anregt (OV vom 20.10.2005), wäre „Universität Vechta“. Damit würde einer Forderung der katholischen Kirche Genüge getan, die schon 1995 zu Beginn der Selbstständigkeit Vechtas die Voraussetzungen für diese Bezeichnung gegeben sah. Zugleich würden die Aufbaubemühungen der letzten zehn Jahre gewürdigt. Zudem würde die Hochschuleinrichtung in Vechta auch in Bezug auf ihren Namen in eine Reihe mit den übrigen wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland gerückt, die wie Vechta das Promotions- und Habilitationsrecht haben. Es liegt in Minister Stratmanns eigener Hand, seine Anregung in die Tat umzusetzen und der Hochschule Vechta, die laut Nds. Hochschulgesetz den übrigen Universitäten gleichgestellt ist, den Namen „Universität Vechta“ zu geben.

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Dohlenstr. 7
49377 Vechta



2.
2005-Okt-27
Nordwest-Zeitung

Name für die Hochschule

Der „ordentliche Name“, den Minister Stratmann für die Hochschule Vechta anregt (NWZ vom 20.10.2005), wäre „Universität Vechta“. Damit würde einer Forderung der katholischen Kirche Genüge getan, die schon 1995 zu Beginn der Selbstständigkeit Vechtas die Voraussetzungen für diese Bezeichnung gegeben sah. Zugleich würden die Aufbaubemühungen der letzten zehn Jahre gewürdigt. Zudem würde die Hochschuleinrichtung in Vechta auch in Bezug auf ihren Namen in eine Reihe mit den übrigen wissenschaftlichen Hochschulen in Deutschland gerückt, die wie Vechta das Promotions- und Habilitationsrecht haben. Es liegt in Minister Stratmanns eigener Hand, seine Anregung in die Tat umzusetzen und der Hochschule Vechta, die laut Nds. Hochschulgesetz den übrigen Universitäten gleichgestellt ist, den Namen „Universität Vechta“ zu geben.

Prof. Dr. Wilfried Kürschner
Dohlenstr. 7
49377 Vechta



1.
2005-Mrz-23
DIE ZEIT, Nr.13, S. 81
 

 

Illustration: Daniel Matzenbacher für DIE ZEIT


Beugt euch!

Von Wolfgang Krischke

»Dativ, Genitiv ... Objektiv« – Schüler haben keine Ahnung von Grammatik. Damit sich das ändert, lernen angehende Deutschlehrer Latein

»Reflexion kommt von reflectere, zurückbeugen, die erste Person ist reflecto ...« Was Wilfried Kürschner vor dicht besetzten Bänken über Wörter, ihre Herkunft und Grammatik vorträgt, erinnert an eine gymnasiale Lateinstunde für Anfänger. Doch die Zuhörer sind Studenten der Germanistik, Kürschner ist Professor für Sprachwissenschaft, und das Ganze spielt in einem Hörsaal der niedersächsischen Universität Vechta, mit 3.000 Studenten eine der kleinsten in Deutschland. Hier müssen künftige Deutschlehrer seit neuestem zwei Semester lang »Elementarlatein« büffeln. Die regelmäßige Teilnahme an der wöchentlichen Doppelstunde ist Pflicht, zwei Klausuren sind zu bestehen. Das Ziel ist nicht, die Studenten an die Lektüre von Cäsar und Tacitus heranzuführen, sondern ihr Verständnis für die Formen und Regeln der Grammatik zu schärfen.

Wilfried Kürschner hat das Mini-Latinum entwickelt, um auf diese Weise ein Handwerkszeug bereitzustellen, das den Studierenden auch in den Lehrveranstaltungen zur deutschen Sprache zugute kommt. In denen sollen sie – von den Wortarten bis zum Satzbau – alles über Grammatik lernen. Was wie ein Umweg wirkt, dient in Wahrheit als Erkenntnis förderndes Kontrastprogramm. Erst vor der Folie der fremden Sprache, davon ist Kürschner überzeugt, werden den Studenten die Strukturen der eigenen wirklich bewusst. Und dafür besteht dringender Bedarf.

»Es kam immer wieder vor«, sagt Kürschner, »dass ich Studenten aufgefordert habe, zum Beispiel das Wort Tisch zu deklinieren, und dann feststellen musste, dass sie gar nicht wussten, was damit gemeint ist. Natürlich kann jeder die Formen seiner Muttersprache automatisch bilden. Aber können ist eben nicht gleich kennen.« Und wer die Regeln der Sprache nicht begrifflich erfassen kann, hat auch Schwierigkeiten, sie als Lehrer anderen zu erklären. Auf Latein fiel die Wahl, weil es grammatisch dem Deutschen in vielem vergleichbarer ist als zum Beispiel Englisch und die Lateingrammatik ohnehin für die Beschreibung der europäischen Sprachen das Vorbild liefert. Hinzu kommt der Bildungswert: Im Kurs lernen die Studierenden neben Flexion und Syntax auch die Wurzeln und den kulturellen Hintergrund vieler Fremdwörter kennen.

Als das Pflichtlatein zeitgleich mit der Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge in Vechta eingeführt wurde, setzte unter den Germanistikstudenten keine Massenflucht ein. Im Gegenteil, die meisten sehen den Kurs als Chance. »Man bekommt mehr Sicherheit in der Grammatik und auch beim Wortschatz«, fasst die Grundschullehrerstudentin Edda Rückert die Meinung vieler Kommilitonen zusammen. Etliche ältere Semester, die von der neuen Regelung gar nicht mehr betroffen sind, nehmen freiwillig teil.

Manche Schüler verstehen unter Konjunktion »Blüte der Wirtschaft«

Gestandene Altphilologen mögen über das Schmalspurlatein aus der akademischen Provinz die Nase rümpfen. Doch es ist der ernsthafte Versuch, einer Misere zu begegnen, unter der das Deutschstudium und damit auch die Lehrerausbildung und der Schulunterricht allerorts seit Jahrzehnten leiden. »Die Grammatikkenntnisse vieler Germanistikstudenten entsprechen nicht mal mehr dem, was noch vor dreißig Jahren von einem Hauptschüler erwartet wurde«, erklärt Ulrich Schmitz, Linguistikprofessor an der Universität Essen. Er testet seit Jahren das Wissen der Studienanfänger, die auf Fragebögen Grundbegriffe des Sprachsystems erläutern sollen. Achtzig Prozent der Teilnehmer beantworten mindestens zwei Drittel der Fragen falsch, Gymnasiasten und Gesamtschüler liegen dabei gleichauf. Manche Antwort erinnert an Karl Valentin: Da wird die Konjunktion als »Blüte der Wirtschaft« definiert, die deutschen Kasus werden durch »Nomitav« und »Objektiv« bereichert, der Genitiv wird mit dem Akkusativ, die Silbe mit dem Buchstaben und das Substantiv mit dem Subjekt verwechselt. Ein Physikstudent mit vergleichbaren Kenntnissen in Mathematik käme über das erste Semester kaum hinaus.

Dass Essen kein Einzelfall ist, zeigt das zustimmende Echo, das Schmitz von etlichen Kollegen aus anderen Hochschulen bekommen hat. Bedenklich sind diese Lücken vor allem deshalb, weil sie im Studium oft nicht gefüllt werden. Vorlesungen und Seminare, die Grundlagenwissen vermitteln, finden sich zwar sporadisch im Lehrangebot, sind aber nur selten obligatorisch. Ein großer Teil der Germanistikstudenten sieht in der Sprachwissenschaft nur die hässliche Stiefschwester der schönen Literatur und bringt den linguistischen Pflichtteil mit möglichst wenig Aufwand hinter sich. Viele Dozenten wiederum pflegen die Illusion, die Studenten brächten elementare Grammatikkenntnisse aus der Schule mit, um ihre Lehrveranstaltungen guten Gewissens wissenschaftlichen Spezialfragen widmen zu können.

Den Lehrern fehlt das Rüstzeug, Grammatik anschaulich zu vermitteln

Die Realität sieht anders aus: Im Deutschunterricht fristet die Grammatik ein kümmerliches Dasein im Schatten von Literatur und Medienkunde. Sie wird meist nur als öder Formalismus gelehrt und gelernt, den Schüler und Lehrer in der Mittelstufe freudig verabschieden. Darin zeigen sich auch die Nachwirkungen eines kurzen Linguistikbooms in den siebziger Jahren. Damals schwappte ein pädagogisch unverdauter Wissenschaftsjargon in die Klassenzimmer: »Transformationen« und »Nominalphrasen« verwirrten die Schüler, überforderten die Lehrer und zementierten die Ansicht, dass Grammatik totes Wissen sei, auf das ein »kommunikativer« Unterricht möglichst verzichten sollte. Ein fataler Irrtum, denn während Kinder ihre Umgangssprache tatsächlich weitgehend automatisch erlernen, muss die Schriftsprache unterrichtet werden. Haben Schüler Schwierigkeiten mit dem Satzbau oder der Beugung, brauchen Lehrer grammatisches Hintergrundwissen, um ihnen wirksam helfen zu können. Das Gleiche gilt für die Orthografie, hinter der – von der Groß- und Kleinschreibung bis zur Interpunktion – ebenfalls die Grammatik lauert.

Die Grundlagen für solche sprachlichen Fähigkeiten werden in den Anfangsklassen gelegt. Heinz Risel, Deutschdidaktiker an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe, hat in mehreren Untersuchungen den Sprachunterricht an Grund- und Hauptschulen unter die Lupe genommen. »Viele Deutschlehrer sind nicht in der Lage, grammatische Mängel angemessen zu diagnostizieren und den Schülern Regeln und Hilfestellungen an die Hand zu geben«, lautet das Fazit des Erziehungswissenschaftlers, der selbst auf zwanzig Jahre Unterrichtserfahrung zurückblicken kann. Sprachprobleme werden in den Klassen nur selten offen thematisiert. Viele Lehrer korrigieren Fehler wie »ich gehte« oder »er singte« nur intuitiv und nebenbei. Zugrunde liegende Regeln werden nicht erklärt, systematische Übungen bleiben aus. Gerade bei schwächeren Hauptschülern können Normunsicherheiten ernste Folgen haben, wenn sie etwa zu Fehlern in den Bewerbungsschreiben führen. Die Notwendigkeit, grammatische Zusammenhänge schülergerecht zu erklären, wird künftig noch wachsen, denn für viele Kinder an den Grund- und Hauptschulen ist Deutsch nicht die Muttersprache. Ihnen helfen flüchtige Hinweise und das Vertrauen auf das Sprachgefühl erst recht nicht weiter.

Dem intellektuellen Charme, den die Grammatik mit ihren Verbindungen zur Logik, zur Kognition oder zum literarischen Stil entfalten kann, wird nur eine Minderheit erliegen. Aber ihr Nutzwert immerhin dringt langsam wieder ins Bewusstsein. An den Hochschulen in Essen und Karlsruhe hat man Konsequenzen aus der sprachlichen Mangelbildung gezogen und veranstaltet grammatische Repetitorien, wenn auch ohne lateinische Unterfütterung wie in Vechta. »Wir brauchen eine stärkere Professionalisierung auf diesem Gebiet«, sagt Heinz Risel. »Der jetzige Zustand ist einer Industriegesellschaft unwürdig.«



Am 24. Dezember 2005 erschien in der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung” ein Leserbrief von mir zum selben Thema:

Ohne Texte

Zum Leserbrief "Latinum als Qualitätsausweis" von Leserin Professor Dr. Charlotte Schubert (F.A.Z. vom 10. Dezember): Was an der Universität Leipzig offenbar für den ab 2006 startenden Bachelorstudiengang geplant ist, nämlich die Wiedereinführung des Latinums, ist an der Universität in Vechta bereits Realität: Seit Aufnahme des B.A.-Studiengangs im Winter 2003/04 müssen die Studenten des Faches Germanistik verpflichtend einen zweisemestrigen Lateinkurs "Elementarlatein für Germanisten" absolvieren und mit zwei Klausuren beenden. Einer der Gründe für die Einführung dieses Modulteils ist die allenthalben festzustellende "philologische Unbedarftheit vieler Studenten", von der auch in dem Bericht "Immer mehr Latein" von Heike Schmoll (F.A.Z. vom 14. Dezember) die Rede ist.

Im Elementarlatein-Kurs beschäftigen sich die Germanistikstudenten, die in ihrer überwiegenden Mehrheit in den zum Lehramt an Grund-, Haupt- und Realschulen führenden Masterstudiengang eintreten möchten, mit grundlegenden Eigenschaften der grammatischen Struktur des Lateinischen, um auf diesem Hintergrund einen geschärften Blick für die Eigenheiten der Grammatik ihrer Muttersprache zu gewinnen; im Vordergrund steht die Wort- und Formenbildung der Nomina und der Verben. Der herangezogene Wortschatz konzentriert sich auf die grammatische Terminologie, die auch heute noch im wesentlichen aus dem Lateinischen stammt und schon in der ausgehenden Grundschule für die Beschreibung des Deutschen verwendet wird. Damit soll zugleich die Fremdwortbeherrschung des Studenten, mit der es ebenfalls durchgängig nicht zum besten bestellt ist, verbessert werden. Natürlich ist in einem zweisemestrigen Kurs keine Lektüre von Ganztexten zur Einübung des "mikroskopischen Lesens" möglich; dieses soll aber ansatzweise dadurch gefördert werden, daß, wo immer es sich anbietet, lateinische Sentenzen vom Typ "Repetitio est mater studiorum" oder "Plenus venter non studet libenter" analysiert werden.

Solange im Lehramtsbereich das Latinum nicht wieder Voraussetzung für die Ausnahme des Studiums wenigstens der philologischen Fächer wird, sind Hilfskonstruktionen wie das Vechtaer "Elementarlatein" oder das hoffentlich zustande kommende Leipziger "Universitätslatinum" nötig.

Professor Dr. Wilfried Kürschner, Vechta